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Internationale Jugendbibliothek

von Veronika Diem

Am 15. Dezember 1948 gründete sich auf Betreiben von Jella Lepman (1891–1970) die Internationale Jugendbibliothek (IJB). Sie entstand aus einer im Sommer 1946 in München gezeigten internationalen Jugendbuchausstellung, die Lepman als Mitarbeiterin der US-Militärregierung organisiert hatte. Die Bibliothek verfolgte das Ziel, die während der NS-Herrschaft indoktrinierte Jugend über einen freien Zugang zur Literatur für die Welt zu interessieren. Neben der Bereitstellung von Literatur und Lesemöglichkeiten für die Jugend, organisiert die IJB bis heute Lesungen, Ausstellungen und Diskussionsrunden. Sie entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Einrichtungen für Jugendliteratur weltweit. Seit 1983 befindet sich die IJB in Schloss Blutenburg im Münchner Stadtteil Obermenzing.

Biographischer Hintergrund Jella Lepman

Jella Lepman (1891-1970) auf der Tagung Internationale Jugendbibliothek vom 16. bis 18. November 1951 in München. Fotografie von Felicitas Timpe, 1951. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-009758)

Jella Lepman (1891–1970) wuchs als Jella Lehmann in Stuttgart gemeinsam mit zwei Schwestern auf. Nach einem Auslandsschuljahr in der französischen Schweiz richtete sie bereits im Alter von 17 Jahren in Stuttgart eine internationale Lesestube für die Kinder ausländischer Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik ein. 1913 heiratete sie den deutsch-amerikanischen Fabrikanten Gustav Horace Lepman (1877–1922). 1918 und 1921 kamen ihre beiden Kinder zur Welt. Als ihr Mann an den späten Folgen einer Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg 1922 starb, war die 31-jährige Mutter auf sich gestellt. So begann sie beim Stuttgarter Neuen Tagblatt zu arbeiten und war die erste Frau, die dort Redakteurin war. Parallel veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch "Der verschlafene Sonntag" (1927). 1933, kurz nachdem die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde ihr Vertrag wegen ihrer jüdischen Abstammung aufgelöst; 1936 konnte sie mit den beiden Kindern nach London emigrieren. Ab 1938 fand sie eine Beschäftigung, indem sie an der Cambridge University Library den Nachlass von Arthur Schnitzler (1862–1931) sichtete. Nachdem sie die britische Staatsbürgerschaft erhielt, arbeitete sie bei der British Broadcasting Corporation (BBC) und anschließend bei der American Broadcasting Station in Europe (ABSIE), einer Sendeanstalt des U.S. Office of War Information (OWI).

Internationale Jugendbuchausstellung und Gründung der Internationalen Jugendbibliothek

1945 konnte die Militärregierung in der US-Besatzungszone Jella Lepman, die inzwischen als Kinder- und Jugendbuchexpertin anerkannt war, für den Bereich der Reeducation mit dem Hauptaugenmerk auf Frauen und Jugend gewinnen. Auf einer Rundreise durch das Nachkriegsdeutschland stellte sie fest, dass neben Essentiellem für Frauen und vor allem Kindern auch geistige Nahrung von Nöten war. So entstand die Idee einer Wanderausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern aus verschiedenen Ländern. Sie organisierte in diesem Rahmen eine internationale Jugendbuchausstellung, die im Juli und August 1946 im Haus der Kunst in München gezeigt wurde und später auch in Stuttgart, Frankfurt am Main, Berlin, Hannover, Braunschweig und Hamburg zu sehen war. Die rund 4.000 Kinderbücher, die aus 14 Ländern gespendet worden waren, bildeten schließlich den Gründungs-Bestand der Internationale Jugendbibliothek (IJB). Die Gründung der "Vereinigung der Freunde der Internationalen Jugendbibliothek e.V." als Träger der IJB im Münchner Prinz Carl Palais datiert auf den 15. Dezember 1948.

Eigene Räume und innovative Bibliotheksarbeit

Ab 14. September 1949 eröffnete die IJB in der Kaulbachstraße 11a, in einer Villa hinter der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB). Trotz intensiver Bemühungen, gelang es Jella Lepman nicht, die Bibliothek als Einrichtung der UNESCO in Deutschland zu verankern. Immerhin erkannte die UNESCO die IJB zumindest als "Associated Project" an. Mit Spenden aus den USA unterstützt, finanzierten schließlich die Stadt München, der Freistaat Bayern und ab den 1950er Jahren auch der Bund den Unterhalt der Bibliothek. Zentral war das Ziel, mit den Beständen und dem Programm die Möglichkeiten des Austauschs zwischen Kindern und jungen Menschen über alle Grenzen hinweg zu unterstützen. Ein besonderes Augenmerk wurde auch auf eine wertschätzende Behandlung und die Einbeziehung der jungen Nutzerinnen und Nutzer gelegt: Es gab beispielsweise ein Jugendkomitee, Diskussions- und Theatergruppen sowie regelmäßige Buchrezensionen, die auch im Bayerischen Rundfunk (BR) zu hören waren. Diese Konzentration auf die Bedürfnisse der Nutzergruppen folgte einem völlig neuen Konzept. Auch Erwachsene, hier vor allem aus dem Bereich Journalismus und dem Verlagswesen wurden mit Hilfe von Ausstellungen und Veranstaltungen über die Trends, Möglichkeiten sowie Entwicklungen im Kinder- und Jugendbuchbereich auf dem Laufenden gehalten.

Ebenfalls anders war die Benutzung. Im Gegensatz zu den damals vorherrschenden sog. Thekenbibliotheken waren die Bücher für die Benutzer frei zugänglich in den Regalen - nach Ländern geordnet - aufgestellt und konnten direkt ausgeliehen werden. Der innovative Einsatz eines Bücherbusses, der die Ideen der Bibliothek über München hinaus verbreiten sollte, scheiterte schließlich an zu knappen Personal- und Treibstoffressourcen. Nicht nur diese Inspiration hatte Jella Lepman von einer USA-Reise Ende der 1940er Jahre mit nach München gebracht. Ihren Fokus hatte sie seitdem auf die Illustration von Kinderbüchern und Zeichnungen von Kindern gelegt, da diese es möglich machten über Sprachgrenzen hinweg zu wirken.

Mitarbeiter und Kinder feiern den 5. Gründungstag der Internationalen Jugendbibliothek im September 1954. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-013787)

1957 gab Jella Lepman die Leitung der IJB ab und zog zwei Jahre später nach Zürich, wo sie schließlich 1970 starb. 1990 wurde im Münchner Stadtteil Berg am Laim eine Straße nach ihr benannt.

Umzug nach Schloss Blutenburg

Die wachsenden Bestände ließen die Räume in der Villa bald zu klein werden und der bayerische Staat als deren Eigentümer drängte seit Anfang der 1960er Jahre auf einen Auszug. Die Suche nach einem geeigneten Gebäude zog sich bis Mitte der 1970er Jahre hin, als der neue Vorstand des Vereins, Wolfgang Vogelsgesang (1932–2000, Vorsitzender 1982–1983) Schloss Blutenburg im westlichen Münchner Stadtteil Obermenzing vorschlug. Nach umfangreichen Sanierungs- und Umbauarbeiten eröffnete die IJB schließlich im Juni 1983 ihre neuen Räume in den Räumen von Schloss Blutenburg. Bereits Anfang der 1960er Jahre hatte sich mit dem Wechsel in der Leitung der Bibliothek, mit Dr. Walter Scherf (1920-2010), der Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Arbeit mit den Beständen verlagert. In den großzügig bemessenen neuen Räumen konnten nun beide Seiten bedient werden: Neben der Programmarbeit für Kinder und Jugendliche entwickelte sich die IJB zu einem internationalen Forschungszentrum zu Kinder- und Jugendbüchern.

Reorganisation

1992 wurden nach einem kritischen Bericht des Bundesrechnungshofes (1989) wesentliche Teile administrativer Aufgaben vom Vereinspräsidium in den Direktionsbereich der Bibliothek verlagert. da die Kriterien der Förderrichtlinien des Jugendplans nicht eingehalten worden waren.

Nach der Spende des notwendigen Gründungskapitals ging die Trägerschaft der Bibliothek schließlich im Januar 1996 in die "Stiftung Internationale Jugendbibliothek" über. Der ehemalige Trägerverein setzte seine Arbeit als Förderverein unter dem Namen "Verein Freunde und Förderer der Internationalen Jugendbibliothek e.V." fort.

Bestände

Ausstellung "Kindermalereien aus Israel" der Internationalen Jugendbibliothek, Kaulbachstraße 11 in München (26. Januar bis 9. Februar 1953). Fotografie von Felicitas Timpe, 1953. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-011493)

1993 bis 2011 wurden die Bestände der Bibliothek inhaltlich und elektronisch erschlossen. Sie sind seit 1999 über das Internet recherchierbar und seit 2016 im neuen Magazin unter dem Schloss verwahrt. Es handelt sich dabei um rund 650.000 Medien in mehr als 130 Sprachen (2018). Jährlich kommen rund 10.000 Medien dazu. Die IJB verwahrt somit eine der weltweit bedeutendsten Bestände an Kinder- und Jugendliteratur.

1969 übergab beispielsweise die UNESCO die sog. Genfer Sammlung mit 30.000 Kinder- und Jugendbüchern aus 58 Ländern, die vorwiegend aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen. Neben weiteren historischen Beständen verschiedener Sammlungen gelangte 1997 ein Teilnachlass des Schriftstellers Michael Ende (1929–1995) in die Bibliothek, die ihm daraufhin ein Museum widmete. Zwei Jahre später kam das Erich-Kästner-Zimmer mit 500 Erstausgaben in 60 Sprachen in Andenken an den Schriftsteller und Mitbegründer des Vereins Erich Kästner (1899–1974) dazu und 2011 wurde ein Turm auf dem Gelände eröffnet, in dessen Räumen dem Autor James Krüss (1926–1997) mit seinen Werken und Gegenständen aus seiner Sammlung gedacht wird. Seit 2013 existiert ein gleichnamiger Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur, der alle zwei Jahre vergeben wird.

Ziel und Angebote

Auf der Webseite der IJB ist die Zielsetzung formuliert: "Vermittlung der Kinder- und Jugendliteratur aus allen Weltregionen nach Maßstäben der ästhetischen und literarischen Qualität und Grundsätzen der kulturellen Bildung." (2019). Mit einem breit gefächerten Jahresprogramm bestehend aus Ausstellungen, Workshops und Veranstaltungen kommt die Bibliothek dieser Aufgabe nach. Obendrein gibt es gezielte Angebote für Schulklassen, Horte und Gruppen sowie eine – neben der wissenschaftlichen Spezialbibliothek – an Wochentagen geöffnete "Junge Bibliothek" für Kinder und Jugendliche mit rund 30.000 Büchern in etwa 20 verschiedenen Sprachen, deren Bestände ausgeliehen werden können.

Die durch Mittel des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst und des Kulturreferats der Landeshauptstadt München als Institution geförderte IJB hat knapp 22 Vollzeitstellen, die von 29 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt sind (2018). Das Stipendienprogramm wird vom Auswärtigen Amt getragen. Außerdem unterstützen Institutionen, Stiftungen, Verlage und Privatpersonen mit Geldzuwendungen, Buchspenden und Schenkungen den Erhalt und Ausbau der Bibliothek.

2018 haben rund 50.000 Menschen die IJB besucht und dabei rund 60.000 Medien entliehen.

Im wissenschaftlichen Bereich bietet die Bibliothek Forschungs- und Übersetzungsstipendien an. Dafür kooperiert sie beispielsweise mit dem Auswärtigen Amt, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Robert Bosch Stiftung. Weitere Kooperationspartner auf internationaler Ebene sind beispielsweise der Astrid Lindgren Memorial Award oder das International Board on Books for Young People.

White-Raven-Festival

"The White Ravens" ist eine Liste fortlaufend gesammelter Empfehlungen von Kinder- und Jugendbüchern in mehr als 30 Sprachen und aus etwa 50 Ländern, die bis in das Jahr 1993 zurückreicht.

2010 richtete die IJB das erste White Ravens Festival für Internationale Kinder- und Jugendliteratur aus, das seitdem im zweijährigen Turnus im Juli in Schloss Blutenburg und an weiteren Orten in Bayern stattfindet. Ausgewählte Autorinnen und Autoren stellen dort ihre Werke Kindern und Jugendlichen vor.

Direktoren

Name Lebensdaten Amtszeit
Jella Lepman 1891-1970 1948-1957
Dr. Walter Scherf 1920-2010 1957-1982
Wolfgang Vogelsgesang (kommissarisch) 1932-2000 1982-1983
Dr. Andreas Bode geb. 1942 1983-1992
Dr. Barbara Scharioth geb. 1942 1992-2007
Dr. Christiane Raabe geb. 1962 seit April 2007

Dokumente

Literatur

  • Anna Becchi, "Jella Lepman: Die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek." LIBREAS. Library Ideas, 25 (2014), 29-60.
  • Lioba Betten, Mrs. Lepman. Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel, München 1992.
  • Andreas Bode, Erich Kästner, Jella Lepman und die Internationale Jugendbibliothek München, in: Erich–Kästner–Jahrbuch 1999 (2000), 126–140.
  • Gisela von Busse/Horst Ernestus/Engelbert Plassmann u. a. (Hg.), Das Bibliothekswesen der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, Wiesbaden 3. völlig neu bearbeitete Auflage 1999. (Abschnitt zur Internationalen Jugendbibliothek München 176–178).
  • Irene Ferchl, Jella Lepman (1891-1970), publiziert am 19.04.2018 in: Stadtarchiv Stuttgart.
  • Carola Gäde, Die Kinderbuchbrücke. Die Anfänge der IJB in der Münchner Nachkriegszeit, in: Obermenzinger Hefte 2 (2008), 23–25.
  • Eva–Maria Ledig, Eine Idee für die Kinder. Die Internationale Jugendbibliothek in München, München 1988.
  • Jella Lepman, Die Kinderbuchbrücke. Neuauflage zum 50jährigen Bestehen der Internationalen Jugendbibliothek, München 1999.
  • Jella Lepman, Mission for the children. Winning friends for the International Youth Library in U.S.A., Munich 1948.
  • Christiane Raabe, Das Bücherschloss an der Würm. Vor 25 Jahren bezog die Internationale Jugendbibliothek Schloss Blutenburg, in: Obermenzinger Hefte 1 (2008), 23–25.
  • Walter Scherf, Jella Lepman, in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), 304-305.
  • Wolfgang Vogelsgesang, Die Internationale Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg, in: Wolfgang Vogelsgesang (Hg.), Blutenburg – Das Schloss und sein Umfeld in Geschichte und Gegenwart, Wielenbach 1992.

Quellen

  • Klaus H. Kiefer, Kinder- und Jugendliteratur an der LMU. Eine Kooperation der Internationalen Jugendbibliothek München und des Lehrstuhls für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur, in: 82. Jahresbericht der Münchner Universitätsgesellschaft 2003, 28-30.
  • Hans Ries, Exposé zur Situation und Programmarbeit sowie zum künftigen Ausbau der Sammlung historischer Kinder- und Jugendbücher in der Internationalen Jugendbibliothek München, München 1991.

Weiterführende Recherche

Externe Links


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Empfohlene Zitierweise

Veronika Diem, Internationale Jugendbibliothek, publiziert am 28.09.2020; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Internationale_Jugendbibliothek_München> (24.10.2020)





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