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Nürnberger Schembartlauf

Ein "Nussenwerfer" beim Schembartlauf. (Stadtbibliothek Nürnberg, Solg. Ms. 25.2°, f. 12r)
Verspottung des Reformators Andreas Osiander beim Schembartlauf 1539. Die Figur des Osiander steht auf der mitgezogenen "Hölle", von Teufeln umringt. Sie hält ein Spielbrett (Symbol der Sünde) und einen Schlüssel (Symbol der Kirchenzucht) in den Händen. (Stadtbibliothek Nürnberg, Nor. K. 444, f. II.)
Ein Basilisk als "Hölle". (Staatsbibliothek Berlin, Ms.germ.fol.492, 77v)
Kanone als "Hölle". (Staatsbibliothek Berlin, Ms.germ.fol.492, 77v)
Metzgertanz beim Schembartlauf. (Staatsbibliothek Berlin, Ms.germ.fol.492, 22v-23)
Kaiser Karl IV. stellt zu Nürnberg die Herrschaft der Geschlechter wieder her und gestattet das sogenannte Schönbartlaufen 1350. Wandbild im Gebäude des 1867 eröffneten Bayerischen Nationalmuseums (heute: Museum Fünf Kontinente). (aus: Karl von Spruner Die Wandbilder des Bayerischen National-Museums. Band II, München, 1868, Tafel 116. Abbildung aus dem Exemplar, das König Ludwig II. der Bayerischen Staatsbibliothek schenkte. [BSB Rar. 106])

von Jürgen Küster

Der Schembartlauf war der zentrale Faschingsbrauch im spätmittelalterlichen und frühmodernen Nürnberg von 1449 bis 1524/1539. Es handelte sich um einen Schaulauf maskierter Nürnberger Bürger (überwiegend Patrizier). In seiner Blütezeit (1475 bis 1524) führten sie Umzugsschlitten mit sich, die "Höllen" genannt wurden. Diese waren Vorläufer der Umzugswägen im späteren Karneval. Der Schembartlauf hat sowohl bei den Zeitgenossen als auch bei den späteren Verfassern der insgesamt über 80 Schembarthandschriften, Historikern, Volkskundlern und historischen Verbänden großes Interesse hervorgerufen.

Forschungsstand, Interpretationen

Der Nürnberger Schembartlauf ist einer von zahlreichen Faschingsumzügen, die aus spätmittelalterlichen Städten bekannt sind. Er ist jedoch der wohl am aufwändigsten begangene und am intensivsten dokumentierte dieser Bräuche.

Die Interpretation des Schembartlaufs ist bis heute umstritten. Die Geschichte des Brauches ist insbesondere seit den 1960er Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt und erläutert worden. Hans-Ulrich Roller untersuchte ihn mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen, u. a. zum Selbstverständnis der Patrizier, die diesen repräsentativen Umzug veranstaltet haben. Dabei gelangte vor allem die Darstellung des Brauches in den Quellen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts in den wissenschaftlichen Focus. Andere Autoren haben einzelne Begriffe (z. B. Schembart durch Wilhelm Müller) oder bestimmte Brauchelemente (durch Herbert Maas, Wolfgang Brückner) mehr oder weniger isolierten Erklärungsversuchen unterzogen. Dabei wird der Begriff "Schembart" meist zu "schem/e" gestellt und bezeichnet eine "Maske mit Bart". Tatsächlich handelte es sich bei den Nürnberger Masken aber um glatte, bartlose "Schönmasken" - nicht der einzige Widerspruch. Dagegen hat Dietz-Rüdiger Moser (1939-2010) vorgeschlagen, die "Schembart"läufer als "Scheinboten" (vgl. Hans Sachs "scheinpart" u. a. Schreibweisen) zu betrachten, die in der "verkehrten Welt" der Fastnacht im Gegensatz zu den wahren Boten (Gottes), den Engeln, ihr (Un-)Wesen treiben.

Jürgen Küster interpretierte 1983 - zeitgenössischen Einschätzungen entsprechend - den Schembartlauf als "Spectaculum Vitiorum", also als allegorisches "Straßentheater", bei dem die einzelnen Elemente des komplexen Umzugs im spätmittelalterlichen Kontext aufeinander zu beziehen sind. Er sah den Schembartlauf vor dem Hintergrund historischer Ereignisse im Nürnberg des 14. Jahrhunderts, wie dem Handwerkeraufstand gegen den Rat der Stadt 1348/49, und prägender gesellschaftlich-theologischer Grundsätze, Denkweisen und Glaubenseinstellungen. Nach seiner Auffassung war der Schembart ein bewusst inszenierter Schaulauf zur Erinnerung an die zum Einführungsdatum genau 100 Jahre zurückliegende Niederwerfung dieses Aufruhrs.

Hans Sachs (1494-1576) hat 1548 (mit Bezug auf eine ältere Bilderchronik) dazu gereimt: "Nun merck! Dieser scheinpart/mit aller seyner arth/Ist ein haymlich figur/ Vergangener auffrur" (Hans Sachs, Werke IV, 203).

Schembartlauf und Metzgertanz

Im spätmittelalterlichen Nürnberg fanden mindestens zwei größere Faschingsveranstaltungen statt. Älter als der Schembartlauf war dabei der "Metzgertanz", der deswegen vielfach als Vorläufer des bekannter gewordenen Maskenumzugs gewertet worden ist. Ob sich die Metzgerzunft am damaligen Handwerkeraufstand 1348/49 tatsächlich als einziges Gewerk nicht beteiligt hatte (wie vielfach schon von zeitgenössischen Chronisten behauptet) und infolgedessen mit einem Tanzprivileg ausgestattet worden, oder ob sie infolge der massiven Verdienstausfälle in der Fastenzeit zum Ausgleich mit einem "Heischebrauch" bedacht worden war, sei dahingestellt. Jedenfalls durften und sollten die Metzger im Nürnberger Fasching seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine Tanzveranstaltung durchführen.

Entwicklung 1449-1539

Die Schembartläufer kamen erst ab 1449 dazu. Ihre Zahl wechselte meist zwischen ca. 30 und 100 Beteiligten. Die Laufroute führte von der Festung herab "gegen" die tanzenden Metzger, um diese "zu vertrucken". Bis auf einige wenige Ausnahmen (bei Seuchen und Kriegen) fand der Schembartlauf von 1449 bis zur Einführung der Reformation in Nürnberg 1524 jährlich statt.

1539 erfolgte eine Neuinszenierung seitens konservativer Patrizier, die mit dem traditionellen Umzug Kritik am reformatorischen Geist, besonders am Prediger Andreas Osiander (1498-1552), zum Ausdruck brachten. Martin Luther (1483-1546) nahm diese Verunglimpfung Osianders zum Anlass, den Schembartlauf als besonders unheiliges, Gott missfallendes "Spectaculum" zu charakterisieren und anzuprangern. Infolgedessen war dies der letzte Schembartlauf.

Das spätmittelalterliche Gefüge, in dessen Rahmen und Grenzen sich der Umzug entwickelt hatte und zur Blüte gelangt war, ging mit der Reformation unter. Wie überall in den protestantischen Landesteilen gelang es auch in Nürnberg, die Fastnachtsbräuche vollständig auszurotten. Mehrere Wiederbelebungsversuche sind über die Jahrhunderte hinweg gescheitert.

Erscheinungsbild

Die Nürnberger Schembartläufer traten überwiegend in eng anliegenden, häufig im "Mi-Parti" (vgl. Veronika Mertens) - das heißt in senkrecht geteilten, mehrfarbigen und mit allegorischen Zeichen bemalten und benähten, teilweise aus kostbaren Materialien gefertigten Kostümen - auf, ähnlich den bekannten "Weißnarren" der südwestdeutschen Fastnacht und dem schon bei Gottfried von Straßburg (gest. 1215) genannten "Torenkleid" Tristans. Dazu trugen sie überwiegend jugendlich glatte Gesichtsmasken, Schellen und Schellenbänder, Schnabelschuhe, aufgeputzte Hüte und Kappen – jeweils im Stil der geltenden Mode und in Anlehnung an die Tracht der Landsknechte. Die Kostüme brachten damit besonders weltliche, kämpferische und lustbetonte Themen zum Ausdruck. Bei einigen Schembartläufen musste der Rat der Stadt deswegen sogar einschreiten und die Zurschaustellung des männlichen Geschlechts unter oder vor dem "Hosenlatz" verbieten. Begleitet durch "Wilde Männer", "Narrenfiguren", "Alte Weiber", Teufels-, Tier- und andere Lastergestalten liefen oder stürmten die Läufer durch die Stadt. Sie lieferten so ein allegorisches Abbild der Bedrohung der gottgewollten Ordnung, des herrschenden Rates und der christlichen Obrigkeit. Die Tage vor dem Anbruch der Fastenzeit gaben dafür den einzig möglichen Rahmen; Fastnacht, Fasching oder Karneval: Hier ging es landauf landab um die Darstellung des abgelehnten Teufelsstaates, der "civitas diaboli", zur Vorbereitung von Reue und Umkehr am Aschermittwoch (vgl. Moser, Fastnacht).

Ab 1475 zogen die Läufer "Höllen" durch die Nürnberger Gassen. Das waren Umzugsschlitten oder -wagen, die verschiedene, nach spätmittelalterlichem Verständnis "höllische oder teuflische" Themen sinnbildlich darstellten. Mit der gleichen zeichenhaften, allegorischen Sprache, wie sie zeitgenössische Prediger in den Nürnberger Kirchen führten und wie sie in ungezählte bildnerische Werke der Zeit eingegangen ist, haben sich die Nürnberger Schembartläufer an ihr Publikum gewandt: Tierfiguren als Zeichen für die Todsünden, "Drachen", "babylonische Türme", eine "Venusfalle", "Narrenfresser", "Kampfelephanten" und ein "Narrenschiff". Der Grundbestand an Motiven und Themen folgte bis ins Detail den spätmittelalterlichen Lastertraktaten und ihrer kräftigen, bildhaften Sprache.

Die Schembart-Handschriften

In über 80 erhaltenen Schriften werden die Schembartläufe anschaulich und zum Teil mit Bildern beschrieben. Mit einer Ausnahme von ca. 1525 sind sämtliche dieser Schembartbücher von 1539, also nach dem Ende des Schembartlaufs, an bis zum 18. Jahrhundert entstanden. Davon gibt es in Nürnberg in vier Bibliotheken insgesamt 35 Originale (darunter zehn Handschriften aus der Sammlung Merkel im Germanischen Nationalmuseum), in Deutschland verteilt etwa weitere 30, in Wien fünf, in Luzern zwei und in Paris, London und Brüssel je ein Exemplar. Eine New Yorker Bibliothek und ein Sammler besitzen weitere fünf Exemplare. Das älteste Exemplar verwahrt die Universitätsbibliothek Erlangen (Ms.B.139).

Neuansätze

Seit 1974 besteht in Nürnberg die Schembart-Gesellschaft zur Pflege und Darbietung mittelalterlicher Bräuche. Dabei ist der Schembartlauf als nostalgische Reminiszenz an die spätmittelalterlich-frühmoderne Vergangenheit der Stadt immer wieder, u. a. 1999 zum 25-jährigen Bestehen der Gesellschaft und zuletzt 2006, aufgeführt worden. Die inneren Bezüge des Geschehens sind dort nicht mehr präsent.

Literatur

  • Peter J. Bräunlein, Das Schiff als "Hölle" im Schembartlauf des Jahres 1506. Eine Deutung im zeitgeschichtlichen Kontext Nürnbergs, in: Jahrbuch für Volkskunde 17 (1994), 197-208.
  • Wolfgang Brückner, Fastnacht und Hölle. Zur Herkunft von Begriff und Sache im Nürnberger Schembartlauf, in: Jahrbuch für Volkskunde 1992, 211-212.
  • Hanns Hubert Hofmann, Fastnachtsbräuche im alten Nürnberg, in: Ferdinand Ranft (Hg.), Vom Main zur Donau, Nürnberg 1961, 12-15.
  • Jürgen Küster, Spectaculum vitiorum. Studien zur Internationalität und Geschichte des Nürnberger Schembartlaufes (Kulturgeschichtliche Forschungen 2), Remscheid 1983.
  • Jürgen Leibbrand, Speculum Bestialitatis. Die Tiergestalten der Fastnacht und des Karnevals im Kontext christlicher Allegorese (Kulturgeschichtliche Forschungen 11), Remscheid 1988.
  • Veronika Mertens, Mi-Parti als Zeichen. Zur Bedeutung von geteiltem Kleid und geteilter Gestalt in der Ständetracht, in literarischen und bildnerischen Quellen sowie im Fastnachtsbrauch vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Kulturgeschichtliche Forschungen 1), Remscheid 1983.
  • Dietz-Rüdiger Moser, Fastnacht - Fasching - Karneval. Das Fest der "Verkehrten Welt", Graz/Wien/Köln 1986.
  • Wilhelm Müller, Der Nürnberger Schembartlauf. Herkunft und Deutung, in: Archiv für die Geschichte von Oberfranken 62 (1982), 63-91.
  • Hans Ulrich Roller, Der Nürnberger Schembartlauf. Studien zum Fest- und Maskenwesen des späten Mittelalters (Volksleben 11), Tübingen 1965.
  • Eberhard Wagner, Die Basler Fasnacht und der Nürnberger Schembartlauf: zwei (vergleichbare) Beispiele städtischen Fasnachtsbrauchtums, in: Schönere Heimat. Erbe und Auftrag 80 (1991), 20-24.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Jürgen Küster, Nürnberger Schembartlauf, publiziert am 23.12.2008; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Nürnberger_Schembartlauf> (11.12.2018)