Erdstall

von Martin Straßburger

Erdställe, auch Schratzllöcher genannt, sind unterirdische Systeme aus Gängen und Kammern, die im Hoch- und Spätmittelalter im Kontext ländlicher Siedlungen zu Flucht- und Versteckzwecken der Bewohner genutzt wurden. Das Phänomen ist aus mehreren Regionen Europas bekannt, doch reicht das Hauptverbreitungsgebiet vom Bayerischen Wald über Ober- und Niederösterreich bis in die Slowakei. Mit bergmännischen Methoden angelegt, treten die Anlagen meist unter alten Bauernhöfen auf, manchmal auch unter Kirchen und Friedhöfen. Das regional unterschiedliche Nutzungsende im 14./15. Jahrhundert ist nicht abschließend geklärt, könnte aber u.a. mit den Landfriedensbemühungen und damit verbunden dem Rückgang des Fehdewesen im Spätmittelalter einhergehen.

Erdställe: Definition und Verbreitung

Abb. 1: Verbreitungskarte der Erdställe. (Arbeitskreis für Erdstallforschung)
Abb. 2: Verbreitungskarte der Erdställe in Bayern. (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege)

Erdställe sind unterirdische Anlagen aus Gängen und Kammern unterschiedlicher Größe und Form, die in den Erdboden gegraben oder aus dem anstehenden Fels gemeißelt worden sind. Der bereits im Spätmittelalter bekannte und seit dem 19. Jahrhundert in Niederösterreich gebräuchliche Begriff setzte sich in der Literatur weitgehend durch. Vor allem in Bayern ist die Bezeichnung "Schratzlloch" (Schratzl= Zwerg) verbreitet. Daneben kommen oft Bezeichnungen wie "Zwerg-" oder "Quergloch", in Oberösterreich "Grufen" vor.

In Bayern sind die meisten Erdställe im Bayerischen Wald entdeckt worden, insbesondere im Landkreis Cham. In siedlungsungünstigen höheren Lagen des Bayerischen Waldes fehlen sie jedoch völlig (Schwarzfischer 1982; Weichenberger 2017b, 45). Die Verbreitung zieht sich dort nach Südosten in die Landkreise Straubing-Bogen, Regen, Deggendorf, Freyung-Grafenau und Passau. Südlich der Donau ist eine zunehmende Ausdünnung zu beobachten.

Zahlreiche Anlagen sind auch im südlichen Oberpfälzer Wald (östlicher Lkr. Schwandorf) bekannt, wobei die Verbreitung in der Oberpfalz kaum westlich über die Naab hinausreicht. Weiter im Westen bildet der Fränkische Jura mit natürlichen Höhlen eine Grenze. Vereinzelte Beispiele sind in Mainfranken und Oberfranken dokumentiert worden.

In Schwaben sind westlich des Lechs bisher kaum Beispiele bekannt. Vermehrte Entdeckungen sind in den letzten Jahren im oberbayerischen Raum zu verzeichnen.

Die massive Verbreitung im Bayerischen Wald setzt sich in Österreich nördlich der Donau fort. Erdställe kommen in Nieder- und Oberösterreich sowie vereinzelt in der Steiermark und im Burgenland vor. Ähnliche Anlagen sind auch in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Polen, Tschechien (Südmähren), der Slowakei, Ungarn und Frankreich bekannt (Weichenberger 1988).

Forschungsgeschichte und aktuelle Initiativen

Als Pionier der Erdstallforschung gilt der Benediktinerpater aus dem Stift Göttweig und spätere Pfarrer in Gösing (Niederösterreich) Lambert Karner (1841-1909). Er untersuchte von 1879 bis 1903 zahlreiche Erdställe und publizierte seine Forschungsergebnisse in dem Buch "Künstliche Höhlen aus alter Zeit" (Karner 1903). Darin beschreibt er detailliert sämtliche damals bekannten Erdställe und bildet auch von ihm erstellte Pläne ab.

Auch Heimatforscher zeigten Interesse an den unterirdischen Anlagen, wobei sich ihre Beschreibungen meist auf bestimmte Regionen beschränkten. Franz Xaver Kießling (1859-1940) beschäftigte sich beispielsweise speziell mit den Erdställen des Waldviertels (Nordwestliches Niederösterreich).

In Bayern setzte sich Karl Schwarzfischer (1915-2001) ab 1950/60 ausgiebig mit Erdställen auseinander und gründete 1973 den Arbeitskreis für Erdstallforschung (Weichenberger 2017a, 26). Er gilt als der Wegbereiter der heute noch aktiven Erdstallforschung im deutschsprachigen Raum. Der Arbeitskreis für Erdstallforschung mit Sitz in Roding (Lkr. Cham) koordiniert die Erdstallforschungen mit Ausgrabungen, Vermessungen und internationalen Treffen und publiziert seit 1975 in seinen Jahresheften "Der Erdstall" aktuelle Forschungsergebnisse.

Erst in den letzten Jahrzehnten sind Erdställe verstärkt in den Fokus der zuständigen Denkmalfachbehörden gerückt. Die archäologische Bedeutung der Anlagen wurde erkannt und es werden vermehrt Maßnahmen zu deren Erhalt getroffen.

Der Arbeitskreis für Erdstallforschung e.V. mit Sitz in Neukirchen-Balbini (Lkr. Schwandorf) hat dort im "Schießl-Hof" ein europäisches Erdstallforschungszentrum mit archäologischer Dokumentation eingerichtet und betreut dieses.

Bau von Erdställen und Typen

Die Anlage der Erdställe erfolgte mit bergmännischen Methoden (Straßburger 2016) in Molassesanden (Kissing, Lkr. Aichach-Friedberg; Abb. 3), in mit Lehm und Sand vermischten Schottern (Aying, Lkr. München), in Löss, in festem Fels bzw. der tiefgründigen tertiären Verwitterungsdecke (Saprolith) des kristallinen Untergrunds im Bayerischen Wald. Wichtig waren unter anderem die Standfestigkeit des Gebirges und die hydrologischen Verhältnisse. Dies dürfte erklären, warum sich beispielsweise in der nördlichen Hälfte der Schotterebene kaum Erdställe finden. Denn hier liegt der Grundwasserspiegel zu hoch. Dagegen befindet sich beispielsweise Aying am südlichen Rand der Schotterebene in einer anderen hydrologischen Lage, da die Schotterschicht hier wesentlich mächtiger ist.

Das Aussehen der ursprünglichen Zugänge der Erdställe ist nur in Ausnahmefällen bekannt, da sie in der Regel verbrochen sind oder durch spätere Bautätigkeiten zerstört wurden. Teilweise werden die Anlagen über waagerechte oder leicht abfallende Schlupfgänge oder über senkrechte Schächte mit Durchmessern von 40 bis 80 cm betreten.

Abb. 3: Plan und Schnitte des Erdstalls im Petersberg in Kissing. Abb. aus: Illing, Johann: Beschreibung und Aufnahme der unterirdischen Gänge in Kissing, Königlichen Landgerichts Friedberg, Mit 1 lithogr. Taf., München 1854, 13. (Bayerische Staatsbibliothek, Bavar. 4085,43)

Die Gänge der Erdställe sind bis zu 60 cm breit und 1,0 bis 1,7 m hoch. Im Profil haben sie vielfach eine runde Firste ("Decke") (Löffelmann 1997, 7; Abb. 4). Daneben finden sich aber auch spitzbogige Gänge wie z.B. in Mitterschneidhart (Gde. Langqaid, Lkr. Kelheim; Abb. 5) oder in der Flur Bichl bei Aßling (Lkr. Ebersberg). Die Gangprofile ähneln denen von Stollen in zeitgleichen hoch- und spätmittelalterlichen Bergwerken. In den Wänden haben sich vor allem im festeren Fels Werkzeugspuren von der Auffahrung erhalten, die Auskunft über den Bau der Erdställe geben. Die Gänge verlaufen nie in einer einzigen Richtung und auf einer Ebene. Sie sind häufig winkelig angeordnet, und teilweise wurden auch Rundgänge angelegt, die zum Ausgangspunkt zurückführen. In ihrem Verlauf können sie Stufen wie in Rabmühle bei Stamsried (Lkr. Cham; Abb. 6), Mitterschneidhart (Abb. 7) oder auch Grasfilzing (Gde. Arnschwang, Lkr. Cham) sowie Schlupfstellen aufweisen.

Schlupflöcher bzw. -röhren haben Durchmesser von weniger als 40 cm. Es gibt runde und eckige Formen (Abb. 8, 9, 10). Vertikale Schlupflöcher verbinden meist Gangabschnitte, die auf verschiedenen Ebenen zusammenstoßen.

In zahlreichen Erdställen konnten in den Stößen ("Wänden") Lichtnischen in unterschiedlicher Anordnung festgestellt werden, die teilweise Rußspuren zeigen (Abb. 11). Bei Abzweigungen oder vor Schlupfen wurden in manchen Erdställen größere Wandnischen mit stufenartigen Sitzbänken angelegt. Sie sind nicht immer groß genug, um einer Person Platz zu bieten (Abb. 12 u. 13).

In bestimmten Gegenden wurde ein Hilfsschacht für den Abtransport des gelösten Materials abgeteuft. Solche Hilfsschächte haben einen runden oder rechteckigen Querschnitt und mitunter Trittlöcher in den Wänden. Nach dem Bau wurde der Schacht zum Gang hin mit einer Trockenmauer verschlossen und verfüllt (Abb. 14).

Ein weiterer Befund sind Bohrlöcher mit Durchmessern zwischen 8 und 15 cm, die sich verengen und meist enden, bevor sie nach mehreren Metern nach außen gelangen.

Wenig bekannt ist bisher über Einbauten in den Erdställen. An manchen Gangenden und Schlupfen konnten Falze, Balkenlöcher und Vertiefungen dokumentiert werden, die auf ehemals vorhandene Holzeinbauten hindeuten. In der Nische eines Vertikalschlupfes im Erdstall Doblberg (Gde. Glonn, Lkr. Ebersberg) fand sich eine Holzabdeckung (Mittermüller 2012, 61).

Die beschriebenen Einzelelemente kommen in verschiedenen Kombinationen vor. Dadurch besitzt jede Anlage einen individuellen Charakter. Zur Systematisierung der Erdställe wurde eine grobe Kategorisierung der am häufigsten vorkommenden Bauformen in vier Regionaltypen (A-D) mit unterschiedlicher regionaler Verbreitung erarbeitet (Wimmer 2000):

Typ A: längerer Hauptgang mit Seitengängen und Schlupfen

Typ B: mehrere Etagen, die mit vertikalen Schlupfen verbunden sind, meist mit Trockenmauer verschlossener Bauhilfsschacht, Sitznischen am Gangende

Typ C: zu einem Rundgang führende Gänge, dazwischen horizontale Schlupfe

Typ D: Gänge und Kammern, meist horizontale Schlupfe

Nur selten sind in den Erdställen verschiedene Bauphasen zu erkennen, d.h. sie wurden in einem Zug angelegt (Weichenberger 2017b, 46f.). Es handelt sich von Anfang an um durchdachte Planung, die von Leuten mit Erfahrung in der Anlage unterirdischer Baue zielstrebig ausgeführt wurde. Dies kann zusammen mit den Auffahrungstechniken und Gangprofilen als ein weiterer Hinweis auf die Tätigkeit von Bergleuten gewertet werden. Eine Konzentration von Erdställen im Umfeld von Bergbaurevieren, wie sie aus der Verbreitungskarte ansatzweise erschließbar ist, verwundert daher kaum. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass Bergleute mobil waren und geographisch weite Strecken zurücklegten. Aufgrund des Aufwandes für den Vortrieb sowie den Abtransport des Abraums in engen räumlichen Verhältnissen bei der Anlage eines Erdstalles, dürfte dieser für Bauherren und Nutzer hohe Bedeutung besessen haben.

Erdställe im Siedlungskontext

Die Mehrzahl der Erdställe findet man im Kontext ländlicher Siedlungen. Häufig treten sie unter alten Bauernhöfen, in Wüstungsarealen, manchmal unter Kirchen bzw. Friedhöfen, aber auch im Bereich von Burganlagen zutage.

Bereits 1916 schrieb der Historiker und Archäologe Oswald Menghin (1888-1973; Menghin 1916, 103f.): "Ich behaupte ausdrücklich eine innige Verbindung, die deutliche Zusammengehörigkeit von Hofstatt und Erdstall, aus der sich die Gleichzeitigkeit der Anlage unmittelbar ergibt … oft genug ist festgestellt, daß der Eingang der künstlichen Erdhöhle im Keller, ja im Hause selbst (sogar hinter dem Bett) liegt und der ganze Bau somit klärlich als Bestandteil der Hofanlage aufzufassen ist." Auch Karl Schwarzfischer hob die "Lokalidentität zwischen Erdstall und Hofstatt" hervor (Schwarzfischer 1982, 8). Parallelen finden sich in Tschechien und Österreich (z.B. Wiener Neustadt) sowie aus spätmittelalterlicher Zeit gelegentlich im mitteldeutschen Raum. Ausgehend von den bekannten Beispielen ist festzustellen, dass die Gänge zur mittelalterlichen Siedlungsstruktur gehören bzw. diese unterirdisch ergänzten und eine Ortskonstanz der Siedlungen voraussetzen, wie sie spätestens seit dem 11./12. Jahrhundert gegeben ist.

Dabei ist bisher ungeklärt, unter welchen Höfen Erdställe angelegt wurden. Teils wurde der größte und am höchsten gelegene Hof mit einem Erdstall ausgestattet. In anderen Fällen sind sogar mehrere solcher Anlagen bekannt. So wurden in Arnschwang nahe Furth im Wald (Lkr. Cham) 14 Anlagen dokumentiert, und im niederösterreichischen Röschitz im Weinviertel geht von fast jedem alten Hof vom (Wein-)Keller aus ein Erdstall ab (insgesamt 64 Anlagen). Da der Bau der Erdställe aufwändig war und offensichtlich durch Spezialisten geschah, ist ein gewisser Wohlstand und Selbstbewusstsein der Auftraggeber vorauszusetzen.

Einige Erdställe finden sich auch in Stadtarealen und Märkten, z.B. in Brno/Brünn (Tschechische Republik) während des 13. Jahrhunderts und in Oberviechtach (Lkr. Schwandorf; erstmals erwähnt 1130, Marktrechtsverleihung 1337). Die meisten wurden an der Wende des 14. zum 15. Jahrhundert aufgegeben. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts erfolgte eine Umgestaltung zu Kellern durch Erweiterung von Gangabschnitten und Anlage von Lagerräumen. Ein weiteres Beispiel für diese Entwicklung im ländlichen Raum ist der Erdstall unter dem "Schießl-Hof" in Neukirchen-Balbini (Lkr. Schwandorf).

Abgesehen von Hofanlagen kommen Erdställe zudem unter Kirchen und Friedhöfen vor, z.B. in Aying (Abb. 15). Hier ist hinsichtlich Planung und Anlage die baugeschichtliche Beziehung dieser Erdställe zu den Sakralbauten interessant, die auch eine Funktion als Zufluchtsort erfüllten.

Einen interessanten Aspekt bilden auch Erdställe unter Befestigungsanlagen. Es handelt sich nicht um Ausfallgänge, da in einem solchen Fall der Gang innerhalb des Berings der Hauptburg beginnen und außerhalb der Vorburg enden müsste. Die unterirdischen Anlagen stehen jeweils in direkter Verbindung mit den mittelalterlichen Wehranlagen und sind als Verstecke wesentlicher Bestandteil von diesen. Mehrere Beispiele finden sich auch in Niederösterreich. Gerade im Kontext mit Befestigungsanlagen war eine sorgfältige Planung erforderlich. Liegen die Erdställe in einem natürlichen Hang, mussten sie nicht unbedingt mit der Errichtung der Burg zusammenfallen, aber dennoch in deren Konzeption integriert werden.

Datierung der Erdställe

Die eindeutige Datierung der einzelnen Erdställe ist vielfach problematisch, da bisher nur wenige systematische facharchäologische Untersuchungen durchgeführt wurden. Häufig werden sie als fundleer klassifiziert. Zudem wurde bei in der Vergangenheit geborgenen Funden der archäologische Kontext oft nicht beachtet. Sie sind daher lediglich ein Beleg für die Anwesenheit von Menschen im Laufe der verschiedenen Jahrhunderte, haben aber ihren Informationsgehalt für eine Datierung oder gar Zweckbestimmung der Erdställe größtenteils eingebüßt.

Karl Schwarzfischer legte 1980 eine umfangreiche Auswertung der Kleinfunde in den Erdställen vor (Schwarzfischer 1980). Auch für Oberösterreich existiert von 1991 ein Verzeichnis der Funde in den Erdställen (Weichenberger 1991). Für Bayern wurden Keramikfunde aus mehreren Erdställen von Werner Endres (1937-2015) vorgelegt (Endres 1977-1982, 1984, 1988, 1995) und 2004 eine detailliertere Bearbeitung der Funde aus dem Erdstall Höcherlmühle (Gde. Teunz, Lkr. Schwandorf) von Verena Kaufmann (geb. 1971) publiziert (Kaufmann 2004). Die von Josef Weichenberger (geb. 1957) erstellte chronologische Entwicklung für die Erdställe gibt insgesamt ein schlüssiges Bild wieder (Weichenberger 2013): Danach kamen die Erdställe um 1100 auf und hatten im 12. und 13. Jahrhundert ihre "Hochblüte". Ab dem 13. Jahrhundert wurden in Bayern Erdställe wieder verfüllt, eine deutliche Häufung der Erdstall-Verfüllungen zeigt sich im 15. und 16. Jahrhundert (Weichenberger, 1991; für Bayern s. Tabelle von Kaufmann 2004, 27). Ab ca. 1500 wurden keine Anlagen mehr gebaut. Funde belegen, dass sich von ungefähr 1100 bis ca. 1945/50 immer wieder Menschen in den Erdställen aufhielten.

14C-Analysen von Probenmaterial aus Erdställen, insbesondere aus gesicherten archäologischen Kontexten, liegen bisher nur vereinzelt vor:

Erdstall Material Datierung datierende Funde
Höcherlmühle (Gde. Teunz, Lkr. Schwandorf) Holzkohle, unterste Schicht Bauhilfsschacht zwischen 991 und 1163 bzw. 954 und 1071 -
Trebersdorf (Gde. Traitsching, Lkr. Cham) - zwischen 950 und 1050 -
Doblberg (Gde. Glonn, Lkr. Ebersberg) Holzabdeckung aus einer Nische in einem Vertikalschlupf zwischen 1020 und 1160 -
Aying (Lkr. München) Holzkohle aus Laufhorizont und Ruß aus Lichtnische Mitte des 11. bis in das 13. Jahrhundert -
Niederpretz (Markt Hutthurm, Lkr. Passau) - zwischen 1051 und 1088 bzw. 1045 und 1213 -
Grasfilzing (Gde. Arnschwang, Lkr. Cham) zersetztes nicht identifizierbares organisches Material zwischen 1297 und 1388 bzw. 1289 und 1394 Keramik 12. bis 14. Jahrhundert

Zweck der Erdställe

Die im Laufe der Zeit entwickelten Thesen lassen sich generell drei verschiedenen Grundannahmen zuordnen: Die einen gehen davon aus, dass Erdställe als Zweckbauten angelegt wurden. Für einen längeren Aufenthalt waren die Anlagen allerdings nicht geeignet. Andere Theorien nehmen hingegen an, dass diese unterirdischen Bauwerke als Kultstätten oder Sakralbauten im Zusammenhang mit vorchristlichen Ritualen oder aber hochmittelalterlichen Jenseitsvorstellungen (als Leergräber oder Seelenkammern) geschaffen worden sind (Löffelmann 1997). Auch ein Zusammenhang mit dem Durchschlupfbrauchtum wird postuliert, wie es z.B. an der Kirche St. Petrus bei Marienstein (Markt Falkenstein, Lkr. Cham) im Bayerischen Wald praktiziert wird. Die ab 1719 anstelle eines Vorgängers errichtete Kirche wurde so gebaut, dass zwischen Kirchenwand und Felsen ein künstlicher Durchschlupf entstand. Die Gläubigen kamen hierhin, um ihre körperlichen Leiden abzustreifen, wenn sie sich durch den schmalen Spalt zwischen Granitfels und Kirchenmauer durchzwängten.

Ein wichtiger Hinweis zum Zweck der Erdställe ist in einer unter dem Namen "Kleiner Lucidarius" oder "Seifried Helbling" erschienenen Sammlung von 15 Gedichten aus dem Ende des 13. Jahrhunderts enthalten. Darin wird erzählt, wie ein Bauer bei einem Überfall auf den Bauernhof Frau und Kind in einem "slâfluoc" bzw. "sloufluoc" versteckt (Straßburger 2016; Keller 2018). Der Begriff ist zusammengesetzt aus dem Grundwort "luoc" und dem Bestimmungswort "slouf". Die Wortbedeutung richtet sich nach dem Grundwort, welches als "Höhle", "Loch" und im übertragenen Wortsinne als Versteck übersetzt werden kann. Das Bestimmungswort "slouf" kann als Schlüpfen, Schliefen oder Schlufen verstanden werden. Damit ergibt sich eine Bedeutung als "Schlupfloch".

Während die Zusammensetzung "sloufluoc" sich bisher nur bei "Seifried Helbling" findet, sind die Wörter in anderen Verbindungen öfter zu beobachten (Keller 2018, Anhang, 30-42). Der Zweck des "sloufluoc" war das Versteck. Im 15. Gedicht wird es mit Befestigungen, Burgen und Städten gleichgesetzt, in denen sich Ritter und Bürger vor Feinden verschanzen. Es scheint sich um einen regionalen Begriff für Erdställe des späten Mittelalters zu handeln (Keller 2018, 28f.). Der Autor des "Seifried Helbling" stammt aus Niederösterreich, so dass ihm die Anlagen bekannt gewesen sein dürften. Ab dem 15. Jahrhundert erscheint dann der Terminus "Erdstall".

Mit "Seifried Helbling" kann erstmals eine mittelalterliche Quelle identifiziert werden, die die Benutzung eines Erdstalls im 13. Jahrhundert beschreibt. Möglicherweise sollte er nur als Schutz für Frau und Kinder während eines kurzfristigen Überfalls dienen. Der Text lässt anklingen, dass der Begriff "sloufluoc" für eine derartige Anlage eventuell weiter verbreitet und die Nutzung als "Festung der Bauern" zumindest regional üblich war. Dieser Umstand spricht dafür, dass die Anlagen auch zu diesem Zweck errichtet worden sind. Sie können damit im Kontext des mittelalterlichen Fehdewesens gesehen werden, das die Zerstörung gegnerischen Besitzes, also auch der Höfe bäuerlicher Hintersassen, als wichtiges Mittel der Konfliktaustragung kannte.

Ebenfalls zu berücksichtigen sind hier auch Untergangsprophezeihungen, wie der Toledobrief von 1186, der eine weite Verbreitung fand. So wurde die coniunctio aurea (Jupiter und Saturn) im Luftzeichen Waage von den Astrologen gedeutet als Vorzeichen für schreckliche Erdbeben, Unwetter und vor allem verheerende Stürme, die sämtliche Häuser dem Erdboden gleich machen und das Ende der Menschheit bedeuten sollten. Solche Prophezeihungen wurden 1179 an Höfe und Klöster in ganz Europa verschickt.

Ausgehend von Schriftquellen und den archäologischen Befunden wurden Erdställe von den Bewohnern der Hofstellen genutzt, zu denen sie gehörten, d.h. sie waren kein Versteck für eine größere Dorfgemeinschaft.

Ursachen für die Aufgabe von Erdställen

Ab dem 13. Jahrhundert ist die sukzessive Aufgabe von Erdställen festzustellen. Es handelt sich offenbar um einen Prozess, der geografisch nicht überall gleichzeitig einsetzte. Nimmt man einen Zusammenhang zwischen dem Bau von Erdställen und dem mittelalterlichen Fehdewesen an, ist eine Ursache möglicherweise in der seit dem Hochmittelalter aufkommenden Landfriedensbewegung zu suchen. Wichtige Etappen in der Eindämmung der gewaltsamen Konfliktführung waren der Mainzer Reichslandfriede von 1235 unter Kaiser Friedrich II. (reg. 1212–1250, Kaiser seit 1220) und dessen Erneuerungen im 14. und 15. Jahrhundert bis zum Wormser Landfrieden 1495, der das "ewige" Fehdeverbot verkündete. Ab dem 13. Jahrhundert mit einem Schwerpunkt im 14. Jahrhundert wurden zudem territoriale, regionale und lokale Landfriedensbündnisse gebildet. In Bayern darf der Landshuter Erbfolgekrieg von 1504 als eine der letzten größeren Manifestationen des Fehdewesens gelten, was mit dem zeitlichen Schwerpunkt der Erdstallverfüllungen korreliert. Die regional unterschiedlich erfolgreiche Bekämpfung des Fehdewesens könnte eine Erklärung für die geografischen und zeitlichen Unterschiede bei der Aufgabe der Erdställe sein.

Abgesehen von nicht mehr bestehenden Gefahrensituationen spielten in einigen Fällen eventuell auch andere Entwicklungen eine Rolle. So ist als mögliche weitere Ursache auch die spätmittelalterliche Krise bzw. Wüstungsbildung und die damit verbundenen Veränderungen bzw. Umstrukturierungen in die Betrachtung mit einzubeziehen. Das Wüstungsphänomen markiert einerseits das Ende einer Siedlungspolitik, die auf Vermehrung der landwirtschaftlichen Produktion ausgerichtet war, bedeutet andererseits aber auch einen Aufbruch zu neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Während Wüstungen in Nordbayern in größerem Umfang nachgewiesen werden konnten, sind in Südbayern dagegen nur wenige bekannt. Daher sind hier räumliche Unterschiede zu berücksichtigen, d.h. das Wüstungsphänomen kommt nicht überall als Grund für die Aufgabe der Erdställe in Betracht.

Hinzuweisen ist ferner auf die zunehmende Bedeutung der Märkte oder auch die Schaffung größerer Wald- und Weideflächen. Die Umwandlung von Erdställen in Keller könnte mit diesen Entwicklungen in Verbindung stehen.

Literatur

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Externe Links

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Martin Straßburger, Erdstall, publiziert am 16.12.2020; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Erdstall> (25.10.2021)






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