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Wüstungen (Spätmittelalter)

(Weitergeleitet von Artikel 45701)
Ausschnitt aus der "Rheinstromkarte" von ca. 1595 mit Pfotz (Rheinland-Pfalz) und der Wüstung Alt-Pfotz. (Generallandesarchiv Karlsruhe H Rheinstrom Nr. 24)
Die Würzburger Siedlungslandschaft im späten Mittelalter. (Grafik: Peter Rückert)
Die Kapelle St. Gilg bei Karbach (Lkr. Main-Spessart), wohl Überrest der Wüstung Oberkarbach auf einer Karte von 1547. (Staatsarchiv Würzburg, Würzburger Risse und Pläne I/221)
Michaelskirche und Kirschhof bei Freudenberg (Baden-Württemberg) als Siedlungsreste auf der Mainlaufkarte von 1593. (Staatsarchiv Wertheim, R K 5950)

von Peter Rückert

Als Wüstungen werden in den mittelalterlichen Quellen sowohl aufgelassene Siedlungen als auch verödete Wirtschaftsflächen bezeichnet. Die heutige, interdisziplinär ausgerichtete Wüstungsforschung beschäftigt sich vor allem mit der spätmittelalterlichen Siedlungsentwicklung, als weite Teile Europas von Wüstungsprozessen erfasst wurden. Das 14. und 15. Jahrhundert gelten deshalb als "Wüstungsperiode". Wüstungsvorgänge in Bayern sind bisher vor allem für Franken genauer untersucht.

Wüstungsbegriff und Wüstungsschema

In den mittelalterlichen Schriftzeugnissen werden mit dem Begriff "Wüstung" sowohl aufgelassene Siedlungen wie auch verödete Wirtschaftsflächen (Fluren) bezeichnet. Die enge Beziehung von Orts- und Flurwüstungen hat in der kulturgeographischen Forschung zur Aufstellung eines Wüstungsschemas geführt, das auch den jeweiligen Verfallsgrad mit einbezieht. Dieses Wüstungsschema hat Eingang in die interdisziplinär arbeitende Wüstungsforschung gefunden. Es unterscheidet totale und partielle Orts- und Flurwüstungen. Unter Einbeziehung des Zeitfaktors werden zusätzlich temporäre von permanenten Wüstungen unterschieden.

Wüstungsforschung

Die Erforschung von Orts- und Flurwüstungen führte seit Mitte des 20. Jahrhunderts zur Ausbildung einer immer stärker interdisziplinär ausgerichteten Wüstungsforschung. Zunächst besonders in der Kulturgeographie methodisch weiter entwickelt und mit der Feldforschung und Kartierung von Wüstungsrelikten verbunden, beschäftigten sich historische Forschungen vor allem mit den schriftlichen Nachweisen der Wüstungen und ihren wirtschaftsgeschichtlichen Implikationen.

Mittlerweile wird die Wüstungsforschung besonders im Rahmen der dynamischen Umweltgeschichte von Historikern, Archäologen und Geographen betrieben. Dabei stehen Fragen nach Veränderungen von Umwelt und Landnutzung wie zu Umweltkatastrophen und Mobilität im Mittelpunkt.

Bayerische Wüstungsprozesse sind bisher vor allem für den fränkischen Bereich erforscht; Schwaben und Altbayern sind noch kaum erfasst. Eine erste Summe könnte unter Heranziehung aller Bände des Historischen Atlas von Bayern gezogen werden.

Wüstungsperioden und Wüstungsprozesse

Die Wüstungsforschung widmet sich vor allem der spätmittelalterlichen Siedlungsentwicklung, als große Teile Europas von Wüstungsprozessen erfasst wurden. Der massenweise Abgang von Siedlungen während des 14. und 15. Jahrhunderts kennzeichnet das Spätmittelalter als "Wüstungsperiode" innerhalb der europäischen Siedlungsgeschichte. Frühere Erscheinungen, wie sie zumal von Seiten der Archäologie betont werden, sind anhand der schriftlichen Überlieferung kaum zu fassen. Eine Parallelität zur Wüstungsperiode des Spätmittelalters ist nicht greifbar. Ab dem 16. Jahrhundert schließt sich eine Ausbauphase an, die offensichtlich zumindest in Mitteleuropa mit einem deutlichen Bevölkerungswachstum einhergeht.

Nach wie vor zentrale Fragenkomplexe drehen sich um Ursachen- und Wirkungsanalysen sowie um Quantitäten von Wüstungsvorgängen in ihren regionalen Ausprägungen. Seit den grundlegenden Forschungen von Wilhelm Abel (1904-1985) werden die spätmittelalterlichen Wüstungen als wesentliche Indikatoren eines massiven Bevölkerungsrückgangs verstanden, der vor allem mit den seit Mitte des 14. Jahrhunderts ständig wiederkehrenden Pestzügen in Verbindung zu bringen ist. Die Pest trat freilich räumlich wie zeitlich in unterschiedlicher Intensität auf, sodass sie – schon in Süddeutschland – keineswegs flächendeckend und gleichmäßig zu Bevölkerungsrückgang und Wüstungen führte.

Als zentrale quantifizierende Methode wird in der Wüstungsforschung der Wüstungsquotient eingesetzt, der den prozentualen Anteil der permanenten Ortswüstungen an der Gesamtzahl der Siedlungen vor der Wüstungsperiode (d. h. in Mitteleuropa um 1300) berechnet und vergleichen lässt.

Wüstungen in Süddeutschland

Für den süddeutschen Raum haben regionale Untersuchungen zu Wüstungen vor allem in Franken und im deutschen Südwesten den Forschungsstand profiliert. Deutlich wird, dass auch hier der Zeitraum zwischen 1300 und 1500 als Wüstungsperiode hervortritt, wobei die quantitativen Werte durchaus unterschiedlich sind: Während etwa im Altsiedelgebiet Mainfrankens ein mittlerer Wüstungsquotient von etwa 20 % errechnet wurde, liegen die Wüstungsanteile in den benachbarten Mittelgebirgen Steigerwald und Rhön etwa doppelt so hoch. Am Oberrhein oder im Schwarzwald sind hingegen nur relativ geringe Wüstungsanteile zu verzeichnen.

Damit wird die regionale Differenzierung bereits deutlich, welche die mit den Wüstungen verbundenen Ursachen- und Wirkungsanalysen nur kleinräumig erarbeiten und vergleichen lässt. Vor dem Hintergrund eines deutlichen Bevölkerungsrückgangs bringen die aktuellen Werte jedenfalls die größere Wüstungsanfälligkeit für naturräumlich ungünstiger ausgestattete Zonen zum Ausdruck, die meist auch erst spät besiedelt wurden. Damit zeigt sich eine siedlungsgenetische Abhängigkeit von hochmittelalterlichem Landesausbau und spätmittelalterlichen Wüstungen, die als allgemeine Tendenz zu fassen ist.

Die multikausal orientierte Ursachenforschung zu den Wüstungsprozessen, die von den Diskussionen um die spätmittelalterliche Agrarkrise und Feudalkrise bestimmt wird, nimmt mittlerweile unter Einbeziehung aktueller umwelt- und klimageschichtlicher Untersuchungen auch die ökologische Krise auf, die sich mit dem Übergang zur "Kleinen Eiszeit" ab dem 14. Jahrhundert erkennen lässt. Hieran werden weitere großräumig angelegte Forschungen anzusetzen haben, welche nach den Bestimmungen der regionalspezifischen Quantitäten der Wüstungsvorgänge deren Auswirkungen auf die Umwelt bzw. Kulturlandschaftsentwicklung im Hinblick auf Änderungen der Siedlungsstruktur und Landnutzung, Stadt – Umland – Beziehungen und räumliche wie soziale Mobilität der Bevölkerung in den Blick nehmen wollen.

Literatur

  • Wilhelm Abel, Die Wüstungen des ausgehenden Mittelalters (Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte 1), Stuttgart 1976.
  • Wilhelm Abel (Hg.), Wüstungen in Deutschland. Ein Sammelbericht, Frankfurt am Main 1967.
  • Hans Becker/Ingolf Ericsson (Hg.), Mittelalterliche Wüstungen im Steigerwald (Bamberger Geographische Schriften. Sonderfolge 7), Bamberg 2004.
  • Helmut Jäger, Einführung in die Umweltgeschichte, Darmstadt 1994.
  • Helmut Jäger, Entwicklungsprobleme europäischer Kulturlandschaften. Eine Einführung, Darmstadt 1987.
  • Ralf Obst, Wüstungen am nordwestlichen Maindreieck. Eine Fallstudie zu Be- und Entsiedlungsvorgängen des Mittelalters in Unterfranken, in: Peter Ettel/Reinhard Friedrich/Wolfram Schier (Hg.), Interdisziplinäre Beiträge zur Siedlungsarchäologie. Gedenkschrift für Walter Janssen, Rahden 2002, 279-288.
  • Peter Rückert, Die Siedlungslandschaft des Würzburger Raumes im Hoch- und Spätmittelalter, in: Ulrich Wagner (Hg.), Geschichte der Stadt Würzburg. 1. Band: Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Bauernkriegs, Stuttgart 2001, 166-182.
  • Peter Rückert, Landesausbau und Wüstungen am Oberrhein westlich des Kraichgaus, in: Ludwig H. Hildebrandt (Hg.), Archäologie und Wüstungsforschung im Kraichgau, Ubstadt-Weiher 1997, 47-58.
  • Peter Rückert, Landesausbau und Wüstungen des hohen und späten Mittelalters im fränkischen Gäuland (Mainfränkische Studien 47), Würzburg 1990.
  • Peter Rückert, Umweltveränderungen im deutschen Südwesten. Agrarwirtschaft und Landnutzung zwischen Mittelalter und Neuzeit, in: Barbara Scholkmann u. a. (Hg.), Zwischen Tradition und Wandel. Archäologie des 15. und 16. Jahrhunderts (Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie 3), Büchenbach 2009, 511-520.
  • Kurt Scharlau, Beiträge zur geographischen Betrachtung der Wüstungen (Badische geographische Abhandlungen 10), Freiburg 1933.
  • Rainer Schreg, Archäologische Wüstungsforschung und spätmittelalterliche Landnutzung. Hausbau und Landnutzung des Spätmittelalters in Südwestdeutschland aus archäologischer Sicht, in: Sönke Lorenz/Peter Rückert (Hg.), Landnutzung und Landschaftsentwicklung im deutschen Südwesten. Zur Umweltgeschichte im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg B 173), Stuttgart 2009, 131-163.
  • Rainer Schreg, Nach der Wüstungsphase. Umstrukturierungen des ländlichen Raumes in der frühen Neuzeit. Eine umwelthistorische Perspektive, in: Barbara Scholkmann u. a. (Hg.), Zwischen Tradition und Wandel. Archäologie des 15. und 16. Jahrhunderts (Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie 3), Büchenbach 2009, 449-462.
  • Rolf Sprandel, Wüstungsprozesse in systematischer Betrachtung nach Schriftquellen des Spätmittelalters, in: Sönke Lorenz/Peter Rückert (Hg.), Landnutzung und Landschaftsentwicklung im deutschen Südwesten. Zur Umweltgeschichte im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg B 173), Stuttgart 2009, 113-129.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Wüstungsbewegung, Wüstungsperiode, Bevölkerungsrückgang

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Peter Rückert, Wüstungen (Spätmittelalter), publiziert am 14.01.2014; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wüstungen_(Spätmittelalter) (20.09.2019)




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