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Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (Max Weber, 1904/05)

Aus Historisches Lexikon Bayerns

von Thomas Sokoll

Titelblatt der Schrift "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" und erste Seite des Aufsatzes, 1904/05. (Bayerische Staatsbibliothek, Cam. 8 kb)

Die Schrift "Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus", die der Soziologe Max Weber 1904/05 erstmals publizierte, ist eine historische Studie über den Einfluss der Arbeitsethik im radikalen Protestantismus (Calvinismus, Puritanismus) auf das Wirtschaftsgebaren der Unternehmerschaft in der Formationsphase des modernen Kapitalismus (17./18. Jahrhundert). Zunächst scharf kritisiert, anschließend weitgehend vergessen, wurde sie in den 1960er Jahren wiederentdeckt, seitdem aber umso intensiver diskutiert. Sie avancierte zum Schlüsseltext der Modernisierungstheorie, eröffnete die internationale Rezeption der übrigen Werke Webers und begründete dessen Weltruhm als soziologischer Klassiker. Die von Weber aufgeworfene Frage, inwieweit das Gewinnstreben auch (oder gerade) in der modernen Gesellschaft einer verantwortungsethischen Zügelung bedarf, erscheint angesichts der immer wieder aufflammenden Spekulationskrisen auf den globalen Finanzkapitalmärkten von ungebrochener Aktualität.

Persönlicher Hintergrund und Publikation

Max Weber (1864-1920) hatte nach einem glänzenden wissenschaftlichen Aufstieg (1894 Professor für Nationalökonomie in Freiburg, 1896 in Heidelberg) einen Nervenzusammenbruch erlitten (1898) und sich nach seiner Genesung von seinen Amtspflichten entbinden lassen (1903). Von Haus aus vermögend, konnte er sich als unabhängiger Gelehrter etablieren, der in der Fachwelt weiterhin hoch angesehen und u.a. als Herausgeber des "Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" (ArchSozWiss) einflussreich war. Der umfangreiche Aufsatz "Die Protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus" (im Folgenden: PE) erschien 1904/05 in zwei Teilen im ArchSozWiss. Es war die erste auf ein Sachproblem bezogene Arbeit, die Weber nach seiner Krankheit veröffentlichte (zwei zuvor verfasste Aufsätze, 1904 ebenfalls im ArchSozWiss publiziert, galten methodologischen Fragen), und es ist wohl kein Zufall, dass sich in ihrem Thema – Berufsethik des frühkapitalistischen Unternehmers – zugleich Webers eigene neue Rolle als freiberuflicher Wissenschaftler spiegelt. Teil I der PE erschien im November 1904, Teil II im Juni 1905. Dazwischen unternahm Weber eine Amerikareise (Mitte August bis Ende November 1904), und vermutlich hat er Teil II erst nach seiner Rückkehr geschrieben, auch wenn er ihn bereits zuvor konzipiert hatte.

Webers Argument

Zu Beginn der PE griff Weber eine damals in Deutschland schon länger diskutierte Frage auf: Wie kommt es, dass Kapitalbesitz und Unternehmertum ebenso wie die Facharbeiterschaft der Industriebetriebe vornehmlich protestantisch sind? Die üblichen Erklärungen hielt er für unzulänglich, da sie kaum über oberflächliche Vorurteile hinausgingen (katholische "Weltfremdheit", protestantischer "Materialismus"). Demgegenüber trug er eine streng historische Deutung vor. Die konfessionellen Unterschiede im Wirtschaftsgebaren lägen in einem durch die Reformation angestoßenen Umbruch im Selbstverständnis der ökonomischen Führungsschichten begründet. Traditionellerweise hätten diese nichts weiter als die Anhäufung von Reichtum und dessen großspurige Verausgabung im Sinn gehabt. Dagegen habe das bürgerliche Unternehmertum mit seiner in der protestantischen Arbeitsethik wurzelnden Selbstverpflichtung auf Leistung und Gewissenhaftigkeit, produktive Verwendung des Gewinns (Reinvestition) und sparsame Lebensführung ein neues Verhaltensideal entworfen – und genau diesem "Geist" verdanke sich der moderne Kapitalismus.

Für Weber ist die protestantische Arbeitsethik geistesgeschichtlich (und geistlich) eng verknüpft mit der heilsgeschichtlichen Entwurzelung des Menschen durch den Protestantismus. Anders als für die altkirchlichen Gläubigen gibt es für die Protestanten keinerlei Heilsgewissheit. Als Protestant darf ich allein auf die Gnade Gottes hoffen, kann mir ihrer aber niemals sicher sein – und irre erst recht, wenn ich meine, ich könne das Heil durch eigenes Verhalten ("gute Werke") oder Fürsprache anderer ("Heilige") verdienen oder gar erkaufen ("Ablass"). Im Glauben bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, weil mir nichts und niemand helfen kann – kein Prediger, kein Sakrament, keine Kirche. An die Stelle werkgerechtigkeitlicher Zuversicht tritt das "Gefühl einer unerhörten inneren Vereinsamung des einzelnen Individuums" (MWG I/18, 278). Wirtschaftlicher Erfolg mag zwar (so im Calvinismus) als indirektes Zeichen göttlicher Gnade gedeutet werden – Heilsgewissheit jedoch lässt sich daraus nicht gewinnen.

Webers Quellen

Um den "Geist" des Kapitalismus und seine Ursprünge aufzuspüren, geht Weber in einer historisch weit ausholenden, auf außergewöhnlich breiter Materialgrundlage fußenden Untersuchung der Frage nach, wie im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation um die religiöse Billigung und Bändigung der weltlichen Geschäfte gerungen wurde (vergleichend bezieht er auch Antike und Mittelalter mit ein). Als Quellen dienen ihm zunächst die Werke der führender Reformatoren (Martin Luther (1483-1546), Johannes Calvin (1509-1564)), einschließlich der Bibelübersetzungen, dann aber vor allem die Erbauungsschriften der radikalen Erweckungsbewegungen, die einen tieferen "Sitz im Leben" besitzen und auch die alltäglichen Geschäfte der Gläubigen betreffen (Richard Baxter (1615-1691), John Bunyan (1628-1688), Philipp Jakob Spener (1635-1705), John Wesley (1703-1791)). Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Rekonstruktion der protestantischen Arbeitsethik, deren Kern für Weber in der "innerweltlichen Askese" liegt. Für die alte Kirche habe die höchste Form des Gotteslobs in der mönchischen Askese gelegen, in der Flucht aus dieser Welt durch die wenigen Auserwählten, deren "Berufung" es war, den irdischen Gelüsten zu entsagen und sich in brüderlicher Abgeschiedenheit der Nachfolge Christi zu widmen. Demgegenüber habe für die Reformatoren der wahre Gottesdienst in der alltäglichen Bewährung in dieser Welt bestanden, in der Arbeit, in dem von Gott zugewiesenen weltlichen "Beruf", durch den jeder Christenmensch in heilige Pflicht genommen und darin aufgehoben werde. Dieses neue Verständnis komme erstmals, wenn auch noch traditionalistisch gebrochen, in Luthers Berufsbegriff zum Ausdruck (Teil I der PE). Seine eigentlichen Kronzeugen jedoch findet Weber in den radikalen Strömungen des "asketischen Protestantismus" (Puritanismus, Pietismus, Methodismus, Täufertum), die ihre Gemeindeglieder auf harten Arbeitseifer, gewissenhafte Zeitdisziplin, asketische Bescheidenheit und tapfere Selbstkontrolle eingeschworen hätten (Teil II).

Die frühe Rezeption

Die unmittelbare Reaktion auf die PE war verhalten. Zwei kritische Rezensionen kamen von Karl Fischer (1879-1975), einem unbekannten Doktoranden, und dem Historiker Felix Rachfahl (1867-1925), einem etablierten Fachmann für niederländische und preußische Geschichte, die beide Webers sachlichen Darlegungen kaum gerecht wurden und seinen theoretischen Ansatz gründlich missverstanden. Weber wiederum zeigte sich pikiert und ließ sich zu einem polemischen Wechselspiel von Kritik, Antikritik und Replik hinreißen, das sich über Jahre hinzog (1906-1910) und letztlich im Sande verlief, ihn aber immerhin dazu brachte, seine Position zu schärfen (Abgrenzung des modernen Kapitalismus vom "Abenteurerkapitalismus" vergangener Epochen). Unterdessen blieben angesehene Nationalökonomen wie etwa der Breslauer Professor Werner Sombart (1863-1941) oder der Münchner Lehrstuhlinhaber Lujo Brentano (1844-1931) vorerst stumm. Das ist erstaunlich, denn Weber hatte die PE ausdrücklich als Beitrag zur Diskussion über eine historisch-ökonomische Theorie des Kapitalismus (in kritischer Weiterführung der von Karl Marx (1818-1883) hinterlassenen Bruchstücke) verstanden, die in "kathedersozialistischen" Kreisen seit langem geführt und eben erst von Sombart durch seine große Studie "Der moderne Kapitalismus" (1902) erneut befeuert worden war. Als sich Sombart und Brentano 1913 und 1916 schließlich doch noch zu Wort meldeten, zollten sie der PE zwar brav Respekt, gingen aber kaum darauf ein, sondern trugen allerlei Erklärungen für die vielfältigen Ursprünge des Kapitalismus seit dem 12. Jahrhundert vor, die vom Luxusbedarf des Adels bis zu den Kreuzzügen reichten (Sombart, Bourgeois; Brentano, Anfänge). Weber antwortete darauf zunächst nicht, denn er war zu diesem Zeitpunkt längst mit anderen Themen und Projekten beschäftigt ("Grundriss der Sozialökonomik", "Wirtschaftsethik der Weltreligionen"). Jedenfalls redeten Sombart und Brentano in der Sache glatt an Weber vorbei, hatte dieser doch in der PE auf die "inneren" ("psychologischen") Triebkräfte abgezielt, die zum Durchbruch des modernen, auf Fabrikindustrie und Marktsystem (freier Arbeitsmarkt) fußenden Kapitalismus geführt hätten (und dies im Schlagabtausch mit Fischer und Rachfahl zusätzlich bekräftigt).

Weber in München; zweite Fassung der PE

Ursprünglich entstanden ist die PE in Heidelberg, und Webers Nimbus als herausragender Universalgelehrter ist vor allem mit der dortigen Universität verbunden (und seine Liebe zu dieser Stadt nicht zuletzt mit der Villa Fallenstein am rechten Neckarufer). Die zweite Fassung der PE stammt aus seiner Münchener Zeit. Im Frühjahr 1919 hatte er dort den Lehrstuhl für Nationalökonomie übernommen – wohl auch des Renommees wegen (Nachfolge Lujo Brentanos), vor allem aber, um seiner Geliebten Else von Jaffé (1874-1973) näher zu sein. Im Herbst 1919 begann Weber mit der Überarbeitung des Textes, nachdem er sich mit seinem Verleger Paul Siebeck (Tübingen) darauf verständig hatte, die PE mit seinen übrigen Arbeiten zur "Wirtschaftsethik der Weltreligionen", die er von 1915 bis 1919 wiederum im ArchSozWiss publiziert hatte, das ebenfalls bei Siebeck erschien, in vier Bänden unter dem Titel "Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie" (GARS) erneut vorzulegen. Tatsächlich wurden es dann nur drei Bände. Band I, mit der PE, dem ergänzenden Essay über die "protestantischen Sekten", dem Aufsatz zum Konfuzianismus und Taoismus und der "Zwischenbetrachtung: Theorien der Stufen und Richtungen religiöser Weltablehnung", wurde von Weber noch selbst zum Druck vorbereitet. Von wenigen Streichungen abgesehen, erfuhr der ursprüngliche Text der PE (1904/05) erhebliche Erweiterungen, zum einen durch Texteinschübe, in denen Weber nochmals klarstellte, dass es ihm allein um den "modernen Kapitalismus" im Unterschied zum bloßen "Abenteurerkapitalismus" ging, den es zu allen Zeiten gegeben habe; zum anderen durch umfangreiche Fußnoten, in denen er sich dann doch mit Sombart, Brentano u. a. auseinandersetzte. Vor den Text der PE setzte er eine im September 1919 verfasste "Vorbemerkung", als Auftakt des gesamten GARS-Unternehmens. Tatsächlich aber streifte er darin das Rahmenthema einer vergleichenden Wirtschaftsethik der Weltreligionen nur ganz kurz und entwarf stattdessen eine brillante Skizze der rationalen Grundlagen des modernen Kapitalismus, aber auch der westlichen Moderne insgesamt (Rationalität in allen Bereichen der Kultur, von der Wissenschaft über das Recht bis hin zur Musik), kehrte also bewusst zur ursprünglichen Ausgangsfrage der PE zurück, auch wenn er sie jetzt aus einer erweiterten Perspektive aufwarf. Mit den letzten Fahnenkorrekturen für den Band wurde er Ende Mai 1920 fertig. Dann zog er sich eine starke Lungenentzündung zu, der er am 14. Juni 1920 in seiner Münchner Mietwohnung in der Schwabinger Seestraße erlag.

Der amerikanische Umweg zum soziologischen Klassiker

Marianne (1870–1954) und Max Weber bei einem Urlaub in Italien, Foto um 1900. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Die anderen "Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie" (zum Konfuzianismus, Taoismus, Hinduismus, Buddhismus und Judentum) erschienen erst nach Webers Tod, herausgegeben von seiner Witwe Marianne Weber (Bände II und III, 1921). Sie nahm sich auch der übrigen Teile seines Nachlasses an und schuf daraus so etwas wie ein vielbändiges "Gesamtwerk" Webers, das bereits 1924 vorlag und dem sie 1926 ein eindringliches "Lebensbild" ihres Gatten folgen ließ. Auf dieser Grundlage hätte es eigentlich zu einer intensiven Rezeption der Werke Webers – und insbesondere auch der PE – kommen müssen. Doch nichts dergleichen geschah. Das von Weber hinterlassene Material erwies sich als zu sperrig. Vielleicht wäre auch die PE bald ganz in Vergessenheit geraten – hätte nicht Talcott Parsons (1902-1979) 1930 eine kongeniale englische Übersetzung der PE vorgelegt, die zunächst zwar nur unter Insidern kursierte, aber nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der Modernisierungstheorie gleichsam zum "heiligen Text" (Lawrence Scaff, Max Weber in Amerika) der amerikanischen Soziologie wurde, die wiederum durch Parsons entscheidend geprägt wurde. Aus dieser Schlüsselstellung heraus wirkte die PE als kräftiger Hebel für die angloamerikanische Rezeption auch der übrigen Werke Webers, die nach und nach übersetzt wurden. Erst auf diesem Umweg ist Weber – und damit auch die PE – ab den späten 1960er Jahren nach Deutschland zurückgekehrt, und seitdem gilt er auch in seinem Heimatland als soziologischer Klassiker.

Der maßgebliche Text der PE findet sich in der historisch-kritischen Max Weber Gesamtausgabe (MWG, 47 Bände, 1984-2020), die im Auftrag der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erstellt worden ist. Die MWG ist dadurch mit der Stadt verbunden, in der Max Weber gestorben ist. Der Max-Weber-Platz in München, ursprünglich nach dem gleichnamigen Stadtmagistratsrat benannt, ist seit 2018 zusätzlich dem großen Gelehrten gewidmet.

Die PE und die Geschichtswissenschaft

Auch wenn die PE in der Soziologie seit langem als kanonischer Text gilt, hat Weber selbst sie als "rein historische Darstellung" verstanden (MWS I/18, 154). Doch die Historiker haben sich lange Zeit schwer damit getan. Zu den notorischen Gegenargumenten gehören, dass es schon vor der Reformation kapitalistische Unternehmungen wie die großen oberitalienischen und oberdeutschen Handelshäuser des 14. und 15. Jahrhunderts gab; dass weder Luther noch Calvin kapitalistischen Profitinteressen im Sinn hatten; dass auch in katholischen Ländern und Regionen erfolgreiche Industriezweige entstanden. Solche Einwände werden der PE jedoch kaum gerecht, da sie Webers Zielvorgabe, die "inneren" Antriebe für die historisch neuartige Erscheinung des "modernen" Kapitalismus nachzuzeichnen, unterlaufen. Dagegen mag man aus sozialhistorischer Sicht bemängeln, dass Weber die Frage der sozialen Trägerschicht der protestantischen Ethik offengelassen hat. Seine apodiktische Vermutung, dass dafür nur die "ökonomisch aufsteigenden 'bürgerlichen' Mittelklassen" in Frage kommen (MWS I/18, 13), harrt weiterhin einer historischen Bestätigung (oder Widerlegung) auf breiter empirischer Basis. Allerdings hat Weber die PE gar nicht als sozialgeschichtliche, sondern als dezidiert ideengeschichtliche Studie verstanden. Und in dieser Hinsicht hat ihn die neuere Forschung weitgehend bestätigt. Tatsächlich hat nämlich erst die Reformation, durch die "Heiligung" der Arbeit und die schroffe Ablehnung des "Müßiggangs" in jeder Form (Adel, Mönchtum, Bettel), den ideologischen Hebel bereitgestellt, mit dem die hochnäsige Abscheu der alteuropäischen Führungsschichten gegenüber der Erwerbsarbeit gebrochen und die allgemeine Pflicht zur Arbeit (ohne jede standesspezifische Einschränkung) der modernen Gesellschaft ins soziale Gewissen eingeschrieben werden konnte.

Ökologischer Ausblick

Auf den letzten Seiten der PE hat Weber die zuvor beschriebene Entwicklung noch einmal von ihrem Ergebnis her rekapituliert und daraus eine Deutung abgeleitet, in der er die Aporie der Moderne pessimistisch verklärt. Die heroische Aufbruchsphase des modernen Kapitalismus ist längst vergangen. Die religiösen Motive der Arbeitsethik haben sich abgeschliffen. Auf die läppische Formel "Zeit ist Geld" reduziert, ist sie zum allgemeinen Verhaltensstandard geworden. Von dort aus sieht Weber nur noch einen gespenstischen Abgrund vor sich: "Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, – wir müssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie […], jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden […], mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. Nur wie ein 'dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könnte', sollte nach Baxters Ansicht die Sorge um die äußeren Güter um die Schultern seiner Heiligen liegen. Aber aus dem Mantel ließ das Verhängnis ein stahlhartes Gehäuse werden. Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken begann, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über die Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte" (MWS I/18, 153). Nach mehr als hundert Jahren, so wird man sagen dürfen, ist diese Diagnose wieder hoch aktuell.

Literatur

  • Ralf Dahrendorf, Nach der Krise. Zurück zur protestantischen Ethik?, in: Merkur 63 (2009), 373-381.
  • Shmuel N. Eisenstadt (Hg.), The Protestant Etic and Modernization. A Comparative View, New York 1968.
  • Peter Ghosh, Max Weber and the Protestant Ethic. Twin Histories, Oxford 2014.
  • Peter Hersche, Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeialter, 2 Bde., Freiburg 2006.
  • Hartmut Lehmann / Günther Roth (Hg.), Weber’s Protestant Ethic. Origins, Evidence, Context, Cambridge 1993.
  • Wolfgang J. Mommsen, Max Weber. Gesellschaft, Politik und Geschichte, Frankfurt a. M. 1974.
  • Hans-Peter Müller (Hg.), Max Weber Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 2014.
  • Joachim Radkau, Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2013.
  • Lawrence Scaff, Max Weber in Amerika, Berlin 2013.
  • Constans Seyfarth / Walter Sprondel (Hg.), Seminar: Religion und gesellschaftliche Entwicklung. Studien zur Protestantismus-Kapitalismus-These Max Webers, Frankfurt a.M. 1973.
  • Thomas Sokoll, Zwerge am Fuße des Riesen: Max Webers ‚Protestantische Ethik’ und die historische Forschung, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 107 (2020), 441-404.
  • William Swatos Jr. / Lutz Kaelber (Hg.), The Protestant Ethic Turns 100. Essays on the Centenary of the Weber Thesis, Boulder (Colorado)/London 2005.

Quellen

  • Lujo Brentano, Die Anfänge des modernen Kapitalismus, München 1916.
  • Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus, 2 Bde., Leipzig 1902. (Band 1) (Band 2)
  • Werner Sombart, Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte der modernen Wirtschaftsformen, Leipzig / München 1913.
  • Marianne Weber, Max Weber. Ein Lebensbild, Tübingen 1926.
  • Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 20 (1904), 1-54; 21 (1905), 1-110 [1. Fassung].
  • Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1920, 17-206 [2. Fassung].
  • Max Weber, Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1920, 207-236.
  • Max Weber, Vorbemerkung, in: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1920, 1-16.
  • Max Weber, The Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism, übers. v. Talcott Parsons, New York / London 1930.
  • Max Weber, Asketischer Protestantismus und Kapitalismus. Schriften und Reden 1904-1911 (Max Weber Gesamtausgabe I/9), hg. v. Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Ursula Bube, Tübingen 2014 [historisch-kritische Ausgabe der 1. Fassung]. [Abgekürzt: MWG I/9]
  • Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus / Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus. Schriften 1904-1920 (Max Weber Gesamtausgabe I/18), hg. v. Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Ursula Bube, Tübingen 2016 [historisch-kritische Ausgabe der 2. Fassung]. [Abgekürzt: MWG I/18]
  • Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus / Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus. Schriften 1904-1920 (Max Weber Studienausgabe I/18), hg. v. Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Ursula Bube-Wirag, Tübingen 2021 [handliche Textausgabe auf Basis der MWG, Text der 2. Fassung, 1. Fassung als negativer Apparat]. [Abgekürzt: MWS]

(Hinweis: Bei der Bayerischen Akademie erscheint eine frei verfügbare digitale Edition der Max Weber Gesamtausgabe (https://mwg-digital.badw.de/de/).)

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Empfohlene Zitierweise

Thomas Sokoll, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (Max Weber, 1904/05), publiziert am 31.08.2026; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus_(Max_Weber,_1904/05)> (1.09.2026)