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Anti-Atomkraftbewegung

Demonstrationszug gegen den Bau der Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf (Lkr. Schwandorf), vermutl. 1986. Mitte 1986 eskalierte dort eine Großdemonstration und bei den Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten wurden hunderte Menschen verletzt und verhaftet, eine Person kam zu Tode. Erst 1989 lenkte die Politik ein und stellte den Bau der Anlage ein. (Foto: Wolfgang Nowak)
von Ute Hasenöhrl

Die Anti-Atomkraftbewegung gehört zu den wichtigsten sozialen Bewegungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ihren Höhepunkt erreichte sie in den 1970er und 1980er Jahren. Im Vergleich zu den Standorten Wyhl (Baden-Württemberg), Brokdorf (Schleswig-Holstein) oder Gorleben (Niedersachsen) verliefen die Kontroversen im Freistaat Bayern zunächst gemäßigt, eskalierten jedoch 1981 bis 1989 im Konflikt um die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) Wackersdorf (Lkr. Schwandorf). Die bayerischen Atomgegner konzentrierten ihre Bemühungen zumeist auf Einsprüche und Gerichtsklagen statt auf zivilen Ungehorsam oder gar Gewalt. Angesichts der atomkraftfreundlichen Haltung der bayerischen Staatsregierungen konnten sie aber meist nur technische Modifikationen und Verzögerungen der Bauarbeiten erreichen. Mittelfristig wirkte ihr bürgerschaftliches Engagement als Korrektiv der Energiepolitik und trug durch die Popularisierung partizipativ-ökologischer Werte zum gesellschaftlichen Wandel im Freistaat bei.

Zwischen "Atomangst" und "Atomeuphorie" – die Atomkraft in den 1950er Jahren

Bereits in den 1950er Jahren löste die Kraft des Atoms zwiespältige Gefühle aus: Hochfliegende Visionen eines segenbringenden Atomzeitalters standen neben apokalyptischen Vernichtungsszenarien. Auf der Genfer Atomkonferenz vom August 1955 wurde die Kernenergie als die dominierende Energieform der Zukunft gefeiert, als unerschöpflicher Quell des Wohlstands und (in bewusster Abgrenzung zu ihrer militärischen Nutzung) als Motor der Völkerverständigung. Den größten Enthusiasmus legten Wissenschaft und Politik an den Tag. Viele Menschen assoziierten in den 1950er Jahren mit Atomkraft allerdings die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 sowie die Wasserstoffbombentests (z. B. Bikini-Atoll [Marshallinseln]) mit ihren radioaktiven Pilzwolken. Dieses Bedrohungsgefühl sank erst, nachdem sich die Atommächte (USA, Großbritannien, UdSSR und Frankreich) 1963 dazu verpflichtet hatten, auf eine Zündung von Atomwaffen in der Atmosphäre zu verzichten (Atomteststopp-Abkommen vom 5. August 1963). Auch energiewirtschaftliche Unternehmen wie die RWE (bis 1990 Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG) zeigten sich in dieser Zeit eher skeptisch gegenüber einer weitgehend unerprobten Technologie.

Das "Atomei" von Garching und die ersten bayerischen Atomkraftwerke

Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945-1946, 1954-1957) präsentiert 1957 die Brennstäbe für den Forschungsreaktor Garching. (Stadtarchiv München, Rudi-Dix-Archiv RD0610A11)
Rund 10 Jahre nach der Inbetriebnahme des Forschungsreaktors in Garching bei München gab sich die Gemeinde 1967 ein neues Wappen. Wesentlicher Bestandteil war die Silhouette des Forschungsreaktors, der die Gemeinde bundesweit bekannt gemacht hatte. Wappenbeschreibung: Geteilt von Silber und Blau; oben zwischen zwei grünen Krüppelkiefern ein rotes Wagenrad, unten über niedrigem, durchgehenden silbernen Gebäude eine silberne Reaktorkuppel. (Stadt Garching)

Ein Musterbeispiel für die wissenschaftlich-politische Atomeuphorie der 1950er Jahre bildet der Forschungsreaktor München (kurz: FRM; Bauzeit 1955-1957), wegen seiner parabolischen Hüllenkonstruktion als "Atom-Ei" bekannt. Vorangetrieben wurde das Projekt von Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945-1946, 1954-1957), der einen Prestigeerfolg seiner fragilen Viererkoalition vorweisen wollte. Für den FRM war 1957 ein eigenes bayerisches Atomgesetz verabschiedet worden, um die Einfuhr von Kernbrennstoffen zu ermöglichen. Der knapp 8,5 Mio. DM teure Reaktor ging am 31. Oktober 1957 in Betrieb, noch bevor das Genehmigungsverfahren zum Abschluss gebracht worden war.

Das Atom-Ei wurde zum Synonym für wissenschaftlich-technischen Fortschritt im Freistaat, die Standortgemeinde Garching (Lkr. München) nahm seine tempelförmige Silhouette 1967 ins Gemeindewappen auf. Bedenken waren nur vereinzelt laut geworden und selten grundsätzlicher Natur. Auch die weiteren bayerischen Atomprojekte der 1950er und 1960er Jahre konnten meist ohne größere Widersprüche verwirklicht werden (AKW Kahl, Bauzeit 1956-1961; AKW Gundremmingen, Bauzeit 1960-1966; AKW Niederaichbach, Bauzeit 1962-1966; AKW Großwelzheim, Bauzeit 1965-1969). Einige Standortentscheidungen riefen allerdings bereits in dieser Zeit Kritik hervor. So war 1960 ein Standort bei Bertoldsheim (Gde. Remertshofen, Lkr. Neuburg-Schrobenhausen) aus wasserwirtschaftlichen Gründen abgelehnt worden. Die Pläne der Staatsregierung, den Ebersberger Forst – ein großflächiges Wald- und beliebtes Erholungsgebiet im Osten Münchens – als Standort für einen Protonenbeschleuniger des "Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire" (CERN) vorzuschlagen, rief 1965/66 einen Sturm der Entrüstung im Großraum München hervor.

Naturschutz und Atomkraft

Die bayerischen Naturschützer gehörten in den 1950er und 1960er Jahren zu den Befürwortern der Atomenergie. Die Kernkraft galt als Allheilmittel gegen Umweltverschmutzung und Landschaftszerstörung. Speziell der damalige Leiter der Bayerischen Landesstelle für Naturschutz Otto Kraus (1905-1984, Leiter Bayerische Landesstelle für Naturschutz 1949-1967) warb für die neue Energieform, um Wasserkraftwerke an Bayerns Flüssen zu verhindern. Eine der wenigen Ausnahmen von dieser Pro-Atomkraft-Haltung bildete der 1958 vom österreichischen Schriftsteller Günther Schwab (1904-2006) gegründete Weltbund zum Schutze des Lebens (WSL). Die rechtskonservative Organisation warnte vor möglichen negativen Folgen radioaktiver Strahlen auf das Erbgut.

Der Großteil der bayerischen Naturschützer entwickelte erst in den 1970er Jahren eine atomkritische Haltung. Der Bund Naturschutz in Bayern (BN) veränderte seine Einstellung dabei schrittweise von unbedingter Zustimmung in der Zeit vor 1972 über ein bedingtes Ja (1975-1975) in ein bedingtes Nein (1975-1979) und schließlich Ende des Jahrzehnts in fundamentale Ablehnung. Ausschlaggebend für diesen Gesinnungswandel waren eigene Erfahrungen an den bayerischen Bauplätzen, neue Kenntnisse über das Gefahrenpotential der Atomkraft, Skepsis gegenüber einer auf wachsenden Energieverbrauch ausgerichteten Energiepolitik sowie die Konkurrenz anti-atomarer Bürgerinitiativen. Die Kreisgruppen des Bund Naturschutz gehörten vor Ort zu den wichtigsten Akteuren der bayerischen Anti-Atomkraftbewegung, der Landesverband übernahm zudem eine überregional vernetzende und koordinierende Funktion.

Die Atompolitik der 1970er Jahre

Der Ausbau der Kernenergie nahm in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik deutlich Schwung auf. 1973/74 erschütterte eine Ölkrise die westliche Welt. Im Zuge des Jom-Kippur-Kriegs im Oktober 1973 hatte die OPEC aus Protest gegen die israelfreundliche Haltung vieler westlicher Länder die Erdöl-Fördermenge um etwa 5 % gedrosselt – und damit einen Anstieg der Rohölpreise um bis zu 70 % ausgelöst. Energiesparmaßnahmen wie autofreie Sonntage waren die Folge.

Um die Abhängigkeit von Treibstoffimporten zu reduzieren und den künftigen Energiebedarf zu sichern, sollte die Kernkraft massiv ausgeweitet werden. Auch die bayerischen Staatsregierungen setzten auf Atomkraft. Der 1978 veröffentlichte Standortsicherungsplan beinhaltete sieben potentielle Standorte für nukleare Anlagen: Grafenrheinfeld (Lkr. Schweinfurt), Viereth (Lkr. Bamberg), Pfaffenhofen a.d.Ilm, Rehling (Lkr. Aichach-Friedberg), Pleinting (Lkr. Passau), Ohu (Lkr. Landshut) und Marienberg (Lkr. Rosenheim). Das AKW Grafenrheinfeld ging 1981 ans Netz, die AKW Isar I und II (Ohu) 1979 bzw. 1988, die Blöcke B und C des AKW Gundremmingen lieferten seit 1984 Strom.

Die Entwicklung der bundesdeutschen Anti-Atomkraftbewegung

Mit den ehrgeizigen Atomplänen von Bund und Ländern intensivierten und verschärften sich auch die Proteste gegen diese Energieform. Anfang der 1970er Jahre bestimmten ortsspezifische Aspekte wie Veränderungen des Kleinklimas oder Beeinträchtigungen des Wasserhaushalts die Diskussion. Getragen von Gegenexperten wie dem Zukunftsforscher Robert Jungk (1913-1994) oder dem Atomphysiker Jens Scheer (1935-1994) rückten seit Mitte der 1970er Jahre dann gesundheitliche und Sicherheitsaspekte ins Zentrum der Atomdebatte. Nicht einzelne Standorte, sondern die Atomtechnologie an sich wurde nun abgelehnt ("Kein AKW in […] – und auch nicht anderswo!"). Die Atomfrage polarisierte die Gesellschaft. Für beide Seiten wurde die Gretchenfrage "Wie hältst Du’s mit der Atomkraft?" zur emotional aufgeladenen Glaubenssache.

Signalwirkung für den anti-atomaren Widerstand hatten die Proteste gegen das geplante AKW Wyhl in Baden-Württemberg. Am 18. Februar 1975 fand hier die erste Bauplatzbesetzung der bundesdeutschen Anti-Atomkraftbewegung statt; 1977 konnte ein Baustopp erreicht werden. Weitere Brennpunkte lagen auf den Standorten Brokdorf (Schleswig-Holstein), Grohnde (Niedersachsen) und Gorleben (Niedersachsen) sowie in den 1980er Jahren auf Wackersdorf (Lkr. Schwandorf). Während die Proteste in Wyhl weitgehend friedlich verliefen, kam es seit 1976/77 wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Neben der direkten Betroffenheit durch potentielle Atomanlagen bewirkten auch atomare Stör- und Unfälle wie die partielle Kernschmelze im Atomreaktor "Three Mile Island" (Harrisburg, USA) am 28. März 1979 und der GAU in Tschernobyl (UdSSR) vom 26. April 1986 Mobilisierungsschübe. Diese Ereignisse trugen dazu bei, dass die zentralen Atomprojekte der Bundesrepublik, das Nationale Entsorgungszentrum Gorleben und die Wiederaufbereitungsanlage (WAA) Wackersdorf, nicht verwirklicht werden konnten.

Kennzeichen der bayerischen Anti-Atomkraftbewegung

Die Kontroversen um die zivile Nutzung der Atomkraft verliefen in Bayern in den 1970er Jahren gemäßigter als an vielen Standorten im Südwesten und Norden der Bundesrepublik. Zu einer Eskalation kam es im Freistaat dann Mitte der 1980er Jahre im Konflikt um die WAA Wackersdorf (1985-1989). Bis dahin blieben gewalttätige Ausschreitungen ebenso aus wie signifikante Aktionen zivilen Ungehorsams. Die bayerischen Atomgegner konzentrierten ihre Bemühungen vor allem auf Einsprüche und Gerichtsklagen. Um den politischen Druck zu erhöhen, wurden auch öffentliche Aktionen wie Demonstrationen und Petitionen durchgeführt. Die größten Kundgebungen zogen im Freistaat 8.000 (Gundremmingen Juni 1979) bis zu 10.000 Teilnehmer an (Grafenrheinfeld 19.4.1975) - deutlich weniger, als in den 1970er Jahren bundesweit mobilisiert werden konnten (z. B. Brokdorf, 19.2.1977: 50.000; Hannover, 31.3.1979: 100.000; Bonn, 14.10.1979: 150.000 Demonstranten).

Karikatur aus der Aichacher Zeitung, 11.3.1977: "Hier wird nicht gebohrt!" (zum AKW Rehling). (Copyright: Aichacher Zeitung, Verlag Mayer & Söhne Druck- und Mediengruppe GmbH & Co. KG)

Charakteristisch für die bayerische Anti-Atomkraftbewegung der 1970er Jahre war ihre regionale Prägung und Verankerung. Ein Demonstrationstourismus wurde vor Wackersdorf kaum gepflegt. Der Schwerpunkt der Proteste lag auf den Mittelstädten des näheren Umlands. Die Standortgemeinden sprachen sich wegen der zu erwartenden Gewerbesteuereinnahmen und Arbeitsplätze dagegen meist für den atomaren Nachbarn aus (erste Ausnahme 1977, Rehling). Viele bayerische Aktivisten waren wertkonservative Natur- und Lebensschützer. Vor allem der Bund Naturschutz mit seinen Kreisgruppen engagierte sich stark. Linke Initiativen waren in der Minderheit. Typisch für Bayern war zudem, dass der anti-atomare Widerstand nicht nur von der Bürgerschaft, sondern auch von Teilen der kommunalen politischen Eliten mitgetragen wurde. Die soziale Zusammensetzung der bayerischen Anti-Atomkraftgruppen wirkte sich mäßigend auf die Wahl der Aktionsformen aus und erklärt die in dieser Zeit ausgeprägte Präferenz für den Rechtsweg.

Typisch bayerisch? Der Konflikt um das AKW Grafenrheinfeld

Typisch für den "bayerischen Weg" der Atomproteste war die Auseinandersetzung um das AKW Grafenrheinfeld – das erste Atomkraftwerk, bei dessen Planung und Umsetzung es im Freistaat zu anhaltenden Konflikten zwischen Staat, Energiewirtschaft und Atomgegnern kam. Nachdem Gemeinde- und Bezirksrat das Vorhaben abgesegnet hatten, formierte sich 1972 in Schweinfurt eine gesellschaftlich breit verankerte Widerstandsbewegung, zu der auch Gebietskörperschaften wie die Stadt Schweinfurt zählten. Zu den gewichtigsten Einwänden zählten anfangs wasserwirtschaftliche Bedenken, da der Kühlwasserbedarf des AKW die ohnehin mangelhafte Wasserqualität des Mains kritisch zu verschlechtern drohte. Bald wurden auch Ängste vor einer gesundheitsgefährdenden Verstrahlung artikuliert – vor allem in der Stadt Schweinfurt, deren Zentrum keine acht Kilometer vom geplanten Reaktor entfernt lag.

Die "Bürgeraktion Umwelt- und Lebensschutz" als wichtigste regionale Anti-Atomkraftgruppe legte sich frühzeitig auf eine juristische Vorgehensweise fest. Durch politische Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit, Einsprüche in den wasser- und atomrechtlichen Genehmigungsverfahren sowie später Klagen der Stadt Schweinfurt gegen die (Teil-)Baugenehmigungen suchte man die Errichtung des AKW zu unterbinden. Demonstrationen und Resolutionen sollten den öffentlichen Druck auf die Entscheidungsträger erhöhen. Trotz aller Proteste und Klagen schritten die Bauarbeiten zügig voran. Mit dreijähriger Verzögerung wurde das AKW Grafenrheinfeld 1980 fertiggestellt und ging 1982 ans Netz. Mit einer elektrischen Leistung von 1.225 MW gehörte es damals zu den größten Kernkraftwerken der Bundesrepublik. Der Reaktor wurde im Zuge des 2011 beschlossenen Atomausstiegs am 27. Juni 2015 außer Betrieb genommen.

Ziviler Ungehorsam und Gewalt: Der Streit um die WAA Wackersdorf

"Wackersdorf" polarisierte in den 1980er Jahren die bayerische Gesellschaft. 1985 entschied sich die Deutsche Gesellschaft zur Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen für die oberpfälzische Gemeinde als Standort der ersten atomaren Wiederaufbereitungsanlage der Bundesrepublik. Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Bundesminister für Atomfragen 1955-1956, Ministerpräsident 1978-1988) erwartete angesichts des ländlichen Charakters der Gegend eine rasche und ungestörte Realisierung. Das war eine Fehleinschätzung. Im Dezember 1985 fand die erste Bauplatzbesetzung einer Atomanlage im Freistaat statt. Großdemonstrationen und Rockfestivals zogen über 100.000 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet an. Bei den Kundgebungen zu Ostern und Pfingsten 1986 kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen (autonomen) Demonstranten und Polizei. Hunderte Menschen wurden verletzt und verhaftet, erstmals war in Deutschland ein Toter bei einer Anti-Atomkraft-Demonstration zu beklagen.

Der Protestalltag wurde dagegen von friedlichen Aktionen wie Einwendungen, Resolutionen, Behördenbriefen, Ausstellungen oder Petitionen bestimmt, hinzu kamen symbolische Aktionen wie Waldspaziergänge, Mahnfasten oder "Die-Ins". Lokale Bürgerinitiativen, Müttergruppen, Naturschutzvereine und Kommunalpolitiker waren dabei die wesentlichen Protagonisten. Starken Zulauf erhielten die Atomkraftgegner nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl vom 26. April 1986. Angesichts der atomkritischen gesellschaftlichen Stimmung stellten die Betreiber am 31. Mai 1989 den Bau der Anlage ein. Dies war aber auch eine finanzielle Entscheidung, da eine europäische Wiederaufbereitung atomarer Rückstände in La Hague (Frankreich) zu niedrigeren Kosten möglich war. Zudem war Ministerpräsident Max Streibl (CSU, 1932-1998, Ministerpräsident 1988-1993) im Gegensatz zu Strauß zum Nachgeben bei der WAA bereit.

Der Atomausstieg

Im Zuge der Nuklearkatastrophe im japanischen AKW Fukushima vom März 2011 beschloss die Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU, geb. 1954, Bundeskanzlerin seit 2005) den stufenweisen Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022. Vorausgegangen waren erneute heftige Proteste gegen die Atomkraft (am 26.3.2011 über 200.000 Teilnehmer an Großdemonstrationen in Berlin, Hamburg, Köln und München). In den 1990er und 2000er Jahren waren die Aktivitäten der Anti-Atomkraftbewegung deutlich zurückgegangen. Speziell die "Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmen vom 14. Juni 2000" unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD, geb. 1944, Bundeskanzler 1998-2005) (erster Atomausstieg, 2010 durch eine Laufzeitverlängerung des Kabinetts Merkel modifiziert) hatte befriedend gewirkt. In Bayern verlor 2011 im Zuge des Atomausstiegs das AKW Isar 1 die Betriebserlaubnis. AKW Grafenrheinfeld und Block B des AKW Gundremmingen wurden 2015 und 2017 abgeschaltet. Gundremmingen C sowie Isar 2 müssen bis Ende 2021 bzw. 2022 vom Netz gehen.

Gemischte Bilanz der bayerischen Anti-Atomkraftbewegung

Angesichts der Pro-Atom-Haltung der Staatsregierungen hatten die bayerischen Atomgegner in den 1970er und frühen 1980er Jahren meist nur technische Modifikationen und Verzögerungen beim Bau der Atomkraftwerke erreichen können. Nur in Rehling gelang es, ein konkret projektiertes AKW zu Fall zu bringen. Indem sie die gesellschaftlichen Kosten der Atomkraft erhöhten und alternative Wege der Energieversorgung aufzeigten, wirkten die sozial breit verankerten Proteste gegen die Kernkraft mittelfristig aber als Korrektiv der Energiepolitik. 1989 verzichteten Freistaat und Betreiber auf den Bau der WAA Wackersdorf – einer der größten Erfolge der Anti-Atomkraftbewegung. Die Bauplätze Viereth, Pfaffenhofen, Rehling, Pleinting und Marienberg wurden 1999 aus dem Standortsicherungsplan gestrichen, da sich der Energiebedarf des Freistaats nicht so stark erhöht hatte, wie in den 1970er Jahren prognostiziert worden war. Der Atomausstieg von 2011 und die aktuelle "grüne Energiewende" können ebenfalls als späte Kinder der Anti-Atomkraftbewegung betrachtet werden. Ihr politisches Engagement trug zudem zum gesellschaftlichen Wandel bei, indem sie postmaterielle Werte wie Gesundheitsvorsorge und Umweltschutz akzentuierte und bürgerschaftliche Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten einforderte.

Forschungsstand

Der Atomausstieg des Jahres 2011 löste einen kleinen Boom historischer Arbeiten zur bundesdeutschen Anti-Atomkraftbewegung aus, die speziell neue Erkenntnisse zu den Initiativen "vor Ort" und zu transnationalen Verflechtungen erbrachten. Die geschichts- und sozialwissenschaftliche Forschung zu diesem Thema hatte Anfang der 1980er Jahre im Zuge der Debatte um die "Neuen sozialen Bewegungen" eingesetzt. Im Mittelpunkt standen zum einen die Akteure mit ihren Werten und Aktivitäten, zum anderen Bedingungen und Auswirkungen kollektiven Handelns. Seit den 1990er Jahren rückten Diskurse, Symbole und kollektive Identitäten mit ins Blickfeld. Räumlich konzentrierten sich die meisten Arbeiten auf die heftig umkämpften Standorte in Wyhl und Norddeutschland. Mit der bayerischen Anti-Atomkraftbewegung beschäftigte sich Ute Hasenöhrl (geb. 1974) in ihrer Dissertation. Weiter liegen Studien zur bayerischen Energiepolitik (Stephan Deutinger [geb. 1966]), zu einzelnen Standorten (z. B. Klaus Gasseleder [geb. 1945] zu Grafenrheinfeld) sowie Erinnerungen ehemaliger Aktivisten vor.

Literatur

  • Stephan Deutinger, Eine "Lebensfrage für die bayerische Industrie". Energiepolitik und regionale Energieversorgung 1945 bis 1980, in: Thomas Schlemmer/Hans Woller (Hg.), Bayern im Bund. 1. Band, München 2001, 33-118.
  • Klaus Gasseleder, Und ewig strahlt der "Nachbar". Wie der Bau des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld gegen den regionalen Widerstand durchgesetzt wurde, Schweinfurt 1993.
  • Ute Hasenöhrl, Zivilgesellschaft und Protest. Eine Geschichte der Naturschutz- und Umweltbewegung in Bayern 1945-1980 (Umwelt und Gesellschaft 2), Göttingen 2011.
  • Felix Kolb, Protest and Opportunities. The Political Outcomes of Social Movements, Frankfurt am Main/New York 2007.
  • Stephen Milder, Greening Democracy. The Anti-Nuclear Movement and Political Environmentalism in West Germany and Beyond. 1968–1983, Cambridge 2017.
  • Karl-Dieter Opp/Wolfgang Roehl, Der Tschernobyl-Effekt. Eine Untersuchung über die Ursachen politischen Protests, Opladen 1990.
  • Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse, Reinbek bei Hamburg 1983.
  • Dieter Rucht, Anti-Atomkraftbewegung, in: Roland Roth/Dieter Rucht (Hg.), Die Sozialen Bewegungen in Deutschland nach 1945. Ein Handbuch, Frankfurt am Main/New York 2008, 245-266.
  • Technische Universität München (Hg.), 40 Jahre Atom-Ei, Garching 1997.

Quellen und Zeitzeugenberichte

  • Die GRÜNEN, Landesverband Bayern, Stromversorgung ohne Atomenergie, Möglichkeiten für d. sofortigen Ausstieg Bayerns aus d. Atomenergienutzung. Studie der Projektgruppe Energie des Öko-Instituts Freiburg, München 1986.
  • Redaktion des Atom Express (Hg.), ... und auch nicht anderswo! Die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung, Göttingen 1997.
  • SPD-Landtagsfraktion, Bayern ohne Kernkraft - keine Utopie, München 1987.
  • Wolfgang Sternstein, "Atomkraft – nein danke!". Der lange Weg zum Ausstieg. Die Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung, Frankfurt am Main 2013.
  • Tresantis (Hg.), Die Anti-Atom-Bewegung. Geschichte und Perspektiven, Berlin 2015.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Ute Hasenöhrl, Anti-Atomkraftbewegung, publiziert am 21.08.2018; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Anti-Atomkraftbewegung> (25.06.2019)