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Münchener Beobachter

Titelseite der 1. Ausgabe nach dem Tod von Franz Eher, 10. Juli 1918.
Titelseite vom 9. November 1918.

von Paul Hoser

Vorläufer des Parteiorgans der NSDAP, des Völkischen Beobachters. Das unbedeutende Münchner Vorstadtblatt gehörte seit 1900 dem Münchner Verleger Franz Eher (1851-1918). 1918 erwarb Rudolf von Sebottendorff (1875-1945) den Münchener Beobachter als Organ der Thule-Gesellschaft, nach der Umbenennung in "Völkischer Beobachter" gingen Verlag und Zeitung am 17. Dezember 1920 für rund 120.000 RM in den Besitz der NSDAP über.

Die Anfänge des "Münchener Beobachters"

Schon im November 1867 kam in München ein zweimal wöchentlich erscheinendes Blatt unter dem Titel "Merkur" heraus, das Informationen für Gewerbetreibende lieferte und sich seit 2. Dezember 1868 "Münchener Beobachter" nannte. Der im damaligen Münchner Vorort Haidhausen ansässige Druckereibesitzer Johann Naderer (geb. 1852) brachte dann seit 2. Januar 1887 eine wöchentliche Vorstadtzeitung mit dem gleichen Titel heraus.

Die Übernahme durch Franz Eher

Anfang 1900 wurde Franz Xaver Josef Eher (1851-1918), vormals Journalist der "Neuen Freien Presse" in Wien und des "Berliner Lokal-Anzeigers", zusätzlich Redakteur und Mitverleger. Zusammen mit Naderer hatte Eher bereits zwei Jahre zuvor die Fachzeitschrift "Der Bayerische Metzgermeister" gegründet. Noch im Lauf des Jahres leitete und verlegte er das Blatt allein. Am 2. Dezember 1901 wurde der "Franz Eher Verlag" im Handelsregister eingetragen.

Die Auflage, die 1899 noch bei 2.000 lag, betrug 1907 nur mehr 1.000 Stück. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Drucker, Naderers Schwiegersohn Georg Unger, ließ Eher sein Blatt ab diesem Jahr bei der Druckerei Josef Gäßler anfertigen. Das Wochenblatt publizierte wiederholt antisemitische Hetzartikel.

Unter der Kontrolle völkischer Zirkel

Nach Ehers Tod am 22. Juni 1918 leitete seine Witwe den Verlag. Im August 1918 wurde Rudolf von Sebottendorff (1875-1945) Redakteur der Zeitung. Er hieß in Wirklichkeit Glauer und war ein Abenteurer mit hochstaplerischen Zügen. Der Münchener Beobachter wurde zum Organ seiner völkischen Organisation, der Thule-Gesellschaft. Am 14. September 1918 wurde Sebottendorffs Freundin Käthe Bierbaumer als Eigentümerin des Verlags "Franz Eher Nachf." ins Handelsregister eingetragen. Am 30. September 1919 wurde daraus die "Franz Eher Nachfolger GmbH". Gesellschafterinnen waren Käthe Bierbaumer und Sebottendorffs Schwester Dora Kunze.

Seit Oktober 1919 druckte das "Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn" das inzwischen zweimal wöchentlich erscheinende Blatt.

Die Zeitung überstand einen Übergriff in der Rätezeit, in der alle Unterlagen in der Redaktion vernichtet wurden. Mit Hilfe des Journalisten Karl Harrer (1890-1926) wurde sie als Sportblatt aufgezogen. So war sie für die Leser attraktiver, und umso wirksamer ließen sich rassenantisemitische und sozialdarwinistische Propaganda verbreiten. Der neue Untertitel "Unabhängige Zeitung für nationale und völkische Politik" ließ am wahren Charakter keinen Zweifel.

Zwischen Deutschsozialistischer Partei und Nationalsozialisten

Im Auftrag Sebottendorffs engagierte sich Harrer beim Aufbau der "Deutschen Arbeiterpartei". Im ersten Drittel des Jahres 1920 stieg die Zahl der Gesellschafter des Eher-Verlags auf acht. Darunter war der spätere nationalsozialistische Wirtschaftspolitiker Gottfried Feder (1883-1941), welcher der Vorläuferin der NSDAP ebenfalls angehörte. Im Mai 1919 bekannte sich der "Münchener Beobachter" aber zum Programm der in Norddeutschland gegründeten völkisch-antisemitischen Deutschsozialistischen Partei. Drei ihrer Mitglieder rissen seine Leitung an sich und drängten Sebottendorff beiseite. Doch blieb das Blatt auch für Erklärungen anderer völkischer Organisationen offen.

Umbenennung in "Völkischer Beobachter" und Kauf durch die NSDAP 1920

Seit 9. August 1919 hieß die überregionale Ausgabe der Zeitung "Völkischer Beobachter". Die Gesamtauflage betrug in der zweiten Hälfte des Jahres 1920 etwa 11.000.

Mit Hilfe einer "Deutschvölkischen Verlagsgenossenschaft" und eines "Bunds der Beobachterfreunde" übernahm die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die schon seit Frühjahr 1920 im Blatt stark beachtet worden war, am 17. Dezember 1920 über den Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterverein (NSDAV) sämtliche Anteile. Zuvor hatte Sebottendorff Mitte 1920 ernsthaft - aber vergeblich - versucht, den Verlag an den "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu verkaufen.

Literatur

  • Hermann Gilbhard, Die Thule-Gesellschaft. Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz, München 1994.
  • Thomas Tavernaro, Der Verlag Hitlers und der NSDAP. Die Franz Eher Nachfolger GmbH, Wien 2004.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Paul Hoser, Münchener Beobachter, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Münchener Beobachter> (13.12.2018)