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United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA)

Jüdische DPs erhalten im DP-Lager Wolfratshausen (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) Lebensmittelrationen von der National Catholic Welfare Conference (NCWC). Im Hintergrund weht die jüdische Flagge. Im Vordergrund: Horace Marsten, Vertreter der B'nai Brith und der American Jewish Conference. Im Hintergrund verteilt (rechts) Francis X. Mayers Vorräte an die Wartenden. (United Nations-Archives, S-1058-0001-01-381)
Die Mitarbeiter der UNRRA Medical Welfare, Anna Marie Dewaal-Malefyt aus Amersfoort (Niederlande) und eine Nonne kümmern sich im DP-Lager Indersdorf um die "Kloster-Kinder". Kleinkinder bis vier Jahre stellten ein Fünftel der ungefähr 250 Waisenkinder im Kloster Indersdorf. (United Nations-Archives, S-1058-0001-01-143)
Jüdische Kinder im DP-Lager Wolfratshausen präsentieren sich mit neuem Spielzeug, das ihnen die National Catholic Welfare Conference überbracht hat. Der stellvertretende Lagerdirektor Julius Mintzer schwenkt derweil die jüdische Flagge. (United Nations-Archives, S-1058-0001-01-119)
In Kloster Indersdorf befinden sich 202 Kinder unterschiedlichster Nationalität in der Obhut des UNRRA-Teams 182. Sie alle haben ihre Eltern verloren. Einige von ihnen sind erst kürzlich in Konzentrationslagern zur Welt gekommen. November 1945. (United Nations-Archives, S-1058-0001-01-81)
In Versammlungszentren der UNRRA, wie hier in einer ehemaligen SS-Kaserne in München, erhalten die DPs mit wöchentlich ausgegebenen Punktekarten Lebensmittel und andere Alltagsgegenstände, die das Rote Kreuz, verschiedene andere Hilfsorganisationen und die UNRRA beständig herbeischaffen. (United Nations-Archives, S-1058-0001-01-230)
Die erste Bekleidungslieferung der UNRRA aus den USA für die DP-Lager in Deutschland wird vor dem UNRRA-Lager in München abgeladen. Rechts steht Leo W. Hill aus Montana, neben ihm John H. Boyle und weitere Männer, die für die Kleiderausgabe zuständig sind. April 1946. (United Nations-Archives, S-1058-0001-01-229)

von Juliane Wetzel

Die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) wurde als Welthilfsorganisation am 9. Oktober 1943 in Atlantic City (New Jersey, USA) gegründet, am 29. November 1943 von 44 Nationen bei einem Treffen im Weißen Haus bestätigt und 1945 von der UNO übernommen. Die UNRRA sah ihre zentrale Aufgabe in der Erfassung, Betreuung und Repatriierung der aus den Mitgliedsstaaten der UNO stammenden Personen, die verschleppt oder deportiert worden waren. Dies umfasste Konzentrationslagerhäftlinge, Zwangsarbeiter und Personen, die während des Zweiten Weltkriegs freiwillig mit den sich zurückziehenden deutschen Truppen nach Deutschland oder in andere europäische Länder gekommen und als Displaced Persons anerkannt waren.

Einsatz in Deutschland

Vorgesehen war, dass die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) unmittelbar nach der Befreiung von der NS-Diktatur in Deutschland zum Einsatz kommen sollte. Die Militärbehörden in den westlichen Besatzungszonen zögerten aber, zivile Organisationen zuzulassen. Sie zogen es vor, die Betreuung der Displaced Persons (DPs) zunächst selbst zu übernehmen, da sie befürchteten, Hilfsorganisationen würden die schwierigen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland noch weiter verkomplizieren. Schon bald allerdings mussten die Besatzungsbehörden erkennen, dass die Betreuung so vieler Menschen ihre Kapazitäten überstieg. Die UNRRA, die der Befehlsgewalt des Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces (SHAEF), dem Oberkommando der Alliierten Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg, unterstand, wurde aufgefordert, entsprechende Teams bereitzustellen, war aber aus Mangel an Personal nur in der Lage, sieben bis zehn Mitarbeiter für 8.000 bis 10.000 DPs einzusetzen. Nach München kam das erste UNRRA-Team im Juli 1945. Nachdem anfangs entsprechend ausgebildetes Personal fehlte, gelang es mit der Zeit, vor allem Sozialarbeiter aus Frankreich, England, den Niederlanden, Norwegen und Polen zu rekrutieren. Sie hatten die Schrecken des Krieges selbst erlebt und verstanden die Probleme der DPs. Damit besserte sich auch das anfänglich häufig spannungsgeladene Verhältnis zwischen Betreuern und Betreuten.

Ihr Hauptquartier für Deutschland richtete die UNRRA im September 1945 in Höchst ein, verlegte es aber bereits im Dezember 1945 nach Arolsen (Lkr. Waldeck-Frankenberg, Hessen) bei Kassel. Zum ersten Deutschland-Direktor wurde Sir Frederick Morgan (1894-1967) ernannt. Dem Hauptquartier unterstanden drei Zonenzentralen: München-Pasing für die US-Zone, Haslach (Ortenaukreis, Baden-Württemberg) für die französische Zone und Lemgo (Kreis Lippe, Nordrhein-Westfalen) für die britische Zone. Die Zentrale in Pasing, die von John H. Whiting geleitet wurde, betreute vier Distrikte: Stuttgart, Wiesbaden, Regensburg und München. Eines der Münchner UNRRA-Teams (Team 108) ließ sich im August 1945 im Deutschen Museum nieder und gab den "DP-Express" heraus - eine Zeitung, in der Artikel in den verschiedensten Sprachen erschienen. Am 11. April 1946 eröffnete das Team dort ein eigenes Café für die DPs.

Aufgaben und Tätigkeitsfelder

Die UNRRA übernahm die Versorgung der Displaced Persons mit Nahrungsmitteln, Kleidung, Kraftstoff und Medikamenten aus den Beständen der Besatzungsbehörden, leistete Hilfe bei der Einrichtung von DP-Lagern, bei der statistischen Erfassung, der Seuchenprävention, den Gesundheitsprogrammen, bei Wohlfahrtsangelegenheiten und bei der Berufsausbildung. Ferner war die UNRRA bei der Repatriierung von Personen in ihre Heimatländer behilflich und richtete einen Suchdienst ein, den bis heute in Arolsen bestehenden International Tracing Service (ITS). Vor allem förderten die UNRRA-Mitarbeiter die "Hilfe zur Selbsthilfe". Seit 15. November 1945 oblag der UNRRA die Verwaltung der DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone; Anfang März 1947 wurde ihr auch diejenige der britischen Besatzungszone übertragen. Explizit ausgenommen von den Hilfsprogrammen waren die deutsche Bevölkerung bzw. Flüchtlinge, die nicht unter DP-Status fielen. Etwa die Hälfte der Kosten des UNRRA-Programms trugen die Vereinigten Staaten.

Die UNRRA-Universität in München

Am 16. Februar 1946 eröffnete die UNRRA eine eigene Universität in den beschlagnahmten Museums- und Bibliotheksräumen sowie im Kongresssaal des Deutschen Museums in München, wo die US-Militärbehörden bereits kurz nach Kriegsende ein Durchgangslager für Displaced Persons, das "Transient and Information Center", eingerichtet hatten. Einzelne Hochschulkurse und Vorträge wurden bereits seit September 1945 angeboten; daraus entwickelte sich schließlich die Idee, eine Hochschule einzurichten, die im Februar 1946 ihre Arbeit aufnahm. Direktorin wurde die polnisch-amerikanische UNRRA-Sozialarbeiterin Halina G. Gaszynska. Anlässlich der offiziellen Eröffnung der Universität am 16. Februar 1946 im Münchner Bürgerbräukeller betonte der Kommandierende General der 3. US-amerikanischen Armee Lucian K. Truscott (1895-1965), dass die neue Einrichtung die enge Beziehung zwischen den alliierten Befreiern und den Opfern der NS-Tyrannei symbolisiere. Bis zu 2.000 Studenten aus 30 Nationen (die größte Gruppe aus der Ukraine) wurden in der Hochphase des Universitätsbetriebs (Sommer 1946) von etwa 150 Professoren und Dozenten vorwiegend in englischer Sprache in Maschinenbau, Bauwesen und Architektur, Natur- und Wirtschaftswissenschaften, Mathematik, Veterinärmedizin und Rechtswissenschaften unterrichtet. Zusätzlich wurde ein Abiturkurs angeboten, der es jenen DPs, die durch die Kriegsfolgen keinen Schulabschluss erlangen konnten, ermöglichte, die Zulassungsvoraussetzungen für ein Studium zu erfüllen. Das Examen an der Universität berechtigte zu einem weiterführenden Hochschulstudium. Finanziert wurde der Lehrbetrieb zum größten Teil aus Mitteln der UNRRA (Verwaltung, Unterbringung und Verpflegung der Lehrenden und Studenten). Sofern studierende DPs privat untergebracht waren, musste die Stadt München einen Teil der Mietkosten übernehmen. Das Lehrpersonal erhielt Zuwendungen aus Hörergeldern und Spenden von Studenten. Weitere Personalkosten sollte eigentlich die Stadt München tragen, kam dieser Aufforderung aber nur sehr unzureichend nach.

Am 31. Mai 1947 wurde der Lehrbetrieb endgültig eingestellt; die Studenten wurden auf bayerische Universitäten verteilt. Ein Antrag der Universitätsleitung und der Studenten, die UNRRA-Hochschule zu einer internationalen Universität umzufunktionieren, war gescheitert. Die Schließung war erforderlich geworden, weil die UNRRA seit Ende 1946 damit begonnen hatte, ihr Personal drastisch zu reduzieren, und am 30. Juni 1947 ihre Arbeit in Deutschland beendete. Die Nachfolgeorganisation, die International Refugee Organization (IRO), konnte nicht sofort tätig werden; sie übernahm erst im Juli 1947 die Aufgaben der UNRRA, führte aber die Universität nicht weiter.

Literatur

  • Nina Bschorr, "Wir wollten alle so gerne lernen ...": Die UNRRA-Universität im DP-Camp Deutsches Museum in München, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17 (2008), 269-293.
  • Laura J. Hilton, Prisoners of Peace: Rebuilding Community, Identity and Nationality in Displaced Persons Camps in Germany, 1945-1952, Ohio State University 2001.
  • Anna Holian, Between Nationalism and Internationalism: Displaced Persons at the UNRRA University of Munich, in: Susanne Lachenicht (Hg.), Diaspora Identities. Exile, Nationalism and Cosmopolitanism in Past and Present, Frankfurt am Main 2009, 109-129.
  • Anna Holian, Displacement and the Post-War Reconstruction of Education: Displaced Persons at the UNRRA University of Munich, 1945-1948, Chicago 2008.
  • George Woodbridge, UNRRA. The history of the United Nations Relief and Rehabilitation Administration. 3 Bände, New York 1950.

Quellen

  • Allan G. B. Fisher, The Constitution and Work of UNRRA, in: International Affairs 20/3 (1944), 317-330.
  • Philipp Weintraub, UNRRA. An experiment in international welfare planning, in: The Journal of Politics 7 (1945), 1-24.

Weiterführende Recherche

Externe Links

International Refugee Organisation (IRO), Internationale Flüchtlingsorganisation

Empfohlene Zitierweise

Juliane Wetzel, United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), publiziert am 25.06.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/United_Nations_Relief_and_Rehabilitation_Administration_(UNRRA)> (15.11.2018)