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Aktuelle Version vom 25. September 2026, 11:21 Uhr

Paramilitärischer Freiwilligenverband, gegründet 1919 im Zuge der Niederschlagung der Räterepublik Baiern 1919. Die Mobilisierung begann Mitte April, auf deren Höhepunkt eine Stärke von 522 Mann erreicht wurde. Das Freikorps stand unter der Leitung des Hauptmanns Heinrich Hoffmann (1878-1969). Zu den bekanntesten Mitgliedern der Einheit zählte der spätere Gauleiter Hans Schemm (1891-1935). Nur Teile des Freikorps beteiligten sich aktiv bei der militärischen Operation gegen München. Im Juni erfolgte die offizielle Auflösung.
Sozialstruktur und repräsentativer Charakter
Am 7. April 1919 setzte mit der Ausrufung der Münchner Räterepublik in Bayern ein Umdenken hinsichtlich der Formierung (para-)militärischer Verbände ein. Führte die Regierung Hoffmann noch bis zu jenem Zeitpunkt den antimilitaristischen Kurs des vormaligen Revolutionskabinetts Eisner fort, so wurde ab dem 14. April 1919 offiziell zur Bildung von Freiwilligen-Wehrverbänden aufgerufen. Angesichts der langen militärischen Tradition Bayreuths als Garnisonsstadt war es wenig überraschend, dass auch hier innerhalb kurzer Zeit eine Einheit aufgestellt wurde. Diese bestand zu knapp 60 % aus Soldaten der Frontgeneration, maßgeblich aus den Reihen des 7. Infanterie-Regiments, darunter dem Führer des Freikorps, Hauptmann Heinrich Hoffmann (1878-1969). Komplettiert wurde die Truppe durch Angehörige der Kriegsjugendgeneration, die zum Ende des Weltkrieges bereits kurz vor dem wehrfähigen Alter waren.
Die protestantische Mehrheit in der östlichen Region Oberfrankens spiegelte sich mit knapp 80 % auch in der Bayreuther Freikorpseinheit wider. Die Schichtzugehörigkeit der Mitglieder des Freikorps Bayreuth verteilte sich zu etwa zwei Drittel auf Arbeiter und zu etwas weniger als einem Drittel auf Angehörige mittelständiger Berufe. Nur weniger als 3 % der Freikorpsangehörigen stammten aus dem Bürgertum. Die soziostrukturelle Zusammensetzung der Einheit entsprach somit ebenfalls weitgehend den regionalen Verhältnissen.
In einem Bereich weicht das Bayreuther Freikorps jedoch von diesem Durchschnitt ab: Angesichts des sonst heterogenen Charakters der Einheit waren mit etwa 30 % verhältnismäßig viele ihrer Angehörigen später Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Gerade der seit 1928 dem Gau Oberfranken vorstehende Volksschullehrer Hans Schemm (1891-1935) als prominentes Mitglied des Freikorps ist dabei hervorzuheben. Sein Hauptfokus galt neben der Gauleiter-Funktion dem von ihm gegründeten Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). Im politischen Alltag nach 1933 folgte auch die erneute Zusammenarbeit mit alten Weggefährten aus der Freikorpszeit, wie dem ehemaligen Freikorpsführer und späteren Reichsstatthalter Franz Ritter von Epp (1868-1947).
Rolle bei der Einnahme Münchens
Zum 1. Mai 1919 erreichte das Freikorps Bayreuth eine Größe von 25 Offizieren, vier Offiziersstellvertretern und 522 Mann, die sich in drei Kompanien (A, B, C) gliederten. Einzig Kompanie A erhielt am 2. Mai 1919 Marschbefehl auf München. Über Ingolstadt erreichte der Zug am Abend des Folgetages die Landeshauptstadt. Damit spielte das Freikorps Bayreuth keine aktive Rolle bei der Einnahme Münchens und war erst bei der Sicherung der Stadt zugegen. Es wurde im Wittelsbacher Palais untergebracht und dem preußischen Freiwilligenbataillon des ehemaligen Garde-Regiment Alexander zugeteilt. Die Kompanien B und C erreichten München am 12. Mai 1919. Sie wurden dem Freikorps Epp zugeordnet. Wie für die meisten bayerischen Freikorpseinheiten machten auch die Angehörigen jener Kompanien einzig im Rahmen von Übungen von ihren Schusswaffen Gebrauch. Primär genossen die Soldaten die Privilegien von Besatzern. Wie in großen Teilen des Landes herrschte nach der Weltkriegsniederlage auch in Bayern eine angespannte Versorgungssituation. Die Soldaten erhielten jedoch mit ihrer Stationierung in der Landeshauptstadt zusätzliche Lebensmittel.
Rolle beim "Gesellenmord"
Zwar war die militärische Bedeutung des Bayreuther Freikorps marginal, Teile der Truppe waren aber direkt an gewaltsamen Übergriffen beteiligt, die sich als enthemmte Gewalt während und nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik vollzogen: Am Abend des 6. Mai 1919 wurden 26 als Spartakisten verdächtigte Mitglieder des katholischen Gesellenvereins der Gemeinde St. Josef verhaftet. Trotz mehrfacher Bekundungen der Unschuld und ohne rechtliche Grundlage wurden innerhalb kurzer Zeit 21 der Gesellenmitglieder durch Freikorpseinheiten ermordet.
Auch wenn die nachfolgenden Untersuchungen offenlegten, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Freikorpsverbände beteiligt war, konzentrierte man sich während der juristischen Aufarbeitung maßgeblich auf Angehörige des Freikorps Bayreuth – namentlich: Hans Och (geb. 1900), Max Rodler (geb. 1901), Fritz Kreiner (geb. 1900) und Jakob Müller (geb. 1897). Dies lag auch daran, dass das militärische Führungspersonal der norddeutschen Einheiten bestrebt war, die Verantwortung für die Vorgänge auf die bayerischen Verbänden abzuwälzen und deren vermeintlich unprofessionelles Vorgehen hervorzuheben, während vergleichbares Fehlverhalten in den eigenen Reihen weniger Aufmerksamkeit erhielt.
Nur zwei der Hauptangeklagten wurden schuldig gesprochen (darunter der Bayreuther Jakob Müller) und erhielten 14 Jahre Haft wegen Totschlags. Trotz des Umfangs der Brutalität und der Illegitimität der Exekutionen entschied das Gericht gegen eine Verurteilung wegen Mordes.
Auflösung
Am 27. Mai 1919 erhielt das gesamte Freikorps Bayreuth seinen Abmarschbefehl zurück zum Aufstellungsort. Im Juni 1919 folgte die formale Auflösung der Einheit. Noch während der Tätigkeit in München quittierten bereits mindestens 140 Soldaten aufgrund "häuslicher Verpflichtungen" ihren Dienst. 56 Mann (davon 6 Offiziere) strebten eine Übernahme in die vorläufige Reichswehr an. In der wirtschaftlich prekären Gesamtsituation bot die Reichswehr die Aussicht auf ein stabiles Einkommen. Das geringe Interesse an einer Übernahme und die vorzeitigen Vertragsauflösungen machten deutlich, dass viele derer, die dem Ruf der Freikorpsbildung gefolgt waren, sich nicht primär aus wirtschaftlichen Gründen dafür entschieden hatten. Auch andere Faktoren, wie Feindbilder oder das Bedürfnis nach politischer Stabilisierung, mussten eine Rolle für den Freikorpseintritt spielen.
Der repräsentative Charakter des Freikorps Bayreuth
Das Freikorps Bayreuth hat in vielerlei Hinsicht einen exemplarischen Charakter für die bayerischen Freiwilligenverbände. Der Großteil der Männer folgte den Aufrufen vom 14. April durch die nach Bamberg exilierte Regierung Hoffmann. Viele der bayerischen Einheiten benannten sich ebenso wie die "Bayreuther" nach ihren Aufstellungsorten und weniger nach ihren Führungspersonen.
Hauptmann Hoffmann repräsentierte dabei dennoch einen idealtypischen Freikorpsführer, als dass er sowohl aus der Bayreuther Region (Kulmbach) stammte, als auch im 7. Infanterie-Regiment "Prinz Leopold" ausgebildet wurde. Mit der Demobilmachung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eröffnete ihm das Freikorps den Weg in die Reichswehr der Republik. Auch im Nationalsozialismus stellte er sich umgehend für die militärischen Zwecke zur Verfügung und stieg dabei bis zum Generalmajor auf. Wie viele der bayerischen Freikorps bestand die Mehrheit der Freiwilligen allerdings nicht aus militärischem Stammpersonal der Berufssoldaten. Gleichsam fanden sich entgegen der teilweisen Darstellung NS-konformer Freikorpsrezeption kaum Studenten im Freikorps Bayreuth, diese waren primär in den Einheiten von Universitätsstädten wie Erlangen und Würzburg stärker vertreten.
Abgesehen von den Freikorps Epp und Oberland ist auch die tatsächliche Rolle des Großteils der bayerischen Freikorps bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik eher gering einzuschätzen. Für diejenigen Einheiten, die nach München beordert wurden, folgte in der Regel die Eingliederung in größere Truppenverbände. Die Beteiligung des Freikorps Bayreuth am Gesellenmord zeigt jedoch, dass bayerische, preußische und württembergische Einheiten an den Gewalt-Exzessen jener Tage beteiligt waren, die innerhalb weniger Wochen bis zu 1.200 Menschenleben forderten.
Literatur
- Mark Jones, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2018.
- Ingo Korzetz, Die Freikorps in der Weimarer Republik. Freiheitskämpfer oder Landsknechthaufen? Aufstellung, Einsatz und Wesen bayerischer Freikorps 1918 - 1920, Marburg 2009.
- Peter Landau/Rolf Rieß (Hg.), Recht und Politik in Bayern zwischen Prinzregentenzeit und Nationalsozialismus. Die Erinnerungen von Philipp Loewenfeld (Münchener Universitätsschriften Juristische Fakultät, Abhandlungen zur rechtswissenschaftlichen Grundlagenforschung 91), Ebelsbach 2004.
- Jan-Philipp Pomplun, Deutsche Freikorps. Sozialgeschichte und Kontinuitäten (para)militärischer Gewalt zwischen Weltkrieg, Revolution und Nationalsozialismus (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 244), Göttingen 2022.
- Alexander W. Schwarz, Enthemmung der Gewalt. Die Niederschlagung der Räterepublik Baiern 1919, unveröffentlichte Dissertation, Bayreuth 2026.
- Matthias Sprenger, Landsknechte auf dem Weg ins Dritte Reich? zu Genese und Wandel des Freikorpsmythos, Paderborn 2008.
Quellen
- Bayerisches Hauptstaatsarchiv, BayHStA, Freikorps 14.
- Bundesarchiv Freiburg, RH 61/2287.
- Stadtarchiv Bayreuth, StV BT 2810.
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Empfohlene Zitierweise
Alexander W. Schwarz, Freikorps Bayreuth, publiziert am 25.09.2026; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Freikorps_Bayreuth> (25.09.2026)