Bischofsspiel

Darstellung eines Schülerbischofs mit zwei Ministranten im Kollegiatstift St. Stephan in Bamberg um 1581/83. (Kolorierte Zeichnung aus: Index omnium Festorum et sanctorum secundum ordinem Stephaninae ecclesiae Bambergae annuatim dies demomtrans, Staatsbibliothek Bamberg, HV.Msc. 476, 251v)

von Manfred Knedlik

An mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen herrschte der Brauch, dass Scholaren und Chorknaben, mitunter auch junge Kleriker und Kanoniker, an bestimmten Festtagen um die Weihnachtszeit einen Kinderbischof wählten. Dieser durfte bei Vespern kultische Aufgaben übernehmen, Segen spenden und Umzüge anführen. Oftmals arteten diese Aktivitäten aus, sodass eine Vielzahl der erhaltenen Quellen zu diesem Brauch Regulatorien und Verbotsdekrete sind. Das Kinderbischofsfest ist Teil der mittelalterlichen Liturgie und Förmmigkeitspraxis und Beispiel für mittelalterliche Festkultur und Theatertradition.

Brauchformen

Das Schülerfest, das auf die zentrale Gestalt des Kinder- oder Knabenbischofs (episcopus puerorum, scholarium oder infantum) bezogen ist, lässt sich im gesamten west-, mittel- und südeuropäischen Raum, insbesondere in Frankreich, den Niederlanden, England und im deutschen Sprachgebiet, vom 10. bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert belegen. An mittelalterlichen Dom-, Stifts- und Klosterschulen herrschte der Brauch, dass Scholaren und Chorknaben, mitunter auch junge Kleriker (Subdiakone, Hypodiakone) und Kanoniker (z. B. in Eichstätt), an bestimmten Festtagen oder an deren Vorabend aus ihren Reihen einen "Bischof" (seltener einen "Abt", in Augsburg einen "Papst") wählten. Ein möglicher Zusammenhang mit vor- und außerchristlichem Brauchtum in römischen und orientalischen Kulten (Kalendenfest, Saturnalien, Narrenkönig) wurde in der Forschung lange und intensiv diskutiert.

Die "Casus sancti Galli" des Mönches Ekkehard IV. von St. Gallen (ca. 980-1057) berichten für das Jahr 911 von einer "processio infantum" während der Vesper am Tag der Unschuldigen Kinder (28. Dezember) in Anwesenheit von König Konrad I. (reg. 911-918), der den Knaben fortan drei Spieltage bewilligte. Außerdem beschrieben sie die Gefangennahme und Lösung des Bischofs Salomo III. von Konstanz (reg. 890-919) bei einer solchen Gelegenheit (Kap. 14, 16, 26). Eindeutig belegt ist das Kinderbischofsfest im Offizium Infantum von Rouen, einem liturgischen Regelwerk aus dem 11. Jahrhundert.

Trotz unterschiedlicher Ausgestaltung im Detail lief das Bischofsspiel, wie es beispielsweise Sebastian Franck (ca. 1499-1543) in seinem "Weltbuch" (1534) schildert, im Kern offenbar überall ganz ähnlich ab: Versehen mit bischöflichen Pontifikalgewändern und Insignien (Krummstab, Mitra) zog der Gewählte in feierlicher Prozession, in Begleitung kindlicher "Diakone" oder "Kapläne" und der übrigen Schülerschaft, in die Kirche ein, wo er und sein Gefolge das hohe Chorgestühl einnahmen. Den Gottesdienst zelebrierte der Kinderbischof nicht, jedoch durfte er, insbesondere zu den Vespern, einen Teil der kultischen Aufgaben wahrnehmen, wenn er geistliche Reden verlas, die Kollekte sang und den Segen spendete. Zu diesen liturgischen Diensten traten zunehmend abendliche Umzüge und Umritte, Vermummung der Teilnehmer, Gastmähler sowie "Steuer-" und Tributforderungen als weltliche Höhepunkte des Festes. In München sind Bettel- und Bittgänge, angeführt von einem "Bischof" zu Pferd, für die Kantoren und Singknaben der Frauenkirche (2. Hälfte 16. Jahrhundert) und der Peterskirche (1. Hälfte 17. Jahrhundert) bezeugt.

Oftmals nahmen die Aktivitäten der halbwüchsigen Brauchträger einen ungeplanten Verlauf. Von kirchlicher und städtischer Seite wurde Klage geführt über blasphemische Handlungen, aufdringliche Bettelei, nächtliches Singen in den Straßen und übermäßige Verschwendung. Vereinzelt waren sogar gewalttätige Exzesse zu beklagen: Seit dem beginnenden 13. Jahrhundert erstürmten verkleidete, bewaffnete Scholaren der Regensburger Domschule in regelmäßigen Abständen das nahe gelegene Kloster Prüfening (Stadt Regensburg), wobei es zu derben Beschimpfungen der Mönche, zu Misshandlungen und Handgreiflichkeiten kam. Auf eine Petition des Abtes Werner I. (reg. 1245-1269) erließ Papst Innozenz IV. (reg. 1243-1254) 1249 eine Bulle, die diesen Unfug verbot; trotz dieses päpstlichen Interdikts ist das Bischofsspiel in Regensburg aber noch 1357 belegt. Insgesamt zeugen die fortwährenden und wiederholten Reglementierungsversuche von dem erfolglosen Bemühen der geistlichen Obrigkeit, dem jugendlichen Übermut dauerhaft Grenzen zu setzen.

Brauchtermine

Das Bischofsspiel ist eng mit den Festen des Weihnachtskreises verbunden. Ursprünglich festgelegt war der populäre Brauch auf den Tag der Unschuldigen Kinder (28. Dezember); dabei gab es Verschmelzungen mit dem sogenannten Narren- oder Eselsfest (festum stultorum, fatuorum oder asinorum), das tradierter Weise der niederen Geistlichkeit und ihren Zöglingen unterschiedlichste Formen der Ausgelassenheit erlaubte. Seit dem 13. Jahrhundert existierte - ausgehend von den Klosterschulen im nordfranzösischen Raum - die Tendenz, die spielerische Wahl und Inthronisation des "episcopus puerorum" an anderen Festtagen zu vollziehen: Besonders am Nikolaustag (6. Dezember), vereinzelt auch an Christi Geburt (25. Dezember), Neujahr (1. Januar), Epiphanias (6. Januar) und am Festtag des Hl. Gregorius (12. März). Die Gründe dieser Entwicklung sind dabei in der Forschung ebenso umstritten wie die Bewertung des komplexen Beziehungs- und Wechselverhältnisses zwischen den unterschiedlich terminierten Feierlichkeiten (vgl. Mezger, Sankt Nikolaus, 115f.).

Index omnium Festorum et sanctorum secundum ordinem Stephaninae ecclesiae Bambergae annuatim dies demomtrans. (Staatsbibliothek Bamberg, HV.Msc. 476, 251v)

Brauchfunktionen

Mit der Einsetzung eines Kinderbischofs wurde der tatsächliche Amtsinhaber für abgesetzt erklärt. Der eigentliche Bischof musste sich zur allgemeinen Erheiterung den Weisungen des Kinderbischofs beugen. Es wurde ein Rollentausch auf Zeit vollzogen, der auf dem Boden der Liturgie erwuchs. Bildlich erinnerte das Fest der 'verkehrten Welt' an einen Vers des Lobgesangs Marias "Magnificat anima mea dominum": "Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles" (Die Mächtigen hat er vom Thron gestoßen und die Geringen erhöht). Damit war die Mahnung an die geistlichen Würdenträger verbunden, sich der Nichtigkeit und Vergänglichkeit irdischer Macht stets gewärtig zu sein, Demut zu üben und sich vor Amtsmissbrauch zu hüten.

Für die jugendlichen Brauchträger bedeutete der spielhaft inszenierte Ämter- und Hierarchiewechsel – vor dem Hintergrund der strengen Disziplin in den Dom-, Stifts- und Klosterschulen – die Möglichkeit der vorübergehenden Lösung und Befreiung aus der repressiven Alltagsrealität. In seiner oft derb-realistischen Ausgestaltung (Verkleidungen, teilweise auch Maskierungen) näherte sich das Brauchgeschehen dabei im Laufe der Zeit zunehmend Formen karnevalesken Treibens an. Ob der Brauch, als Repräsentationsform des 'mundus perversus', auf das augustinische Weltbild, konkret: den Widerstreit von 'civitas Dei' und 'civitas Diaboli', zu beziehen ist, wie dies, etwa durch Dietz-Rüdiger Moser (1939-2010), zur (durchaus umstrittenen) Bestimmung paralleler Phänomene wie des Fastnachtsspiels in Anschlag gebracht wurde, ist allerdings fraglich.

Verankert im schulischen Rahmen dürfte das Bischofsspiel schließlich eine didaktisch-erzieherische Bestimmung gehabt haben: Erstens durch die katechetisch wirksame Vergegenwärtigung geistlicher, hagiographischer und legendarischer Überlieferungen; zweitens durch die spielerische Vorbereitung auf künftige Amtsbefugnisse und -funktionen.

Spektrum der Überlieferung

Gewölbefresko, Ende 15. oder Anfang 16. Jahrhundert in der Martinikerk Groningen: Darstellung eines Knabenbischofs mit Glöckchen-Mitra und Schweinshaxe in der Hand. (Fotografie: Broekhuizen, reproduziert nach: Mezger, Sankt Nikolaus, 127)

Die ältere Forschung (z. B. Tille, Chambers, Young) hat eine Reihe von verstreuten liturgischen, urkundlichen, literarischen und chronikalischen Zeugnissen zusammengetragen, die Aufschluss über Traditionen und Formen der jugendlichen Brauchinszenierung geben. In vielen Fällen bilden regulierende Verfügungen und Verbotsdekrete vor allem der kirchlichen Administration, wie sie aus Regensburg (1249), Salzburg (1274), Eichstätt (1282) und Basel (1435) vorliegen, die einzigen, wenn auch einseitigen, ganz aus der Perspektive der Geistlichkeit abgefassten Quellen für eine Beschreibung des Brauches.

Angesichts der weiten Verbreitung der Brauchform ist die visuelle Überlieferung überraschend spärlich. Ein seltenes Bildzeugnis bewahrt ein Festkalender aus dem ehemaligen Kollegiatstift St. Stephan in Bamberg, der "Index omnium festorum et sanctorum secundum ordinem Stephaniae ecclesiae Bamberge" (entstanden um 1581/83). Dieser zeigt einen realistisch mit "Jnful" (Mitra) und "Baculum pastorale" (Bischofsstab) ausstaffierten Schülerbischof mit zwei Ministranten (fol. 251v; fol. 297r). Im Gegensatz zu diesem "würdig" auftretenden Akteur zeigt ein Gewölbefresko in der Martinikerk in Groningen (Ende 15. oder Anfang 16. Jahrhundert) die grotesk-klamaukhaften "närrischen" Züge des Kinderbischofsfestes.

Zweimal begegnet die Figur des "episcopus puerorum" im mittelalterlichen geistlichen Spiel des deutschen Sprachraumes. Das Prophetenspiel des lateinischen "Benediktbeurer Weihnachtsspiels" (frühes 13. Jahrhundert; München, BSB, clm 4660) weist eine kurze, nur wenige Verse umfassende Rede auf, der im Spielkontext lediglich eine untergeordnete Funktion zukommt. Prominenter vertreten ist der Typus (sofern der "biceps/capplan" tatsächlich mit einem Kinderbischof identifiziert werden darf, zumindest deutet die Federzeichnung einer Figur mit Krummstab in der Handschrift, Bl. 22v, auf einen Bischof) hingegen im volkssprachlichen "Schwäbischen (Konstanzer) Weihnachtsspiel" (um 1417/20).
Darstellung eines Knabenbischofs im volkssprachlichen "Schwäbischen (Konstanzer) Weihnachtsspiel, ca. 1417/20 (Hougthon Library, Harvard University, MS Ger 74, fol. 22v)
Beide Auftritte, die der Praxis des Einkehr- und Stubenspiels folgen, sind durch ihren "Sitz im Leben" bestimmt. Gerade die milde-humoristischen Partien – etwa das lautstarke Begehren einer "stür" (Gabe), wofür im Namen Papst Martins V. (reg. 1417-1431), als dessen Kaplan sich die Spielfigur des "biceps" bezeichnet, ein Ablassversprechen abgegeben wird – lassen typische, in amtlichen Dokumenten als Entgleisungen kritisierte Handlungsmuster (aggressive Gabensammlung, blasphemische Anmaßung eines geistlichen Amtes) erkennen. Ob das "Schwäbische Weihnachtsspiel" im Rahmen eines Umzugs zur Aufführung kam und ob die Rolle darüber hinaus sogar von einem amtierenden Kinderbischof dargestellt wurde, muss dahingestellt bleiben; mit der für das 15. Jahrhundert bezeugten Wahl eines Kinderbischofs aus den Reihen der Konstanzer Domschüler lässt sich zumindest die dramatische Figur in ihren historischen Kontext einordnen.

Literatur

  • Klaus Arnold, Ein Kinderbischof aus Bamberg, in: Altfränkische Bilder Neue Folge 5 (2010), 2-3.
  • Günther Blaicher, Der Kinderbischof in Eichstätt und anderswo, in: Sammelblatt des Historischen Vereins Eichstätt 90 (1997), 41-56.
  • Edmund K. Chambers, The Medieval Stage, Oxford 2 vol. 1903 [Nachdruck 1967].
  • Yann Dahhaoui, Der "Kinderbischof" – ein Knabe an der Spitze der Kirche, in: Jean-Claude Rebetez (Hg.), Pro deo. Das Bistum Basel vom 4. bis ins 16. Jahrhundert, Pruntrut 2006, 220-221.
  • Maria Jepsen, Kinder in Amt und Würden. Zur Tradition der "Kinderbischöfe", in: Diakonia 27 (1996), 413-416.
  • Karl Meisen, Nikolauskult und Nikolausbrauch im Abendlande. Eine kultgeographisch-volkskundliche Untersuchung (Forschungen zur Volkskunde 9-12), Düsseldorf 1931 (Nachdruck 1981), 307-333.
  • Werner Mezger, Sankt Nikolaus. Zwischen Kult und Klamauk. Zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen, Ostfildern 1993, 110-119, 126-128.
  • Alois Mitterwieser, Die Umbildung des Bischofsspiels an den Dom- und Stiftsschulen zum St. Nikolausfest [in Bayern], in: Literarische Beilage zum Klerusblatt 6 (1930), Nr. 12.
  • Eckehard Simon, The Hometown of the "Schwäbische Weihnachtsspiel" (ca. 1420) and its original setting, in: Euphorion 73 (1979), 304-320.
  • Tanja Skambraks, Das Kinderbischofsfest in der Vormoderne (Micrologus' library 62), Firenze 2014 [= Diss. Mannheim 2012].
  • Michael Straeter, Knabenbischoftum und geistliches Spiel des Mittelalters, in: Katja Scheel (Hg.), "Et respondeat". Studien zum deutschen Theater des Mittelalters. Festschrift Johan Nowé (Mediaevalia Lovaniensia. 1/32), Leuven 2002, 177-194.
  • Alexander Tille, Die Geschichte der deutschen Weihnacht, Leipzig 1893.
  • Karl Young, The drama of the Medieval Church, Oxford 2 vol. 1933 (Nachdruck 1967).

Quellen

  • Bernd Neumann (Hg.), Geistliches Schauspiel im Zeugnis der Zeit, 2 Bände, München/Zürich 1987.

Weiterführende Recherche


Kinderbischof

Empfohlene Zitierweise

Manfred Knedlik, Bischofsspiel, publiziert am 6.2.2017; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bischofsspiel> (27.07.2017)