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Landvogteien in Franken

von Reinhard Seyboth

Die Landvogteien in Franken umfassten die Landvogteien Nürnberg, Rothenburg und Regnitzland. Aufgrund der schwierigen Quellenlage ist bisher nur erstere genauer erforscht worden. Die Landvogtei Nürnberg entstand aus den Revindikationsbestrebungen König Albrechts I. (reg. 1298-1308). Schon bald nach dessen Tod verlor sie aufgrund von Besitzverlusten (u. a. Verpfändungen) an Bedeutung; formell bestand sie aber noch bis in die Zeit Kaiser Karls IV. (reg. 1346-1378).

Revindikationsbestrebungen unter König Rudolf von Habsburg

In den letzten Jahren des staufischen Königtums und während des Interregnums hatten sich zahlreiche Territorialherren große Teile des ehemals umfangreichen Reichsgutes angeeignet. Um seine Herrschaft auf eine wirtschaftlich und finanziell tragfähige Basis zu stellen, erließ deshalb König Rudolf von Habsburg (reg. 1273-1291) vermutlich schon bald nach seiner Wahl 1273 den Befehl, alles usurpierte und verpfändete Reichsgut herauszugeben. Zumindest für einige Regionen des Reiches können diese Revindikationen "als Teil und Auftakt umfassender territorialer Ambitionen" Rudolfs gesehen werden (Thieme, Altenburg, 229). Da kein allgemeines Verzeichnis über das Reichsgut existierte, wurden Amtleute beauftragt, entsprechende Besitzungen zu ermitteln, einzuziehen und zu neuen Verwaltungskomplexen, den Landvogteien, zusammenzufassen.

Die wichtigsten von ihnen entstanden in Ober- und Niederschwaben, im Elsass, im Speyergau und in der Wetterau im heutigen Hessen. Hinzu kamen verschiedene kleinere Landvogteibezirke. Das umfangreiche Reichsgut in Franken, das in den Jahrzehnten zuvor vor allem die unmittelbar benachbarten zollerischen Burggrafen von Nürnberg und die Wittelsbacher usurpiert hatten, ließ Rudolf hingegen unangetastet, da die Vertreter dieser beiden Dynastien ihm politisch nahe standen und seine Königswahl entscheidend befördert hatten.

Schaffung der Landvogtei Nürnberg unter König Albrecht I. von Habsburg

Während König Adolf von Nassau (reg. 1292-1298) der Revindikationspolitik seines Vorgängers keine entscheidenden neuen Impulse zu geben vermochte, machte Rudolfs Sohn König Albrecht I. (reg. 1298-1308) sie zu einem zentralen Element seines politischen Programms. Da er auf die Zollern und die Wittelsbacher keine große Rücksicht mehr nehmen musste, konnte er um 1301 damit beginnen, auch das entfremdete Reichsgut im Großraum um Nürnberg zurückzuführen und neu zu organisieren. Zum ersten Landvogt wurde Dietegen von Kastel bestellt, der sich überaus energisch und wenig konfliktscheu der Ermittlung der in seinem Bezirk liegenden Reichsgüter annahm, für deren militärischen Schutz sorgte, ihre Einkünfte erhob und die Gerichtsbarkeit ausübte. Während seiner Amtszeit erlebte die Landvogtei Nürnberg ihre Blüte. "Ein umfangreiches Reichsterritorium war im Entstehen begriffen, zwischen Thüringer Wald und Donau, dem Pegnitzfluß und der böhmischen Grenze." (Hessel, Jahrbücher, 189). Bevor jedoch Dietegen von Kastel noch weitere von ihm geplante Rückerwerbungen realisieren konnte, wurde er auf Betreiben seiner Gegenspieler Ende 1306 oder Anfang 1307 nach Oberschwaben versetzt.

Niedergang und Ende der Landvogtei Nürnberg

Mit der Ermordung König Albrechts 1308 endete nicht nur das Projekt einer umfassenden Revindikation entfremdeten Reichsgutes, auch die Landvogtei Nürnberg büßte viel von ihrer Bedeutung ein. Schon bald hatte sie keine eigenständige Funktion als Instrument königlicher Reichspolitik mehr, sondern diente im Wesentlichen nur noch zum Einzug der Gefälle. König Heinrich VII. (reg. 1308-1313) musste als Gegenleistung für die Wahl seines Sohnes Johann (reg. 1311-1346 als König von Böhmen) zum König von Böhmen 1310 den Wittelsbachern die ihnen von seinem Vorgänger abgenommenen Besitzungen östlich von Nürnberg, darunter Lauf, Hersbruck (beide Lkr. Nürnberger Land) und Neumarkt i. d. Oberpfalz, zurückgeben.

Seine Nachfolger auf dem Königsthron vermochten die Nürnberger Landvogtei nicht mehr entscheidend zu reaktivieren. Selbst in der Nähe des Amtssitzes Nürnberg gingen immer mehr Reichsgüter durch Verpfändung verloren. Spätestens Ende der 1340er Jahre hatte die Landvogtei ihre Selbständigkeit eingebüßt. Der verbleibende Rest, vor allem die Reichsburg und die Reichswälder, war vergleichsweise klein; zudem eignete sich die aufstrebende Reichsstadt Nürnberg immer mehr Rechte an beidem an. Formell bestand die Landvogtei noch bis in die Zeit Kaiser Karls IV. (reg. 1346-1378), danach erlosch sie endgültig.

Reichssalbüchlein

Um 1300 entstand das sog. Nürnberger Salbüchlein, auch "Reichssalbüchlein" genannt. Das aus acht Pergamentblättern bestehende, bis auf den Schluss von einer Hand geschriebene Verzeichnis wurde ca. 1295/97 begonnen und bis ca. 1306 fortgeführt. Es wird heute im Staatsarchiv Nürnberg verwahrt und stellt die wichtigste Quelle für die Erforschung der Landvogtei Nürnberg dar. Es bietet die Möglichkeit, die ungefähre Ausdehnung der Nürnberger Landvogtei zu bestimmen und die Abgaben, die von den dortigen Gütern an den Amtssitz des Landvogts auf der Kaiserburg abzuführen waren, zu ermitteln.

Landvogtei Rothenburg

Die Landvogtei Rothenburg ob der Tauber (Lkr. Ansbach) war im Vergleich zur Nürnberger Landvogtei sehr viel kleiner und weniger bedeutend. Über sie liegen nur spärliche Hinweise vor. Der Zeitpunkt ihrer Entstehung ist nicht gesichert, vermutet wird ein Zusammenhang mit der Neuerrichtung des Rothenburger Landgerichts durch König Rudolf I. ab 1274. Aus den folgenden Jahrzehnten sind mehrere Landvögte namentlich bekannt. Nach der Selbstauslösung Rothenburgs aus der Verpfändung an die Grafen von Hohenlohe 1333 bis 1335 und damit seiner Rückkehr ans Reich ist Heinrich von Dürrwangen sowohl als Landvogt zu Nürnberg (1339, 1342) als auch als Landvogt zu Rothenburg (1342) und zu Franken (1342, 1346) belegt. Dies könnte darauf hindeuten, dass der Reichsbesitz Nürnberg und Rothenburg zu diesem Zeitpunkt bereits so weit zusammengeschmolzen war, dass eine Zusammenlegung beider Landvogteien sinnvoll erschien.

Landvogtei Regnitzland

Noch unklarer als in Rothenburg liegen die Verhältnisse bei der Landvogtei Regnitzland. Das 1288 noch im Besitz der Vögte von Plauen befindliche Regnitzland mit der Stadt Hof an der Saale wurde 1303 für das Reich eingezogen, möglicherweise durch Dietegen von Kastel. 1304 wird Walther von Kastel als "advocatus provincialis in curia Regnitz" bezeichnet. Über das weitere Schicksal dieser Landvogtei ist nichts bekannt.

Forschungsstand und Quellenlage

Fränkische Reichslandvogteien werden im Kontext des spätmittelalterlichen Reichsgutes und der königlichen Bestrebungen zu dessen Rückgewinnung in verschiedenen Regionen des Reiches erforscht. Der Gewinnung detaillierter und zuverlässiger Erkennnise sind dabei jedoch allenthalben deutliche Grenzen gesetzt durch die eingeschränkte Quellenüberlieferung. Dieser Mangel hat insbesondere auch zur Folge, dass über Erfolg oder Misserfolg der durch Rudolf von Habsburg eingeleiteten Revindikationsmaßnahmen ein gültiges Urteil nur schwer möglich ist (Krieger, Rudolf von Habsburg, 166). Vergleichbares gilt für den Aspekt der Landvogteien. Während beispielsweise für die Landvogteien in Schwaben, in der Wetterau, im Speyergau und im Elsass neuere Forschungen vorliegen, existieren für die drei in Franken gelegenen im Wesentlichen nur ältere Untersuchungen, von denen die Nürnberger Landvogtei als einzige näher beschrieben wird. Neue Ansatzmöglichkeiten könnten sich vielleicht ergeben, wenn einmal die Urkunden König Albrechts I. vollständig publiziert sind.

Literatur

  • Karl Borchardt, Die geistlichen Institutionen in der Reichsstadt Rothenburg ob der Tauber und dem zugehörigen Landgebiet von den Anfängen bis zur Reformation (Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte, Reihe IX: Darstellungen aus der fränkischen Geschichte 37), 2 Bde., Neustadt a. d. Aisch 1988 [11f. zur Reichslandvogtei Rothenburg ob der Tauber].
  • Katharina Colberg, Reichsgut und Reichsreform, Diss. masch. Göttingen 1968 [257-260 zur Landvogtei Nürnberg, 504-509 zur Datierung des Nürnberger Salbüchleins].
  • Heinz Dannenbauer, Die Entstehung des Territoriums der Reichsstadt Nürnberg (Arbeiten zur deutschen Rechts- und Verfassungsgeschichte 7), Stuttgart 1928 [95-100 zur Landvogtei Nürnberg].
  • Alois Gerlich/Alfred Wendehorst, Reichsgut-Revindikationen Rudolfs und Albrechts I. von Habsburg, in: Max Spindler (Begr.)/Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. III, 1: Geschichte Frankens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, 3. Aufl. München 1997, 391-396.
  • Alfred Hessel, Jahrbücher des Deutschen Reichs unter König Albrecht I. v. Habsburg, München 1931 [188-191 zur Landvogtei Nürnberg].
  • Rudolf Hoke, Art.„ "Landvogt“, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Bd. 2, Berlin 1978, Sp. 1597-1599.
  • Karl-Friedrich Krieger, Rudolf von Habsburg, Darmstadt 2003 [166f. zu den Revindikationsmaßnahmen Rudolfs von Habsburg].
  • Wilhelm Küster, Das Reichsgut in den Jahren 1273-1313 nebst einer Ausgabe und Kritik des Nürnberger Salbüchleins, phil. Diss. Leipzig 1883 [18ff zur Landvogtei Nürnberg, S. 24 zur Landvogtei Rothenburg o. d. Tauber].
  • Hans Niese, Die Verwaltung des Reichsgutes im 13. Jahrhundert. Ein Beitrag zur deutschen Verfassungsgeschichte, Innsbruck 1905, Nachdruck Aalen 1965 [307-309 zur Landvogtei Rothenburg o. d. Tauber, 312-314 zur Landvogtei Nürnberg, 314 zur Landvogtei Regnitzland].
  • Jürgen Petersohn, Franken im Mittelalter. Identität und Profil im Spiegel von Bewußtsein und Vorstellung (Vorträge und Forschungen 51), Ostfildern 2008 [192-194 zur Reichsgutverwaltung in Franken ab 1273].
  • Ernst Schubert, König und Reich. Studien zur spätmittelalterlichen deutschen Verfassungsgeschichte (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 63), Göttingen 1979 [189-203 zu den Landvogteien allgemein, 191f. zur Landvogtei Nürnberg].
  • Fred Schwind, Art.„ "Landvogt, -vogtei“, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 5, München/Zürich 2009, Sp. 1681f.
  • Reinhard Seyboth, Reichslandvogtei, in: Michael Diefenbacher/Rudolf Endres (Hg.), Stadtlexikon Nürnberg, Nürnberg 1999, 844.
  • Reinhard Seyboth, Das mittelalterliche Reichsgut im Nürnberger Raum, in: Wolfgang Baumann u.a. (Hg.), Der Nürnberg Atlas. Vielfalt und Wandel der Stadt im Kartenbild, o. O. [Köln] 2007, 18f.
  • André Thieme, Die Burggrafschaft Altenburg. Studien zu Amt und Herrschaft im Übergang vom hohen zum späten Mittelalter (Schriften zur sächsischen Landesgeschichte 2), Lepzig 2001 [224-262 zur Revindikation des Pleißenlandes unter Rudolf von Habsburg, Adolf von Nassau und Albrecht II. von Habsburg].
  • Walter Warg, Das Reichsgebiet Regnitzland bis zu seiner endgültigen Erwerbung durch die Burggrafen von Zollern-Nürnberg (1160-1377), in: Jahresbericht des Vogtländischen altertumsforschenden Vereins Hohenleuben 78-80 (1910), 1-88 [41-44 zur Landvogtei Regnitzland].

Quellen

  • Nürnberger Urkundenbuch, bearb. von Gerhard Pfeiffer (Quellen und Forschungen zur Nürnberger Geschichte 1), Nürnberg 1959 [Nr. 1073 Edition des Reichssalbüchleins].
  • Signatur des Nürnberger Salbüchleins: Staatsarchiv Nürnberg, Reichsstadt Nürnberg Salbücher Nr. 15a.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Reichslandvogtei Franken

Empfohlene Zitierweise

Reinhard Seyboth, Landvogteien in Franken, publiziert am 16.12.2014; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Landvogteien_in_Franken> (24.05.2019)