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Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen

Pfleger Peter Mendel (gest. 1423). Die Darstellung erfolgte in Form eines Stifterbildes, was für weitere Pflegerporträts richtungsweisend wurde. (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2° f 61 v)
Erstmals wurde 1591 der Pfleger der Landauerschen Stiftung Tobias Pantzer (gest. 1579) nicht mit einem Stifterbild, sondern einem Brustbild dargestellt. Diese Darstellung wurde Vorbild für die weiteren Pflegerporträts der Hausbücher. (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 279.2° f 54 v)
Darstellung einer Köchin mit Küche im zweiten Hausbuch der Mendelschen Zwöflbrüderstiftung. (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317b.2° f 223 v)
Bildnis des Drechslers Lienhard Drechßel im ältesten Bestand des Hausbuchs der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung. Es handelt sich gleichzeitig um eine der frühesten Bildquellen, die eine Wippendrehbank zeigen. (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2° f 18 v)
Das Bild des Fischers Fritz Richtel von 1426 ist auch die älteste Darstellung einer Netzreuse (rechte Reuse). (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2° f 47 v)
Seit dem 17. Jahrhundert wurden die Handwerker nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz dargestellt, sondern wie die Pfleger in Brustbildern porträtiert. Diese typische Darstellung von 1764 zeigt den Kürschner Johann Harnisch (gest. 1764) in Stiftstracht. (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 279.2° f 114 r)
Der Harnischpolierer Hanns Muller (gest. 1568) wird im Hausbuch der Landauerschen Zwölfbrüderstiftung in seiner Werkstatt mit zwei großen Schleifrädern dargestellt. (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 279.2° f 47 r)
Der Zirkelschmied Jörg Wuest (gest. 1608), Bruder im Landauerschen Zwölfbrüderhaus. (Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 279.2° f 66 v)

von Christine Sauer

Hausbücher der Mendelschen und der Landauerschen Zwölfbrüderstiftung werden zwei in der Stadtbibliothek Nürnberg aufbewahrte Handschriften in fünf Bänden benannt. Mit fast 1.200 Handwerkerdarstellungen vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bilden sie eine der wichtigsten Bildquellen zum vorindustriellen Handwerk in Europa.

Das Mendelsche und das Landauersche Zwölfbrüderhaus

Die Hausbücher (Signaturen: Amb. 317.2°, 317b.2°, 318.2° und Amb. 279.2°, 279b.2°) entstanden in Nürnberg in zwei Stiftungen der Armenfürsorge. 1388 gründete der Patrizier Konrad Mendel d.Ä. (gest. 1414) ein Zwölfbrüderhaus mit angeschlossener Zwölfboten- oder Apostelkapelle. In dem Haus sollte nach dem Vorbild der Zwölfzahl der Apostel ebenso vielen armen, alten und kranken, aber nicht bettlägerigen Handwerkern, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr selbst erwerben konnten, ein gut versorgter Lebensabend gewährt werden. Weitere Voraussetzungen zur Aufnahme waren der Nachweis des Nürnberger Bürgerrechts und die Kenntnis bestimmter Gebete. Die Brüder hatten gemeinsam im Stiftungshaus zu leben, eine einheitliche Tracht zu tragen, an Messen und Gebetsstunden teilzunehmen und für den Gründer, seine Nachfolger, den Rat und die Mitbrüder Fürbitten zu leisten. Der Stiftung stand ein vom Rat bestellter Pfleger aus dem Patriziat vor. Ein Schaffer (Kellermeister und Hausverwalter) sowie eine Köchin hatten ihre Wohnung im Stiftungshaus. Nur mit Änderungen in den Gebetsleistungen bestand die Stiftung nach Einführung der Reformation 1525 bis zur Aufhebung 1807 weiter. 1510 stiftete der Montanunternehmer Matthäus Landauer (gest. 1515) eine vergleichbare, ebenfalls bis 1807 bestehende Einrichtung. Für die mitfundierte Allerheiligenkapelle lieferte Albrecht Dürer (1471-1528) das Altarbild.

Mit der Mendelschen Stiftung ist erstmals für Oberdeutschland eine Sonderform des Armenhauses bezeugt, in dem zwölf verarmten Mitbürgern ("Hausarmen") der wohlverdiente Ruhestand bereitet werden sollte. Sie wurde zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen nicht nur in Nürnberg, sondern auch in Augsburg, Regensburg, Neumarkt i.d. Oberpfalz, Wunsiedel oder Eichstätt.

Anlage und Gestaltung der Zwölfbrüderbücher

Trotz der vielen nachfolgenden Gründungen blieben die in den Nürnberger Zwölfbrüderhäusern geführten Hausbücher einmalig. Mit seinem Amtsantritt 1425 ließ der Pfleger Marquard Mendel (gest. 1438) eine Handschrift anlegen, die gemäß des verlorenen, in einer Abschrift von 1777 aber überlieferten Vorwortes folgende Aufgaben hatte: Für die Amtszeit eines jeden Pflegers sollten die verstorbenen Brüder in Bild und Beischrift mit Angaben zum Namen, Handwerk und Todesdatum dokumentiert werden. Nach einer aus den Unterlagen der Amtsvorgänger gezogenen Anlageschicht wurde die Handschrift ab 1426 in zwei Fortsetzungsbänden bis 1806 kontinuierlich fortgeführt. Die drei Bände umfassten bei Aufhebung der Stiftung 799 Brüderdarstellungen, von denen 773 erhalten sind, und 30 Bildnisse der Pfleger sowie zusätzlich Wiedergaben von 16 Schaffern und 28 Köchinnen.

Das Landauersche Hausbuch gab der 1510 selbst in die Stiftung eingezogene Gründer Matthäus Landauer 1511 in Auftrag. Nach Nachlässigkeiten bei den Einträgen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist die Handschrift erst ab 1593 kontinuierlich fortgesetzt worden. Dabei wurde die Buchführung umgestellt: Der Eintrag zu einem Bruder einschließlich seiner gemalten Darstellung erfolgte nicht mehr beim Todesfall, sondern bereits beim Eintritt in die Stiftung, so dass die Sterbedaten zeitversetzt nachgetragen werden mussten. Um 1613 erfolgte diese Umstellung auch in der Mendelschen Handschrift. Insgesamt umfassen die zwei Bände des Landauerschen Zwölfbrüderbuches 406 Brüder- und 16 Pflegerbilder.

Für die ganzseitigen Darstellungen der Pfleger wurde 1425/26 bei der Anlage des Mendelschen Hausbuches die Form des Stifterbildes gewählt: Gezeigt wird der Pfleger mit Frau(en) beim Gebet kniend vor einem Altar. Diese Formel ist zunächst auch für das Landauersche Hausbuch adaptiert worden, bevor dann 1591 das in Öl gemalte, zum Teil von bekannten Porträtmalern signierte Brustbildnis eingeführt wurde. Diesen Brauch übernahm 1670 auch die Mendelsche Stiftung. Kulturgeschichtlich bemerkenswert sind die Einblicke in die Einrichtung und Gerätschaften einer Küche, die mit den Bildnissen der Köchinnen im Mendelschen Zwölfbrüderbuch geboten werden.

Die Handwerkerbilder

Jedem Bruder ist in den Handschriften eine ganze Seite gewidmet. Die anfänglich kurze Beschriftung bestehend aus Name, Beruf und Todestag wurde im Laufe der Jahre erweitert und konnte Angaben zum Eintrittsdatum und Gründen der Aufnahme, zur Lebensführung, Alter, Krankheiten oder Gebrechen, Gründen für den Austritt aus der Stiftung, Todesursache oder Bestattungsort enthalten.

Die zugehörigen Bilder unterlagen im Laufe der jahrhundertelangen Buchführung einer Entwicklung. Bis ca. 1650/1700 zeigen sie den Bruder bei der Ausübung seines ehemaligen Handwerks an seiner Arbeitsstätte. Meist als Einblicke in eine Werkstätte werden äußerst realitätsnah Arbeitsvorgänge mitsamt den dazu benutzten Rohmaterialien und Werkzeugen sowie eingesetzten Arbeitshilfen, Geräten oder einfachen Maschinen abgebildet. Wände, Tische und Auslagebretter dienen dazu, neben dem in Arbeit befindlichen Werkstück weitere Produkte und Erzeugnisse des jeweiligen Handwerks auszustellen. Als Bildquellen veranschaulichen die Handschriften Produktionsmethoden, Werkzeuge oder Erzeugnisse, zu denen sonst nur schriftliche Überlieferungen oder Funde der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit vorliegen: Zu nennen wären Darstellungen einer Wippendrehbank mit Fußantrieb oder eines Trittwebstuhls, der Einsatz der Schocke (Schaukel) als Arbeitserleichterung beim Drahtziehen oder der älteste Nachweis für die Nutzung einer Netzreuse beim Fischen. Allerdings sollte trotz der vordergründigen Authentizität der Entstehungsprozess der Bilder in die Interpretation miteinbezogen werden: Sie entstanden bis ca. 1600 erst nach dem Tod des dargestellten Handwerkers, d. h. die Maler boten in der Regel einen fiktiven Werkstatteinblick mit wohl auf Anweisung erfolgter Hervorhebung bestimmter charakteristischer Arbeitsvorgänge, Werkzeuge und Produkte.

Im 17. Jahrhundert wandelte sich die für die Handwerker gewählte Darstellungskonvention. Bevorzugt werden nun statische Porträts in Halb- oder Dreiviertelfigur, die den Bruder stehend oder sitzend mit einem typischen Erzeugnis oder Werkzeug seines ehemals ausgeübten Berufs zeigen. Nahezu zeitgleich ändert sich die Maltechnik. Ölfarben ersetzten Wasser- und Temperafarben.

Rund 300 unterschiedliche Berufe und Berufsbezeichnungen sind in den Zwölfbrüderbüchern während der rund 400 Jahre ihrer Führung bezeugt. Es dominiert eindeutig das metallverarbeitende Gewerbe, gefolgt von den Berufen zur Herstellung und/oder Verarbeitung von Lebensmitteln und Fleisch, Textilien, Holz und Leder sowie vom Baugewerbe. Die vertretenen Berufe spiegeln auf der einen Seite die hohe Spezialisierung und auf der anderen das Aussterben alter und das Aufkommen neuer Handwerke wider. Vereinzelt kommen auch Berufe außerhalb des Handwerks vor wie z. B. Musiker und Künstler, Schulmeister, Jurist, Apotheker.

Geschichte und Funktion der Zwölfbrüderbücher

Die 1807 in den jeweiligen Pflegerwohnungen vorgefundenen Akten wurden zum größten Teil der Registratur der Wohltätigkeitsstiftungen einverleibt, die zunächst vom Königreich Bayern, dann nach 1818 von der Stadt Nürnberg und nach 1864 vom in diesem Jahr gegründeten Stadtarchiv verwaltet wurden (Stadtarchiv Nürnberg, Bestandsgruppe D9 und D15). Bereits 1844/45 waren allerdings zwei Bände der Hausbücher aus der Registratur ausgeschieden und wegen der enthaltenen Bilder der Stadtbibliothek zugewiesen worden (Amb. 318.2° und Amb. 279.2°). 1857 folgte der älteste Band aus der Mendelschen Stiftung, der in vergessenen Kisten auf dem Dachboden des Heilig-Geist-Spitals entdeckt worden war (Amb. 317.2°). Die letzten beiden Bände gelangten auf unbekannten Wegen in Privatbesitz. Amb. 279b.2° wurde zunächst vom Stadtarchiv erworben und 1928 auf dem Tauschweg an die Stadtbibliothek abgegeben, Amb. 317b.2° konnte 1951 von der Stadtbibliothek angekauft werden.

Erstmals erwähnt werden die zu diesem Zeitpunkt bekannten Handschriftenbände im 1876 gedruckten "Katalog der Stadtbibliothek in Nürnberg". Als Bildquelle zur Handwerksgeschichte nutzten sie zuerst Ernst Mummenhoff 1901 und Franz M. Feldhaus 1931. In einer kleinen Monographie führte Friedrich Bock (1886-1964) 1935 den Begriff "Hausbücher" wohl in Anlehnung an einen 1929 erschienenen Aufsatz von Alfred Schröder ein, in dem Hausbücher als Versuche definiert werden, "das in einem […] Haus überlieferungswerte Wissen um das Haus und seine Bewohner festzuhalten" (Alfred Schröder: Das Hausbuch des Klosters Maihingen, in: Archiv für die Geschichte des Hochstifts Augsburg 6 [1929], 765-776). Zu Recht kritisiert Matthias Kirchhoff 2009, dass die alleinige Betrachtung der Hausbücher als Quelle zur Handwerksgeschichte zu kurz greift. Erstmals stellt er die Frage nach den Aufgaben der Handschriften und nach den Memorialfunktionen von Bildern und Inschriften. Ihm zufolge sind sie einerseits Substrate der vor der Reformation bestehenden Verpflichtung zum Totengedächtnis, andererseits aus der Praxis der Rechnungslegung heraus entstandene, bei den Akten aufzubewahrende Dokumente zum Nachweis der Erfüllung des Stiftungszwecks sowie schließlich Medien der Selbstdarstellung insbesondere der Pfleger. Ob der von Matthias Kirchhoff als Gattungsbezeichnung vergeschlagene Begriff "Brüderbücher" oder vielleicht doch die eingeführte Charakterisierung als "Hausbücher" zutreffender ist, muss durch weitere Forschungen zur Buchführung der Handschriften und damit zur Einflussnahme der Brüder bzw. der Pfleger auf die Gestaltung von Texten und Bildern geklärt werden.

Literatur

  • Joachim Ahlborn, Die Familie Landauer. Vom Maler zum Montanherrn (Nürnberger Forschungen 11), Nürnberg 1969.
  • Friedrich Bock, Deutsches Handwerk im Mittelalter (Insel-Bücherei 477), Leipzig 1935.
  • Franz M. Feldhaus, Die Technik der Antike und des Mittelalters, Wildpark-Potsdam 1931, 334-338.
  • Gerhard Fouquet, Zwölf-Brüder-Häuser und die Vorstellung vom verdienten Ruhestand im Spätmittelalter, in: Neidhard Bulst/Karl-Heinz Spieß (Hg.), Sozialgeschichte mittelalterlicher Hospitäler (Vorträge und Forschungen 65), Ostfildern 2007, 37-76.
  • Matthias Kirchhoff, Gedächtnis in Nürnberger Texten des 15. Jahrhunderts. Gedenkbücher, Brüderbücher, Städtelob, Chroniken (Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte 68), Nürnberg 2009, 104-177.
  • Ernst Mummenhoff, Die Handwerker in der deutschen Vergangenheit, Leipzig 1901, Beilage 3-6.
  • Christine Sauer, "In das verordnete permente buch wie gepreuchlich zu mahlen": Rechnungsbücher als quellen für die Erschließung von Pfleger- und Handwerkerbildern in den Hausbüchern der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 98 (2011), 81-133.
  • Christine Sauer (Hg.), Handwerk im Mittelalter, Darmstadt 2012 (auf Grundlage der Hausbücher entstanden).
  • Walter Eckehart Spengler, Bildquellen zur Handwerksgeschichte: "Die Nürnberger Zwölfbrüderbücher", in: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 32 (1997/98), 189-201.
  • Margarete Wagner, Das alte Nürnberg. Einblick in vier Jahrhunderte Handwerksleben, Hürtgenwald 1980.
  • Margarete Wagner, Nürnberger Handwerker. Bilder und Aufzeichnungen aus den Zwölfbrüderhäusern 1388-1807, Wiesbaden 1978.
  • Heinz Zirnbauer, Das zweite Mendel-Brüderbuch, in: Horst Heldmann (Hg.), Archive und Geschichtsforschung. Studien zur fränkischen und bayerischen Geschichte. Fridolin Solleder zum 80. Geburtstag dargebracht, Neustadt an der Aisch 1966, 187-196.

Quellen

  • Christine Sauer, Elisabeth Sträter (Hg.), Die Nürnberger Hausbücher. Die schönsten Handwerkerbilder aus dem Mittelalter, Leipzig 2012.
  • Wilhelm Treue (Hg.), Das Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung zu Nürnberg. Deutsche Handwerkerbilder des 15. und 16. Jahrhunderts. 2 Bände, München 1965.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüder-Stiftung, Hausbuch der Landauer Zwölfbrüder-Stiftung, Zwölfbrüderbücher

Empfohlene Zitierweise

Christine Sauer, Hausbücher der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen, publiziert am 25.03.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Hausbücher_der_Nürnberger_Zwölfbrüderstiftungen> (11.12.2018)