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KirchGruppe

Leo Kirch an seinem Schreibtisch in seinem Münchner Büro in der Kardinal-Faulhaber-Straße während eines Interviews mit der ZEIT im Jahr 1976. Kirch gründete 1955 gemeinsam mit Hans Andresen den Filmverleih "Sirius Film und Einkauf GmbH" und erschuf in den folgenden Jahrzehnten einen der größten deutschen Medienkonzerne. Die Aufnahmen, die während des Interviews entstanden, waren die ersten und für viele Jahre einzigen Fotos, die von Leo Kirch kursierten. (© Heinz Gebhardt, www.muenchenfoto.de)

von Bernhard von Zech-Kleber

Leo Kirch (1926-2011) gründete 1955 gemeinsam mit seinem Studienkollegen Hans Andresen den Filmverleih "Sirius Film und Einkauf GmbH". Die beiden begründeten damit ein neues und höchst lukratives Geschäftsmodell, das im Wesentlichen aus dem Ein- und Verkauf sowie dem Verleih von Filmrechten bestand. Der führende Kopf des rasch expandierenden Unternehmens war Leo Kirch. Die KirchGruppe zählte in den 1980er Jahren zu den Pionieren des neuen Privatfernsehmarktes. In den 1990er Jahren erfolgte der Einstieg in das sog. Pay-TV, das von Anfang an defizitär war und zusammen mit anderen unternehmerischen Fehleinschätzungen Ende der 1990er Jahre zur Bürde wurde. Für Brisanz sorgte ein Interview mit Rolf E. Breuer (geb. 1937), damals Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, der die Zahlungsfähigkeit der KirchGruppe öffentlich infrage stellte. Anfang 2002 musste die KirchGruppe Insolvenz anmelden, es war die größte der deutschen Nachkriegsgeschichte. Das Insolvenzverfahren wurde erst im September 2018 abgeschlossen. Ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen Leo Kirch und der Deutschen Bank endete erst nach dem Tod Leo Kirchs mit einem milliardenschweren Vergleich mit Kirchs Erben.

Biographischer Hintergrund zu Leo Kirch

Leo Kirch (1926-2011) wurde 1926 in Fahr a.M. (Lkr. Kitzingen) in eine Handwerker- und Weinbauernfamilie hineingeboren, begann 1946 ein Mathematik- und Physikstudium in Würzburg, wechselte 1950 an die Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (HfWS) nach Nürnberg und wurde dort 1958 mit einer Arbeit zum Thema "Der Einfluß des Raumes auf die Reichweite des Verkehrs" promoviert.

Die Anfangsjahre (1955–1965)

1955 gründete Kirch mit seinem Studienkollegen Hans Andresen den Filmverleih "Sirius Film und Einkauf GmbH". 1956 kauften sie mit einem Kredit über 20.000 DM die Deutschlandrechte verschiedener italienischer Filmproduktionen, u. a. "La Strada" von Federico Fellini (1920-1993) und "Die Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica (1901-1974). Der Erfolg dieser Filme war die Grundlage für die rasche Expansion. Zahlreiche Tochterunternehmen wurden gegründet, die sich ab 1964 unter dem Dach der "Kirch Media" mit dem Ein- und Verkauf, dem Verleih von Filmen und Filmrechten oder Eigenproduktionen befassten (u. a. 1959 BetaFilm, 1963 TaurusFilm, 1966 Unitel, 1968 IdunaFilm, 1975 BetaTechnik, 1983 TaurusVideo).

Kirch war die tonangebende Person und knüpfte früh enge Kontakte in die Filmindustrie, insbesondere nach Hollywood, und in die deutschen Rundfunkanstalten. 1959 wurden für umgerechnet 6 Mio. DM insgesamt 400 Filmtitel von zwei der sog. Majors (die großen Hollywood-Filmstudios), United Artists und Warner Brothers, erworben, darunter für jeweils rund 3.000 US-Dollar Michael Curtiz' (1886-1962, geb. als Mihály Kertész Kaminer) "Casablanca" und Alfred Hitchcocks (1899-1980) "Verdacht". Verkauft werden konnten sie pro Ausstrahlung für mehrere zehntausend DM. Besonders in den Anfangsjahren standen deutsche Filmproduzenten dem Fernsehen ablehnend gegenüber und weigerten sich, ihre Filme zu verkaufen. Das nutzte Kirch und versorgte die Fernsehanstalten mit Filmmaterial. Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit sorgte u. a. dafür, dass das Fernsehen zum Massenmarkt wurde. 1963 entstand mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) ein weiterer potentieller Kunde. Bis Anfang der 1970er Jahre bezog das ZDF rund die Hälfte der Spielfilme und Fernsehserien (u. a. "Flipper", "Bonanza", "Lassie") von Kirch (1974: rund 120 Mio. DM Jahresumsatz).

Bereits im ersten Jahrzehnt kristallisierten sich zwei Vorgehensweisen heraus, die für den Erfolg der weiteren unternehmerischen Tätigkeit symptomatisch wurden: Filmrechte wurden stets im großen Stil gekauft (meist zum größten Teil mit Krediten) und als Filmrechtepakete mit langen Laufzeiten an die Fernsehsender verkauft. Verkäufe für eine einmalige Ausstrahlung wurden nur mit kleineren Fernsehsendern getätigt (u. a. arte). Die schier unüberschaubare Zahl an Filmrechten in Kirchs Händen ließ ihn fast beliebig die Konditionen diktieren, zu denen er diese Rechte weitergab. Kredite konnten so ohne Schwierigkeiten getilgt werden.

Aufstieg und Durchbruch (1965–1983)

Leo Kirch (1926-2011) in seinem Münchner Büro in der Kardinal-Faulhaber-Straße, 1976. Eigenen Angaben zufolge kamen dem Unternehmer in seinem Schaukelstuhl die besten Ideen. (© Heinz Gebhardt, www.muenchenfoto.de)

Über die Anfangsjahre hinaus hängt der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens sehr stark an der Person Kirch und dessen Netzwerken. Kirchs persönliche Fähigkeiten und - wie sich nach der Insolvenz herausstellte - mitunter fragwürdige Geschäftspraktiken verschafften ihm einen unternehmerischen Vorsprung. Filmjournalisten fuhren auf Kosten Kirchs zu wichtigen Filmfestivals. Er erhielt so aus erster Hand Einschätzungen zu künftigen Kassenschlagern und sicherte sich vielfach vor der Konkurrenz die Filmrechte. Kirch pflegte enge Beziehungen zu Spitzenpolitikern wie Helmut Kohl (CDU, 1930-2017, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz 1969-1976, Bundeskanzler 1982-1998) oder Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, u. a. Ministerpräsident 1978-1988). Wichtige Vertragsverhandlungen führte Kirch stets persönlich und alleine und machte das Unternehmen stark von seiner Person abhängig. Erst ab den 1980er Jahren führte Klaus Hallig (gest. 2013), Kirchs Statthalter in den USA, die Verhandlungen mit den Majors.

Leo Kirch (1926-2011) im Gespräch mit Max Strauß (geb. 1959), dem ältesten Sohn des späteren bayerische Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Ministerpräsident 1978-1988) bei einer Feier in München. (INTERFOTO / Hug)

Die Verbreitung des Fernsehens machte das Geschäftsmodell noch einträglicher. Die Lizenzgebühren pro Film stiegen von 29.500 DM 1959 auf 90.000 DM 1968. Große Rahmenverträge mit ARD und ZDF im Volumen von 15–50 Mio. DM sicherten die Existenz des Unternehmens. Mittlerweile zählte die Synchronisation (u. a. "Citizen Kane", "Laurel und Hardy", "Raumschiff Enterprise") ebenso zum Geschäft wie seit Mitte der 1960er Jahre die selten profitable Produktion von Opern- und Konzertaufnahmen. Seit Ende der 1960er Jahre trat die KirchGruppe über Tochterfirmen (u. a. "Iduna", "Cosmotel", "Unitel", "CBM") als Koproduzentin für Film- und Fernsehproduktionen auf und erhielt so noch vor Drehbeginn deren Ausstrahlungsrechte (u. a. "Pippi Langstrumpf", "Heidi", "Die Biene Maja").

Die Zahl der Mitarbeiter stieg von acht Ende der 1950er auf knapp 400 1975 (2002: rund 11.000). Bis Ende der 1970er Jahre war die KirchGruppe wichtigster und größter Lizenzgeber der deutschen Rundfunkanstalten.

Anfang der 1980er versuchte die ARD, den Quasi-Monopolisten zu umgehen, und trat direkt an die Majors heran. Zwar gelang ihr der Abschluss eines Geschäfts mit Metro Goldwyn Meyer (MGM) über 1.575 Spielfilme und 390 Serienepisoden (Volumen: 80 Mio. US-Dollar), allerdings konnte Kirch fast parallel zu diesem Coup mit dem zur ARD gehörenden Bayerischen Rundfunk (BR) sowie dem ZDF ein ebenfalls sehr einträgliches Geschäft abschließen.

Aufbruch in ein neues Fernsehzeitalter (1984–1997)

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU, 1930-2017) und Leo Kirch (1926-2011) verband zeitlebens eine Freundschaft, die aufgrund von Kohls politischen Ämtern nicht ganz unproblematisch war. Nach seiner Kanzlerschaft war Kohl für Kirch als Berater tätig. Das dafür bezogene hohe Honorar warf Fragen zu Einflussnahmen Kohls im Sinne Kirchs während seiner Amtszeit auf. Kohl begrüßte Kirch in Königswinter (Nordrhein-Westfalen) am 14. Mai 1996. (imago/Jürgen Eis)

Die bis dahin in der Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße ansässige Konzernzentrale zog aus Kapazitätsgründen 1982 nach Unterföhring (Lkr. München). Anfang der 1980er Jahre saß Kirch in einem Senderkonsortium, das über den Privatsender Sat.1 (Sat.1 Satelliten Fernsehen GmbH) seit 1984 über Satellit und seit 1985 über Kabel Filme und Serien sendete. Das führte zu einer tiefgreifenden Verstimmung zwischen Kirch und den Öffentlich-Rechtlichen, die kein Interesse daran hatten, Lizenzen von mit ihnen konkurrierenden Sendern zu kaufen. Doch sie kamen um Kirch nicht herum: Einerseits gründete die KirchGruppe unzählige Tochterunternehmen, die ihrem Gegenüber nicht als solche zu erkennen waren; andererseits erwuchs seit Mitte der 1980er Jahre mit dem Privatfernsehen ein weiteres, viel einträglicheres Standbein. Die weltweit zu den größten ihrer Art zählende Filmbibliothek wurde noch wertvoller (rund 15.000 Programmstunden Sendematerial). Seit 1988 besaß die KirchGruppe mit dem Sender Pro 7 (ProSieben Television GmbH) einen eigenen Absatzkanal, nachdem sie Mitgesellschafter des 1986 gegründeten Fernsehsenders Eureka Television GmbH geworden war. 1992 erfolgte die Gründung von Kabel 1. Fast gleichzeitig wurde der Pro 7-Konkurrent Tele 5 aus Ismaning (Lkr. München) übernommen und die Konzernzentrale dorthin verlagert. Pro 7 und Kabel 1 entwickelten sich unter dem Kirch-Vertrauten Georg Kofler (geb. 1957) zu bedeutenden deutschen Fernsehsendern (Marktanteil 2002: 20 %).

Leo Kirch (1926-2011) Mitte der 1990er Jahre. (INTERFOTO / Ursula Düren)

1990 übernahm die KirchGruppe die Sendefrequenz des Pay-TV-Senders Teleclub (Schweiz). Ab Februar 1990 wurden unter dem Sendenamen Premiere zunächst aktuelle Spielfilme, bald auch Live-Sport, Dokumentationen und Konzerte ohne Werbeunterbrechung und lange vor deren Ausstrahlung im Free-TV gesendet. Premiere war ein Gemeinschaftsunternehmen von KirchGruppe, Bertelsmann AG und Canal+ (Frankreich). Gemeinsam mit der Telekom wollten die drei Partner ab 1994 über deren Kabelnetz Pay-TV weiterverbreiten. Das Vorhaben wurde von Bundeskartellamt und EG-Kommission vereitelt, da die Telekom beinahe alleiniger Kabelnetzbetreiber war und die neu gegründete Media Service GmbH (MSG) über technische Zugangskontrollen zum Kabelnetz andere Pay-TV-Wettbewerber auszuschließen drohte. Selbst die politische Fürsprache durch Bundeskanzler Kohl half nicht.

Nach einem Streit unter den Premiere-Eigentümern gründete Kirch 1996 den Pay-TV-Sender DF1, der über Satellit und später auch über Kabel zu empfangen war. Abonnenten konnten über das sog. d-Box Multimedia Terminal (kurz: d-box) das verschlüsselte Angebot empfangen. Mit lediglich rund 20.000 Abonnenten blieb DF1 weit hinter den Erwartungen zurück und erreichte nie die Gewinnzone, obwohl zunächst nur Material der KirchGruppe gesendet wurde. Ein Ausweg lag in der Fusion von Premiere und DF1, die das Kartellamt allerdings zunächst versagte. Erst als Bertelsmann und Canal+ ihre Anteile an Premiere an die KirchGruppe verkauft hatten (rund 1 Mrd. DM), konnte 1999 das Angebot unter dem Namen "Premiere World" starten.

Der Anfang vom Ende (1998–2002)

Leo Kirch (1926-2011) und sein Anwalt Peter Gauweiler (CSU, geb. 1949) vor der Vernehmung durch den 1. Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages, dem sog. Parteispenden-Untersuchungsausschuss, im Bundesministerium der Finanzen am 15. November 2001. (Marco Urban/Süddeutsche Zeitung Photo)
Ein Kameramann des Kirch-Senders Premiere World filmt am Samstag, dem 6. April 2002 bei einem Bundesligaspiel im Münchner Olympiastadion. Kirch gehörte nicht nur zu den Pionieren des Privatfernsehens, auch im sog. Pay-TV war die KirchGruppe von Anfang an führend. Seit 1991 konnten Abonnenten exklusive Inhalte über den Sender Premiere empfangen. Nach Streitigkeiten unter den Eigentümern ging Kirch 1996 mit dem Sender DF1 zunächst eigene Wege, bevor Kirch 1999 beide Sender unter dem Namen Premiere World fusionierte. (ap/dpa/picture alliance/Süddeutsche Zeitung Photo)

Von Beginn an vollführte Leo Kirch finanzielle Drahtseilakte. Nicht selten stand dabei das wirtschaftliche Überleben seines Unternehmens auf dem Spiel (bspw. erwarb Kirch über ein eigens hierfür gegründetes Tochterunternehmen 1996 für rund 1,9 Mrd. Euro die Rechte an den Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006). Kirchs enge Kontakte in höchste politische Kreise sicherten ihm einen Wissensvorsprung bei wichtigen Entwicklungen und brachten ihm bedeutende Fürsprecher ein - auch in Fragen seiner Kreditwürdigkeit. Obwohl die Deutsche Bank der KirchGruppe 1998 intern eine mangelnde Bonität bescheinigte, erhielt sie offenbar nach Fürsprache des damaligen Bundeskanzlers Kohl bei Rolf E. Breuer (geb. 1937), dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, einen weiteren Kredit über 700 Mio. DM.

Neuerliche Probleme tauchten in den 1990er Jahren aufgrund unternehmerischer Fehleinschätzungen auf. Insbesondere das Pay-TV bot Anlass zur Sorge (operativer Verlust von Premiere 2000: 990 Mio. DM; 2001: über 1 Mrd. DM). Zudem drückte die KirchGruppe selbst die Preise, da sie möglichst viele Film- und Fernsehrechte in den Markt bringen wollte. Das schmälerte die Attraktivität des Pay-TV, da exklusive Bezahlinhalte viel zu schnell im Free-TV zu sehen waren. Über langfristig geschlossene Verträge mit den Majors sicherte sich die KirchGruppe zwar unzählige Rechte (bspw. erwarb Kirch 1996 für 1,5 Mrd. DM die Rechte sämtlicher Produktionen von Paramount-Pictures); aufgrund der schlechten Lage im Pay-TV konnten sie allerdings nicht so schnell wie gedacht refinanziert werden. Auch der 1,5 Mrd. DM teure, von der Bayerischen Landesbank (BayernLB) finanzierte Einstieg in die Formel 1 wurde ein finanzielles Desaster. Die hohen Preise wurden u. a. vom sog. Dotcom-Boom getrieben, der Mitte der 1990er Jahre einsetzte. Sein Ende im Jahr 2000 zog auch die KirchGruppe in Mitleidenschaft. Versuche, über den Verkauf einzelner Geschäftsfelder oder Rechte größere finanzielle Spielräume zu erhalten, halfen nur kurzfristig (u. a. Verkauf sämtlicher Kinder- und Jugendfilme an ein Joint Venture mit EM.TV; Verkauf sämtlicher Video- und DVD-Rechte an "Kinowelt").

Viele unternehmerisch äußerst riskante Entscheidungen sind darauf zurückzuführen, dass langjährige Berater Kirchs durch die 1997 erfolgte Ernennung Dieter Hahns (geb. 1961) zum Geschäftsführer der KirchGruppe bei Leo Kirch kein Gehör mehr fanden oder bereits nicht mehr für ihn tätig waren. Hahn war 1993 vom Axel-Springer-Verlag gekommen und hatte sich als Geschäftsführer von DSF Kirchs Vertrauen erarbeitet. Er galt bald als unternehmerischer Ziehsohn Kirchs, wohl auch, weil er wie Kirch hohe unternehmerische Risiken nicht scheute.

Ende 2001 zweifelten einige Banken (u. a. Dresdner Bank, HypoVereinsbank, BayernLB) intern, ob Kredite der KirchGruppe über mehrere hundert Mio. DM verlängert werden konnten. Gleichzeitig sorgten diverse Ankündigungen über Sendeplatzverlagerungen des Sat.1-Fußballmagazins "ran" bundesweit bis in höchste politische Kreise um Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD, geb. 1944, Bundeskanzler 1998-2005) für Stimmung gegen die gesamte KirchGruppe. Nach wochenlanger schlechter Presse wurden die Änderungen zurückgenommen.

Das Unternehmen schlitterte Ende 2001 trotz einiger Restrukturierungsversuche wie der Einsetzung Koflers als Chef von Premiere zum 1. Februar 2002 in die Krise. Zwei Monate später musste die KirchGruppe mit ihren Teilunternehmen Kirch-Media GmbH & Co.KGaA (Kirch-Media; zum Zeitpunkt der Insolvenz 595 Mitarbeiter), Kirch-PayTV GmbH & Co.KGaA (Kirch-PayTV) und Kirch-Beteiligungs GmbH & Co.KG (Kirch-Beteiligung) aufgrund immenser Schulden in Höhe von 6,5 Mrd. DM Insolvenz anmelden. Die KirchGruppe war zu diesem Zeitpunkt an insgesamt 255 Firmen beteiligt, davon allein an 145 zu 100 %.

Auslöser für die Insolvenz waren mehrere Kredit- bzw. Zahlungsfälligkeiten der Dresdner Bank im April 2002 und des Axel Springer Verlags sowie die hohe finanzielle Belastung durch die Verträge mit den Majors. Springer besaß eine Minderheitsbeteiligung an ProSiebenSat.1 und forderte jetzt für diesen Anteil (rund 12 %) aufgrund einer Vertragsklausel rund 770 Mio. DM. Zuvor war die angedachte Fusion zwischen KirchMedia und ProSiebenSat.1 wegen des bereits eröffneten Insolvenzverfahrens gescheitert. Öffentlich stellte Rolf E. Breuer am 4. Februar 2002 im Fernsehsender Bloomberg die Zahlungsfähigkeit der KirchGruppe in Frage – ein fatales Zeichen für das Unternehmen und seine Kreditgeber. Weitere Kreditfälligkeiten folgten. Der Verkauf des 40 %-Anteils am Axel Springer Verlag an die HypoVereinsbank für 1,1 Mrd. Euro entspannte die Lage nur kurzfristig.

Medienberichte förderten nun das finanzielle Beziehungsgeflecht Leo Kirchs zu Spitzenpolitikern teilweise zu Tage. Neben Kohl profitierten offenbar auch die ehemaligen Bundesminister Theo Waigel (CSU, geb. 1939, Bundesfinanzminister 1989-1998), Jürgen Möllemann (FDP, 1945-2003, Bundesbildungsminister 1987-1991, Bundeswirtschaftsminister 1991-1993), Wolfgang Bötsch (CSU, 1938-2017, Bundesminister für Post und Telekommunikation 1993-1997) und Rupert Scholz (CDU, geb. 1937, Bundesverteidigungsminister 1988-1989) von verdeckten oder direkten Zahlungen. Kirchs Rolle im CDU-Parteispendenskandal wurde bislang noch nicht geklärt. Dass er vermutlich eine wichtige Rolle gespielt hat, lässt sich aus einer Spende aus dem Jahr 2000 erschließen, als er insgesamt 1 Mio. DM an die CDU spendete und damit einen erheblichen Teil der angeordneten Strafzahlungen begleichen konnte.

Vor und während der Insolvenz vermieden es bundesdeutsche Politiker, sich aktiv einzumischen. Dennoch wurde sowohl auf Bundes- wie auch Landesebene über die Folgen einer möglichen Zerschlagung debattiert. Während sich Bundeskanzler Schröder einer Übernahme des Kirch-Imperiums durch Rupert Murdoch (geb. 1931) in einem Interview des SPIEGEL nicht abgeneigt zeigte ("Ich glaube, wenn er ähnlich erfolgreich wie in England Pay-TV macht, sollten wir keinen Einwand haben", DER SPIEGEL, 30.3.2002), sorgten sich andere Bundes- und Landespolitiker teilweise heftig um die deutsche Medien- und Meinungsvielfalt, sollten ausländische Medienmogule wie Murdoch oder Silvio Berlusconi (geb. 1936, italienischer Ministerpräsident 1994-1995, 2001-2005, 2005-2006, 2008-2011) das Kirch-Imperium übernehmen. Der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Fritz Kuhn (geb. 1955, Bundesvorsitzender 2000-2002), wollte sogar rechtlich prüfen lassen, wie ein Einstieg Berlusconis verhindert werden konnte.

Streit um die Kirch-Milliarden (2002–2014)

Fast gleichzeitig mit der Insolvenz und dem stufenweisen Rückzug Leo Kirchs aus dem operativen Geschäft verklagte er die Deutsche Bank und Rolf E. Breuer persönlich auf Schadenersatz in Höhe von 1,6 Mrd. Euro. Es folgte ein jahrelanger, mit höchst prominenten Zeugen besetzter Rechtsstreit, der sich bis über den Tod Leo Kirchs 2011 hinaus zog. Ein 2011 vom Oberlandesgericht München vorgeschlagener Vergleich über 775 Mio. Euro wurde von der Deutschen Bank abgelehnt. Erst am 20. Februar 2014 konnten sich die Parteien nach zahllosen Verhandlungen und Gutachten auf einen Vergleich über rund 1 Mrd. Euro einigen.

Nachfolgeunternehmen

Logo der KirchGroup. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons])

Die Insolvenz der Kirch-Gruppe bedeutete nicht das Ende der zahlreichen Einzelunternehmungen und Beteiligungen und schon gar nicht das Ende des unternehmerischen Wirkens des Medienmoguls. Die Bestandteile der Gesellschaften Kirch-Media, Kirch-PayTV und Kirch-Beteiligung wurden veräußert. Von den über 11.000 Arbeitsplätzen zum Zeitpunkt der Insolvenz konnten fast alle erhalten werden. Drei Beispiele verdeutlichen die komplizierten Geschäftsbeziehungen innerhalb der KirchGruppe:

Schon im September 2002 übernahm ProSiebenSat.1, deren Mehrheitseigentümer 2002 mit 88,52 % der Aktien die KirchMedia war (die restlichen Anteile wurden vom Axel Springer Verlag gehalten), die Kirch Intermedia GmbH. An dieser Stelle wird auch die komplexe Eigentümerstruktur von Kirchs Firmenimperium deutlich: Schon vor dieser Übernahme besaß ProSiebenSat.1 49,9 % der Anteile an Kirch Intermedia. Von KirchMedia wurden 30,1 % und von Kirch-PayTV 20 % der Anteile erworben. Die von der KirchMedia gehaltenen Anteile an ProSiebenSat.1 wurden 2003 von Investoren des US-amerikanisch-israelischen Unternehmers Haim Saban (geb. 1944) erworben.

Der Sender DSF und dessen Tochtergesellschaft, die Produktionsfirma Plazamedia, sowie das Onlineportal sport1 wurden für rund 20 Mio. Euro von einem Konsortium erworben, dem neben EM.TV auch der Kaufhauskonzern KarstadtQuelle und Hans-Dieter Cleven (geb. 1943, Eigentümer des Sportartikelherstellers Völkl) angehörten. Die Constantin Film AG, an der die KirchGruppe seit 1986 beteiligt war, übernahm wiederum 2003 über ihre Tochtergesellschaft Constantin Entertainment GmbH 2003 für rund 4,5 Mio. Euro von der Taurus Produktion GmbH (Eigentümer Kirch-Media zu 100 %) insgesamt 61 % an der erst 2001 gegründeten KirchMedia Entertainment. EM.TV wiederum war seinerzeit mit über 20 % an Constantin Film beteiligt. Zu EM.TV gehörten die beiden Segmente EM.Sport Media und EM.Entertainment Media. Seit April 2009 firmiert die ehemalige EM.Sport Media AG (ehemals EM.TV) unter dem Namen Constantin Medien AG. Eigentümer der Gesellschaft war mit über 18 % die KF 15 Management GmbH & Co. KG (hinter der Abkürzung KF15 verbirgt sich die Büroadresse von Leo Kirch, Kardinal-Faulhaber-Str. 15), an der Leo Kirchs Ehefrau Ruth Kirch mit 47,5 % beteiligt war. Die übrigen Anteile hielt der ehemalige Geschäftsführer Leo Kirchs, Dieter Hahn.

Bewertung

Leo Kirch prägte mit seiner KirchGruppe von Anfang an die deutsche (und teilweise auch die europäische) Medienlandschaft. Aus einem Zwei-Mann-Betrieb entstand mit unternehmerischem Spürsinn und teilweise zweifelhaften Geschäftsmethoden ein Medienkonzern, der auf den unterschiedlichsten Geschäftsfeldern (Rechtehandel, Produktion, Synchronisation etc.) zum Teil höchst erfolgreich agierte. Mit seiner seit Ende der 1950er Jahre stetig wachsenden Marktmacht konnte der Konzern bis Anfang der 1980er Jahre den Rundfunkanstalten die Preise für bezogenes Film- und Fernsehmaterial diktieren. Ein strukturelles Problem für die KirchGruppe und ihre Film- und Fernsehrechte wurden seit Ende der 1980er Jahre Seifenopern und Talkshowsendungen, die erheblich günstiger und massenweise für den Fernsehmarkt produziert wurden, teilweise sogar von den Fernsehanstalten selbst. Mit dem Einstieg in das in Deutschland nicht profitable Pay-TV (inkl. der technischen Entwicklung von Verschlüsselungs- und Empfangsgeräten) und einigen anderen riskanten Investitionen (u. a. Formel 1) verkalkulierte sich das Unternehmen. Es folgte die bis dahin größte Insolvenz der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die medienpolitische Bedeutung Leo Kirchs und seiner KirchGruppe besteht bis heute nicht nur darin, über Jahrzehnte das deutsche Fernseh- und Kinoprogramm direkt oder indirekt mitgestaltet zu haben. Vielfach sicherten und verbreiteten Tochterfirmen filmisches und musikalisches Erbe. In diesem Zusammenhang sind zu nennen (meist sehr kostspielig und defizitär): die Produktion klassischer Musik (u. a. Herbert von Karajan [1908-1989], Leonard Bernstein [eigtl. Louis Bernstein, 1918-1990]), die Restaurierung von Filmmaterial (u. a. das Werk von Ingmar Bergman [1918-2007]) oder die Suche nach verloren geglaubtem Filmmaterial in Archiven weltweit.

Quellen- und Forschungsstand

Mit Ausnahme einiger weniger Arbeiten über Leo Kirch sind Unterlagen zu dessen unternehmerischen Aktivitäten kaum greifbar. Die KirchGruppe war aufgrund ihrer Unternehmensform nicht gezwungen, Geschäftsberichte oder -zahlen zu veröffentlichen. Interne Informationen sind nur sehr schwer zu bekommen. Eine Besserung wäre wohl durch den 2002 geplanten Börsengang eingetreten, zu dem es durch die Insolvenz nicht mehr kam.

Dokumente

Literatur

  • Klaus Behling, Fernsehen aus Adlershof: Das Fernsehen der DDR vom Start bis zum Sendeschluss, Berlin 2016.
  • Thomas Clark, Der Filmpate. Der Fall des Leo Kirch, Hamburg 2002.
  • Lutz Hachmeister (Hg.), Grundlagen der Medienpolitik. Ein Handbuch, München 2008.
  • Knut Hickethier, Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart/Weimar 1998.
  • Markus Preiß, Aufstieg und Fall des Kirch-Konzerns. Eine medienökonomische Analyse, o. O. 2002.
  • Michael Radtke, Außer Kontrolle. Die Medienmacht des Leo Kirch, Zürich 1996.
  • Marcel Rosenbach, Kirch, Leo, in: Lutz Hachtmeister (Hg.), Grundlagen der Medienpolitik. Ein Handbuch, München 2008, 196-200.
  • Irmela Schneider, Ein Weg zur Alltäglichkeit. Spielfilme im Fernsehprogramm, in: Helmut Schanze/Bernhard Zimmermann (Hg.), Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland. 2. Band, München 1994, 227-301.

Quellen

Weiterführende Recherche


Kirch-Gruppe, Kirch Media, Sirius-Film, Beta-Film, Taurus-Film, KirchHolding GmbH & Co. KG , TaurusHolding GmbH & Co. KG, KirchPayTV GmbH & Co. KGaA, KirchBeteiligung GmbH & Co. KG

Empfohlene Zitierweise

Bernhard von Zech-Kleber, KirchGruppe, publiziert am 12.12.2018; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/KirchGruppe> (24.03.2019)