Buxheimer Orgelbuch

Beginn des Fundamentum organisandi des Conrad Paumann im Buxheimer Orgelbuch. (BSB Mus.ms. 3725, fol. 97)
Doppelseite 36/37 aus dem Lochamer Liederbuch. Links das Liebeslied "All mein gedencken dy ich hab" , rechts Tenorlied "Unmut hat mir beladen", darunter der Besitzvermerk des Wolflein von Lochamer. (Staatsbibliothek Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Ms. Mus. 40.613)
Titel oder Motto des Liederbuchs des Hartmann Schedel: "Carmina francigenum liber hic predulcia claudit". (Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 810, fol. 1r)

von Lorenz Welker

Höchst bedeutendes Zeugnis für mittelalterliche Tasteninstrumentalmusik, seit 1883 im Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Texte der Handschrift wurden sehr wahrscheinlich in Nürnberg gesammelt. Geschrieben wurde die Handschrift in den 1460er Jahren in der Schweiz. Von dort gelangte sie in die Kartause Buxheim (Lkr. Unterallgäu).

Bedeutung

Das Buxheimer Orgelbuch (nach Buxheim [Lkr. Unterallgäu]) ist neben dem noch dem 14. Jahrhundert zugehörenden, aus England stammenden Robertsbridge Codex und dem italienischen Codex Faenza aus dem frühen 15. Jahrhundert eines der wichtigsten Zeugnisse für Tasteninstrumentalmusik des Mittelalters. Zugleich ist das Buxheimer Orgelbuch eine der bedeutendsten Quellen des späten Mittelalters für internationale und lokale Mehrstimmigkeit aus dem deutschen Sprachbereich.

Der Bestand der Handschrift weist aufgrund von Konkordanzen nach Nürnberg; der Codex selbst ist aber im Gebiet der heutigen Schweiz entstanden. Weiterhin gibt das Buxheimer Orgelbuch unschätzbare Aufschlüsse über die Praxis des Intavolierens und das Spiel von Tasteninstrumenten unmittelbar vor dem Beginn der Neuzeit.

Zur Handschrift und zum Inhalt

Das Buxheimer Orgelbuch (München, Bayerische Staatsbibliothek, Mus.Ms. 3725, auch Cim. 352b) ist eine Papierhandschrift im Format 30 x 21 cm von V + 169 Papierblättern in 16 Lagen (davon 13 Sexternionen) mit einem vorderen und einem hinteren Spiegelblatt aus Pergament, die nach Ausweis der Wasserzeichen in den 1460er Jahren überwiegend von einer erfahrenen, sehr sorgfältig arbeitenden Hand angelegt wurde. Der Codex gehörte bis ins 19. Jahrhundert zur Bibliothek der Kartause Buxheim bei Memmingen. Im Zuge der Säkularisation fiel das Kloster 1803 an die Grafen von Ostein, die bereits 1809 von den Grafen Waldbott von Bassenheim beerbt wurden. Als diese in schwere finanzielle Nöte gerieten, versteigerten sie 1883 die Buxheimer Bibliothek mit all ihren Beständen und ihrem Mobiliar. Auf diesem Wege erwarb die damalige Hof- und Staatsbibliothek in München das Orgelbuch.

Es ist eine Sammlung von 258 meist hochgradig verzierten Instrumentalversionen für Tasteninstrumente von mehrstimmigen französischen und deutschen Liedsätzen, von mehrstimmigen geistlichen lateinischen Kompositionen und von mehrstimmigen Ausarbeitungen anderswo nur einstimmig vorliegender Melodien, darunter liturgische Einstimmigkeit ebenso wie Lieder und Tanzweisen. Bemerkenswert ist das Auftreten von elf "Praeambula" im Bestand, also genuinen Instrumentalstücken, die als Präludien vor Vokalsätzen oder deren Intavolierungen erklingen konnten. Die überwiegende Zahl der Sätze ist dreistimmig, 36 Sätze sind zweistimmig und vier Sätze zeigen eine wechselnde Stimmenzahl (zwei und drei bzw. zwei und vier Stimmen). Nur zwei Eintragungen weisen durchweg vier Stimmen auf, dazu gehört das erste Stück der Sammlung "Jhesu bone", möglicherweise die Intavolierung eines bislang nicht identifizierten englischen Satzes mit einer fanfarenartigen Zusatzstimme.

Bezeichnung

Die Bezeichnung der Handschrift als "Orgelbuch" geht auf die ersten Gelehrten zurück, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Codex auseinandersetzten. Sie nahmen die Kirchenorgel als adäquates Instrument für die Aufführung des recht heterogenen Bestands an. Folgerichtig wird seither die besondere Aufzeichnungsweise der Sätze als "ältere deutsche Orgeltabulatur" bezeichnet. Das bedeutet, dass nur die Oberstimme in konventioneller Notenschrift (Mensuralnotation) erscheint, während die Unterstimmen in Buchstabenschrift unterhalb der Melodiezeile des Cantus aufgezeichnet wurden. Das ermöglichte dem Spieler eines Tasteninstruments die gleichzeitige Wahrnehmung aller Stimmen eines Satzes. Heute würde man diese Handschrift als eine Sammlung von Stücken für ein Tasteninstrument, nicht ausschließlich für die Orgel, bezeichnen. Für die Ausführung kamen demnach – auch angesichts der vielen weltlichen Sätze - eher Cembalo und Clavichord, das Clavicitherium oder das mysteriöse Echiquier und allenfalls eine Positivorgel als die Kirchenorgel in Frage.

Intavolierung

Die Übertragung von Vokalsätzen in Tasteninstrumententabulatur bezeichnet man als Intavolierung. Wie bereits erwähnt sind die Intavolierungen des Buxheimer Orgelbuchs mit zahlreichen Verzierungen, Diminutionen und Ornamenten versehen, die sie deutlich von den vokalen Vorlagen absetzen. Ein Vergleich mit Diminutionslehren des 16. Jahrhunderts für Melodieinstrumente (etwa den Lehrwerken eines Silvestro Ganassi [geb. 1492] oder Girolamo dalla Casa [gest. 1601]) zeigt, dass sich die Art des Verzierens durch Umspielung der ursprünglichen Melodietöne in kleinen und kleinsten Notenwerten – daher "Diminution" – im Lauf von zwei Jahrhunderten nicht wesentlich verändert hat. Diese Beobachtung könnte den Rückschluss erlauben, dass auch instrumentale Ensembles im 15. Jahrhundert Vokalsätze auf diese Weise ausführen konnten. Ein Vermerk zum Eintrag Nr. 17 in der Sammlung, "In Cytaris vel etiam in Organis trium notarum" (fol. 7r) wurde in diesem Sinne interpretiert: Nämlich dass dieser Satz "Jeloymors" – das ist die Buxheimer Version von Gilles Binchois' (gest. 1460) "Je loue amours" – nicht nur auf einer Orgel ("organa") sondern auch auf mehreren Saiteninstrumenten ("cytarae") aufzuführen sei. Freilich könnte der Vermerk "cytarae" in diesem Zusammenhang auch lediglich auf besaitete Tasteninstrumente weisen. Die Diminutionen der Sätze des Buxheimer Orgelbuchs beziehen sich im Übrigen in erster Linie auf Cantus und Tenor der Vorlagen. Die jeweils dritte Stimme im dreistimmigen Satz, der Contratenor, wurde für die Fassungen des Buxheimer Orgelbuchs in der Regel neu komponiert.

Herkunft

Neben den französischen Liedsätzen findet sich im Bestand des Buxheimer Orgelbuchs eine beträchtliche Anzahl von Liedsätzen mit deutschem Text. Während die französischen Lieder in zahlreichen zeitgenössischen Chansonniers wiederkehren, sind die deutschen Sätze vor allem im sogenannten Lochamer Liederbuch und im Liederbuch des Nürnberger Stadtarztes Hartmann Schedel (gest. 1514) anzutreffen. Da auch das Lochamer Liederbuch in der Gegend von Nürnberg entstanden ist, liegt Nürnberger Provenienz für den Bestand nahe.

Diese Provenienzannahme wird durch den Umstand erhärtet, dass die Sammlung neben den intavolierten Sätzen auch vier Orgelspiellehren ("Fundamenta") enthält, von denen eine in der Überschrift explizit dem berühmten Organisten Conrad Paumann (1410-1473) zugewiesen wird: "Sequitur fundamentum magistri Conradi Pauman Contrapuncti" (fol. 142v), und eine weitere die Überschrift "Incipit Fundamentum M.C.P.C." (fol. 97r) trägt, die im Lochamer Liederbuch als "Fundamentum organisandi Magistri Conradi Paumanns C[a]eci de Nürenberga" (S. 46-47) aufscheint. Paumann war Nürnberger Stadtorganist, bevor er an den Münchner herzoglichen Hof wechselte, und er war blind, darauf wird auch in weiteren Quellen regelmäßig hingewiesen.

Neben dem Nürnberger Provenienzhintergrund verweist die Übernahme des Incipits des deutschen Kontrafakturtexts "Vierhundert jare" von Oswald von Wolkenstein (gest. 1445) als Überschrift für die Intavolierung des Chansons "A son plaisir" des burgundischen Komponisten Pierre Fontaine (gest. um 1450) (Nr. 117, fol. 63r) auf die Überlieferung der Vorlagen im deutschen Sprachgebiet einerseits und auf die Verbreitung der Lieder Oswalds andererseits.

Gegen die Nürnberger Provenienz der Handschrift (nicht aber des hier aufgezeichneten Bestands) spricht freilich der Dialekt der Überschriften und Textincipits der deutschen Sätze. Denn es handelt sich, wie trotz der geringen Textmenge eindeutig und konsistent festzustellen ist, um ein Alemannisch wie es auch heute noch südlich des Bodensees anzutreffen ist. Das zeigt sich z. B. an Überschriften wie "Vil liber zit uff diser erde" (Nr. 37, fol. 16r), "Nach diner lieby stett mir myn synn" (Nr. 164, fol. 89r, mit vollem Endsilbenvokal in "lieby") oder "Es fuer ein buer ins holtze" (Nr. 87, fol. 50r) gegenüber "Es fur ein pawr gen holz" im Lochamer Liederbuch.

Wir haben im Buxheimer Orgelbuch also ganz offensichtlich einen Bestand mehrstimmiger Musik vor uns, der möglicherweise in Nürnberg gesammelt und vielleicht auch schon intavoliert, d. h. mit vielen Verzierungen in Tasteninstrumentenversionen aufgezeichnet wurde. Anschließend gelangte er eventuell über Handelswege in die Schweiz, wo er noch einmal sorgfältig in ein Buch kopiert wurde. Auf die sorgfältige Anlage der Handschrift, insbesondere aufgrund der Tätigkeit des Hauptschreibers, hat bereits Martin Staehelin (geb. 1937) hingewiesen. Zum sorgfältig geplanten Konzept der Handschriftengestaltung gehört nach Staehelin die weitgehend konsequente Anlage des Bandes in Sexternionen. Zur planvollen Anlage gehört wohl auch die Positionierung eines fanfarenartigen vierstimmigen Stücks an den Beginn der Sammlung. Dass es sich um eine Abschrift aus einer bereits intavolierten Vorlage handelt, zeigen die gelegentlich auftretenden "vacat"-Vermerke unterhalb einer Folge von Notenköpfen (etwa fol. 30v); damit vermochte der Schreiber einen versehentlich kopierten Abschnitt zu "tilgen", ohne das schöne Schriftbild zu stören, wie es durch Durchstreichen der Fall gewesen wäre.

Dass dieses Buch schließlich in die Kartause Buxheim gelangte, ist plausibel, wenn man die geographische Nähe zum alemannischen Dialektbereich südlich des Bodensees in Rechnung stellt und weiterhin berücksichtigt, dass auch einige der Konventualen von dort kamen. Wie der im Buxheimer Orgelbuch aufgezeichnete Bestand in die Schweiz gelangte ist noch nicht geklärt, doch könnten die sehr guten Handelsbeziehungen Nürnbergs zu den Städten um den Bodensee hierfür eine Rolle gespielt haben.

Literatur

  • Bayerische Staatsbibliothek/Marie-Louise Martinez-Göllner/Bettina Wackernagel, Katalog der Musikhandschriften. 2. Band: Tabulaturen und Stimmbücher bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, München 1979, 159-171.
  • Johannes Hoyer, Das Buxheimer Orgelbuch. Auswahl-Edition, Buxheim 2013. (in Vorbereitung)
  • Judith Kaufmann, Das Papier des Buxheimer Orgelbuchs. Überlegungen zu Anlage, Lokalisierung und Datierung der Handschrift, in: Neues Musikwissenschaftliches Jahrbuch 11 (2002/2003), 49-65.
  • Eileen Southern, The Buxheim Organ Book, Brooklyn 1963.
  • Martin Staehelin, Buxheimer Orgelbuch, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2. Ausgabe. Sachteil Band 2, Kassel u. a. 1995, Sp. 285-288.
  • Bertha Antonia Wallner (Bearb.), Das Buxheimer Orgelbuch (Das Erbe deutscher Musik. Abteilung Mittelalter 7-9 = Das Erbe deutscher Musik 37-39), Kassel 2. Auflage 1982.
  • Lorenz Welker, Das Buxheimer Orgelbuch: Provenienz und überlieferungsgeschichtliche Einordnung, in: Neues Musikwissenschaftliches Jahrbuch 11 (2002/2003), 67-87.
  • Christoph Wolff, Conrad Paumanns Fundamentum organisandi und seine verschiedenen Fassungen, in: Archiv für Musikwissenschaft 25 (1968), 196-222.
  • Hans Rudolf Zöbeley, Die Musik des Buxheimer Orgelbuchs. Spielvorgang, Niederschrift, Herkunft, Faktur, Tutzing 1964.

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Lorenz Welker, Buxheimer Orgelbuch, publiziert am 28.08.2014; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Buxheimer Orgelbuch> (18.12.2017)