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TSV München von 1860

Das offizielle Wappen des TSV 1860 München. (Quelle: Wikimedia Commons)
Fußballspiel der Fußballabteilung Bayern gegen den T.u.S.V. 1860 auf dem Bayernplatz an der Leopoldstraße. (Stadtarchiv München FS-ALB-030-28)
Auenstraße 19: Die ehemalige Geschäftsstelle und angeschlossenen Turnhallen des TSV 1860 München. (Foto von Ampfinger lizensiert durch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)
Der Münchner Josef Waitzer (rechts; 1884-1966) war einer der begabtesten und erfolgreichsten Leichtathleten in den Reihen des TSV 1860. Waitzer, hier beim Lauf-Training, machte sich u. a. im Speerwerfen, Staffellauf und Kugelstoßen einen Namen. Bei den Olympischen Spielen 1912 belegte er den 19. Platz im Speerwerfen und den 16. Platz im Diskuswurf. Foto um 1911. (Quelle: Wikimedia Commons)
Die Geschäftsstelle des TSV 1860 München. (Foto von Ampfinger lizensiert durch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)
Das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße (kurz: Grünwalder Stadion oder nur Grünwalder, "Sechz'ger-Stadion" oder nur "Sechz'ger", früher auch "Sechz'gerplatz") war bis zum Bau des Olympiastadions das größte Fußballstadion in München und wurde entsprechend von den großen Fußballclubs der Stadt als Spielstätte genutzt. Es wurde 1911 vom TSV 1860 errichtet, kam aber 1937 in den Besitz der Stadt München. Das Foto zeigt die Haupttribüne um 1945/1954. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
1966 gewann der TSV 1860 München zum ersten und bislang einzigen Mal die Deutsche Meisterschaft. Im Bild zu sehen ist Torwart Petar Radenković (geb. 1934) mit der Meisterschale im Grünwalderstadion in München von Fans umgeben. (Foto: © HORSTMÜLLER)
Schriftzug über den Kassen im Nordosten des Sechzgerstadions in München-Giesing. (Foto von Ampfinger lizensiert durch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

von Anton Löffelmeier

Der Verein wurde 1848 als Münchner Turnverein gegründet, zwei Jahre später jedoch wieder aufgelöst. 1860 kam es zu einer erneuten Gründung, und der Sportverein entwickelte sich zum erfolgreichsten Verein im Münchner Stadtgebiet. Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete der Verein neben eigenen Hallen und Sportplätzen das heute noch bestehende Stadion an der Grünwalder Straße (1919). Waren in der Weimarer Zeit anfangs im Wesentlichen die leichtathletischen Sparten erfolgreich, gewann vor allem die Fußballabteilung an Bedeutung. Während der NS-Zeit übernahmen völkisch geprägte Funktionäre die Vereinsleitung, die nach Kriegsende 1945 zum Teil interniert wurden. Leichtathleten und Fußballer konnten nach 1945 an Vorkriegserfolge anknüpfen. Ab den 1960er Jahren absorbierte der Aufwand für den Profifußball einen Großteil der Vereinsmittel; lediglich die Basket- und Vollyballmannschaften konnten sich auch noch in den ersten Ligen behaupten. Seit den 1970er Jahren kämpft der Verein immer wieder mit finanziellen Problemen.

Die Anfänge

Die Gründungsgeschichte des Vereins reicht bis in das Jahr 1848 zurück. Im März 1848 entstand ein provisorischer Ausschuss zur Bildung eines Turnvereins. Am 1. Juli genehmigte die Münchner Polizeidirektion die vorgelegte Satzung. Am 15. Juli 1848 fand die Gründungsversammlung des "Münchner Turnverein(s)" statt. Den Vorsitz übernahm der Wiener Hofschauspieler Adolf Schwarz (geb. 1822).

Wiedergründung und Vereinsnamen

Im Zuge der restriktiven Vereinsgesetzgebung unter König Maximilian II. von Bayern (reg. 1848-1864) erfolgte am 6. Juli 1850 die Schließung. Den Mitgliedern wurde jede weitere Versammlung sowie das Tragen von Turn- oder sonstigen Erkennungszeichen untersagt. Die Wiedergründung des Vereins, zunächst unter dem Namen "Verein zur körperlichen Ausbildung", erfolgte am 16. und 23. Mai 1860. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einigen Namensänderungen:

  • im Jahr 1862 in "Münchener Turnverein"
  • im Jahr 1866 in "Turnverein München"
  • im Jahr 1900 in "Turnverein München von 1860"
  • und im Jahr 1919 in "Turn- und Sportverein München von 1860".

Entwicklung der Mitgliederzahlen und Vereinseinrichtungen bis 1914

In den ersten 50 Jahren des Bestehens wuchs der Verein stetig und entwickelte sich zum größten und erfolgreichsten Münchner Turnverein (1860: 150 Mitglieder, 1885: 800, 1900: 1.739, 1909: 2.870). 1879 führten vereinsinterne Auseinandersetzungen zum Austritt einiger Mitglieder und zur Gründung des "Männer-Turnvereins München" (heute: Männer-Turn-Verein von 1879). Der erste Turnplatz des Vereins befand sich in der Münchner Isarvorstadt an der Müllerstraße. In den Jahren 1862/63 wurde direkt daneben an der Jahnstraße eine Turnhalle errichtet und im Jahr darauf am Vereinsgelände ein Bad mit Schwimmschule. Nachdem infolge von Straßenregulierungsarbeiten die Turnhalle abgerissen werden musste, errichtete der Verein auf einem von der Stadt erkauften Gelände nahe der Isar an der Auenstraße in den Jahren 1888/89 ein neues Vereinsheim mit Turnhalle und Turnplätzen. 1904 erbaute man auf einem Gelände in Holzapfelkreuth an der südwestlichen Peripherie der Stadt einen Waldspielplatz.

Abteilungsgründungen bis zum Ersten Weltkrieg

Im Verein entfaltete sich neben den stetig wachsenden Turnabteilungen reges gesellschaftliches Leben. 1861 gründete sich ein Sängerkreis, 1863 eine Freiwillige Feuerwehr, 1887 ein Turner-Sanitätszug und 1889 eine "Artistenriege". Die Mitglieder konnten eine große Vereinsbibliothek nutzen. Die sich in Deutschland seit den 1880er Jahren ausbreitende Sportbewegung führte zur Gründung neuer Abteilungen und Riegen (1887: Turner-Alpen-Kränzchen, 1901: Bergsteigerriege, 1903: Schwimmriege, 1907: Schneeschuhriege, die spätere Skiabteilung, 1911: Hockeyabteilung, 1912: Kraftsportabteilung, die spätere Schwerathletikabteilung). Im Jahr 1888 wurde eine Frauenriege gegründet.

Die Fußballabteilung

Der im März 1899 gegründeten Fußballriege wurde schon nach kurzer Zeit "ein lebhaftes Aufblühen" (Turnerratssitzung des Vereins vom 25.04.1899, in: 50 Jahre Fußballabteilung 1860 München, 3) bescheinigt. Im Herbst 1903 trat die Abteilung dem Münchner Fußballbund bei und im Jahr 1905 dem Süddeutschen Fußball-Verband. Seit 1908 nutzte die Fußballabteilung eine umzäunte Wiese am Alpenplatz im Stadtteil Giesing als Spielstätte, 1911 wurde an der Grünwalder Straße eine Fläche zur Errichtung einer Stadionanlage erworben.

Mitgliederstruktur

Die Mitgliederstruktur war bis zum Ersten Weltkrieg geprägt von Selbständigen, Gewerbetreibenden, Beamten und mittleren Angestellten. Den Vereinsvorsitz hatten magistratische Angestellte, höhere Beamte und Ärzte inne. Im Jahr 1905 übernahm der Wittelsbacher Prinz Rupprecht von Bayern (1869-1955), der spätere Kronprinz, das Protektorat über den Verein. Die unteren Einkommensschichten waren im Verein nur in geringem Umfang vertreten. Unter den 34 Vereinsjubilaren des Jahres 1908, welche für 25-jährige bzw. 15-jährige Mitgliedschaft geehrt wurden, befanden sich acht Kaufleute und sieben Handwerksmeister. Neun Geehrte waren der Gruppe der Fabrikanten, freien Berufe und Selbständigen zuzurechnen, vier Mitglieder zählten zur Gruppe der Bankbeamten, Buchhalter und Prokuristen und sechs Mitgliedsjubilare waren der höheren Beamtenschaft und den Universitätsprofessoren zugehörig.

Das Selbstverständnis des Vereins

Der Verein verstand sich als bürgerlicher Musterverein. Er wollte nicht nur an der sittlichen und körperlichen Erziehung der Jugend mitwirken, sondern auch in den politisch-gesellschaftlichen Raum hineinwirken. Die Grundstimmung war betont national und patriotisch. In der Zugehörigkeit zur Deutschen Turnerschaft sah man sich am "vaterländisch(en) Wirken" (Jahrbuch 1909, 1) beteiligt. Der Verein versuchte im Kleinen ein Spiegelbild des großen städtischen Gemeinwesens darzustellen. Stadtspitze und Magistrat würdigten dies durch Anwesenheit bei den sportlichen und gesellschaftlichen Veranstaltungen wie auch durch großzügiges Entgegenkommen beim Erwerb von Grundstücken für die Errichtung der Vereinsanlagen und durch finanzielle Unterstützung der Wettkampfreisen.

Wahrnehmung des Vereins

So war der Verein bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in erster Linie attraktiv für Angehörige der städtischen Mittel- und Oberschicht. Jedoch übte er auch auf ehrgeizige junge Leute aus der unteren Mittelschicht und aus dem Kleinbürgertum, die beruflich und gesellschaftlich aufsteigen wollten, eine große Anziehungskraft aus. Neben der sportlichen Förderung konnte der Verein durch seine engen Verflechtungen in die städtische Verwaltung und zu Sportverbänden ein weitverzweigtes Netz an Kontakten nutzen. Erfolgreiche Sportler aus diesem Milieu, wie etwa die Leichtathleten Emil Ketterer (1883-1959) und Josef Waitzer (geb. 1884), verdankten ihren beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg nicht zuletzt der Förderung durch den Verein. Eine Nähe zu Inhalten und Idealen der Arbeitersportbewegung ist weder in den Führungsgremien des Vereins noch unter den Mitgliedern feststellbar. Auch unter den Anhängern des Vereins ist bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zuschreibung als "Arbeiterverein" nicht nachweisbar. Die Situierung des Hauptspielplatzes des Vereins im Arbeiterviertel Giesing mag zu dem späteren Mythos vom "Arbeiterverein" allerdings einen Baustein geliefert haben. Diese Zuschreibung entstand wohl erst nach der Gründung der Fußball-Bundesliga im Jahr 1963, die zu einer verstärkten Rivalität mit dem (bald erfolgreicheren und finanzkräftigeren) FC Bayern führte, dem seit seiner Gründung der Ruf des "Schwabingertums" anhaftete.

Der Verein im Ersten Weltkrieg

Schon bald nach Kriegsausbruch gingen führende Männer des Vereins daran, aus Vereinsmitgliedern und anderen Turnern ein "Turner-Landsturm-Regiment" zusammenzustellen, das zahlreiche Turner für den Wehrdienst vorbereitete und in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen bald 1.000 Mann stark war. So dürften sich auch viele Vereinsmitglieder unter den aus rund 1.600 Mann gebildeten vier Kompanien Landsturm-Turnerriegen befunden haben, die am 13. Dezember 1914 in München König Ludwig III. (reg. 1913-1918) vor dem Wittelsbacher Palais eine Huldigung darbrachten. Bis Kriegsende waren 1.150 Vereinsmitglieder eingezogen worden, 137 davon kamen im Ersten Weltkrieg ums Leben.

Neubeginn nach dem Ersten Weltkrieg, großes Wachstum und sportliche Erfolge bis 1933

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nahm am 20. Mai 1919 der Turn- und Sportverein München von 1860 in allen Abteilungen den Betrieb wieder auf. Die Sport- und Trainingsanlagen an der Auenstraße wurden erweitert; auch der Platz an der Grünwalder Straße wurde seit 1919 mit Hilfe städtischer Kredite zu einem modernen Stadion (Fassungsvermögen: 40.000 Zuschauer) ausgebaut und am 10. Oktober 1926 offiziell eröffnet. Die Mitgliederzahlen erreichten schon bald wieder das Vorkriegsniveau, stiegen bis Ende der 1920er Jahre kontinuierlich an, brachen aber nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise ein (1919: 2.696 Mitglieder, 1921: 3.782, 1931: 3.682, 1932: 2.898). Neue Abteilungen wurden gegründet, für Turnspiele (1919), Motorsport (1920), Faltbootfahrer (1921) und Handballspieler (1927). Die Schwerathleten und die Leichtathleten stießen in die deutsche Spitze vor. In einzelnen Disziplinen dominierten sie sogar die deutsche Sportszene und hatte regelmäßige Erfolge bei großen Wettbewerben:

  • Der Gewichtheber Josef Straßberger (1894-1950) holte 1928 in Amsterdam im Schwergewicht olympisches Gold und 1932 in Los Angeles Bronze.
  • Federgewichtler Hans Wölpert (1898-1957) gewann 1932 in Los Angeles die Silbermedaille.
  • Rosa Kellner (1910-1984) errang bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam mit der deutschen 4-mal-100-m-Staffel die Bronzemedaille.
  • Die 4-mal-100-m-Vereinsstaffel der Frauen stellte mehrmals Weltrekorde auf; bei den Frauenweltspielen in Prag am 6. und 7. September 1930 erreichte die Vereinsstaffel in der Besetzung Rosa Kellner, Agathe Karrer (1902-1988), Luise Holzer (geb. 1905) und Elisabeth Gelius (1909-2006) als Nationalstaffel den ersten Platz (49,9 Sek.) vor England und Polen.

Sportliche Entwicklung der Fußballabteilung zwischen 1919 und 1933

Die Fußballmannschaft etablierte sich zu Beginn der 1920er Jahre neben dem FC Bayern und dem FC Wacker München als dritte Größe in der Stadt und stieß in die deutsche Spitze vor. In den Jahren 1927 und 1933 erreichte sie das Halbfinale zur Deutschen Meisterschaft; 1931 verlor sie im Finale gegen Hertha BSC Berlin (2:3).

Die "reinliche Scheidung"

Der Streit zwischen der Deutschen Turnerschaft (DT) und den unabhängigen Fachverbänden für Fußball, Leichtathletik und Schwimmen um die wechselseitige Mitgliedschaft in den jeweiligen Verbänden gipfelte im Jahr 1923 in der Forderung der DT an die Vereine, die "reinliche Scheidung" durchzuführen. Das bedeutete, entweder die Sportler aus dem Verein auszuschließen oder sich für einen Übertritt in einen der Fachverbände zu entscheiden. Der TSV München von 1860 gliederte 1924 die Fußball- und Leichtathletikabteilung durch Gründung eines "Sportvereins München von 1860" (SpV München 1860) aus dem Verein aus, benannte den Hauptverein wieder in "Turnverein München von 1860" (TV München 1860) um, fasste beide Vereine unter dem Dach eines gemeinsamen Verwaltungsrates zusammen und konnte so den Zusammenhalt des Vereins wahren.

Krisenjahre

Die Auswirkungen der durch den New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 ausgelösten Weltwirtschaftskrise trafen den finanziell angeschlagenen Verein hart. Zu den sinkenden Wettspieleinnahmen kamen rückläufige Beitragseingänge, die nicht nur aus dem Mitgliederschwund, sondern auch aus der hohen Arbeitslosigkeit der Mitglieder resultierten. Im Sommer 1931 waren 40 % der Mitglieder arbeitslos. Seit 1932 konnte der Turnverein die aus dem Stadionbau herrührenden Zins- und Tilgungsbeiträge an die Städtische Spar- und Girokasse nicht mehr bezahlen.

Machtübernahme, Gleichschaltung und Umsetzung des Führerprinzips

Schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Februar/März 1933 konnte eine starke völkische Gruppierung im Verein Führungspositionen übernehmen. Heinrich Zisch (1869-1947), der langjährige Vorsitzende von Turnverein (seit 1924) und Sportverein (seit 1929), war bereits im zweiten Halbjahr 1932 von seinen Funktionen zurückgetreten. Den Vorsitz im Turnverein übernahm im März 1933 der deutsch-national gesinnte Wilhelm Hacker. Am 26. September 1933 wurde in einer Hauptversammlung des Turnvereins die Umsetzung des Führerprinzips beschlossen. Wenige Monate später löste sich der Sportverein auf und schloss sich mit sämtlichen Abteilungen dem Turnverein an, sodass am 6. März 1934 der "Turn- und Sportverein München von 1860" wieder neu errichtet werden konnte. Zum neuen Vereinsführer wurde am 26. April 1934 SA-Sturmbannführer Fritz Ebenböck (1901-1982) gewählt. Unter seiner Führung wurde am 26. Februar 1935 die vom Reichssportführer verfügte Annahme der neuen Einheitssatzung beschlossen, welche auch die Verpflichtung zur Beachtung des "Arierparagraphen" beinhaltete. Seine Nachfolger Ludwig Holzer (Vorsitz 1935-1936) und Emil Ketterer (Vorsitz 1936-1945) hatten ebenfalls hohe Funktionen in SA und Partei inne.

In welchem Umfang und in welcher Intensität die Ausschaltungs- und Gleichschaltungsmaßnahmen auf der Ebene der Abteilungen durchgeführt wurden, ist bisher nur ansatzweise erforscht. In der Fußballabteilung scheiterte in den Jahren 1936 bis 1938 der Versuch, in Theo Benesch (geb. 1899) einen exponierten Parteigänger der Nationalsozialisten an der Spitze der Abteilung zu etablieren, am Widerstand der alten konservativen Führungsschicht. Erst 1941 übernahm mit Sebastian Gleixner (geb. 1901) ein Mitglied der NSDAP-Stadtratsfraktion, der bereits vor 1933 zu den rücksichtslosesten Rädelsführern der NSDAP in München zählte, das Amt des Fußballabteilungsleiters.

Jüdische Mitglieder im Verein

Jüdische Mitglieder und aktive Sportler besaß der Verein nur wenige. Julius Gerstle (geb. 1896) zählte zu Beginn der 1920er Jahre zu den besten deutschen 100-m-Läufern, der Kaufmann Sigmund Oppenheim (geb. 1861) erhielt zu seinem 70. Geburtstag im Nachrichtenblatt des Vereins eine Glückwunschadresse, der jüdische Trainer Richard "Little" Dombi (1888-1963) betreute in der Saison 1928/29 erfolgreich die erste Fußballmannschaft. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten dürften im Verein kaum mehr jüdische Mitglieder anzutreffen gewesen sein, zumal in der Vereinszeitung im Frühjahr und Sommer 1933 mehrfach Beiträge publiziert wurden, die den Ausschluss jüdischer Mitglieder aus und die Einführung des "Arierparagraphen" in den Turnvereinen forderten.

Die Stadt rettet den Verein vor dem Konkurs

Enge Verbindungen zur NSDAP-Stadtratsfraktion ermöglichten es dem Verein, in den Jahren ab 1934 Teile des vereinseigenen Geländes an der Auenstraße zu vorteilhaften Bedingungen an die Stadt und an einen privaten Bauträger zur Schuldentilgung zu verkaufen. Im Jahr 1937 erwarb schließlich die Stadt das Stadion an der Grünwalder Straße, um den finanziellen Zusammenbruch des Vereins zu verhindern. Im sportlichen Bereich konnte der Verein bis zum Kriegsausbruch 1939 weiterhin große sportliche Erfolge feiern. Die Leichtathleten siegten 1934 und 1936 bis 1938 in der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft, die Gewichtheber errangen 1938 zum elften Mal die seit 1922 ausgetragene Deutsche Vereinsmeisterschaft und die Geräteturner gewannen 1937 und 1938 die erstmals ausgetragenen deutschen Vereinswettbewerbe.

Der Spiel- und Wettkampfbetrieb im Zweiten Weltkrieg

Mit Kriegsausbruch kam der Wettkampfbetrieb sehr bald zum Erliegen, einzig die Fußballabteilung konnte bis Kriegsende einen (wenn auch seit 1943 immer weiter eingeschränkten) Wettspielbetrieb aufrechterhalten. Mit dem Gewinn des Deutschen Fußballpokals (Tschammer-Pokal) am 15. November 1942 im Berliner Olympiastadion (2:0 gegen den FC Schalke 04) gelang der bisher größte sportliche Erfolg. Durch alliierte Luftangriffe wurden das Vereinsheim an der Auenstraße 19 (18. März 1944 und 12. Juli 1944) und das Stadion an der Grünwalder Straße (6./7. September 1943 und 2. Oktober 1943) schwer beschädigt.

Die Situation am Kriegsende 1945

Bei Kriegsende 1945 waren Vereinsheim und Sport- und Spielplätze zerstört. Viele Vereinsmitglieder waren an der Front und durch Fliegerangriffe umgekommen: Die Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum nennt 154 Gefallene und 22 Vermisste. Unter ihnen befanden sich bekannte Ligaspieler wie Ludwig Stock, Franz Graf, Heinz Krückeberg und Gustl Thalmayr. Eine beachtliche Anzahl ehemaliger Führungskräfte, darunter die Vereinsvorsitzenden Emil Ketterer und Fritz Ebenböck sowie Fußballabteilungsleiter Sebastian Gleixner, befand sich wegen ihrer NS-Vergangenheit in Internierungslagern.

Schwieriger Neuaufbau und erste sportliche Erfolge

Stabile Strukturen in der Vereinsführung stellten sich erst nach einigen Jahren wieder ein, da auch die neue Stadtverwaltung und die US-Militärregierung einen personellen Neuanfang forderten. So erfolgte der Neuaufbau von unten durch Abteilungen wie den Leichtathleten, Geräteturnern, Boxern und Gewichthebern, die bereits 1946/47 wieder an die Vorkriegserfolge anknüpfen konnten. Die Fußballabteilung gehörte zu den Gründungsmitgliedern der am 4. November 1945 startenden Süddeutschen Oberliga. Der Wiederaufbau des Vereinsheimes erfolgte in den Jahren 1949 bis 1951. Die Leichtathletikmannschaft der Männer gewann von 1947 bis 1959 ununterbrochen die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft, die Frauen gewannen 1958 beim erstmals ausgetragenen Frauenwettbewerb. Ähnlich erfolgreich war die Gewichthebermannschaft. Hans Schattner und Josef Schuster nahmen an den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki teil. Bei den Spielen in Melbourne 1956 war der Verein mit Almut Brömmel (geb. 1935) (Speerwurf), Zenta Kopp (geb. 1933) (80-m-Hürdenlauf) und Walter Konrad (10.000-m-Lauf) vertreten.

Adalbert Wetzel als Förderer und Mäzen

Mit dem Eintritt von Adalbert Wetzel (1904-1990), der seit Kriegsende die Sportler mit Geld und Naturalien alimentierte, in die Vorstandschaft des Gesamtvereins im Jahr 1950 (Vorsitzender von 1952 bis 1969) kehrte wieder Kontinuität in die Führungsspitze ein. Unter seiner Führung hatte der Verein äußerst erfolgreiche Jahre.

Der Verein in der neu gegründeten Fußball-Bundesliga

Die Fußballabteilung qualifizierte sich als Meister der Oberliga Süd im Jahr 1963 direkt für die Aufnahme in die neu gegründete Bundesliga, was dem Lokalrivalen FC Bayern erst zwei Jahre später gelingen sollte. In den Jahren nach 1963 feierte der Verein seine bisher größten Erfolge: 1964 Gewinn des DFB-Pokals, 1965 Einzug in das Finale des Europapokals der Pokalsieger (in London 0:2 gegen West Ham United) und 1966 Gewinn der Deutschen Meisterschaft.

Probleme aufgrund der Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballsports

Allerdings führte die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballsports zu einer Konzentration der finanziellen Mittel des Vereins auf die Profifußballmannschaft und zu einer rückläufigen Unterstützung der anderen Abteilungen, deren Erfolge spürbar zurückgingen. Einzig der Basketballmannschaft und der Volleyballmannschaft der Herren gelang es in den 1970er Jahren, sich in den jeweiligen ersten Ligen zu etablieren. Die Volleyballmannschaft gewann 1973, 1975, 1978 und 1980 die Deutsche Meisterschaft. Der Verein geriet in dieser Zeit allerdings immer stärker in eine finanzielle Schieflage, die im Jahr 1982 zum Verkauf der Turnhalle an die Stadt führte.

Sportliche Berg- und Talfahrten der Ersten Fußballmannschaft

Für die Fußballmannschaft begann mit dem Abstieg in die Zweite Liga im Jahr 1970 eine über zwei Jahrzehnte währende sportliche Berg- und Talfahrt. Nach dem Lizenzentzug durch den DFB im Jahr 1982 wurde der Verein in die Drittklassigkeit strafversetzt. Dazwischen lagen zwei Wiederaufstiege in die Bundesliga (1977 und 1979). Der Wiederaufstieg in die zweite Liga gelang 1991. Unter der von 1992 bis 2004 währenden Präsidentschaft von Karl-Heinz Wildmoser (1939-2010) erfolgte 1994 die Rückkehr in die Erste Bundesliga. Seit der Spielzeit 2004/05 spielt der Verein wieder in der Zweiten Bundesliga. Ihre Punktspiele trägt die Mannschaft seit 2005 in der neu erbauten Allianz-Arena im Norden Münchens aus.

Weitere Abteilungen des Vereins

Neben der Fußballabteilung existierten 2011 noch folgende Abteilungen: Basketball, Bergsteigen, Boxen, Kegeln, Leichtathletik/Fitness, Ringen, Ski- und Radsport, Tennis, Turn- und Freizeitsport sowie Wassersport. Die größten Erfolge für die Skiabteilung erzielte Marina Kiehl (geb. 1955), die zwischen 1984 und 1987 fünf deutsche Meistertitel und sieben Weltcupsiege errang und 1988 bei den Olympischen Spielen in Calgary die Goldmedaille in der Abfahrt gewann.

Aktueller Mitgliederstand

Der Verein zählte im Jahr 2010 etwa 20.000 Mitglieder (Stand Januar 2010: 19.997), der Großteil davon gehörte der Fußballabteilung an (im Mai 2010: 18.037). Der Sitz des Vereins befindet sich heute auf dem Trainingsgelände an der Münchner Grünwalder Straße 114.

Literatur

  • Roman Beer, Kultstätte an der Grünwalder Straße. Die Geschichte eines Stadions, Göttingen 2011.
  • Julius Bohus, Geschichte des Sports in Bayern (Hefte zur bayerischen Geschichte und Kultur 20), Augsburg 1998.
  • Gerhard Fischer/Ulrich Lindner, Stürmer für Hitler. Vom Zusammenspiel zwischen Fußball und Nationalsozialismus, Göttingen 1999.
  • Hardy Grüne/Claus Melchior, Legenden in Weiß und Blau. 100 Jahre Fußballgeschichte eines Münchner Traditionsvereins, Göttingen 1999.
  • Anton Löffelmeier, Die "Löwen" unterm Hakenkreuz. Der TSV München von 1860 im Nationalsozialismus, Göttingen 2009.
  • Anton Löffelmeier, Fußballvereine, Geld und Politik. Die Geschichte des Münchner Fußballs von 1919 bis 1945, in: Stadtarchiv München (Hg.), Fußball in München. Von der Theresienwiese zur Allianz-Arena, München 2006, 38-77.
  • Claudius Mayer, Geschichte eines Traditionsvereins, hg. vom TSV München von 1860, München 3. Auflage 2007.
  • Ingo Schwab, Die Münchner Vereine in den Zeiten der Fußball-Bundesliga (1963-2004), in: Stadtarchiv München (Hg.), Fußball in München. Von der Theresienwiese zur Allianz-Arena, München 2006, 130-171.
  • Ingo Schwab, München in der Zeit der Oberliga Süd (1945-1963), in: Stadtarchiv München (Hg.), Fußball in München. Von der Theresienwiese zur Allianz-Arena, München 2006, 78-99.
  • Robert Schöffel, Fußball in München. Eine Stadt zwischen Rot und Blau, Regensburg 2014.

Quellen

  • Bundesarchiv Berlin, ehemaliges Berlin Document Center (BDC).
  • Der Kicker.
  • Der Fußball.
  • Fünfzig (50) Jahre Fußballabteilung 1860 München, München o. J. [1950].
  • Nachrichtenblatt des Turn- und Sportverein 1860 München (1929-1938).
  • Staatsarchiv München, Spruchkammerakten.
  • Stadtarchiv München, Amt für Leibesübungen.
  • Stadtarchiv München, Bürgermeister und Rat.
  • Stadtarchiv München, Ratssitzungsprotokolle.
  • Stadtarchiv München, Sportamt.
  • Stadtarchiv München, Zeitgeschichtliche Sammlung.
  • Stadtarchiv München, Zeitungsausschnitte.
  • Turn- und Sportverein München von 1860 (Hg.), Hundert Jahre Turn- und Sportverein München von 1860, München 1960.
  • Turnverein München von 1860. Jahrbuch 1909, München o. J. [1910].

Weiterführende Recherche

Externe Links

Die Löwen, Die Blauen

Empfohlene Zitierweise

Anton Löffelmeier, TSV München von 1860, publiziert am 03.04.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/TSV_München_von_1860> (20.11.2018)