Antoniter

Hl. Antonius. Skulptur um 1490. Zu seinen Füßen links ein Teufel, eine Anspielung auf die Versuchungen des Heiligen, rechts ein Antonius-Schwein. (Antonitermuseum Memmingen)
Vom Mutterkornpilz befallenes Getreide. (Antonitermuseum Memmingen)
Innenhof des Antoniterhauses in Memmingen, heute Sitz des Antonitermuseums. (Antonitermuseum Memmingen)
Ausschnitt aus der Stadtansicht von Memmingen (ca. 1650) von Sebastian Dochtermann (1585-1660). Der Ausschnitt zeigt die Stadtpfarrkirche St. Martin, deren Patronat seit 1214 den Antonitern zustand, sowie die ehemalige Antoniterniederlassung (großes weißes Gebäude). (Stadtmuseum Memmingen)

von Wolfgang Jahn

Seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert entstandener Hospital-Orden, der 1247 päpstlich bestätigt wurde. Die Antoniter waren auf die Pflege von Kranken spezialisiert, die am Antoniusfeuer litten - einer Krankheit, die durch vom Mutterkornpilz befallenes Getreide hervorgerufen wird. Im heutigen Bayern unterhielt der Orden Niederlassungen in Memmingen, Nördlingen, Regensburg, Bamberg und Würzburg, die alle im 16. Jahrhundert untergingen. Die übrigen Häuser wurden 1777 größtenteils dem Malteserorden inkorporiert, der Rest wurde in der Säkularisation um 1800 aufgehoben.

Entstehung des Ordens

Im ausgehenden 11. Jahrhundert entwickelte sich eine Pilgerstätte zu den angeblichen Gebeinen des Mönchsvaters Antonius (gest. 356) in Saint-Antoine-l'Abbaye in der Dauphiné. Nach der Ordenstradition fanden sich um 1095 Laien zum Dienst an den Pilgern zusammen. Es entstand eine Laienbruderschaft, die in einem Hospiz Pilger aufnahm und in einem Hospital Kranke und Behinderte pflegte.

Der Mutterkornbrand (Ergotismus gangraenosus) und der Mutterkornkrampf (Ergotismus convulsivus), die nach dem Genuss von Getreide auftreten, das vom Mutterkornpilz befallen ist, waren im Mittelalter häufig auftretende Krankheiten. Sie wurden aufgrund der mit ihr verbundenen Schmerzen "ignis sacer" (heiliges Feuer) oder seit 1300 auch "Antoniusfeuer" genannt. Aufgrund der effizienten Organisation, der Spezialisierung auf diese Krankheit und der Heilungserfolge wurden den Antoniusbrüdern und –schwestern eine große Anzahl von Hospitälern übergeben. Die schnelle Verbreitung in Westeuropa führte zu weiteren Niederlassungen in Spanien, Italien und Deutschland. Papst Innozenz IV. (reg. 1243-1254) wandelte 1247 die Laienbruderschaft in einen Orden um, der nach der Augustinusregel lebte. Unter Papst Nikolaus IV. (reg. 1288-1292) erhielten die Antoniter das Privileg der Übernahme der Krankenpflege an der Kurie.

Organisation

Unter Bonifaz VIII. (reg. 1294-1303) entstand 1297 ein zentralistisch aufgebauter Orden mit einem Abt an der Spitze. Die Antoniusbrüder hießen nun "Canonici monasterii sancti Antonii Viennensis". Das Ordensgewand der Antoniter bestand aus einem schwarzen Chorkleid, darüber ein schwarzer Mantel mit blauem T-förmigen Kreuz (Tau-Kreuz oder Antoniterkreuz). Ein Kennzeichen war die geringe Zahl von Kanonikern in den einzelnen Niederlassungen.

Alle Niederlassungen, die in einem genau begrenzten Bereich für Krankenpflege und Spendensammlungen zuständig waren, unterstanden dem Mutterkloster Saint-Antoine. Von den bis zu 41 Generalpräzeptoreien lagen Höchst, Memmingen, Isenheim (Elsass, Frankreich), Grünberg/Hessen, Freiburg/Breisgau und Lichtenberg/Prettin auf dem Boden des römisch-deutschen Reiches. Sie waren direkt dem Abt von Saint-Antoine-l'Abbaye unterstellt, der auch das Ernennungsrecht ausübte. Ihnen wiederum unterstanden meist Präzeptoreien, die sich nach dem Vorbild der Ritterorden in Balleien untergliederten. Im Gegensatz zu den (General-)Präzeptoreien waren die Balleien keine Ordensniederlassungen, sondern meist verpachtete Sammelbezirke, deren jeweiliger Mittelpunkt ein oft nur gemietetes "Terminierhaus" war.

Niederlassungen im heutigen Bayern

In Memmingen hatte Kaiser Friedrich II. (reg. 1211-1250) 1214 das Patronat über die Martinskirche dem Hospital des heiligen Antonius in der Diözese Vienne (heute Saint-Antoine-l'Abbaye) übergeben. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erfolgte die Errichtung einer Niederlassung. Der Memminger Generalpräzeptorei (1214–1531, 1549–1562) waren als Gebiet, in dem es Almosen sammeln durfte, die Bistümer bzw. Erzbistümer Chur, Augsburg, Eichstätt, Salzburg, Brixen und Olmütz zugewiesen. Nominell handelte es sich um das größte Sammelgebiet im deutschsprachigen Raum, das sich aber wahrscheinlich faktisch auf das Augsburger Bistum beschränkte, das wiederum in drei Balleien aufgeteilt war. Die Präzeptoreien Nördlingen (1394–1520) und Regensburg (vor 1444–vor 1540) waren Memmingen unterstellt.

Der Generalpräzeptorei Isenheim unterstanden die Präzeptoreien Bamberg (ca. 1450–nach 1536) und Würzburg (1434–1545). Für die Kapelle des Spitals der Antoniterniederlassung Isenheim schuf Matthias Grünewald (um 1480–1528) den sog. Isenheimer Altar. Eine dauerhafte Niederlassung der Antoniter in München wird nicht mehr angenommen. Es handelte sich vielleicht um den Sitz des für das Bistum Freising zuständigen Spendensammlers.

Aufgaben, wirtschaftliche Grundlage

Die Hauptaufgabe des Ordens bestand darin, Spitäler zu unterhalten, in denen akut Kranke betreut und durch das "Antoniusfeuer" Verkrüppelte lebenslang versorgt wurden. Diese Spezialisierung zeigte sich auch in den therapeutischen Ansätzen, wie der Verwendung des auf Kräutern basierenden Antoniusbalsams und dem Austeilen von Brot aus gereinigtem Mehl, um den Vergiftungsprozess im Körper des Erkrankten zu beenden. Die regelmäßige medizinische Überwachung und die Durchführung der erforderlichen Operationen erfolgten durch örtliche Ärzte. Ende des 15. Jahrhunderts konnten in den bis zu 372 Hospitälern etwa 4.000 bis 5.000 Menschen betreut werden.

Die wichtigsten Einnahmequellen waren die jährlichen Almosensammlungen ("Quest"), die von den "Antoniusboten" in jedem Dorf in den einzelnen Diözesen durchgeführt wurden. 1330 erreichte der Orden, dass das Almosensammeln zu Ehren des Hl. Antonius allein dem Kloster in Saint-Antoine zugesprochen wurde. Die Sammeltätigkeit machte bis zu Zweidrittel der Gesamteinnahmen des Ordens aus. Das dem Orden kostenlos zur Aufzucht überlassene Vieh, das "Antoniusschwein", wurde zu einem Attribut des Heiligen. Von einem Wurf Ferkel wurde eines dem Hl. Antonius geschenkt, konnte frei herumlaufen, war durch eine Glocke gekennzeichnet, ernährte sich von den Abfällen und wurde zugunsten des Ordens geschlachtet. Im Spätmittelalter führte zunehmendes Hygienebewusstsein zu einer drastischen Verringerung der Anzahl der Antoniusschweine. 1481 waren in Bamberg sechs, 1502 in Würzburg sechs und 1475 in München noch vier Schweine nachzuweisen. Eine weitere Unterstützung für den Orden bedeuteten die Antoniusbruderschaften, in denen sich Angehörige aller Stände zur Zahlung regelmäßiger Beiträge verpflichteten.

Niedergang

Aufgrund der äußerst geringen personellen Besetzung der Niederlassungen war nur eingeschränktes klösterliches Leben möglich. Der Orden verstand sich hauptsächlich als Hospitalträgerorganisation (Mischlewski). In allen ordensinternen Reformbemühungen des 15. Jahrhundert wurde die Sorge für die verkrüppelten Menschen ausdrücklich festgehalten. Trotzdem war gegen Ende des 15. Jahrhunderts der Niedergang unübersehbar. Hauptgründe waren der desolate Zustand der Präzeptoreien durch Misswirtschaft und Vernachlässigung der geistlichen Pflichten (Frieß). Hinzu kam eine Personalpolitik, die von Pfründenanhäufungen und der Ernennung von ordensfremden Personen gekennzeichnet war.

Mit der Verbreitung der reformatorischen Bewegung waren bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts fast alle Niederlassungen des Ordens auf dem Boden des Reichs verschwunden. Seit 1534 galt in den katholischen Territorien auch das Verbot der Sammelfahrten. Damit brach die wichtigste Einnahmequelle zur Aufrechterhaltung des Betreuungsstandards in den Niederlassungen weg. Versuche der Wiedergewinnung von einzelnen Präzeptoreien, wie Memmingen und Nimburg (Gde. Tenningen, Lkr. Emmendingen, Baden-Württemberg), scheiterten. Die Generalpräzeptorei Isenheim wurde 1776/77 mit dem Gesamtorden den Maltesern inkorporiert. Die schon vorher unabhängig gewordenen Ordenshäuser Köln und Höchst existierten noch bis zur Säkularisation 1802.

Forschungsstand und Quellenlage

Grundlegende Arbeiten zur Geschichte des Antoniterordens stammen von Adalbert Mischlewski (geb. 1919). Auch die Geschichte der bedeutendsten bayerischen Niederlassung in Memmingen ist gut dokumentiert. Die Quellenlage ist insgesamt gut.

Antoniter-Niederlassungen im heutigen Bayern

Ort Typ Zuständige Generalpräzeptorei Bemerkung
Bamberg Präzeptorei mit Spital Isenheim ca. 1450–nach 1536
Würzburg Präzeptorei mit Spital Isenheim 1434–1545
Memmingen Generalpräzeptorei mit Spital Memmingen 1214–1531, 1549–1562
Nördlingen Präzeptorei Memmingen 1394–1520
Regensburg Präzeptorei Memmingen vor 1444–vor 1540

Literatur

  • Antoniter-Forum, hg. von der Gesellschaft zur Pflege des Erbes der Antoniter e. V., 1 (1993) ff.
  • Elisabeth Clementz, Die Isenheimer Antoniter: Kontinuität vom Spätmittelalter bis in die Frühneuzeit?, in: Michael Matheus (Hg.), Funktions- und Strukturwandel spätmittelalterlicher Hospitäler im europäischen Vergleich, Stuttgart 2005 (Geschichtliche Landeskunde 56), 161-174.
  • Werner Dettelbacher, Vom Wirken der Antoniter in Würzburg, in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 22 (2003), 81-88.
  • Peer Frieß, Auf den Spuren des heiligen Antonius. Festschrift für Adalbert Mischlewski zum 75. Geburtstag, Memmingen 1994.
  • Adalbert Mischlewski, Die Antoniter, in: Friedhelm Jürgensmeier/Regina Elisabeth Schwerdtfeger (Hg.), Orden und Klöster im Zeitalter von Reformation und katholischer Reform 1500–1700. 3. Band, Münster 2007 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung 67), 123-136.
  • Adalbert Mischlewski, Die Antoniter und ihr Haus in Memmingen, in: Festschrift zur Einweihung des Antonierhauses in Memmingen am 23. 5. 1996, Memmingen 1996, 9-18 (auch in: Susanne Böning-Weis/Hans-Wolfgang Bayer [Hg.], Das Antonierhaus in Memmingen. Beiträge zur Geschichte und Restaurierung [Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 84], München 1996).
  • Adalbert Mischlewski: Die Niederlassungen des Antoniterordens in Bayern, in: Norbert Backmund (Hg.), Die Chorherrenorden und ihre Stifte in Bayern, Passau 1966, 231-242.
  • Adalbert Mischlewski, Grundzüge der Geschichte des Antoniterordens bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts. Unter besonderer Berücksichtigung von Leben und Wirken des Petrus Mitte de Caprariis (Bonner Beiträge zur Kirchengeschichte 8), Köln 1976.
  • Klaus Münzer, Die Antoniter und Landsberg, in: Landsberger Geschichtsblätter 99/100 (2000/01), 24-26.
  • Italo Ruffino, Storia ospedaliera antoniana. Studi e ricerche sugli antichi ospedali di sant'Antonio abate (Studia Taurinensia 21), Cantalupa 2006.
  • Dieter J. Weiß, Der Antoniterorden, in: Walter Brandmüller (Hg.), Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte. 1. Band: Von den Anfängen bis zur Schwelle der Neuzeit, 2. Teilband: Das kirchliche Leben, Sankt Ottilien 1998, 621-623.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Antoniusorden

Empfohlene Zitierweise

Wolfgang Jahn, Antoniter, publiziert am 20.09.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Antoniter> (17.11.2017)