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Internationale Jugendbibliothek

Jella Lepman (1891–1970), Initiatorin und Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek. (Stiftung Internationale Jugendbibliothek, Foto: Poehlmann)

von Veronika Diem

Am 15. Dezember 1948 gründete sich auf Betreiben von Jella Lepman (1891–1970) zunächst die "Vereinigung der Freunde der Internationalen Jugendbibliothek", aus der am 14. September 1949 die Internationale Jugendbibliothek (IJB) entstand. Sie ging hervor aus einer im Sommer 1946 in München gezeigten internationalen Jugendbuchausstellung, die Lepman als Mitarbeiterin der US-Militärregierung organisiert hatte. Die Bibliothek verfolgte das Ziel, die während der NS-Herrschaft indoktrinierte Jugend über einen freien Zugang zur Literatur für die Welt zu interessieren. Neben der Bereitstellung von Literatur und Lesemöglichkeiten für die Jugend, organisiert die IJB bis heute Lesungen, Ausstellungen und Diskussionsrunden. Sie entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Einrichtungen für Jugendliteratur weltweit. Seit 1983 befindet sich die IJB in Schloss Blutenburg im Münchner Stadtteil Obermenzing.

Biographischer Hintergrund Jella Lepman

Jella Lepman (1891–1970) in Uniform als Angehörige des U.S. Office of War Information (OWI) mit Colonel F. Leonard. (Stiftung Internationale Jugendbibliothek)

Jella Lepman (1891–1970) wuchs als Jella Lehmann in Stuttgart gemeinsam mit zwei Schwestern auf. Nach einem Auslandsschuljahr in der französischen Schweiz richtete sie bereits im Alter von 17 Jahren in Stuttgart eine internationale Lesestube für die Kinder ausländischer Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik ein. 1913 heiratete sie den deutsch-amerikanischen Fabrikanten Gustav Horace Lepman (1877–1922). 1918 und 1921 kamen ihre beiden Kinder zur Welt. Als ihr Mann an den späten Folgen einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg 1922 starb, war die 31-jährige Mutter auf sich gestellt. So begann sie beim Stuttgarter Neuen Tagblatt zu arbeiten und war die erste Frau, die dort Redakteurin war. Parallel veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch "Der verschlafene Sonntag" (1927). 1933, kurz nachdem die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde ihr Vertrag wegen ihrer jüdischen Abstammung aufgelöst; 1936 konnte sie mit den beiden Kindern nach London emigrieren. Ab 1938 fand sie eine Beschäftigung, indem sie an der Cambridge University Library den Nachlass von Arthur Schnitzler (1862–1931) sichtete. Sie arbeitete bei der British Broadcasting Corporation (BBC) und anschließend bei der American Broadcasting Station in Europe (ABSIE), einer Sendeanstalt des U.S. Office of War Information (OWI). 1947 erhielt sie die englische Staatsbürgerschaft.

Ausstellungsplakat für die Internationale Ausstellung "Das Jugendbuch" in Stuttgart, 20. August bis 14. September 1946. (Stiftung Internationale Jugendbibliothek)

Internationale Jugendbuchausstellung und Gründung der Internationalen Jugendbibliothek

1945 konnte die Militärregierung in der US-Besatzungszone Jella Lepman, die inzwischen als Kinder- und Jugendbuchexpertin anerkannt war, für den Bereich der Reeducation mit dem Hauptaugenmerk auf Frauen und Jugend gewinnen. Auf einer Rundreise durch das Nachkriegsdeutschland stellte sie fest, dass neben Essentiellem für Frauen und vor allem Kindern auch geistige Nahrung von Nöten war. So entstand die Idee einer Wanderausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern aus verschiedenen Ländern. Sie organisierte in diesem Rahmen eine internationale Jugendbuchausstellung, die im Juli und August 1946 im Haus der Kunst in München gezeigt wurde und später auch in Stuttgart, Frankfurt am Main, Berlin, Hannover, Braunschweig und Hamburg zu sehen war. Die rund 4.000 Kinderbücher, die aus 14 Ländern gespendet worden waren, bildeten schließlich den Gründungs-Bestand der Internationale Jugendbibliothek (IJB). Die Gründung der "Vereinigung der Freunde der Internationalen Jugendbibliothek e.V." als Träger der IJB im Münchner Prinz Carl Palais datiert auf den 15. Dezember 1948.

Eigene Räume und innovative Bibliotheksarbeit

Von 1949 bis 1983 war die Internationale Jugendbibliothek in einer Villa an der Kaulbachstraße 11a beheimatet. (Stiftung Internationale Jugendbibliothek)

Ab 14. September 1949 öffnete die Internationale Jugendbibliothek in einer Villa an der Kaulbachstraße 11a ihre Türen. Trotz intensiver Bemühungen, gelang es Jella Lepman nicht, die Bibliothek als Einrichtung der UNESCO in Deutschland zu verankern. Immerhin erkannte die UNESCO die Internationale Jugendbibliothek zumindest als "Associated Project" an. Mit Spenden aus den USA unterstützt, finanzierten schließlich die Stadt München, der Freistaat Bayern und ab den 1950er Jahren auch der Bund den Unterhalt der Bibliothek. Zentral war das Ziel, mit den Beständen und dem Programm die Möglichkeiten des Austauschs zwischen Kindern und jungen Menschen über alle Grenzen hinweg zu unterstützen. Ein besonderes Augenmerk wurde auch auf eine wertschätzende Behandlung und die Einbeziehung der jungen Nutzerinnen und Nutzer gelegt: Es gab beispielsweise ein Jugendkomitee, Diskussions- und Theatergruppen sowie regelmäßige Buchrezensionen, die auch im Bayerischen Rundfunk (BR) zu hören waren. Diese Konzentration auf die Bedürfnisse der Nutzergruppen folgte einem völlig neuen Konzept. Auch Erwachsene, hier vor allem aus dem Bereich Journalismus und dem Verlagswesen wurden mit Hilfe von Ausstellungen und Veranstaltungen über die Trends, Möglichkeiten sowie Entwicklungen im Kinder- und Jugendbuchbereich auf dem Laufenden gehalten.

Die Internationale Jugendbibliothek setzte auch sog. Bücherbusse ein, die die Kinder- und Jugendliteratur direkt zu den Kindern und Jugendlichen brachte. Foto: 1956. (Stiftung Internationale Jugendbibliothek)

Ebenfalls anders war die Benutzung. Im Gegensatz zu den damals vorherrschenden sog. Thekenbibliotheken waren die Bücher für die Benutzer frei zugänglich in den Regalen - nach Ländern geordnet - aufgestellt und konnten direkt ausgeliehen werden. Der innovative Einsatz eines Bücherbusses, der die Ideen der Bibliothek über München hinaus verbreiten sollte, scheiterte schließlich an zu knappen Personal- und Treibstoffressourcen. Nicht nur diese Inspiration hatte Jella Lepman von einer USA-Reise Ende der 1940er Jahre mit nach München gebracht. Ihren Fokus hatte sie seitdem auf die Illustration von Kinderbüchern und Zeichnungen von Kindern gelegt, da diese es möglich machten über Sprachgrenzen hinweg zu wirken.

Mitarbeiter und Kinder feiern den 5. Gründungstag der Internationalen Jugendbibliothek im September 1954. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-013787)

1957 gab Jella Lepman die Leitung der IJB ab und zog zwei Jahre später nach Zürich, wo sie schließlich 1970 starb. 1990 wurde im Münchner Stadtteil Berg am Laim eine Straße nach ihr benannt.

Umzug nach Schloss Blutenburg

Die wachsenden Bestände ließen die Räume in der Villa bald zu klein werden und der bayerische Staat als deren Eigentümer drängte seit Anfang der 1960er Jahre auf einen Auszug. Die Suche nach einem geeigneten Gebäude zog sich bis Mitte der 1970er Jahre hin, als der neue Vorstand des Vereins, Wolfgang Vogelsgesang (1932–2000, Vorsitzender 1982–1983) Schloss Blutenburg im westlichen Münchner Stadtteil Obermenzing vorschlug. Nach umfangreichen Sanierungs- und Umbauarbeiten eröffnete die IJB schließlich im Juni 1983 ihre neuen Räume in den Räumen von Schloss Blutenburg. Bereits Anfang der 1960er Jahre hatte sich mit dem Wechsel in der Leitung der Bibliothek, mit Dr. Walter Scherf (1920-2010), der Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Arbeit mit den Beständen verlagert. In den großzügig bemessenen neuen Räumen konnten nun beide Seiten bedient werden: Neben der Programmarbeit für Kinder und Jugendliche entwickelte sich die IJB zu einem internationalen Forschungszentrum zu Kinder- und Jugendbüchern.

Reorganisation

1992 wurden nach einem kritischen Bericht des Bundesrechnungshofes (1989) wesentliche Teile administrativer Aufgaben vom Vereinspräsidium in den Direktionsbereich der Bibliothek verlagert. da die Kriterien der Förderrichtlinien des Jugendplans nicht eingehalten worden waren.

Nach der Spende des notwendigen Gründungskapitals ging die Trägerschaft der Bibliothek schließlich im Januar 1996 in die "Stiftung Internationale Jugendbibliothek" über. Der ehemalige Trägerverein setzte seine Arbeit als Förderverein unter dem Namen "Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek e.V." fort.

Direktorinnen und Direktoren
Name Lebensdaten Amtszeit
Jella Lepman 1891-1970 1948-1957
Dr. Walter Scherf 1920-2010 1957-1982
Wolfgang Vogelsgesang (kommissarisch) 1932-2000 1982-1983
Dr. Andreas Bode geb. 1942 1983-1992
Dr. Barbara Scharioth geb. 1942 1992-2007
Dr. Christiane Raabe geb. 1962 seit April 2007

Bestände

Ausstellung "Kindermalereien aus Israel" der Internationalen Jugendbibliothek, Kaulbachstraße 11 in München (26. Januar bis 9. Februar 1953). Fotografie von Felicitas Timpe, 1953. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-011493)

Seit 1993 werden die Neuerwerbungen elektronisch katalogisiert. Zwischen 2008 und 2011 fand die Retrokonversion der Zettelkataloge statt. Die Bücher stehen seit 1983 in einem unterirdischen Magazin im Schloss. Mittlerweile (Stand: 2020) gibt es drei Magazine. Die Bestände der Internationalen Jugendbibliothek sind seit 1999 über das Internet recherchierbar. Es handelt sich um rund 650.000 Medien in rund 250 Sprachen (Stand: 2020). Jährlich kommen rund 10.000 Medien dazu. Die Internationale Jugendbibliothek verwahrt somit eine der weltweit umfangreichsten und bedeutendsten Bestände an Kinder- und Jugendliteratur.

1969 übergab beispielsweise die UNESCO die sog. Genfer Sammlung mit 30.000 Kinder- und Jugendbüchern aus 58 Ländern, die vorwiegend aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen. Neben weiteren historischen Beständen verschiedener Sammlungen gelangte 1997 ein Teilnachlass des Schriftstellers Michael Ende (1929–1995) in die Bibliothek, die ihm daraufhin ein Museum widmete. Zwei Jahre später kam das Erich-Kästner-Zimmer mit 500 Erstausgaben in 60 Sprachen in Andenken an den Schriftsteller und Mitbegründer des Vereins Erich Kästner (1899–1974) dazu und 2011 wurde ein Turm auf dem Gelände eröffnet, in dessen Räumen dem Autor James Krüss (1926–1997) mit seinen Werken und Gegenständen aus seiner Sammlung gedacht wird. Daneben sind als weitere wichtige Nachlässe der des Jugendbuchautors Hans Baumann (1914-1988) und der der Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler (1940–2019) zu nennen. Seit 2013 vergibt die Internationale Jugendbibliothek alle zwei Jahre den James-Krüss-Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur.

Ziel und Angebote

Neben der Bereitstellung von Kinder- und Jugendliteratur bot die Internationale Jugendbibliothek Kindern und Jugendlichen verschiedene Freizeitaktivitäten an. Malkurs um 1952. (Stiftung Internationale Jugendbibliothek, Foto: Hans Schürer)

Auf der Webseite der Internationalen Jugendbibliothek ist die Zielsetzung formuliert: "Vermittlung der Kinder- und Jugendliteratur aus allen Weltregionen nach Maßstäben der ästhetischen und literarischen Qualität und Grundsätzen der kulturellen Bildung." (2019). Mit einem breit gefächerten Jahresprogramm bestehend aus Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen kommt die Bibliothek dieser Aufgabe nach. Obendrein gibt es gezielte Angebote für Schulklassen, Horte und Gruppen sowie eine – neben der wissenschaftlichen Spezialbibliothek – an Wochentagen geöffnete "Junge Bibliothek" für Kinder und Jugendliche mit rund 30.000 Büchern in etwa 30 verschiedenen Sprachen, deren Bestände ausgeliehen werden können.

Die durch Mittel des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst und des Kulturreferats der Landeshauptstadt München als Institution geförderte Internationale Jugendbibliothek hat knapp 22 Vollzeitstellen, die von 29 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt sind (2018). Das Stipendienprogramm wird vom Auswärtigen Amt getragen. Außerdem unterstützen Institutionen, Stiftungen, Verlage und Privatpersonen mit Geldzuwendungen, Buchspenden und Schenkungen den Erhalt und Ausbau der Bibliothek.

2018 haben rund 50.000 Menschen die Internationale Jugendbibliothek besucht und dabei rund 60.000 Medien entliehen.

Im wissenschaftlichen Bereich bietet die Bibliothek Forschungs- und Übersetzungsstipendien an. Dafür kooperiert sie beispielsweise mit dem Auswärtigen Amt, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Robert Bosch Stiftung. Weitere Kooperationspartner auf internationaler Ebene sind beispielsweise der Astrid Lindgren Memorial Award oder das International Board on Books for Young People.

Seit 2008 erscheint einmal jährlich "Das Bücherschloss. Mitteilungen aus der Internationalen Jugendbibliothek".

White-Raven-Festival

"The White Ravens" ist eine Liste fortlaufend gesammelter Empfehlungen von Kinder- und Jugendbüchern in mehr als 30 Sprachen und aus etwa 50 Ländern, die bis in das Jahr 1993 zurückreicht.

2010 richtete die IJB das erste White Ravens Festival für Internationale Kinder- und Jugendliteratur aus, das seitdem im zweijährigen Turnus im Juli in Schloss Blutenburg und an weiteren Orten in Bayern stattfindet. Ausgewählte Autorinnen und Autoren stellen dort ihre Werke Kindern und Jugendlichen vor.

Dokumente

Literatur

Quellen

  • Klaus H. Kiefer, Kinder- und Jugendliteratur an der LMU. Eine Kooperation der Internationalen Jugendbibliothek München und des Lehrstuhls für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur, in: 82. Jahresbericht der Münchner Universitätsgesellschaft 2003, 28-30.
  • Hans Ries, Exposé zur Situation und Programmarbeit sowie zum künftigen Ausbau der Sammlung historischer Kinder- und Jugendbücher in der Internationalen Jugendbibliothek München, München 1991.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Veronika Diem, Internationale Jugendbibliothek, publiziert am 28.09.2020 (aktualisierte Version 02.11.2020); in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Internationale_Jugendbibliothek_München> (03.12.2020)





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