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Hirschhorn, Adelsfamilie

Aus Historisches Lexikon Bayerns

Wappen der Herren von Hirschhorn im Scheiblerschen Wappenbuch um 1450/80. (aus: BSB Cod.Icon. 312 c, fol. 121)
Burg und Stadt Hirschhorn um 1813. Aquarell von Carl Philipp Fohr (1795-1818). (Hessische Hausstiftung, Kronberg im Taunus)

von Thomas Steinmetz

Seit 1270 belegte Familie ministerialischer Herkunft, die sich um Hirschhorn am Neckar im 14. und frühen 15. Jahrhundert eine eigene Herrschaft aufbaute. Unter Hans V. (1368-1410) wurden die Hirschhorn wichtige Gefolgsleute der pfälzischen Kurfürsten und waren seit 1413 pfälzische Erbtruchsesse. Im 16. Jahrhundert schloss sich die Familie der Reichsritterschaft an und führte in ihrem Herrschaftsgebiet die Reformation ein. 1632 starben die Herren von Hirschhorn aus.

Erster Vertreter: Johannes von Hirschhorn um 1270

Für die Herren von Hirschhorn stammten aufgrund der markanten Überschneidung von Grundbesitz und Hoheitsrechten bereits frühzeitig eine Abstammung von den benachbarten Herren von Steinach vermutet. Eine andere Theorie sieht in ihnen ehemalige Ministeriale des des bis 1232 bestehenden Reichsklosters Lorsch. Neueste Forschungen konnten nahezu förmlich erweisen, dass der von 1270 bis 1283 urkundlich nachweisbare Johannes I. von Hirschhorn der Begründer des Geschlechts war und vermutlich mit einem Johannes von Steinach personengleich war, der 1269 als Sohn des Konrad „Rumpoldus“ von Steinach erwähnt wurde. Schon bald nach 1283 muss Johannes I. von Hirschhorn, der vier ihn überlebende Kinder hatte, verstorben sein; seine junge Witwe Gertrud, geborene von Gemmingen, heiratete Walter von Talheim (bei Heilbronn), mit dem sie zwei weitere Kinder hatte. Johannes ältester Sohn Albrecht, benannt nach dem Großvater mütterlicherseits, ist seit 1304 bezeugt und setzte das Geschlecht fort.

Stammsitz, Herrschaft, Herkunft, Wappen

Die Burg Hirschhorn (Lkr. Bergstraße, Hessen) wurde oberhalb des dünn besiedelten Nordufers des Neckars gegründet. Sie liegt gegenüber der Vorgängersiedlung Ersheim, in der es unbedeutenden Grundbesitz des Reichsklosters Lorsch gab. Die wichtigste Voraussetzung dieser relativ späten Herrschaftsbildung dürfte die im 13. Jahrhundert noch dünne Besiedlung der Region gewesen sein. Dennoch gibt es keine stringenten Hinweise auf Rodungstätigkeit seitens der Herren von Hirschhorn. Die erste Burg war eine annähernd quadratische, kleinräumige Anlage. Aus ihrer Frühzeit blieb so wenig Bausubstanz erhalten, dass davon auszugehen ist, dass Johannes I. von Hirschhorn die von ihm gegründete Burg nicht wirklich vollenden konnte. Dies gelang vermutlich erst seinem Enkel Engelhard I. (1336-1361).

Als Wappen führten die Hirschhorner stets eine rote Hirschstange im gelben Feld. Das Wappen und sogar der Name Hirschhorn sind vermutlich von Burg Hirschberg an der Bergstraße abgeleitet, von der die Mutter Johannes I. gestammt hatte. Das spätere Konnubium der Hirschhorner enthält einen hohen Anteil eindeutig edelfreier Geschlechter; dreimal gelang die Verschwägerung mit Grafenhäusern. Die Forschung stellte eine ansteigende Linie des Konnubiums bereits zur Zeit des Aufbaus der Herrschaft Hirschhorn unter Engelhard I. (1336-1361) fest. Sein gleichnamiger Sohn (1347-1383) war mit einer Schenkin von Erbach verheiratet. Ein Höhepunkt wird mit den Eheverbindungen der Generation seiner Enkel (Wildgrafen von Dhaun, Herren von Frankenstein, Herren von Kronberg) erreicht.

Die Hirschhorn im 14. Jahrhundert

Johannes I. von Hirschhorn ältestem Sohn Albrecht glückten erste Erweiterungen des vom Vater hinterlassenen Familienbesitzes, besonders der Erwerb der unweiten Burg Harfenberg im Jahre 1314. Dessen Sohn Engelhard I. von Hirschhorn gelang dagegen ein fast beispielloser finanzieller Aufstieg mit dem Erwerb wichtiger Allode, Lehen und Pfandschaften. So kaufte er 1353 die linksrheinische Herrschaft Lindenberg (Lkr. Bad Dürkheim, Rheinland-Pfalz), 1355 die fränkische Herrschaft Bebenburg (bei Gerabronn, Lkr. Schwäbisch Hall, Baden-Württemberg) und 1360 die Burg Neckarelz (Stadt Mosbach, Neckar-Odenwald-Kreis, Baden-Württemberg). Auch trat Engelhard als Kreditgeber für Kaiser Karl IV. (1316-1378, reg. 1346-1378), den Erzbischof von Mainz und den Pfalzgrafen in Erscheinung. Engelhard I. ließ in den 1340er Jahren die Burg Hirschhorn mit geänderter architektonischer Konzeption vollenden. Einige seiner Erwerbungen verlor jedoch sein Sohn Engelhard II. in Fehden und Auseinandersetzungen wieder; dem Enkel Hans V. (1368-1426) von Hirschhorn gelang es dagegen, das Erbe des Großvaters wiederherzustellen und sogar zu vermehren.

Hans V.: Verbindungen zu den Pfälzer Kurfürsten, Residenzbildung

Hans V. begründete als Rat König Ruprechts (König 1400-1410) zugleich die enge Verbindung zu den benachbarten pfälzischen Kurfürsten. 1413 wurde Hans V. von Kurfürst Ludwig III. (Kurfürst 1410-1436) mit dem pfälzischen Erbtruchsessenamt belehnt, das bis zum Erlöschen der Hirschhorner im Jahre 1632 in der Hand der Familie bleiben sollte.

Bereits 1391 hatte Hans V. von König Wenzel (1361-1419, reg. 1376-1400) das Recht erhalten, die unterhalb der Burg Hirschhorn entstandene gleichnamige Siedlung zur Stadt zu erheben. 1403 erhielt er zudem die zerstörte Burg Zwingenberg (Neckar-Odenwald-Kreis, Baden-Württemberg) als pfälzisches Lehen und ließ sie in der Folgezeit neu errichten. 1406 gründete Hans schließlich am Steilhang unterhalb der Burg Hirschhorn ein Karmeliterkloster, das fortan als Familiengrablege diente.

Trotz einer durch die beschriebene Expansion ausgelösten finanziellen Krise im frühen 15. Jahrhundert konnten spätere Generationen den Umfang dieser Herrschaft mit ihrem kaum übersehbaren Streubesitz auch im linksrheinischen Gebiet im Wesentlichen erhalten. 1554 erwirkten die Hirschhorner ein kaiserliches Gerichtsstandprivileg, das ihre Zugehörigkeit zur Reichsritterschaft (Kanton Odenwald) bestätigte.

In der Frühen Neuzeit bis zum Aussterben 1632

Erste Ansätze zur Reformation gab es bereits unter Engelhard III. von Hirschhorn (1485-1530); das Hirschhorner Karmeliterkloster wurde jedoch erst nach 1543 unter Hans IX. (1510-1569) aufgelöst. Aus dem mittleren 16. Jahrhundert datieren bemerkenswerte, bisher erst wenig erforschte Ansätze zur Bildung überregional einheitlicher Verwaltungsstrukturen.

1632 erloschen die Herren von Hirschhorn mit dem Tode Friedrichs von Hirschhorn (1570-1632); die verschiedenen Lehensherren zogen die heimgefallenen Lehen ein. Burg und Stadt Hirschhorn fielen auf diesem Weg an Kurmainz, das dort die Gegenreformation einführte.

Archivische Überlieferung

Das Hirschhorner Burgarchiv kam über die kurmainzische Verwaltung zu großen Teilen nach Aschaffenburg und wird seit den 1830er Jahren im Staatsarchiv Würzburg verwahrt. Ein kleinerer Teil der schriftlichen Überlieferung befindet sich im Staatsarchiv Darmstadt.

Literatur

  • Christina Kimmel, Hans V. von Hirschhorn im Dienst der Kurpfalz. Ein Ritter aus dem Neckartal am Heidelberger Hof im 14. und 15. Jahrhundert, Ubstadt-Weiher 1999.
  • Eberhard Lohmann, Die Herrschaft Hirschhorn. Studien zur Herrschaftsbildung eines Rittergeschlechts (Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 66), Darmstadt 1986.
  • Gerd N. Meyer, Einige Anmerkungen zur Genealogie der Herren von Hirschhorn, in: Der Odenwald. Zeitschrift des Breuberg-Bundes 43 (1996), 93-94.
  • Sigrid Schmitt, Zwischen frommer Stiftung, adeliger Selbstdarstellung und standesgemäßer Versorgung. Sakralkultur im Umfeld von Rittersitzen, in: Kurt Andermann (Hg.), Rittersitze. Facetten adeligen Lebens im Alten Reich (Kraichtaler Kolloquien 3), Tübingen 2002, 11-43.
  • Thomas Steinmetz, Die Abstammung der Herren von Hirschhorn sowie die Entstehung ihrer Burg und Herrschaft, in: Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße 30 (1997), 40-55.

Quellen

  • Die Weistümer und Dorfordnungen der Herrschaft Hirschhorn, Darmstadt 2001.
  • Eberhard Lohmann, Das Lehnbuch des Ritters Georg von Hirschhorn. Edition und Erläuterung samt ergänzenden Urkunden, in: Archiv für hessische Geschichte und Alterthumskunde Neue Folge 54 (1996), 31-72.
  • Walther Möller (Bearb.), Stamm-Tafeln westdeutscher Adels-Geschlechter im Mittelalter. 2. Band, Darmstadt 1933 (ND Neustadt an der Aisch 1966).

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Thomas Steinmetz, Hirschhorn, Adelsfamilie, publiziert am 27.10.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hirschhorn,_Adelsfamilie (2.07.2026)