Augsburgischer Intelligenz-Zettel / Amtsblatt der Stadt Augsburg

Amtsblatt der Stadt Augsburg vom 21. Januar 1939, Titelblatt.

von Josef Mančal

1745 durch den Augsburger Verleger und Geschäftsmann Johann Andreas Erdmann Maschenbauer (1719-1773) gegründetes Wochenblatt, das Mitte des 18. Jahrhunderts als "Augsburgischer Intelligenz-Zettel" im gesamten mitteleuropäischen Raum gelesen wurde. Der Schwerpunkt der (volks-)aufklärerischen Zeitung lag auf den "praktischen Wissenschaften". Nach der Mediatisierung Augsburgs 1806 wurde das Blatt im Jahr 1810 zum offiziellen Organ der nun bayerischen Stadt. Am 1. Januar 1842 wurde es in ein bis heute fortgeführtes Amtsblatt umgewandelt, das 1982 endgültig auf einen redaktionellen Teil verzichtete und seit 1998 auch in elektronischer Form publiziert wird.

Institutionelle Vorläufer des "Augsburgischen Intelligenz-Zettels"

Im Jahr 1612 eröffnete in Paris der Arzt Théophraste Renaudot (1586-1653) ein vornehmlich handels- und stellenmarktorientiertes Annoncenbüro, wozu er zu Beginn der 1630er Jahre ein periodisch erscheinendes Blatt herausgab, das jeder einsehen ("intellegere") konnte. Bereits ab 1637 erschien in England mit dem "Public Advertiser" ein derartiges Inseratenblatt. Im Heiligen Römischen Reich wurde in Frankfurt am Main am 1. Januar 1722 mit den "Wochentliche(n) Frag- und Anzeigungs-Nachrichten" das erste, überwiegend anzeigenfinanzierte Intelligenzblatt der später über 200 im deutschsprachigen Raum publiziert.

Ungeachtet des 1727 in Preußen eingeführten Anzeigen- und Abonnementszwangs für Intelligenzblätter bemühten sich die Verleger, die Attraktivität durch Aufnahme von unterhaltenden und im Sinne der (Volks-)Aufklärung informativen Artikeln zu steigern. Heute ist das Intelligenzblatt ein anerkannter Gegenstand der Presseforschung, was unter anderem Holger Böning (geb. 1949) zu verdanken ist.

Gründungs- und Blütezeit 1745-1773

1745 erschien in Augsburg erstmals zunächst vier-, dann achtseitig im Quartformat der wöchentliche "Augsburgische Intelligenz-Zettel" unter zunächst wechselnden Titeln:

  • 1745-1747: Augspurgischer Intelligenz-Zettel
  • 1747-1749: Augspurgischer Wochentl. Intelligenz-Zettel
  • 1749-1773: [Augsburgischer] Wochentl. Intelligenz-Zettel, Augsburgischer Wochentlicher Intelligenzzettel

Das Blatt erlangte bereits in den ersten Jahren ungewöhnlich rasch ein aus dem Inseratenteil erschließbares Verbreitungsgebiet in ganz Mitteleuropa (Dänemark, Niederlande, Westfrankreich, Mittel- und Oberitalien, Schweiz). Als Gründe für diesen breiten Leserkreis sind neben vorteilhaften Standortbedingungen in der bikonfessionellen Reichsstadt Augsburg vor allem die überkonfessionelle und überregionale Konzeption sowie die durch die Aufklärung beeinflussten Inhalte anzusehen. Ab der Mitte der 1750er Jahre – 1754 betrug die Auflage 525 Exemplare – blieb das Verbreitungsgebiet im Wesentlichen auf das Reichsgebiet beschränkt. Wien zählte genauso zu den Vertriebsorten wie etwa Frankfurt am Main, Göttingen, Gotha, Jena, Karlsruhe, Leipzig, Hamburg und Berlin.

Der Gründer und sein Aufklärungskonzept

Gründer war der 1744 aus Karlsruhe zugezogene lutherische Protestant Johann Andreas Erdmann Maschenbauer (1719-1773), Enkel des Augsburger Zeitungs- und Zeitschriftenverlegers Andreas Maschenbauer (1660-1727). J. A. E. Maschenbauer behielt 1754 trotz des Verkaufs von Druckerei und Verlag der "Augsburger Abendzeitung" an seinen Vetter Johann Michael Wagner (1706-1758) den "Augsburgischen Intelligenz-Zettel" und blieb bis zu seinem Tod die für Konzeption und Inhalt allein maßgebliche Persönlichkeit. Maschenbauer war ein auf sehr verschiedenartigen Geschäftsfeldern tätiger Unternehmer und in Personalunion Verleger, Herausgeber und Journalist. Er war literarisch, philosophisch und naturwissenschaftlich interessiert.

Die redaktionellen Artikel im "Augsburgischen Intelligenz-Zettel" bot Maschenbauer unter der Rubrik "Merkwürdigkeiten" oder "Gelehrte Sachen" an und verwendete dabei verschiedene publizistisch-literarische Gattungsformen (u. a. Erzählung, Lehrgedicht, Fabel). Sie dienten der erklärten Wissens- und Wissenschaftspopularisierung, wobei Themen naturwissenschaftlicher Art ebenso behandelt wurden wie Belange aus Bereichen wie Kunst, Kultur und Geografie.

Seit Mitte 1747 erschien die Rubrik der "Gelehrten Sachen" regelmäßig und mit ständig steigendem Anteil am Gesamtumfang. 1766 erreichten sie den Spitzenwert von über 60 %, wobei zudem der Anteil praxisbezogener Artikel am gesamtredaktionellen Teil wuchs. Nach 1766 wurden die "Gelehrten Sachen" – bei reduziertem Seitenumfang – durch aktuelle Nachrichten und durch einen umfangreicheren Anzeigenteil verdrängt. Die Ursachen dieser konzeptuellen Neuorientierung sind unbekannt.

1748 brachte Maschenbauer als enzyklopädieartige Ergänzung zu seinem Intelligenzzettel ein über 900 Seiten starkes "Allgemeines Zeitungs-Hand-Buch" heraus.

Anzeigen- und Informationsmarkt

Der Anzeigenmarkt hielt neben Vermiet-, Miet-, Leih-, Verlust-, Fund- und häufig konfessionsbezogenen Stellenanzeigen – seit 1771 waren die auswärtigen Inserate der Präventivzensur unterworfen – auch "vermischte Nachrichten" (Preise, Versteigerungen, Dekrete, später auch Urteile des Reichshofrates des Reichskammergerichts). Zeitungs- und Buchanzeigen zeigen eine deutliche Orientierung in die protestantischen Zentren der Aufklärung in Nord- und Mitteldeutschland und, über die Reichsgebiete hinaus, die Niederlande, Schweiz, Italien und Dänemark.

Ebenfalls vorrangig der wirtschaftlichen Kommunikation, wohl aber auch als Ausdruck des reichsstädtischen Selbstbewusstseins diente für Maschenbauer seit 1747 die Veröffentlichung der Rubrik "Nota der ankommenden und durchgehenden Passagiers". Die "Nota" geben Auskunft über Reisetätigkeit und Migrationsverhalten verschiedener Standes- und Berufsgruppen (z. B. Adel, Geschäftsleute, Politiker, Militär, Literaten, Künstler, Musiker).

Mitarbeiter und Quellen

Originalbeiträge wurden selten namentlich gezeichnet. Auch die Quellen der "Gelehrten Beiträge" sind nicht angegeben und schwer zu rekonstruieren. Es handelte sich vor allem um in- und ausländische Zeitungen und Zeitschriften, insbesondere norddeutsche Intelligenzblätter. Vertreten waren auch literarische Werke, wissenschaftliche Monographien und Nachschlagewerke.

Die Zeit nach Maschenbauer 1774-1806

Auf Maschenbauer folgte 1773 Johann Michael Späth (1730-1786), der seit 1765 unter anderem dessen "Augsburger Abendzeitung" druckte. Maschenbauers Konzept wurde weiterverfolgt, zum Beispiel bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Veröffentlichung meteorologischer Daten. Einzelne Rubriken wurden quantitativ ausgebaut, so beispielsweise die (politischen) Kurznachrichten. Nach Späth führten Johann Christoph Thenn (1729-1784) und nach dessen Tod Christoph Caspar Höschel (1744-1820) die Zeitung weiter – ersterer Schwager, letzterer Schwiegersohn des Augsburger Präzisionsmechanikers Georg Friedrich Brander (1713-1783).

Titel der Zeitung 1774-1806

Zeitraum Titel
1774 Augsburgische Intelligenz-Blätter
1774-1799 Augsburgisches Intelligenzblatt
1800-1803 Augsburgisch kaiserlich privilegirtes Intelligenzblatt
1804-1806 Augsburgisches kaiserlich allergnädigst priviligiertes Intelligenz- und Wochenblatt

Wandel zum Amtsblatt 1806/07

Eine erkennbare Zäsur bedeutete 1806 die Eingliederung Augsburgs nach Bayern. Seit Ende 1806 galt das von Johann Jakob Hertel jr. (1746-1836) verlegte Organ als ein behördlich "offizielles Blatt", weshalb 1807 die Neunummerierung der Jahrgänge begann. Seit 1810 unterblieb die namentliche Verlegerangabe; Anfang 1813 erklärte Hertel das Blatt als "das eigentliche Sprachorgan sowohl des königl. Stadt-Kommissariats, als der königl. Polizeidirection". Zu Beginn des Jahres 1825 verwendete die seit inzwischen zehn Jahren anonyme Redaktion schließlich erstmals die Bezeichnung "Lokal-Amtsblatt".

Der redaktionelle Teil wurde zugunsten von amtlichen Bekanntmachungen, Privat- und Geschäftsanzeigen und wirtschafts- und bevölkerungsstatistischen Daten immer weiter eingeschränkt, bis er in den 1820er Jahren aufgegeben, dann aber nach wenigen Jahren in zunächst sehr geringem Umfang, in den 1830er Jahren verstärkt wieder aufgenommen wurde, unter anderem mit Biografien von Ärzten des einstigen reichsstädtischen Collegium medicum. In dieser Zeit erschien das Blatt in häufigem Wechsel bei verschiedenen Verlagen und Druckereien (Johann Andreas Brinhaußer [1757-1814], Albrecht Christoph Alexander Volkhart [1804-1863], Joseph Lauter, J. J. Hertels Witwe).

Der Stadtmagistrat beschloss, ab 1. Januar 1842 das "Intelligenz-Blatt" mit neu nummeriertem Jahrgang und unter Beibehaltung unter anderem des privaten Inseratenteils städtisch redaktionell betreuen zu lassen und herauszugeben. Ein redaktioneller Teil unter städtischer Leitung erschien vorübergehend wieder in den 1970er und 1980er Jahren. Seit der 37. Kalenderwoche 1998 erfolgt die Publikation des Amtsblatts gleichzeitig in papierener und digitaler Form.

Titel seit 1806

Zeitraum Titel
1807-1809 Intelligenzblatt der königlich baierischen Stadt Augsburg
1810-1840 Intelligenz-Blatt und wöchentlicher Anzeiger der königlich baierischen Stadt Augsburg
1841 Amtlicher Anzeiger der königl. bayerischen Kreishauptstadt Augsburg mit Intelligenzblatt
1842-1898 Intelligenz-Blatt der königlich bayerischen Stadt Augsburg
1899-1918 Amtsblatt der Kgl. Bayerischen Stadt Augsburg
1919-1940 Amtsblatt der Stadt Augsburg
1940-1944 Amtliche Bekanntmachungen der Stadt Augsburg
seit 1945 Amtsblatt der Stadt Augsburg

Forschungsstand

Der "Augsburgische Intelligenz-Zettel" wurde bis zur Mitte der 1990er Jahre als unbedeutender Vorläufer des "Augsburger Amtsblattes" angesehen. Erst danach begann eine wissenschaftliche Auswertung der Frühzeit des Blattes (1746-1773) mit seinem teilweise einmaligen wirtschafts-, gesellschafts-, sozial-, kunst-, musik-, aufklärungs-, buch- und pressegeschichtlichen Informationswert. Eine gesonderte Würdigung erfuhr die Ära Maschenbauer durch eine Tagung, deren Ergebnisse 2001 unter dem Titel "Pressewesen der Aufklärung" veröffentlicht wurden. Für diesen Zeitraum trug Nicole Waibel 2008 durch ihre umfänglichen Untersuchungen besonders hinsichtlich der Rolle bei der aufklärungstypischen Bildung einer kulturellen Identität und eines nationalen Bewusstseins zu einer weiteren Verbesserung des Forschungsstandes bei.

Literatur

  • Holger Böning, Das Intelligenzblatt, in: Ernst Fischer u. a. (Hg.), Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland 1700-1800, München 1999, 89-104.
  • Holger Böning, Pressewesen und Aufklärung – Intelligenzblätter und Volksaufklärer, in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 69-119.
  • Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst, Einleitung, in: dies. (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 11-40, bes. 18-30.
  • Sabine Doering-Manteuffel, Sachen für Jedermann. Mitteldeutsche Wissensagenturen im Spiegel des Augsburger Intelligenz=Zettels, in: Detlef Doering/Kurt Nowak (Hg.), Gelehrte Gesellschaften im mitteldeutschen Raum (1650-1829). 3. Teil (Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Philologisch-Historische Klasse 76/6), Stuttgart 2002, 215-226.
  • Ulrike Große, Der 'Augsburgische Intelligenz-Zettel' als populärmedizinischer Ratgeber zu Fragen der Prävention und Selbstbehandlung von Krankheiten, in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 517-536.
  • Oliver Hochadel, "Am meisten aber nehme ich die Naturlehre in ihrem weitesten Umfange mit ...". Zur Präsenz der Naturwissenschaften im 'Augsburgischen Intelligenz-Zettel', in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 445-466.
  • Karl-August Keil, Astronomie im Spiegel des Augsburger Intelligenzzettels, in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 467-496.
  • Hans-Jörg Künast, Johann Andreas Erdmann Maschenbauer, sein Augsburger Intelligenz-Zettel und der Buchmarkt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 337-355.
  • Josef Mančal, Zu Augsburger Zeitungen vom Ende des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts: Abendzeitung, Postzeitung und Intelligenzzettel, in: Helmut Gier/Johannes Janota (Hg.), Augsburger Buchdruck und Verlagswesen. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Wiesbaden 1997, 683-733.
  • Josef Mančal, Zu Musik und Aspekten des Musikmarkts des 18. Jahrhunderts im Spiegel des Augsburger Intelligenz-Zettels, in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 391-432.
  • Josef Mančal, Wissensorganisation und -vermittlung im Augsburger Intelligenzblatt. Aspekte einer praktischen Enzyklopädie, in: Theo Stammen/Wolfgang E. Weber (Hg.), Wissenssicherung, Wissensordnung und Wissensverarbeitung (Colloquia Augustana 18), Berlin 2004, 413-431.
  • Gerhardt Petrat, Verselbständigung und Perspektive: der gegenwärtige Stand der Intelligenzblatt-Forschung, in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), Berlin 2001, 131-146.
  • Nicole Stieb, Die Aberglaubenskritik im Augsburger Intelligenzzettel, in: Sabine Doering-Manteuffel/Josef Mančal/Wolfgang Wüst (Hg.), Pressewesen der Aufklärung. Periodische Schriften im Alten Reich (Colloquia Augustana 15), 497-516.
  • Nicole Waibel, Nationale und patriotische Publizistik in der Freien Reichsstadt Augsburg. Studien zur periodischen Presse im Zeitalter der Aufklärung (1748-1770) (Presse und Geschichte. Neue Beiträge 31), Bremen 2008.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Augsburgisches Intelligenz-Blatt

Empfohlene Zitierweise

Josef Mančal, Augsburgischer Intelligenz-Zettel / Amtsblatt der Stadt Augsburg, publiziert am 17.09.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Augsburgischer Intelligenz-Zettel / Amtsblatt der Stadt Augsburg> (22.02.2018)