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Salzgewinnung in Altbayern (Mittelalter/Frühe Neuzeit)

Aus Historisches Lexikon Bayerns

Reichenhaller Saline mit Sudhäusern und Brunnhaus. Kupferstich, 18. Jahrhundert. (Stadtarchiv Bad Reichenhall)

von Johannes Lang

Als einzige Salzerzeugungsstätte, die in der Lage war, ihr Erzeugnis auch zu exportieren, behauptete die Saline Reichenhall im Frühmittelalter die Marktführerschaft innerhalb Bayerns sowie in Teilen Mitteleuropas. Grundlage bildeten die hochgrädigen und in reicher Schüttung zutage tretenden natürlichen Solequellen. In einem stark arbeitsteiligen Verfahren wurde die Sole geschöpft, durch Erhitzen in Eisenpfannen versotten, getrocknet, zerkleinert und transportfähig gemacht. Als Energieträger für den Siedevorgang griff man auf Holz zurück. Das im Hochmittelalter entwickelte Laugverfahren ermöglichte die bergmännische Salzgewinnung, wodurch die bis dahin dominante Position des aus Quellsole gewonnenen Salzes schwand. Ab dem ausgehenden 12. Jahrhundert stieg das salzburgische Hallein mit dem Bergbaubetrieb auf dem Dürrnberg zur führenden Saline auf; andere Salzerzeugungsstätten folgten. Mit der Landesbildung im Ostalpenraum verblieb die Saline Reichenhall als Einzige beim Herzogtum Bayern. Durch den Aufkauf der dortigen Salinenanteile bewirkte der Landesfürst ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert eine staatliche Monopolisierung der Salzerzeugung und leitete sowohl im Bereich der Produktionsabläufe als auch der Energieversorgung tiefgreifende Reformen ein. Dazu gehörte die betriebliche Modernisierung ebenso wie die Diversifikation durch die Schaffung neuer Salinenstandorte in Traunstein (1619) und Rosenheim (1810) mit Hilfe von Soleleitungen. Ab dem 16. Jahrhundert spielte zudem die Einbindung des Berchtesgadener Salzwesens eine immer stärkere Rolle.

Vorgeschichte

Bis zur Entwicklung von Kühlgeräten, die im 19. Jahrhundert erfunden, aber erst nach der Mitte des 20. Jahrhundert massenhaft produziert wurden, bildete das Salz eine der wenigen Möglichkeiten, Speisen über einen längeren Zeitraum haltbar zu machen. Die Versorgung mit Salz, das auch als Futterergänzung für das Vieh und für bestimmte Produktionsprozesse – etwa bei der Lederverarbeitung – zum Einsatz kam, erfolgte in vorchristlicher Zeit durch mehrere größere sowie kleinere Salzerzeugungsorte, die zum „ostalpinen Salinar“, einem Hauptvorkommen im Ostalpenraum, zählten. Dabei wurde das Mineral sowohl im großen Stil in Form von Steinsalzvorkommen bergmännisch, etwa in Hallstatt (Oberösterreich) und am Dürrnberg (Land Salzburg), als auch künstlich aus Quellen salzhaltigen Wassers – der Sole – gewonnen, z.B. in Unken (Land Salzburg).

Während das im geologischen Gestein des Haselgebirges vorkommende Steinsalz nach dem Abbau unbehandelt belassen wurde und daher neben Salzen auch Gipse, Tone und Sande beinhaltete, nutzte man bei der Verarbeitung der Sole die Methode der Wasserverdampfung mit Hilfe so genannter Briquetage: Dabei platzierte man mit Sole gefüllte Tongefäße über einem darunter entzündeten Feuer, so dass das Wasser beim Siedevorgang verdunstete und das Salz in den Gefäßen übrigblieb. Die Betriebsstätte derlei künstlicher Salzgewinnung wird als Saline bezeichnet.

Bereits vor der Eroberung des Alpenraums durch die Römer um 15 v. Chr. wurden die bekannten prähistorischen Salzerzeugungsorte aufgegeben, was der Forschung bis heute Rätsel aufgibt. Der Überlegung, wonach die römischen Provinzen mit dem Salz aus den Meersalinen der oberen Adria versorgt worden sein könnten, steht das Argument der damit verbundenen beschwerlichen Transporte über die Alpen entgegen.

Die Solequellen von Reichenhall

Ab dem Frühmittelalter nutzte man für die Salzgewinnung in den Alpen und nördlich davon ausschließlich artesische, also selbsttätig an der Erdoberfläche entspringende Solequellen. Jene von Reichenhall (Lkr. Berchtesgadener Land) dürften auf dem Gebiet des frühen bayerischen Herzogtums die ersten gewesen sein, die im großen Stil ausgebeutet wurden; später folgten Solequellen bzw. Kleinsalinen mit nur lokaler Bedeutung, so etwa in Bad Hall (Oberösterreich; 8. Jh.) und Admont (Steiermark; 11. Jh.). Solequellen zeichnen sich einerseits durch ihren Salzgehalt (Grädigkeit) und andererseits durch ihre Reichhaltigkeit (Schüttung) aus.

Mit 24 Prozent sind die Reichenhaller Solequellen nahe am Sättigungsgrad, kann Salz doch ab einem Prozentsatz von 26 im Wasser nicht mehr gelöst werden. Für eine prähistorische und römerzeitliche Nutzung dieser Quellen, die zu den hochgrädigsten überhaupt zählen, gibt es archäologisch bislang keine Belege. Doch die im frühen 8. Jahrhundert einsetzenden Schriftquellen lassen bereits einen blühenden Salinenbetrieb erkennen, der exportorientiert arbeitete und bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts über Bayern hinaus eine unangefochtene monopolartige Marktführerschaft behauptete.

Der um das Jahr 696 in Salzburg, dem antiken Iuvavum, eintreffende hl. Rupertus (gest. nach 716) erhielt vom bayerischen Herzogssohn Theodbert (gest. um 720) ein Drittel der Reichenhaller Saline. Diese Schenkung machte die von Rupert begründete Kirche zu einer der mächtigsten innerhalb Bayerns; zudem begründete das aus Reichenhall stammende Salz den Namenswechsel von Iuvavum zu Salzburg. Neben dem Salzburger Erzbischof als dem größten Anteilsnehmer waren im Verlaufe des Mittelalters zahlreiche Bistümer, Klöster und Adelige an der Reichenhaller Saline beteiligt, deren Wirtschaftsstruktur einem Kartell ähnelte. Produktions-, Vertriebs- und Preispolitik lagen damit in den Händen dieser Gruppierung. Im 12. Jahrhundert war die Soleschüttung auf über 300 eigentumsrechtliche Einzelanteile angewachsen.

Die mittelalterliche Salzgewinnung aus Quellsole

Bis zu einer ersten Mechanisierung im 15. Jahrhundert blieb das seit dem Frühmittelalter bestehende Bild der Reichenhaller Salzerzeugung weitgehend konstant: Mittelpunkt des Geschehens war eine weitläufige Grube, auf deren Grund zahlreiche kleinere mit Holz verschalte Schächte bestanden, in denen sich das Salzwasser sammelte und die als Schöpfstellen dienten. Mittels so genannter „Werkbretter“ konnten die Schächte weiter nach unten abgeteuft werden, um zusätzliche Sole führende Schichten anzuschneiden. Der Soleschacht bot Raum für ein Auffanggefäß, z.B. ein größeres Holzfass, sowie zwei Schöpfknechte, die Vaher, die dieses mit Sole befüllten.

Oberhalb des Grubenareals befanden sich zahlreiche Galgbrunnen – waagrechte und über einen großen Radius schwenkbare Jochbalken, mit deren Hilfe die mit Sole befüllten Fässer nach oben gezogen und auf offene Gerinne ausgegossen wurden. Um eine durch Vertrag und Gewohnheitsrecht geregelte Aufteilung zu gewährleisten, mündete die Rinne in einem Wasserteiler, dem so genannten Angoss, der eine bestimmte Schüttung und exakte Zuteilung zuließ. Da der Angoss aus Holz bestand und problemlos um weitere Ausgüsse vergrößert oder verkleinert werden konnte, waren anteilsmäßige Veränderungen an der Saline jederzeit möglich. Vom Angoss aus lief die Sole durch ein Rohrleitungssystem im natürlichen Gefälle in die nah gelegenen Sudhäuser – auch „Pfannhäuser“ genannt –, wo sich die Herdstätten mit den zur Verdampfung des Wassers erforderlichen Eisenblech-Pfannen befanden.

Ursprünglich platzierten sich rund 60 Sudhäuser rund um das Grubenareal, wurden im Laufe der Zeit jedoch zusammengelegt, so dass am Ende des Mittelalters nur noch 16 vorhanden waren. Im Pfannhaus spielte sich eine personell stark ausdifferenzierte Abfolge von Arbeitsschritten ab, beginnend bei der Zurüstung der Siedepfanne über die Befeuerung bis hin zum eigentlichen Siedeprozess. Der übriggebliebene Salzbrei wurde sodann in kegelförmige Holzgefäße, so genannte Perkufen, gepresst, deren Bretter nach einer kurzen Trocknungszeit abgenommen wurden. Anschließend brachte man diese als „weiche Fuder“ bezeichneten Salzkegel in die „Dörr- und Härthäuser“, wo mittels Feuer die vollständige Aushärtung des Salzes erfolgte. Danach wurden die „trockenen Fuder“ in der „Stoßstatt“ mit Spitzhacken zerkleinert und so transportfähig gemacht.

Allein in den Reichenhaller Pfannhäusern arbeiteten im Spätmittelalter rund 320 Arbeiter. Hinzu kamen etwa 140 Vaher, zahlreiche sonstige Werktätige sowie jene, die mit dem Antransport des Brennholzes verantwortlich waren, so dass von über 700 Menschen – Männern und Frauen – auszugehen ist, die direkt in der Salzerzeugung tätig waren.

Energieversorgung der Salinen

Plan der Klause im Winkelmoos (rechts im Vordergrund) im Grenzgebiet zwischen Kurbayern und Salzburg von 1626. Dort wurde Holz für die Reichenhaller Saline geschlagen. Die Federzeichnung von 1626 entstand als Entscheidnungsgrundlage für Grenzstreitigkeiten zwischen Kurfürstentum und Erzstift. Klausen dienten zur Aufstauung des Wassers für die Trift. (Bayerisches Haupstaatsarchiv Plansammlung 8698)
Das zur Trift für die Reichenhaller Saline bestimmte Holz aus den bayerischen Saalforsten. Unken, frühes 20. Jh. Foto von Ludwig Hohenwarter. (Stadtarchiv Bad Reichenhall)

Zu einer salinarischen Betriebseinheit gehörten neben den Einrichtungen an der eigentlichen Salzerzeugungsstätte auch Waldungen für den Brennholzbedarf sowie nahe Holzlagerplätze. In Reichenhall griff man bereits im Frühmittelalter auf die Wälder am Oberlauf der Saalach aus – jenes Flusses, an dem auch die Saline lag. Dem Fluss als Transportweg für das Holz kam eine zentrale Rolle zu, denn die Bäume wurden an dessen Ufer geschlägert, etwa auf Meterstücke abgelängt und dann auf dem Wasser bis zur Saline geschwemmt (getriftet). Somit verdankte die Reichenhaller Saline ihre über ein halbes Jahrtausend bestehende Vormachtstellung nicht allein dem Vorhandensein von hochgrädigen und schüttungsreichen Solequellen, sondern auch ihrer topographischen Lage an einem Fluss, der über ein großes und waldreiches Wassereinzugsgebiet verfügte. Um auch das Holz entlegener Wälder nutzen zu können, legte man ab dem 13. Jahrhundert an den Gebirgsbächen der Seitentäler Schwellwerke – so genannte Klausen – an: Hinter quer durch die Täler gezogenen Dämmen wurde das Wasser angestaut, das nach Öffnen der Schleusen davor liegendes Holz mitriss und in das Haupttriftgewässer schwemmte.

Seit dem Frühmittelalter entwickelte sich der Holzlagerplatz für die Reichenhaller Saline zu einer komplexen Triftanlage, die sich auf eine Länge von ca. 1,5 Kilometer und eine Breite von etwa 300 Metern erstreckte. Mittels Rechen, der die Saalach überspannte, gelangten die Stämme in den Triftkanal und von dort auf die Holzlagerplätze, wo sie trocknen konnten. Diese so genannten „Holzgärten“ fassten den salinarischen Brennholzbedarf bis zu drei Jahren.

Die intensive Nutzung der zur Saline gewidmeten Waldungen, die heute als Bayerische Saalforste bekannt sind, mündeten 1509 in ersten forstlichen Verwaltungsstrukturen. Schon zuvor war die Fichte wegen ihres schnellen und geraden Wuchses wie auch wegen ihrer Schwimmeigenschaft als favorisierte Baumart gefördert und systematisch gehegt worden. Dies führte zu einer bis heute in der Region typischen Fichten-Monokultur.

Aufkommen des Laugverfahrens und Monopolbruch des Reichenhaller Salzes

Darstellung von Salzknappen im Bergwerk am Dürnberg. Der Maler Johann Löxhaller (1745-1817) kopierte die Gemälde des Salinenzyklus von Benedikt Werkstätter (1707-1772) in den Halleiner Fürstenzimmern von 1757. (Abb. aus: Benedict Werkstädters Entwurf der Salinen-Arbeiten zu Hallein 1758, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 2641)

Ein Anstieg der Gesamtbevölkerung ab der Mitte des 12. Jahrhunderts wie auch die systematische Schwaighofkolonisation im Alpenraum führten zu einer verstärkten Nachfrage nach Salz. Gleichzeitig erlebte die Stadt Reichenhall 1171 einen verheerenden Stadtbrand, der auch die Salzproduktion zum Erliegen brachte. Der Nachfrageüberhang führte im gesamten Ostalpenraum zu einer fieberhaften Suche nach neuen Salzlagerstätten.

Während man anfänglich nur nach Solequellen Ausschau hielt, unternahm man im Gebiet um Altaussee (Steiermark) noch zu Ende des 12. Jahrhunderts Versuche einer bergmännischen Erschließung von Salzvorkommen. Diese von den Zisterziensern des Klosters Rein (Steiermark) erstmals im Alpenraum zur Anwendung gebrachte Methode rekurrierte auf die Technik des so genannten Laugverfahrens, die vom Zisterzienserorden in Lothringen entwickelt worden war: Süßwasser wird in künstlich in das salzführende Haselgebirge geschlagene Kavernen (Hohlräume) geleitet, reichert sich dort mit Salz an und wird nach einiger Zeit als Sole wieder herausgepumpt. Auf diese Weise lassen sich sowohl Schüttung als auch Grädigkeit frei bestimmen, wogegen bei der Salzgewinnung aus natürlichen Solequellen keine unmittelbare Steuerung möglich ist.

Diese revolutionäre und überlegene technische Innovation, verbunden mit der Erkenntnis, mittels Rohrleitungen die Sole über längere Distanzen vom Bergwerk zur Saline bringen zu können, bot Gelegenheit, das innerhalb Bayerns bis dahin von Reichenhall gehaltene Monopol zu brechen. Um 1190 begann die Propstei Berchtesgaden, die bereits damals einen territorialen Sonderweg beschritt und sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts von Bayern ablösen sollte, am Gollenbach und später am Gutratsberg (bei Anif, Land Salzburg) mit der Herstellung bergmännisch gewonnenen Salzes. Wenig später folgte der salzburgische Salzbergbau auf dem Dürrnberg bei Hallein (Land Salzburg).

Infolge einer Auseinandersetzung mit den dortigen Bürgern ließ der Salzburger Erzbischof Adalbert III. (reg. 1168-1174/1193-1200) die Stadt und Saline Reichenhall im Jahre 1196 zerstören und schleifen. Über mehr als zwei Jahrzehnte erfolgte die dortige Salzerzeugung in nur sehr bescheidenem Maße, wogegen das nach dem Reichenhaller Vorbild neu geschaffene Hallein zur führenden Saline im Ostalpenraum aufstieg und die frei gewordenen Salzmärkte bediente. Im Reigen der sich in der Folge abzeichnenden salinarischen Konkurrenz im Ostalpenraum (Hallein, Berchtesgaden, Hall in Tirol, Aussee und Hallstatt) blieb Reichenhall vorerst der einzige Salzerzeugungsort im Herzogtum Bayern.

Mechanisierung, Technisierung und Reformen

Die Besitzer der Reichenhaller Saline, Vertreter des Reichenhaller Patriziats, reduzierten im Verlaufe des 13. Jahrhunderts die zuvor zahlreichen Soleschöpfstellen auf einen zentralen Solebrunnen. Mit dem Einbau eines sich ununterbrochen drehenden Kettengeschöpfs, das als wasserbetriebener „Paternoster“ ausgeführt war, bewirkten sie 1440 eine erste Mechanisierung, was zur Arbeitslosigkeit der Vaher und damit zu sozialen Spannungen führte. Nachdem sich die Siedeherren zudem durch die Maßnahme stark verschuldet hatten, leitete Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut (reg. 1479-1503) ab dem Jahre 1481 durch einen schrittweisen Aufkauf der Reichenhaller Salinenanteile eine staatliche Monopolisierung der Salzproduktion ein.

Die Bayernherzöge nahmen eine Reformierung des gesamten Salzwesens in Angriff, wozu zunächst eine Verschlankung des Produktionsapparats, eine Umstellung auf größere Siedepfannen, flankierende Maßnahmen zur Walderhaltung sowie der steinerne Neubau des zentralen Solebrunnens durch den Künstleringenieur Erasmus Grasser (gest. 1518) in den Jahren von 1507 bis 1512 gehörten. Zur Ableitung des Süßwassers, das als Aufschlagwasser für das Paternosterwerk in den Brunnenschacht gelangte, legte man in rund 14-jähriger Bauzeit einen fast zwei Kilometer langen untertägigen Stollen, den so genannten Grabenbach, an, der – eine bauliche wie auch finanzielle Herausforderung – 1538 vollendet wurde.


Traunsteiner Salinenbilder-Zyklus


Der Traunsteiner Salinenbilder-Zyklus entstand ca. 1781-83. Die zwölf Bilder umfassende repräsentative Serie veranschaulicht die einzelnen Arbeitsschritte bei der Salzgewinnung. Der Zyklus war vermutlich ursprünglich für das Traunsteiner Salzmaieramt geschaffen worden. Hier unten sind Kopien von Hans Kaufmann (1862-1949) abgebildet, die vermutlich im Zuge der Übernahme durch das Bayerische Nationalmuseum entstanden. (Stiftung Heimathaus Traunstein)

Nachdem bereits seit dem 16. Jahrhundert Experimente mit so genannten Leckwerken angestellt worden waren, entstand 1615 ein erstes Gradierwerk in Reichenhall: Mit Hilfe der Sonneneinstrahlung und des Windes wurde der Wasseranteil der Sole, die man über eine größere Fläche hinabrieseln ließ, teilweise verdunstet, womit sich eine höhere Grädigkeit ergab. Der Energiebedarf beim Siedevorgang reduzierte sich auf diese Weise deutlich. Ab dem Jahr 1758 errichtete man ein neues Gradierhaus, das sich zu Ende des 18. Jahrhunderts über eine Länge von etwa 720 Metern erstreckte.

Sebastian von Clais (l.); Carl-Theodor-Sudhaus der Saline Reichenhall (r.). Medaille von Joseph Ignaz Scheufel (1733-1812), 1782. (Foto: Stadtarchiv Bad Reichenhall)

Vor dem Hintergrund allgemeiner Mechanisierung und Technisierung ließ Kurfürst Karl Theodor (reg. 1777-1799) ab 1782 tiefgreifende Reformen an der Reichenhaller Saline durchführen, beginnend bei der Neuerrichtung von Sudhäusern über Umstellungen bei der Energieversorgung bis hin zu personellen Umstrukturierungen. Diese durch Johann Sebastian Clais (1742-1809) geleiteten Maßnahmen steigerten die Salzerzeugung und festigten die Position des bayerischen Salzwesens gegenüber der ausländischen Konkurrenz.

Soleleitungen als Mittel der Standort-Diversifikation

Die Abhängigkeit von den seit dem 14. Jahrhundert auf Salzburger Territorium liegenden Salinenwaldungen, die daraus erwachsende Gefahr eines Holz-Ausfuhrboykotts sowie der stetig steigende Energiebedarf an der Reichenhaller Saline führten zu Beginn des 17. Jahrhunderts zu Überlegungen, im Sinne der Diversifikation das Risiko eines möglichen Produktionsausfalls zu vermindern. Da im Einzugsgebiet des Flusses Traun großzügige Waldungen zur Verfügung standen, beschloss man, den Rohstoff Sole zum Energieträger zu transportieren: Vor den Toren Traunsteins, in der so genannten Au, entstand im Jahre 1619 eine Hilfssaline, durch eine Rohrleitung verbunden mit den Solequellen von Reichenhall.

Auf der Strecke zwischen Reichenhall und Traunstein musste die Rohrleitung zahlreiche Höhenunterschiede überwinden. Dazu entwickelte der Baumeister Simon Reiffenstuel (1574-1620) Wasser-Hebewerke, die nach dem Prinzip der Kolbendruckpumpen funktionierten und ihrerseits mit Wasserkraft betrieben wurden. Auf diese Weise entstand in den Jahren von 1617 bis 1619 eine 32 Kilometer lange Soleleitung, die täglich 130 Kubikmeter Sole nach Traunstein, dem nach Reichenhall zweiten bayerischen Salinenort, transportierte.



Nachdem 1805 Salzburg gemeinsam mit Berchtesgaden dem Kaisertum Österreich zugeschlagen worden war und der ungehinderte Zugriff auf die zur Reichenhaller Saline gewidmeten Wälder im „Ausland“ in Gefahr stand, verfolgte Bayern die Idee weiter, die Salzgewinnung in die ressourcensicheren Zonen des eigenen Landes zu verlegen. Durch die Verlängerung der Soleleitung schuf man in Rosenheim 1810 eine weitere bayerische Hilfssaline. 1817 wurde das inzwischen bayerische Berchtesgaden in das Netz der bayerischen Soleleitungen eingebunden. Zu dem Zweck entwickelte Georg von Reichenbach (1771-1826) die so genannten Wassersäulenmaschinen, die auf Grund ihrer Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit allgemeine Berühmtheit erlangten. Während die Saline in Rosenheim bis 1958 in Betrieb war, endete jene in Traunstein bereits 1912, jene in Berchtesgaden 1928.

Die Anbindung des Berchtesgadener Salzwesens an die bayerische Produktion

Saline Frohnreuth in Berchtesgaden, um 1900. (Stadtarchiv Bad Reichenhall)
Die fürstpröpstlich-berchtesgadnische Saline Schellenberg, um 1890. (Stadtarchiv Bad Reichenhall)

Seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert war in der Propstei Berchtesgaden bergmännisch Salz abgebaut und mittels einer acht Kilometer langen Rohrleitung als künstlich erzeugte Sole zur Saline in Schellenberg (Gde. Marktschellenberg, Lkr. Berchtesgadener Land) gebracht worden. Um das Jahr 1517 schlug man am Petersberg, nahe dem Markt Berchtesgaden, ein neues Bergwerk an, in dem im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche so genannte Sinkwerke entstanden, rekurrierend auf das Prinzip des Laugverfahrens. Zusätzlich zur bestehenden Saline in Schellenberg entstand 1557/1564 in Frohnreuth (Gde. Berchtesgaden) eine zweite fürstpröpstliche Saline.

Da die Salzgewinnung in Reichenhall lediglich auf den natürlichen Solequellen basierte, versuchte Bayern ab der Mitte des 16. Jahrhunderts, das Salzwesen der benachbarten Fürstpropstei enger an sich zu binden, um die eigene Produktionskapazität zu steigern. Indem man Salzsteine in die zu versiedende Sole legte, erhöhte man den Salzgehalt und reduzierte so den Energiebedarf beim Siedevorgang. Ein 1555 unterzeichneter Vertrag sicherte der bayerischen Saline in Reichenhall ein regelmäßiges Quantum an Berchtesgadener Salz zu.

Die wirtschaftliche und politische Anbindung Berchtesgadens führte im Jahre 1795 zum zunächst geheim gehaltenen Salinenhauptvertrag, wonach das Kurfürstentum Bayern das gesamte Salzwesen der Fürstpropstei pachtweise übernahm. Wenn auch das benachbarte Fürsterzstift Salzburg nach Bekanntwerden des Kontrakts erfolgreich dagegen klagte, kam es durch die Eingliederung Berchtesgadens in das Königreich Bayern 1810 zur Verschmelzung mit der bayerischen Bergwerks- und Salinenadministration.

Literatur

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  • Hans-Heinz Emons/Hans-Henning Walter, Alte Salinen in Mitteleuropa. Zur Geschichte der Siedesalzerzeugung vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Leipzig 1988.
  • Stefan Freundl, Salz und Saline, dargestellt am Beispiel der ehemaligen Saline Rosenheim (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Stadt und des Landkreises Rosenheim IX), Rosenheim 1978.
  • Gertraud und Rudolf Gamper-Schlund, Johann Sebastian Clais (1742-1809). Erneuerer der bayerischen Salinen, in: Manfred Treml u.a. (Hg.), Salz macht Geschichte. Aufsätze, Augsburg 1995, 172-178.
  • Wolfgang Jahn, Die Saline Reichenhall vom Spätmittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Manfred Treml u.a. (Hg.), Salz macht Geschichte. Aufsätze, Augsburg 1995, 83-92.
  • Herbert Klein, Zur älteren Geschichte der Salinen Hallein und Reichenhall, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (38) 1951, 306-333.
  • Fritz Koller, Das Salzwesen, in: Walter Brugger/Heinz Dopsch/Peter F. Kramml (Hg.), Geschichte von Berchtesgaden. Stift – Markt – Land. Bd. I. Zwischen Salzburg und Bayern, Berchtesgaden 1991, 739-842.
  • Alfred Kotter, Die Saline Traunstein, in: Stadt Traunstein (Hg.), Traunstein ohne Salz?, Traunstein 2019, 41-70.
  • Heinrich Kurtz, Die Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein 1617-1619. Ein Beitrag zur Technikgeschichte Bayerns, München 1978.
  • Johannes Lang, Geschichte von Bad Reichenhall, Neustadt a.d. Aisch 2009.
  • Johannes Lang, Monopol – Krise – Marktdynamik. Zur Entstehung hochmittelalterlicher Salinenstädte im Ostalpenraum unter besonderer Berücksichtigung Reichenhalls, in: Wolfgang Wüst/Klaus Wolf (Hg.), Die süddeutsche Städtelandschaft im Vergleich, Berlin 2021, 285-327.
  • Rudolf Palme, Die Salzproduktion in Hall in Tirol und in Reichenhall 1507-1571: Beschreibung, Vergleich und Deutung einer ähnlichen tendenziellen Entwicklung, in: Ekkehard Westermann (Hg.), Quantifizierungsprobleme bei der Erforschung der europäischen Montanwirtschaft des 15. bis 18. Jahrhunderts, S. Katharinen 1988, 54-69.
  • Rudolf Palme, Salzwesen und Salinenwälder, in: Walter Brugger/Heinz Dopsch / Peter F. Kramml (Hg.), Geschichte von Berchtesgaden. Stift – Markt – Land. Bd. II/1. Vom Beginn der Wittelsbachischen Administration bis zum Übergang an Bayern 1810, Berchtesgaden 1993, 535-578.
  • Eckart Schremmer, Technischer Fortschritt an der Schwelle zur Industrialisierung. Ein innovativer Durchbruch mit Verfahrenstechnologie bei den alpenländischen Salinen, München 1980.
  • Eckart Schremmer, Die Modernisierung der bayerischen Salinen im ausgehenden 18. Jahrhundert, in: Thomas Hellmuth/Ewald Hiebl (Hg.), Kulturgeschichte des Salzes. 18. bis 20. Jahrhundert, Wien 2001, 57-74.
  • Heinrich Wanderwitz, Die technische Entwicklung der Saline Reichenhall im Mittelalter, in: Christian Lamschus (Hg.), Salz. Arbeit und Technik, Produktion und Distribution in Mittelalter und Frühneuzeit, Lüneburg 1989, 235-242.
  • Heinrich Wanderwitz, Studien zum mittelalterlichen Salzwesen in Bayern (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 73), München 1984.

Quellen

  • Archivüberlieferung: Der maßgebliche Anteil an Archivalien zur Geschichte der Salzgewinnung in Altbayern liegt im Staatsarchiv München. Weitere Bestände befinden sich im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, im Stadtarchiv Bad Reichenhall, im Salzburger Landesarchiv sowie im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien.
  • Matthias Flurl, Aeltere Geschichte der Saline Reichenhall vorzüglich in technischer Hinsicht …, München 1809.
  • Josef Ernst von Koch-Sternfeld, Die deutschen, insbesondere die bayerischen und österreichischen Salzwerke …, München 1836.
  • Franz Xaver von Stubenrauch, Unterricht vom Salzwesen, Augsburg 1771.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Johannes Lang, Salzgewinnung in Altbayern (Mittelalter/Frühe Neuzeit), publiziert am 06.02.2023, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Salzgewinnung_in_Altbayern_(Mittelalter/Frühe_Neuzeit)> (27.05.2024)