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Würzburg, Dom

von Johannes Sander

Die Anfänge der Kathedralkirche des 741/42 gegründeten Bistums Würzburg liegen weitgehend im Dunkeln. Nach einer mutmaßlich zunächst am Ort des heutigen Neumünsters gelegenen ersten Kirche und zwei Vorgängerbauten am jetzigen Standort wurde der in wesentlichen Teilen noch bestehende romanische Dom vermutlich im mittleren bis späten 11. Jahrhundert als große kreuzförmige Pfeilerbasilika errichtet. Um 1500 erfolgten kleinere Umgestaltungen, zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Einwölbung von Mittelschiff und Querschiff. Eine umfassende Stuckierung und Neuausstattung im 18. Jahrhundert verwandelte das Innere in einen barocken Festraum. Im späten 19. Jahrhundert wurde der Außenbau, vor allem die Westfassade, überarbeitet. Nach schwerer Kriegszerstörung und Teileinsturz 1945/46 ist der bis 1967 wiederaufgebaute und seither noch mehrmals restaurierte Dom ein vielgestaltiges Gebäude aus mittelalterlichen, frühneuzeitlichen und modernen Elementen und Gestaltungsvorstellungen.

Die Vorgängerbauten

Über die Frühzeit Würzburgs, sein institutionelles und bauliches Werden im 7. und 8. Jahrhundert und damit auch über die Anfänge des Domes ist trotz einer intensiven und besonders im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts kontrovers geführten Forschungsdiskussion keine Klarheit zu gewinnen. Möglicherweise diente eine auf dem linksmainischen Marienberg gelegene Kirche als erste Kathedrale des 741/42 gegründeten Bistums. Spätestens im ausgehenden 8. Jahrhundert dürfte der Dom im rechtsmainischen Gebiet zu suchen sein, wohl zunächst an der Stelle des heutigen Neumünsters; diese erste Kathedrale war dem Erlöser als Hauptpatron geweiht. Ein Neubau am jetzigen Standort des Domes erfolgte vermutlich nach einem Brand 855. Mit diesem Bau, als dessen Hauptpatron ab dem späten 9. Jahrhundert zunehmend der heilige Kilian in Erscheinung tritt, dürften nach 1945 ergrabene Fundamente zu identifizieren sein, die auf eine dreischiffige Basilika hinweisen ("Bau I"). Ein zweiter, ebenfalls nur durch Grabungen teilweise erschlossener Bau, von dem der aus einem Mittelteil und zwei Rundtürmen bestehende Westbau am klarsten zu fassen ist, lässt sich mit gesicherter schriftlicher Überlieferung nicht in Verbindung bringen und kann daher nur ungefähr ins 10. Jahrhundert datiert werden ("Bau II").

1279 gegossenes Taufbecken im Würzburger Dom. Vor der letzten Innenrenovierung des Doms 2012 war es in der 1967 eingerrichteten Taufkapelle im Erdgeschoss des südlichen Westturms. Heutzutage befindet sich das Taufbecken im Mittelschiff des Domes(Foto: Johannes Sander)
1609 schufen Michael Kern (1580-1649) und Jobst Pfaff (gest. nach 1613) die kelchförmig frei vor den Pfeiler gestellte Kanzel aus Sandstein. Das Figurenprogramm ist in Alabaster ausgeführt. Aufnahme nach der letzten Innenrenovierung des Doms 2012. (Foto: Johannes Sander)

Der romanische Bau

Auch über die Entstehung des heutigen Domes bieten die Schriftquellen keine sicheren Anhaltspunkte. Von der bisherigen Forschung häufig für eine konkrete Datierung in Anspruch genommene Nachrichten des 11. bis frühen 13. Jahrhunderts – insbesondere eine Urkunde von 1133 (Abschrift in Staatsarchiv Würzburg Standbuch 68 pag. 35b) – erweisen sich bei kritischer Auswertung als nicht belastbar. Allenfalls kann aus zum Teil jüngeren Schriftquellen auf eine Bautätigkeit Bischof Brunos (reg. 1034–1045) geschlossen werden. Aus seiner Zeit rührt vielleicht der Beginn einer großen, zunächst mit dem Erhalt des bisherigen Langhauses rechnenden Baumaßnahme her, von der die fragmentarisch erhaltene Chorkrypta und der Westbau – dieser mutmaßlich eine Verlängerung von "Bau II" – noch vorhanden sind. Die übrigen Bauteile (Altarhaus, Querhaus mit Vierungskrypta und Langhaus) können anhand bautypologischer und stilistischer Erwägungen am überzeugendsten in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts datiert werden; ein Bauverlauf von Osten nach Westen bis zum Anschluss an den Westbau ist auch aufgrund formaler Anhaltspunkte in der Bauzier anzunehmen. Nachrichten über eine Dom- und Pfarraltarweihe 1188 müssen nicht auf eine erst zu diesem Zeitpunkt erfolgte Vollendung des Neubaus schließen lassen. Aus dem frühen 13. Jahrhundert stammen die Osttürme. Die Forschungsdiskussion über Genese und Datierung des bestehenden romanischen Domes ist freilich nach wie vor kontrovers.

Der romanische Dom besteht aus einem zweitürmigen Westbau, einem dreischiffigen Langhaus basilikalen Querschnitts, einem weit ausladenden Querhaus mit jeweils einer Nebenapsis an den Ostseiten der Arme, einem Altarhaus mit halbrunder Hauptapsis sowie zwei in den Winkeln zwischen Altar- und Querhaus aufragenden Osttürmen. Unter Altarraum und Vierung, die gegenüber Querarmen und Langhaus ursprünglich stark erhöht waren, befindet sich eine dreischiffige, nur fragmentarisch erhaltene Krypta. Mit Ausnahme des Altarhauses, dessen großes Tonnengewölbe – entgegen bisheriger Forschungsmeinung – in unmittelbarem Zusammenhang mit den Außenmauern entstand, war der Bau ungewölbt. Die äußere Gesamtlänge beträgt annähernd 107 m, die äußere Länge des Querhauses rund 62,30 m. An der Südseite des Domes schlossen sich spätestens seit dem mittleren 12. Jahrhundert die Klausurgebäude mit dem vierflügeligen Kreuzgang an.

Spätes Mittelalter

Die Sepultur, eine zweischffige Halle mit östlichen Kapellen, wurde zwischen 1458 und 1466 als Grablege für die Mitglieder des Domkapitels neu errichtet. (Foto: Ulrich Kneise)

Erst im späten Mittelalter werden die liturgische Nutzung und die Ausstattung des Domes durch Schriftquellen ebenso wie durch die Realien zunehmend fassbar. Die Kathedrale war Hauptsitz des Bischofs, des Domkapitels – das spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter auch als hauptverantwortlicher Bauherr des Domes auftrat – und der städtischen Pfarrgemeinde zugleich. Der erhöhte Bereich von Altarraum und Vierung war der hohen Geistlichkeit vorbehalten. Im Hochchor stand die Kathedra; das Gestühl der Domherren befand sich in der Vierung. Im Hochaltar, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Tilman Riemenschneider (ca. 1460-1531) neu geschaffen wurde, ruhten wohl spätestens seit dem 12. Jahrhundert die Kiliansreliquien, wobei Hauptpatron des Domes bis 1967 allerdings der heilige Andreas war. Im Langhaus hatte die Pfarrgemeinde ihren Platz, am östlichen Ende des Mittelschiffs, das von der Vierung durch Schranken, anfangs vielleicht durch einen Lettner, getrennt war, stand der Hochaltar der Pfarrkirche. An einem der südlichen Pfeiler hatte die Kanzel (die heutige von 1609/10) ihren Ort. Eine Vielzahl weiterer Altäre, deren Stiftung zum großen Teil im 14. Jahrhundert erfolgte, befand sich an den Pfeilern des Langhauses sowie in den Querarmen. In der Mitte des Mittelschiffs stand das 1279 gegossene Taufbecken. Ferner diente der Kirchenraum als Grablege für Geistliche. Die Grabdenkmäler und Grabplatten zahlreicher Fürstbischöfe, das älteste für Gottfried I. von Spitzenberg-Helfenstein (reg. 1186–1190), sind erhalten; einige von ihnen, etwa diejenigen für Rudolf II. von Scherenberg (reg. 1466–1495) und Lorenz von Bibra (reg. 1495–1519) von Tilman Riemenschneider, gehören zu den bedeutendsten skulpturalen Werken ihrer Zeit im deutschsprachigen Raum. Die Domherren fanden ihre letzte Ruhestätte überwiegend in Kreuzgang und Sepultur.


Zwischen etwa 1423 und 1453 wurde der Kreuzgang in mehreren Abschnitten neu erbaut, im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts das an die südliche Stirnwand des Querschiffs anschließende Kapitelhaus mit der Sepultur im Erdgeschoss. Eine umfangreichere Baumaßnahme an der Kirche selbst war zwischen 1498 und 1505 die spätgotische Einwölbung der beiden Seitenschiffe; im gleichen Zusammenhang entstanden dort neue Spitzbogenfenster sowie am Nordseitenschiff Strebepfeiler.

Frühe Neuzeit

Seit dem späten 16. Jahrhundert vom Fürstbischof und im Domkapitel angestellte Überlegungen zu einer baulichen Erneuerung des Domes mündeten 1607/08 in der Einwölbung von Mittelschiff und Querschiff sowie in einer ornamentalen Neufassung des gesamten Inneren. Der nunmehr erreichte Zustand ist durch die älteste gesicherte Innenansicht des Domes aus dem Jahr 1627 annähernd wirklichkeitsgetreu dokumentiert.

Die Schönbornkapelle am Würzburger Dom wurde zwischen 1721 bis 1736 als Grablege für die Bischöfe aus dem Hause Schönborn von Balthasar Neumann (1668-1753) erbaut. (Foto: Ulrich Kneise)

1655/56 im Vierungsbereich eingebaute Tribünen verschwanden bereits in den Jahren 1700/01 wieder. Im Zusammenhang mit deren Beseitigung wurde zugleich der Vierungsbereich auf das Bodenniveau der Querarme gesenkt, die bereits in vergangenen Jahrhunderten sukzessive verstümmelte Vierungskrypta ihrer Gewölbe beraubt und bis auf einen Zugang zum in der Mitte gelegenen Brunnenschacht verfüllt. Das Domkapitel verlegte seinen Sitz in den Altarraum. Unmittelbar daran anschließend, 1701/06, erfolgte die vollständige Neugestaltung des Dominneren durch eine wand- und gewölbeflächendeckende Stuckierung unter der Leitung des Norditalieners Pietro Magno (1655-1723). Unter Balthasar Neumanns (1687-1753) Leitung entstand 1719/36 die Schönbornkapelle an der Stirnwand des Nordquerarms. Eine weitere gravierende Baumaßnahme im Dominneren war die Absenkung des Altarraumes um rund 2,50 m der Chorkrypta 1749/50 ebenfalls nach Plänen Neumanns; die Fragmentierung der Krypta nahm man dabei in Kauf. Im selben Zusammenhang errichtete Neumann zu Seiten des Altarhauses spiegelbildlich Sakristei und Ornatkammer. 1756/58 wurde die Hauptapsis außen erhöht und ein neuer Dachstuhl aufgeschlagen.

Neben der Anschaffung weiterer Ausstattungsstücke wie 1749/50 eines neuen Chorgestühls wurden auch die Altäre des Domes in der Frühen Neuzeit großteils erneuert; der Riemenschneider-Hochaltar verschwand weitgehend spurlos. Das Innere präsentierte sich infolgedessen bis 1945 als ein weitgehend einheitlich wirkender, theatralisch inszenierter Raum von überaus festlicher Wirkung.

19. bis 21. Jahrhundert

Blick durch das Hauptschiff des Doms zu der 1969 geweihten Orgel. (Foto: Johannes Sander)

Nach der Säkularisation in bayerischen Staatsbesitz übergegangen, wurden im frühen 19. Jahrhundert zunächst nur kleinere Reparaturen durchgeführt. Teils recht weitgehende Überlegungen zu einer Purifizierung des barockisierten Domes und einer Rückführung in seinen (vorgeblichen) romanischen Ursprungszustand führten 1879/86 zu einer verhältnismäßig moderaten Außenrestaurierung, bei der neben der Hinzufügung eines neuen Sockels vor allem die Westfassade im neuromanischen Stil umgestaltet wurde. Bei der Zerstörung Würzburgs durch einen englischen Luftangriff am 16. März 1945 brannte die Kathedrale aus; fast die gesamte Altarausstattung des 17. und 18. Jahrhunderts fiel den Flammen zum Opfer. Die dennoch prinzipiell mögliche Wiederherstellung des Inneren in seiner vom barocken Stuck geprägten Gestalt wurde durch den Teileinsturz des Langhauses im Februar 1946 stark erschwert. Die teils heftig und überregional geführten Diskussionen innerhalb und außerhalb der entscheidungstragenden Gremien über die Gestaltung des Innenraumes, bei denen die Vorschläge von einer kompletten Wiederherstellung des barocken Stucks bis hin zu dessen völliger Eliminierung reichten, mündeten schließlich in einen Kompromiss. Während in Altar- und Querhaus der barocke Stuck belassen und – wo nötig – ergänzt wurde, erstand das Langhaus mit flachgedecktem Mittelschiff in zugleich romanisierender und moderner Form substantiell und gestalterisch weitgehend neu; lediglich im unbeschädigten Südseitenschiff blieb der barocke Stuck erhalten. 1963/64 wurde die Vierungskrypta wieder freigelegt und zugänglich gemacht. Der Wiederaufbau des Domes, der eine Neuordnung der immer noch reichhaltigen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ausstattung einschloss, war 1967 beendet. Zwischen 1971 und 1975 fand hier die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland ("Würzburger Synode") statt, auf der über die Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils beraten wurde. Eine weitere Umgestaltung des Inneren 1987/88, bei der unter anderem ein neues Hochaltarretabel entstand, wurde bei einer neuerlichen Renovierung 2011/12 partiell wieder rückgängig gemacht.

Quellenlage und Forschungsstand

Die Forschungs- und Literaturlage zum Würzburger Dom, insbesondere zu seiner mittelalterlichen Baugeschichte, wird in der Wissenschaft allgemein als sehr unbefriedigend empfunden. Offene Fragen wurden auf einer 2016 veranstalteten Tagung zum Teil kontrovers diskutiert (vgl. Literaturtitel Sander/Weiß, 2017). Eine Publikation des Verfassers mit einer völligen Neubewertung zahlreicher Aspekte der mittelalterlichen Dombaugeschichte ist in Vorbereitung. Im Folgenden ist daher nur die wichtigste ältere und jüngere Literatur aufgeführt.

Literatur

  • Karl Borchardt, Die Würzburger Inschriften bis 1525 (Die deutschen Inschriften 27, Münchener Reihe 7), Wiesbaden 1988.
  • Werner Burmeister, Dom und Neumünster zu Würzburg (Deutsche Bauten 12), Burg bei Magdeburg 1928.
  • Jürgen Emmert/Jürgen Lenssen/Wolfgang Schneider, Kiliansdom Würzburg (Schnell & Steiner Kunstführer 232), Regensburg 13. Auflage 2012.
  • Stefan Kummer, Kunstgeschichte der Stadt Würzburg 800–1945, Regensburg 2011.
  • Jürgen Lenssen (Hg.), Der Kiliansdom zu Würzburg, Regensburg 2002.
  • Klaus Lindner, Untersuchungen zur Frühgeschichte des Bistums Würzburg und des Würzburger Raumes (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 35), Göttingen 1972.
  • Felix Mader, Stadt Würzburg (Die Kunstdenkmäler von Unterfranken und Aschaffenburg 12), München 1915.
  • Johannes Sander/Wolfgang Weiß (Hg.), Der Würzburger Dom im Mittelalter. Geschichte und Gestalt, Würzburg 2017.
  • Richard Schömig (Hg.), Ecclesia Cathedralis. Der Dom zu Würzburg, Würzburg 1967.
  • Richard Schömig (Hg.), Ecclesia Cathedralis. Der Dom zu Würzburg, Würzburg 1989.
  • Helmut Schulze, Der Dom zu Würzburg. Sein Werden bis zum späten Mittelalter. Eine Baugeschichte. 3 Teilbände (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Bistums und Hochstifts Würzburg 39), Würzburg 1991.
  • Wolfgang Weiß, Mehr als Holz und Stein. Aspekte der Geschichte und Theologie des Würzburger Doms, in: Würzburger Diözesangeschichtsblätter 76 (2013), 163–187.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Johannes Sander, Würzburg, Dom, publiziert am 13.08.2019; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Würzburg, Dom> (24.04.2019)