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Arbeitslosigkeit (nach 1945)

Arbeitslosenquote seit 1992 (Quelle: © Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, München, 2010, S. 173)
Arbeitslose und gemeldete Stellen seit 1992 (Quelle: © Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, München, 2010, S. 173)
Erwerbstätige nach der Stellung im Beruf seit 1970 (Quelle: © Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, München, 2010, S. 173)
Wartende im Arbeitsamt München. (Fotografie: März 1949, Haus der Bayerischen Geschichte)

von Dieter G. Maier

Nach dem Kriegsende 1945 gehörte Bayern bis zum Strukturwandel in den 1960er und 1970er Jahren zu den Problemregionen des bundesdeutschen Arbeitsmarktes. Von 1994 an hat Bayern im Ländervergleich meist die niedrigste Arbeitslosenquote, allerdings mit starken regionalen Unterschieden.

Begriff der Arbeitslosigkeit

Als arbeitslos gilt - nach dem Sozialgesetzbuch - eine Person, die bei der Bundesagentur für Arbeit (BA), d. h. den Arbeitsagenturen (vormals Arbeitsämter) oder (seit 2004) bei den Trägern der Grundsicherung (Arbeitsgemeinschaft oder Optionskommune), gemeldet ist und vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, das 15 Wochenstunden und mehr umfasst, sowie eine versicherungspflichtige Beschäftigung von mindestens 15 Wochenstunden sucht. Dieser Personenkreis muss dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und jede zumutbare Arbeit annehmen.

Die Arbeitslosenquote errechnet sich aus dem Anteil der Arbeitslosen an:

  1. allen, oder
  2. nur den abhängig beschäftigten Erwerbspersonen (ohne Soldaten).

Soweit nicht angegeben, beziehen sich die im Folgenden genannten Quoten auf die abhängig beschäftigten Erwerbspersonen. Die jeweilige Differenz zur ersten Quote liegt zwischen einem halben und einem Prozentpunkt.

Begrenzter Aussagewert der Arbeitslosenzahl

Die Zahl der Arbeitslosen umfasst nicht alle unbeschäftigten Personen: Zur "Stillen Reserve" werden die Personen gezählt, die zwar arbeitsuchend bzw. arbeitsbereit, aber nicht als solche gemeldet sind. Nicht als Arbeitslose zählen u. a. auch die Personen, die an Maßnahmen der BA teilnehmen.

Ebenfalls nicht erfasst als Arbeitslose sind die Kurzarbeiter, deren Zahl sich vor allem während eines Konjunkturabschwungs beträchtlich erhöhen kann. Außerdem ist zu bedenken, dass in Orten mit hoher Arbeitslosigkeit gleichwohl ein hoher Beschäftigungsstand oder gar -zuwachs gegeben sein kann, z. B. bei einem hohen Einpendlerüberschuss. Dadurch kann die Arbeitslosenquote der angrenzenden Arbeitsamt-Bezirke deutlich niedriger sein. Ein typisches Beispiel ist der Agenturbezirk Nürnberg mit einem Positivsaldo von 76.800 (30. Juni 2009).

Ursachen der Arbeitslosigkeit

Die Gründe, arbeitslos zu werden bzw. zu bleiben, sind vielgestaltig. Traditionell unterscheidet man vier wesentliche Ursachen, die auch die bisherige Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Bayern maßgeblich bestimmten:

  1. Konjunkturelle Arbeitslosigkeit: Sie entsteht bei einem Rückgang der Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen in der Gesamtwirtschaft; betroffen sind also nicht nur einzelne Wirtschaftszweige oder Regionen. Sobald die Nachfrage wieder steigt, geht diese Art der Arbeitslosigkeit zurück bzw. verschwindet.
  2. Saisonale Arbeitslosigkeit: Sie wiederholt sich jährlich zur gleichen Zeit und endet auch wieder regelmäßig. Die Ursachen können wetterbedingte oder institutionelle sein, z. B. Wintereinbruch, saisonbezogene Produktion und Dienstleistungen (Tourismus), Prüfungs- und Schulentlasstermine, Ferienzeiten mit Einstellungsstopps.
  3. Strukturelle Arbeitslosigkeit: Sie ist die Folge eines dauerhaften Ungleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften in bestimmten Sektoren und/oder Regionen, z. B. beim Abbau von Arbeitsplätzen infolge technologischer Neuerungen, beim dauerhaften Rückgang der Nachfrage nach bestimmten Produkten, bei Betriebsverlagerungen wegen hoher Lohnkosten, bei überdurchschnittlichem Anstieg der Erwerbspersonenzahl sowie bei Diskrepanzen zwischen den vorhandenen und geforderten Qualifikationen der Arbeitskräfte.
  4. Friktionelle Arbeitslosigkeit: Sie bezeichnet schließlich die (kurzfristige) Zeit eines nicht nahtlosen Überganges in eine (neue) Beschäftigung.

Die genannten Ursachen können gleichzeitig auftreten und Arbeitslosigkeit bewirken.

Bayerns schwieriger Start nach dem Zweiten Weltkrieg

Während am 30. September 1950 die Arbeitslosenquote im gesamten Bundesgebiet (ohne Saar und Westberlin) 8,2 % (1.271.800) betrug, lag sie in Bayern (ohne Lindau) bei 10,6 % (298.000). Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner ergab für Bayern in diesem Jahr 1.763 DM, für das Bundesgebiet dagegen 2.072 DM.

Wichtige Ursachen waren u. a. der noch relativ hohe Anteil sowohl der Landwirtschaft in der Wirtschaftsstruktur als auch der Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung in Bayern.

Beide Differenzen veränderten sich lange Jahre kaum, z. B. erreichte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1970 in Bayern 10.244 DM, dagegen 11.134 DM im Bund, während die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt bei ca. 1 % (36.918) in Bayern und 0,7 % (148.846) im Bund lag.

Starke regionale Unterschiede in der Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit war auch in Bayern von Anfang an regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Extreme winterbedingte Ausschläge waren lange Zeit in einigen Bezirken üblich, zum Beispiel im Februar 1967 in den Nebenstellen-Bezirken Waldkirchen (Lkr. Freyung-Grafenau) 44,8 % und Kötzting (Lkr. Cham) 42,8 %; bei einer bayerischen Gesamtquote von 5,3 %.

1980 hatten im Jahresdurchschnitt - bei einer bayerischen Gesamtquote von 3,5 % (147.714) - die höchste Quote mit 8,3 % der Arbeitsamt-Bezirk Passau und die niedrigste mit 2,5 % die Arbeitsamt-Bezirke Memmingen und München. Bei den Nebenstellen der Arbeitsämter unterschieden sich die Ergebnisse noch deutlicher: 14,2 % in Kötzting, gegenüber 1,8 % in Neustadt an der Aisch und Mindelheim (Lkr. Unterallgäu). In Arbeitsamtsbezirken mit Arbeitskräftemangel wurden bereits ab den 1960er Jahren Gastarbeiter beschäftigt.

Erfolgreicher Strukturwandel

Dank einer gelungenen Wirtschafts- und Strukturpolitik verbesserten sich im Bundesvergleich sowohl die Wirtschaftsstruktur als auch die Arbeitsmarktsituation in Bayern deutlich. Mit Hilfe des Bundes (bis Mitte der 1970er Jahre) und der Europäischen Union wurden wichtige Standortfaktoren verbessert, z. B. durch die Förderung von Betriebsansiedlungen, den Ausbau der Verkehrswege und der Energieversorgung sowie der Bildungs- und Forschungseinrichtungen.

Das Bruttoinlandsprodukt in Bayern wuchs ab 1960 stärker als im Bund insgesamt. Zwischen 1961 und 1974 lag es im Vergleich noch etwa acht bis neun Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Bayern überholte z. B. um die Mitte der 1980er Jahre das lange Zeit dominierende, nun unter einer Strukturkrise leidende Land Nordrhein-Westfalen und überflügelte erstmals 1988 den Bundesdurchschnitt. Das Land hatte sich insgesamt spätestens 1990 zu einer führenden Industrie- und Dienstleistungsregion entwickelt. Die bayerische Wirtschaft besitzt heute einen vielfältigen und exportstarken Branchenmix.

Beste Position im Ländervergleich

1994 übertraf Bayern zum ersten Mal - für einige Jahre - auch den langjährigen Spitzenreiter Baden-Württemberg im Vergleich der Arbeitslosenquoten: 7,1 % (360.862) zu 7,5 % (Bundesrepublik insgesamt 10,6 %, Westdeutschland 9,2 %).

Im Jahr 2000 erreichte Bayern knapp hinter Baden-Württemberg das zweitbeste Ergebnis mit 339.387 Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt (6,3 %) im Vergleich zum Bund mit 3.888.652 Arbeitslosen (10,7 %).

Im September 2010 wurden in Bayern 268.144 Arbeitslose gezählt; das waren 4 % bezogen auf alle Erwerbspersonen - im Ländervergleich das beste Ergebnis, deutlich vor Baden-Württemberg mit 4,6 % (im Bund waren es 3.031.354 bzw. 7,2 %).

Die Arbeitslosenquote lag bei den Männern bei 3,8 % (133.599), bei den Frauen bei 4,3 % (134.545), bei den Arbeitslosen der Altersgruppe 15 bis unter 25 Jahre nur bei 3,5 % (28.383), jedoch bei den Ausländern bei 9,2 % (51.499). Wichtige Gründe für Arbeitslosigkeit sind fehlende Qualifikation und fehlende regionale Mobilität sowie gesundheitliche Einschränkungen.

Dabei variierte allerdings auch in Bayern weiterhin die regionale Quote zwischen 2,6 % im Agenturbezirk Freising und 5,7 % in Nürnberg. Die Regierungsbezirke Mittelfranken und Oberfranken hatten mit 5 % bzw. 4,7 % die ungünstigsten Ergebnisse; mit 3,5 % stand der Regierungsbezirk Niederbayern am besten da, vor Oberbayern (3,7 %), der Oberpfalz, Unterfranken (je 3,8 %) und Schwaben (3,9 %).

Literatur

  • Stefan Grüner, Geplantes "Wirtschaftswunder"? Industrie- und Strukturpolitik in Bayern 1945 bis 1973 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 58, Bayern im Bund 7), München 2009.

Quellen

  • Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, Statistisches Jahrbuch für Bayern.
  • Stefan Böhme/Lutz Eigenhüller, Vergleichende Analyse von Länderarbeitsmärkten. Länderstudie Bayern (IAB regional 2005/1), Nürnberg 2005.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Dieter G. Maier, Arbeitslosigkeit (nach 1945), publiziert am 16.03.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Arbeitslosigkeit (nach 1945)> (14.11.2018)