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Hausbuch des Michael Leone

Wappen des Michael de Leone auf einem Sandsteinquader aus der früheren Kirche in Bettingen, heute im Bettinger Pfarrgarten. (Foto: Peter Rückert)
Auszug aus dem Hausbuch des Michael de Leone. (Hausbuch des Michael de Leone, um 1350, Fol. 191v., Universitätsbibliothek München, 2 Cod. ms. 731)
Sitz der ersten Würzburger Universität von 1402: Der große Löwenhof in einer Miniatur der Würzburger Bischofschronik von Lorenz Fries (1489/91-1550). (aus: Ulrich Wagner/Walter Ziegler [Hg.], Lorenz Fries. Chronik der Bischöfe von Würzburg 742-1495, Würzburg 1996, S. 97; Original im Stadtarchiv Würzburg, Ratsbuch 412).

von Ingrid Bennewitz

Das in der Universitätsbibliothek München überlieferte "Hausbuch" des Michael de Leone (gest. 1355) ist eine ursprünglich zweibändige Sammelhandschrift aus der Zeit um 1350. Der um 1300 in Würzburg geborene Michael Jude (Michael de Leone genannt) wirkte nach einem Studium in Bologna zunächst als Bischöflicher Protonotar, ab 1350 als Scholaster des Würzburger Neumünster-Stifts. Er gilt als einer der bedeutendsten Literatursammler des Spätmittelalters.

Handschrift, Überlieferung und Inhalt

Als "Hausbuch" des Michael de Leone wird eine ursprünglich zweibändige Sammelhandschrift bezeichnet, die der um 1300 in Würzburg geborene Protonotar und Scholastiker des Neumünsterstifts (ebenfalls in Würzburg) für den von ihm 1332 erworbenen Großen Löwenhof anlegen ließ. Der erste Band ist nicht mehr erhalten, abgesehen von wenigen Fragmente, die heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und in der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt werden (Blatt I: NM Hs. 9030, Blatt II, III, IV, V, VI: Bayer. Staatsbibliothek München, cgm 195). Sie gehörten ursprünglich, mit Ausnahme des Blattes VI, zur Überlieferung des "Renner" Hugos von Trimberg (ca. 1235-1313), der von Michael de Leone neu gegliedert und mit einem Register versehen worden ist. Glücklicherweise besitzen wir durch ein (Gesamt-)Inhaltsverzeichnis, das dem zweiten Band des "Hausbuchs" vorangestellt ist, auch über den (verlorenen) Inhalt des ersten Bandes detaillierte Informationen.

Der zweite Band des "Hausbuchs" enthält – wie auch das "Manuale" – eine Vielzahl deutscher und lateinischer Texte, für deren Auswahl regionale Gesichtspunkte wohl ebenso eine große Rolle spielten wie didaktische Interessen. Vom Auftraggeber selbst stammen chronikalische und juristische Texte sowie (lateinische) Gebete; ebenso war er offensichtlich interessiert an der Aufnahme von Schriften aus seinem klerikalen Umfeld. Die deutschsprachigen literarischen Texte stammen unter anderem von Lupold Hornburg, Konrad von Würzburg (gest. 1287) und den Minnesängern Walther von der Vogelweide (gest. um 1230) sowie Reinmar (dem Alten, gest. vor 1210). Aus diesem Grund kennt man die Handschrift auch unter dem Beinamen "Würzburger Liederhandschrift" oder "Minnesanghandschrift E". Berühmt wurde das "Hausbuch" aber unter anderem auch durch die Überlieferung des ersten erhaltenen deutschsprachigen Kochbuchs ("daz buoch von guoter spîse").

Entstehungsgeschichte

Mit der Abfassung des Hausbuchs wurde ca. um 1345 parallel zum ‚Manuale‘ begonnen; Um 1350 wurden die Handschriften vorläufig fertiggestellt und von Michael für den jeweiligen Besitzer des Löwenhofes in Würzburg bestimmt. Ergänzungen weisen bis in das Jahr 1354; vereinzelte Zusätze wurden offenbar auch nach dem Tod Michaels de Leone (03.01.1355) eingefügt. Die Fragmente des ersten Bandes wurden im 17. Jahrhundert als Einband-Umschläge benützt. Der zweite Teil gelangte mit der Bibliothek des Augsburger Bischofs Johann Egolph von Knöringen (reg. 1573-1575), der ihn im 16. Jahrhundert erwarb, zunächst in die Vorläufer der heutigen UB München.

Übersicht über Gliederung und Inhalt des zweiten Bandes

Der Inhalt des zweiten Bandes nach dem Handschriftencensus

Kapitel Autor Position im Handschriftencensus
'Münchner Beichte VI' / 'Würzburger Beichte III' Bl. 6rb-6vb
'Münchner Beichte VII' / 'Würzburger Beichte IV' Bl. 6vb
Freidank (Bezzenberger Nr. 10) Bl. 13r-42r
'Die goldene Schmiede' (H) Konrad von Würzburg Bl. 43r-58v
'Das Turnier von Nantes' Konrad von Würzburg Bl. 59r-68r
Kleinere Reimpaardichtungen (E) Der Stricker Bl. 68v-107r
'Der milde König' Bl. 73vb-74rb
'Des Vögleins Lehren' Bl. 84ra-84va
'Das Schneekind' (Fassung A) Bl. 85rb-85vb
'Das Gänslein' Bl. 91va-93vb
'Vom Geiz' Bl. 93vb-94rb
'Die Bärenjagd' (bispel-Fassung I) (E) Bl. 104r-104v
'Elucidarium', lat. (mit Anhängen) Honorius Augustodunenis Bl. 108r-137r
'Lucidarius' (M 11) Bl. 137v-154v
'Das Buch von guter Speise' (A) Bl. 156r-165v
'Regimen sanitatis Salernitanum', lat. Bl. 166r-167r
'Die sechs Farben' I Bl. 167r-168v
Lieder (E) Walther von der Vogelweide´ Bl. 168v-180v
Lieder (E / e) Reinmar der Alte Bl. 181r-191v
Reimpaarreden Lupold Hornburg Bl. 191v, 226r-234v
Reimpaargedichte Der König vom Odenwald Bl. 192r-201v, 277r-279v, 280rv
'Lob der ritterlichen Minne' Bl. 201v-206r
Marienleich, Spruch 141 (E) Frauenlob Bl. 206r-210v, 226r
Sprüche (Ps.)-Marner Bl. 210v-211r, 225vb, 226ra
Sprüche Friedrich von Sonnenburg Bl. 226r
Physiognomik / Versbearbeitung ('Getihte von der physionomie') (W) Bl. 235v-238v
'Die Klage der Kunst' Konrad von Würzburg Bl. 253v-255v
'Tractatus de ordine studendi pro iuvenibus'; 'Divisio metrica ac generalis descriptio totius philosophiae ac omnium artium' (mit Interlinearkommentar von Michael de Leone) Hermann von Schildesche Bl. 256rv; Bl. 256v-258r
'De laudabilibus gestis Ottonis Wolfskel'; 'De cronicis temporum hominum modernorum' Michael de Leone Bl. 258r-261r; Bl. 262v-268v
'Von den zwein Sanct Johansen' Heinzelin von Konstanz Bl. 270r-273v
'Von dem üblen Weib' II Bl. 279v
'Liber de ortu, cursu et occasu Karoli magni et suorum successorum imperatorum et regum Romanorum' Lupold von Bebenburg Bl. 282r-284v

Neben chronikalischen und juristischen Schriften von Micheal de Leone selbst fanden unter anderem Texte aus seinem klerikalen Umfeld (Hermann von Schildesche [gest. 1357], Lupold von Bebenburg [gest. 1363]) Aufnahme im zweiten Band des Hausbuchs. Regionale Bezüge mögen auch für die Berücksichtigung von Autoren wie Lupold Hornburg, dem Spruchdichter ‚König vom Odenwald‘ und Konrad von Würzburg sowie (Bd. I) Hugo von Trimberg ausschlaggebend gewesen sein, ebenso wohl auch für die Aufnahme der Lieder Reinmars (hier irrtümlich als Reinmar von Zweter) und Walthers (vgl. Abbildung). Obwohl in der älteren Minnesangforschung zum Teil eher gering geschätzt, liefern die beiden Minnesang-Corpora wesentliche Erkenntnisse über Tradierung und Konstitution der Œuvres von Reimar und Walther im Spätmittelalter, wobei Walther hier ‚nur‘ als Minnesänger, nicht als Spruchdichter in Erscheinung tritt. Insgesamt gilt das Hausbuch als wesentlich von den personalen Interessen seines Auftraggebers geprägt und insofern nicht als repräsentatives Zeugnis für einen zeitgleichen Würzburger ‚Literaturbetrieb‘.

Zur Rezeptionsgeschichte

Der zweite Band des Hausbuchs wurde von Johann Egolph von Knöringen (von 1573 bis zu seinem Tod 1575 Bischof von Augsburg, zuvor Domkapitular und Domscholaster in Würzburg) erworben und kam mit dessen gesamter Bibliothek 1573 in den Besitz der Universitätsbibliothek Ingolstadt. Von dort gelangte es über Landshut (1800) mit der Übersiedlung der Universität 1826 nach München. Um die Mitte des Jahrhunderts erhielt es dort die noch heute gültige Signatur.

Die wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte lässt sich zurück bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts verfolgen. Eine für spätmittelalterliche Handschriften herausragende Rolle kam der so genannten Würzburger Liederhandschrift (E) im Kontext der Edition und Interpretation der Lieder Reinmars (des Alten) und Walthers von der Vogelweide zu. Einerseits im Vergleich zur Überlieferung der ‚großen‘ Minnesang-Handschriften – Kleine (A) und Große Heidelberger Handschrift (C), Weingartner Liederhandschrift (B) – als wenig vertrauenswürdig eingestuft, wurde ihr Zeugnis anderseits deutlich öfter als es Editoren wie Karl Lachmann (1793-1851) und Moriz Haupt (1808-1874) eingestehen mochten, zur einzigen handschriftlichen Absicherung editorischer Entscheidungen. Für eine Reihe weiterer wichtiger Texte (Konrad von Würzburg, Das Turnier von Nantes, Die Klage der Kunst; König vom Odenwald; Daz buoch von guoter spise usw.) galt und gilt das Hausbuch als Codex unicus. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wurden einzelne Teile der Handschrift (Minnesang-Überlieferung: Gisela Kornrumpf, 1972; Daz buoch von guoter spîse: Gerold Hayer, 1976) bzw. die gesamte Handschrift (Horst Brunner, 1983) faksimiliert und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht (vgl. Handschriftencensus).

Literatur

  • Ricarda Bauschke, Spiegelungen der sog. Reinmar-Walther-"Fehde" in der Würzburger Handschrift E, in: Horst Brunner (Hg.), Würzburg, der Große Löwenhof und die deutsche Literatur des Spätmittelalters (Imagines medii aevi 17), Wiesbaden 2004, 227-250.
  • Ingrid Bennewitz, Die Schrift des Minnesangs und der Text des Editors. Studien zur Minnesang-Überlieferung im "Hausbuch" des Michael de Leone (Minnesang-Handschrift E), Habil-Schrift Salzburg 1993.
  • Ingrid Bennewitz, "Eine Sammlung von Gemeinplätzen"? Die Walther-Überlieferung der Handschrift E, in: "Dâ hoeret ouch geloube zuo": Überlieferungs- und Echtheitsfragen im Minnesang. Festcolloquium für Günther Schweikle anläßlich seines 65. Geburtstags, hg. von Rüdiger Krohn in Zusammenarbeit mit Wulf-Otto Dreessen, Stuttgart 1995, 27-35.
  • Christa Bertelsmeier-Kierst, Das "Hausbuch" des Michael de Leone. Zu Programm und Struktur der Sammlung, in: Horst Brunner (Hg.), Würzburg, der Große Löwenhof und die deutsche Literatur des Spätmittelalters (Imagines medii aevi 17), Wiesbaden 2004, 199-210.
  • Horst Brunner (Hg.), Das Hausbuch des Michael de Leone (Würzburger Liederhandschrift) der Universitätsbibliothek München (2° Cod. ms. 731), Göppingen 1983.
  • Horst Brunner/Hans-Günter Schmidt (Hg.), Vom Großen Löwenhof zur Universität. Würzburg und die deutsche Literatur im Spätmittelalter, Wiesbaden 2002.
  • Gisela Kornrumpf (Hg.), Die Lieder Reinmars und Walthers von der Vogelweide aus der Würzburger Handschrift 2 Cod. ms. 731 der Universitätsbibliothek München. 1. Band: Faksimile, Wiesbaden 1972.
  • Gisela Kornrumpf, Art. ‚Michael de Leone‘, in: Verfasserlexikon. 6. Band, Berlin u. a. 2. Auflage 1987, Sp. 491-503.
  • Rainer Leng, Der Große Löwenhof, das "Hausbuch" des Michael de Leone und die erste Würzburger Universität, in: Horst Brunner (Hg.), Würzburg, der Große Löwenhof und die deutsche Literatur des Spätmittelalters (Imagines medii aevi 17), Wiesbaden 2004, 153-181.
  • Ursula Peters, Literatur in der Stadt. Studien zu den sozialen Voraussetzungen und kulturellen Organisationsformen städtischer Literatur im 13. und 14. Jahrhundert, Tübingen 1983.
  • Gerhard Schott, Die Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek München, in: Bibliotheksforum Bayern 9 (1981), 133-145.
  • Ursula Schulze, Zum Profil Walthers von der Vogelweide in der Würzburger Handschrift E, in: Horst Brunner (Hg.), Würzburg, der Große Löwenhof und die deutsche Literatur des Spätmittelalters (Imagines medii aevi 17), Wiesbaden 2004, 211-225.

Quellen

  • Die Lieder Reinmars und Walthers von der Vogelweide in der Würzburger Handschrift. Faksimile aus 2° Cod. Ms. 731 der Universitätsbibliothek München. Mit einer Einführung von Gisela Kornrumpf, Wiesbaden 1972.
  • Das Hausbuch des Michael de Leone (Würzburger Liederhandschrift) der Universitätsbibliothek München: 2 Cod. ms. 731. In Abbildungen hg. von Horst Brunner (Litterae 100), Göppingen 1983.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Würzburger Liederhandschrift, Kochbuch, Kochrezepte

Empfohlene Zitierweise

Ingrid Bennewitz, Hausbuch des Michael Leone, publiziert am 04.10.2016; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hausbuch_des_Michael_Leone> (18.08.2018)