Miesbacher Anzeiger

Ludwig Thoma, o.J. (Bayerische Staatsbibliothek)
Auszug aus einem antisemitischen Hetzartikel vom 21. März 1921, in dem Thoma die Berliner Reichsregierung attackiert. (kritisch kommentiert bei Volkert, Ludwig Thoma, 181-184)
Gedicht von Thoma über den Reichskommissar für die Durchführung der Entwaffnung, Dr. Wilhelm Peters (1876-1953), der im April 1921 nach München kam. (Miesbacher Anzeiger, 2. April 1921, kommentiert bei Volkert, Ludwig Thoma, 206)

von Emma Mages

Die 1874 gegründete Zeitung erlangte Anfang der 1920er Jahre in ganz Deutschland Berühmtheit durch ihre antidemokratischen, antisemitischen Hetzartikel, die meist anonym von Ludwig Thoma (1867-1921) verfasst wurden. Sie erschien bis 20. April 1945.

Geschichte und politische Ausrichtung

Der Miesbacher Anzeiger, ein oberbayerisches Provinzblatt, wurde 1874 als Miesbacher Wochenblatt von dem aus Bad Tölz stammenden Buchdrucker Karl Urban gegründet. Nach dem Verkauf von Zeitung und Druckerei an Georg Mayr (1844-1913) 1876 erhielt das Blatt den endgültigen Namen. Seit 1904 erschien der Miesbacher Anzeiger täglich. Ab 1905 leitete Friedrich Wilhelm Mayr (1877-1916), dann ab 1916 dessen Witwe Kreszenz Mayr (1880-1928) die Zeitung. Georg Mayr und sein Sohn führten die Zeitung zunächst in liberalem, seit der Jahrhundertwende in konservativem Stil im Sinn der Zentrumspartei.

Kreszenz Mayr verpachtete den Anzeiger 1919 an den Redakteur Klaus Eck (1881-1929), der schon seit 1909 der Redaktion angehört hatte. Unter seiner Geschäftsführung nahm die Zeitung eine scharf antisozialistische und vulgär antisemitische Grundhaltung ein. Im Juli 1922 schied Eck nach Streitigkeiten mit der Inhaberin aus dem Betrieb aus.

1929 ging der bis dahin selbständige Miesbacher Anzeiger im Bayerischen Zeitungsblock, einem Zusammenschluss oberbayerischer Zeitungen, auf und war ab November 1933 erkennbar Parteiorgan der NSDAP. Er erschien bis Mitte April 1945.

Ludwig Thomas Mitarbeit

Der Miesbacher Anzeiger erlangte in den Jahren 1920/21 weit über Oberbayern hinaus Berühmtheit und erregte auch in Berlin wegen seiner von Ludwig Thoma (1867-1921) meist anonym verfassten politischen Hetzartikel Aufsehen. Die Beiträge können als Kommentare oder politische Feuilletons und, wenn sie an herausgehobener Stelle platziert waren, als Leitartikel bezeichnet werden. Durch einige namentlich gekennzeichnete Artikel war die Tätigkeit Thomas für das Blatt zwar bekannt, doch sollte geheim bleiben, dass er von Juli 1920 bis August 1921 der maßgebliche Kommentator war.

Dass die Verbindung nur wenig bekannt war, wird auch dadurch belegt, dass Lion Feuchtwanger (1884-1958) in "Erfolg" (1930), einem Schlüsselroman über die Münchner Gesellschaft in den Nachkriegsjahren, den Miesbacher Anzeiger als Materialsammlung über Sitten und Gebräuche der altbayerischen Menschen böse kommentierte, ohne jedoch einen Zusammenhang mit dem Schriftsteller "Dr. Lorenz Matthäi", in dem eindeutig Ludwig Thoma erkennbar ist, herzustellen.

Die polemischen Beiträge Thomas führten zu einer erheblichen Steigerung der Auflage von 4.000 bis 5.000 während der Kriegsjahre auf 18.000 in den Jahren 1920 bis 1923. Allein in München sollen täglich 4.000 Exemplare verkauft worden sein; Absatzorte waren auch Berlin, Hannover, Hamburg und Frankfurt. Thoma verstarb am 26. August 1921, am selben Tag wurde Matthias Erzberger (1875-1921) ermordet. Der Miesbacher Anzeiger wurde aufgrund seiner volksverhetzenden Kommentierung des Mordes für 14 Tage verboten.

Inhalt und Stil der Hetzartikel

Thomas Kommentare zum politischen Tagesgeschehen entstanden in spontaner Empörung, in aufgewühltem Gemütszustand und ließen meist jede verbale Mäßigung vermissen. Sie waren geprägt von rüden Angriffen auf die Reichsregierung, scharfer antisozialistischer und antisemitischer Hetze. In spöttischen Glossen, gespickt mit beleidigenden Formulierungen und vulgären Mundartausdrücken, die nur gelegentlich durch redaktionelle Eingriffe abgemildert wurden, machte Thoma die politischen Akteure aus den Reihen der Mehrheitssozialisten und der Unabhängigen Sozialdemokraten, aber auch des Zentrums lächerlich. Es verwundert nicht, dass bald einige Beleidigungsverfahren gegen den Miesbacher Anzeiger anhängig waren. Die Artikel fanden wegen ihrer volksverhetzenden Tendenzen mehrfach Eingang in die politische Diskussion in den Parlamenten.

Nur den seit März 1920 amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten Gustav von Kahr (1862-1934) rückte Thoma in positives Licht. Er kannte ihn persönlich und schätzte an ihm Heimatliebe, Redlichkeit und Klugheit, vor allem auch seinen energischen Einsatz des Ordnungsrechts gegen die Linksparteien, wobei die von den sozialistischen Parteien als konservativ-reaktionär attackierten Einwohnerwehren eine wichtige Rolle spielten.

Edition und neues Thoma-Bild

Durch die Edition Wilhelm Volkerts (geb. 1928) 1990 wurden erstmals alle 167 dem Verfasser Ludwig Thoma zuzuordnenden Artikel für den Miesbacher Anzeiger identifiziert und wissenschaftlich kommentiert. Worüber zuvor nur Gerüchte kursierten, wurde zur historischen Gewissheit: Ludwig Thoma, der vor allem wegen seines hintersinnigen Humors vielgelobte bayerische Volksdichter, zeigte sich nach dem Ersten Weltkrieg als Nationalkonservativer schärfster Ausprägung, der mit erschreckenden antisemitischen Parolen und antisozialistischer Polemik die demokratischen Kräfte der Weimarer Republik diffamierte. Die Stadt München verlieh die Ludwig-Thoma-Medaille letztmalig 1989.

Literatur

  • Sieglinde Kirmayer, Der „Miesbacher Anzeiger“ - Heimat- und Kampfblatt 1874-1950. Ein Beitrag zur Geschichte der bayerischen Provinzpresse, Diss. masch. München 1956.
  • Richard Lemp, Ludwig Thoma. Bilder, Dokumente, Materialien zu Leben und Werk, München 1984.
  • Gertrud M. Rösch, Ludwig Thoma als Journalist. Ein Beitrag zur Publizistik des Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik, Frankfurt am Main 1989.
  • Wilhelm Volkert, Der "Miesbacher Anzeiger" in Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg", in: Guillaume van Gemert/Hans Pörnbacher (Hg.), Grenzgänge. Literatur und Kultur im Kontext (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur 88), Amsterdam 1990, 311-314.

Quellen

  • Literaturarchiv der Monacensia, Bestand Ludwig Thoma (Sign. L 2396).
  • Wilhelm Volkert (Bearb.), Ludwig Thoma: Sämtliche Beiträge aus dem "Miesbacher Anzeiger" 1920/21, München 1989.

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Emma Mages, Miesbacher Anzeiger, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Miesbacher Anzeiger> (18.08.2017)