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Zentrale Infanterieschule der Reichswehr, München

Kaserne der Zentralen Infanterieschule in der Münchner Blutenburgstraße, 1924. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Gruppenbild einiger Angeklagter (in der Mitte Adolf Hitler) des Hitler-Prozesses, 3. März 1924; im Hintergrund die Zentrale Infanterieschule. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Bruno Thoß

Die Zentrale Infanterieschule in München, eröffnet am 27. Mai 1920, gehörte zu den Waffenschulen, an denen die Reichswehr während der Weimarer Republik ihre Offizieranwärter ausbildete, hier für die Infanterie-, Kraftfahr- und Pioniertruppe. Wegen ihrer Beteilung am Hitlerputsch wurde sie 1924 nach Ohrdruf in Thüringen, schließlich 1926 nach Dresden verlegt. In München verblieb als nunmehr eigenständige Waffenschule die Pionierschule (bis 1936).

Die Offizierausbildung in der Reichswehr

Die Bestimmungen des Versailler Vertrages ließen nach 1919 in Deutschland nur noch eine Ausbildung von Truppenoffizieren zu. Eine Generalstabsausbildung war ausdrücklich untersagt. Die Waffenschulen waren deshalb die höchsten Ausbildungseinrichtungen der Reichswehr.

Die Auswahl und Einstellung von Offizieranwärtern mit der Voraussetzung Abitur oder einem vergleichbaren Bildungsabschluss lag in den Händen der Regimentskommandeure. Damit war auch in der Weimarer Republik weitgehend sichergestellt, dass der Offiziernachwuchs aus den sog. "erwünschten Kreisen" rekrutiert werden konnte. Nach 15-18 Monaten Dienst bei ihren Stammtruppenteilen und bestandener Offizieranwärterprüfung folgte die zweijährige Ausbildung an der Schule der jeweiligen Waffengattung. Das erste Ausbildungsjahr wurde mit der Fähnrichsprüfung, das zweite Jahr mit der Offizierprüfung abgeschlossen.

Die Zentrale Infanterieschule in München

Für angehende Offiziere der Infanterie-, Kraftfahr- und Pioniertruppe stellte die am 27. Mai 1920 eröffnete Zentrale Infanterieschule in München mit Sitz in der Blutenburgstraße 3 die einzige Ausbildungseinrichtung für das gesamte Reich dar. Sie unterstand wie die übrigen Waffenschulen dem unmittelbar unter dem Chef der Heeresleitung angesiedelten Inspekteur des Erziehungs- und Bildungswesens (In 1) im Reichswehrministerium. Dabei waren entsprechend den alliierten Auflagen nur so viele Schüler als Auszubildende erlaubt wie freie Stellen für sie in der Truppe verfügbar waren. Damit sollte die Einhaltung der festgelegten Höchstgrenze von 4.000 Offizieren des Heeres sichergestellt werden.

Beteiligung am Hitlerputsch und Verlegung der Schule 1923/24

Zwischen Reichswehr und rechtskonservativen Wehrverbänden in Bayern bestanden seit 1919 besonders enge Verbindungen über deren Ausbildung und Bewaffnung, die sich im Zuge des "Ruhrkampfes" seit Januar 1923 noch vertieften. Die Ende September bzw. Anfang Oktober 1923 an die Infanterieschule einberufenen Offizieranwärter trafen daher auf eine starke rechtsnational aufgeheizte Stimmung. Von den ca. 350 Offizieren, Offizieranwärtern und Mannschaften öffnete sich eine Mehrheit für den rechtsradikalen "Deutschen Kampfbund" unter Erich Ludendorff (1865-1937) und Adolf Hitler (1889-1945), die sich einen "Marsch auf Berlin" zum Ziel gesetzt hatten. Die Verbindung zur Infanterieschule stellte der ehemalige Freikorpsführer Gerhard Roßbach (1893-1967) her. Der Chef der Heeresleitung, General Hans von Seeckt (1866-1936), empfahl deshalb schon Mitte Oktober die vorübergehende Schließung der Schule, setzte sich aber gegen Reichskanzler Gustav Stresemann (1878-1929) nicht durch.

In einer gut vorbereiteten Überrumpelungsaktion gelang es den Putschisten am Abend des 8. November 1923, den Schulkommandeur festzusetzen und 20 Stammoffiziere sowie 80 anwesende Offizieranwärter als "Sturmkolonne Ludendorff" aktiv für ihren Umsturzversuch in Marsch zu setzen.

Nach der Niederschlagung des Putsches wurden die Lehrgänge deshalb unterbrochen, der Schulkommandeur wie die beteiligten Stammoffiziere entlassen. In einem Seitenflügel der Schule fand 1924 der sog. Hitler-Ludendorff-Prozess gegen die Führer des Hitlerputsches statt. Nach zeitweiliger Verlegung auf den thüringischen Truppenübungsplatz Ohrdruf verurteilte Seeckt bei seinem ersten Besuch nach dem Putschversuch am 2. Mai 1924 in einem Strafappell das Verhalten der Beteiligten nochmals scharf. 1926 wurde die Infanterieschule endgültig nach Dresden verlegt. In München verblieb eine davon abgekoppelte Pionierschule. Am 1. Mai 1935 in Pionierschule I umbenannt, wurde sie am 1. Oktober 1936 nach Berlin-Karlshorst verlegt.

Literatur

  • Deutsche Militärgeschichte in sechs Bänden 1648-1939. Hg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Abschnitt VI: Reichswehr und Republik 1918-1933, München 1983.
  • Harold J. Gordon jr., Hitlerputsch 1923. Machtkampf in Bayern 1923-1924, Frankfurt am Main 1971.
  • Bruno Thoß, Der Ludendorff-Kreis 1919-1923. München als Zentrum der mitteleuropäischen Gegenrevolution zwischen Revolution und Hitler-Putsch, München 1978.

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Bruno Thoß, Zentrale Infanterieschule der Reichswehr, München, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Zentrale Infanterieschule der Reichswehr, München> (18.06.2018)