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Fuggerkapelle bei St. Anna, Augsburg

Die St.-Anna-Kirche auf einem Stich aus der Ansichtensammlung "Augusta Vindelicorum" von Simon Grimm, 1704. Die Fuggerkapelle befindet sich im Westchor (re.). (Foto: Bayerische Staatsbibliothek)
Blick in das Langhaus, 1985. Die Fuggerkapelle bildet den Westchor der Kirche (re.). (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege)
Die Epitaphienwand. Die beiden äußeren Grabdenkmäler erinnern an Jakob Fugger. Rechts der Mitte das Epitaph für Georg, links für Ulrich Fugger. (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege)
Linkes Epitaph für Jakob Fugger. (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege)
Auferstehung Christi, Entwurf von Albrecht Dürer für das Epitaph Ulrich Fuggers. Insgesamt sind sechs Zeichnungen überliefert, in denen sich Dürer mit der Fuggerkapelle befasste. (Foto: Germanisches Nationalmuseum)
Der Fußboden mit Rosetten, Wappen (Lilien) und Handelszeichen der Fugger (Dreizack und Ring). (Foto: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege)

von Georg Paula

Grabkapelle der Augsburger Händlerfamilie der Fugger vom Beginn des 16. Jahrhunderts. Frühes Zeugnis einer kulturellen Symbiose von Renaissance und einheimischen Traditionen. Die vielschichtige Symbolik von Raum und Ausstattung verweist auf Ruhm, Vergänglichkeit und Totengedächtnis. Maßgeblich bestimmte offenbar Albrecht Dürer (1471-1528) die Planungen. Der Stil der Ausstattung verweist auf bedeutende regionale Künstler, deren Beteiligung allerdings nicht archivalisch nachweisbar ist.

Geschichte und Bedeutung

Um 1506 beschlossen die Brüder Georg (gest. 1506), Ulrich (gest. 1510) und Jakob Fugger (gest. 1525), bei der 1321 gegründeten, nach einem Brand 1461 bis 1464 wieder aufgebauten und in den Jahren ab 1487 erweiterten Karmeliterklosterkirche (jetzt Ev.-Luth. Pfarrkirche St. Anna) eine Kapelle zu stiften. Sie sollte als Gedächtnisstätte und als Grablege jener Kaufmanns- und Adelsfamilie dienen, die über die Grenzen Augsburgs hinaus europaweite Bedeutung erlangt hatte. Die Gründungsurkunde ist mit dem 4. April 1509, die päpstliche Bestätigung mit dem 19. November 1509 datiert. Beide sind nur in Abschriften des 18. Jahrhunderts erhalten.

Die Frage nach dem Architekten konnte bisher nicht eindeutig beantwortet werden. Vorgeschlagen wurden neben einem italienischen Meister die einheimischen Sebastian Loscher (1482/83-1541) und Hans Burgkmair (1473-1531), doch scheint Albrecht Dürer (1471-1528) von Anfang an maßgeblich in die Planung eingeschaltet gewesen zu sein. Als ausführende Baumeister werden Burkhard Engelberg (um 1450-1512), Hans Hieber (gest. 1521) bzw. Jakob Zwitzel (um 1470-1540) genannt, deren Namen aber ebenso wenig überliefert sind wie die der entwerfenden und ausführenden Künstler der Ausstattung. Stilistische Gründe lassen allerdings auf eine Mitarbeit von Adolf und Hans Daucher (1460/65-1523 und ca. 1486-1538), Hans Burgkmair und Jörg Breu d. Ä. (1475/76-1537) schließen.

1509 bis 1512 wurde der Bau errichtet (vgl. die Jahreszahl MDXII in den Kartuschen unterhalb der Seitenfenster). Am 17. Januar 1518 fand die Weihe statt. Ergebnis war nicht nur "das früheste und vollkommenste Denkmal der Renaissance auf deutschem Boden", dessen "kunstgeschichtliche Bedeutung in der schlackenlosen Verschmelzung italienischer, speziell venezianischer Vorbilder mit der einheimischen Tradition liegt", sondern auch ein Zeugnis der Memorialkultur von europäischem Rang, das "in der Baukunst seiner Zeit nördlich der Alpen weder unmittelbare Vorläufer noch Nachfolger" hatte (Bushart).

Die Kapelle

Außen gibt sich die Kapelle nur durch größere Fenster und das Fuggerwappen unterhalb der Giebelspitze als westliche Erweiterung der Kirche, die eine malerisch gestufte Gebäudegruppe von bunter Formenvielfalt in der Stadtmitte Augsburgs bildet, zu erkennen. Im Innern präsentiert sie sich als wohlproportionierter, lichter Raum mit quadratischem Grundriss am Ende des Mittelschiffs, der in weiten Arkaden gegen die unregelmäßigen Abseiten geöffnet ist.

Die Architekturglieder sind bis zum umlaufenden Gesims mit Marmor verkleidet und stellenweise vergoldet, die Pfeiler und das Gebälk fein profiliert. Der aus verschiedenem Marmor zusammengesetzte, kostbare Fußboden ist von einer Marmorbrüstung mit sitzenden Putten umgeben, die wohl Hans Daucher um 1530 vollplastisch ausarbeitete und die - nachdem ihre Bedeutung ungeklärt ist - als Sinnbilder des Ruhmes und der Vergänglichkeit interpretiert werden. Der Boden zeigt Rosetten sowie mehrfach das Wappen (Lilien) und das Handelszeichen der Fugger (Dreizack und Ring). Darunter befindet sich deren Gruft mit vier Grabkammern. Ähnlich aufwendig gestaltet wurde das rosettenförmig figurierte Rippengewölbe mit seinen Stuckrosetten, den stilisierten Lilien und einer gold- und silbergefassten Muttergottesscheibe am Schlussstein.

Die Fuggerepitaphien

Im Westen schließt eine vierteilige, leicht nach innen abgeknickte Epitaphienwand den Raum ab. Über dieser sitzt eine schmale, ursprünglich nach Osten vorkragende Orgeltribüne. Blendarkaden zwischen Pilastervorlagen und verkröpftem Gebälk rahmen die vier rundbogigen Grabdenkmäler, deren Konzeption auf italienische Anregungen zurückgeht und deren Ausführung der Werkstatt Adolf Dauchers zugewiesen wird. Das Epitaph rechts der Mitte ist Georg, das linke Ulrich Fugger zugeordnet; beiden liegen Zeichnungen Albrecht Dürers zugrunde. Die Reliefs stellen Simsons Kampf gegen die Philister und die Auferstehung Christi dar; darunter ruht jeweils der in Tücher gewickelte Verstorbene, dessen Verdienste eine Inschriftenplatte mit Putten würdigt. Die beiden äußeren Epitaphien für Jakob Fugger variieren durch die Vereinigung von Fuggerwappen, Trophäen, antikisch gerüsteten Herolden und gefesselten Sklaven in perspektivisch vertieften Säulenhallen das Thema der Vergänglichkeit irdischer Größe. Nach den drei Brüdern wurden nur mehr Raymund (gest. 1535) und Hieronymus Fugger (gest. 1538) hier bestattet.

Weitere Ausstattung

Hauptwerk und Rückpositiv der Orgel hat Johann von Dobrau 1512 geliefert. 1944 wurden sie zerstört und nach dem Krieg durch Nachbildungen ersetzt. Die großen Flügel mit der Himmelfahrt Christi und der Himmelfahrt Mariä malte wohl um 1520 Jörg Breu d. Ä., der auch für die kleinen Tafelbilder des Positivs mit der Erfindung und Bewahrung der Musik (außen) und mit der Entdeckung des Gesetzes von Gewicht und Ton durch Pythagoras (um 570 v. Chr. - nach 510 v. Chr.) sowie einer Kantorei beim Kirchengesang (innen) verantwortlich gewesen sein dürfte.

Die ursprünglich nach Osten gewendete, freistehende Marmorgruppe auf dem Altar zeigt eine Fronleichnamsgruppe, die in vieldeutiger Weise auf Altarsakrament sowie Totenbegräbnis und -gedächtnis verweist. Der Leib Christi wird - von einem Engel gestützt und an den ausgebreiteten Armen von Maria und Johannes gehalten - der Verehrung dargeboten. Das Werk gehört zu den edelsten Skulpturen der deutschen Renaissance unter venezianischem und schwäbischem Einfluss. Zwischen 1512 und 1517 entstanden, wird Hans Daucher als Meister angenommen, wie auch bei den teilweise nach Graphiken Albrecht Dürers meisterlich ziselierten Predellareliefs mit der Kreuztragung, der Kreuzabnahme und mit Christus in der Vorhölle.


Veränderungen und Verluste

Obwohl die Kirche 1548 an die Protestanten überging, sorgten die Fugger weiterhin für den Unterhalt der Kapelle. 1581 ließen sie die Fronleichnamsgruppe in die neu erbaute Markuskirche der Fuggerei übertragen. Ein bereits 1558/60 durch Thomas Geyger als Abgrenzung gegen den übrigen Raum eingebautes, schmiedeeisernes Gitter wurde 1818 bei der wohl nach Plänen von Johann Michael Voit (1771-1846) durchgeführten Umgestaltung samt Altarmensa und Marmorbalustrade abgebrochen. Gleichzeitig erhöhte man den Fußboden gegenüber dem Mittelschiff, verdeckte die Epitaphien durch Leinwandblenden, nahm die Orgelflügel ab und beseitigte die Stuckrosetten an Arkaden und Gewölben. Die weitgehende Wiederherstellung des alten Zustands war das Ziel einer umfassenden Renovierung 1921/22, bei der unter anderem die Altarmensa und die umlaufende Marmorbalustrade rekonstruiert und die Altarfiguren an den alten Platz zurückgeführt wurden. Die erheblichen Schäden vom 25./26. März 1944 konnten nach ersten Sicherungsmaßnahmen erst ab Herbst 1948 behoben werden.

Literatur

  • Franz Bischoff, Burkhard Engelberg: "Der vilkunstreiche Architector und der Statt Augspurg Wercke Meister". Burkhard Engelberg und die süddeutsche Architektur um 1500. Anmerkungen zur sozialen Stellung und Arbeitsweise spätgotischer Steinmetzen und Werkmeister (Schwäbische Geschichtsquellen und Forschungen 18), Augsburg 1999, 124-134.
  • Bruno Bushart, Die Fuggerkapelle bei St. Anna in Augsburg, München 1994.
  • Thomas Eser, Hans Daucher. Augsburger Kleinplastik der Renaissance, München/Berlin 1996, 43-47, 197-199, 208-212, 234-262.
  • Benjamin Scheller, Memoria an der Zeitenwende. Die Stiftungen Jakob Fuggers des Reichen vor und nach der Reformation (ca. 1505-1555) (Stiftungsgeschichten 13), Berlin 2004.

Quellen

  • Bruno Bushart, Die Fuggerkapelle bei St. Anna in Augsburg, München 1994, 413-435. (Quellenanhang; darin u. a. Stiftungsurkunde der Kapelle vom 4. April 1509 [413-415] und erste päpstliche Bestätigungsurkunde vom 19. November 1509 [415-417])

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Georg Paula, Fuggerkapelle bei St. Anna, Augsburg, publiziert am 31.05.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fuggerkapelle_bei_St._Anna,_Augsburg> (21.09.2018)