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Historisches Kolleg

Das von 1887 bis 1889 erbaute ehemalige Wohnhaus des Malers Friedrich August von Kaulbach (1850-1920), die sog. Kaulbach-Villa in München, ist seit 1988 Sitz des Historischen Kollegs. (Foto: Historisches Kolleg)
Das ehemalige Atelier in der Kaulbach-Villa beherbergt heute nach zahlreichen Umbauten die Bibliothek des Historischen Kollegs und dient als Veranstaltungsraum. (Foto: Historisches Kolleg)

von Elisabeth Müller-Luckner

Das Historische Kolleg in München ist eine wissenschaftliche Einrichtung zur Förderung hervorragend qualifizierter Gelehrter aus dem gesamten Bereich der historisch orientierten Wissenschaften. Berufungen in das Kolleg eröffnen Wissenschaftlern die Chance, frei von universitären Verpflichtungen und in ungestörter Arbeitsatmosphäre sich ganz dem Abschluss eines großen Werkes (opus magnum) widmen zu können. Im Vordergrund steht nicht die Förderung bestimmter Forschungsthemen, sondern die Förderung von Forscherpersönlichkeiten.

Geschichte

Das Historische Kolleg, 1980 in München gegründet, hat sich von Beginn an als Ort der Spitzenforschung verstanden und sich Einrichtungen wie das ungleich größere Institute for Advanced Study in Princeton (US-Bundesstaat New Jersey) zum Vorbild genommen.

Der großen Bildungsoffensive und starken sozialen Breitenförderung in den 1970er Jahren ein Zentrum der bewussten Eliteförderung entgegenzusetzen, war das Ziel Verantwortlicher in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Nachdem Pläne zu einem "Deutschen Kollegs" zur Förderung von Geistes- und Naturwissenschaftlern gescheitert waren, bot das Historische Kolleg gewissermaßen als "kleine Lösung" Gelehrten aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft die im akademischen Alltag selten gewordenen Forschungsfreiräume.

Maßgeblich an der Gründung des Historischen Kollegs beteiligt waren der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft unter seinem damaligen Generalsekretär Thorwald Riesler (1965-1979), die Deutsche Bank mit ihrem Vorstandssprecher Alfred Herrhausen (1930-1989, Vorstandssprecher 1985-1989) sowie die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der von 1964 bis 1984 der Kölner Neuhistoriker Theodor Schieder (1908-1984) vorstand. Von Seiten der Historiker hatten des Weiteren vor allem Rudolf Vierhaus (Göttingen, 1922-2011) und Gerhard A. Ritter (München, 1929-2015) in Memoranden und Stellungnahmen das Förderkonzept der hochqualifizierten Einzelförderung konzeptionell ausgestaltet und nachhaltig gegenüber dem Skeptizismus etablierter Förderinstitutionen vertreten.

Standortwahl München

München als Sitz dieser neuen Forschungseinrichtung bot sich nicht zuletzt mit Hinweis auf die besonders günstige Bibliotheks- und große Archivlandschaft und die zahlreichen historischen Einrichtungen wie die Monumenta Germaniae Historica (MGH) oder das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) an, sondern auch deshalb, weil mit der Historischen Kommission organisatorisch und verwaltungstechnisch eine Ankerinstitution bereitstand. Die Ludwig-Maximilians-Universität unter ihrem damaligen Präsidenten Nikolaus von Lobkowicz (tschechisch Mikuláš Lobkowicz, geb. 1931) wie auch das Kulturreferat der Stadt München förderten die Gründungsabsichten nach Kräften.

Am 20. Oktober 1980 wurde das Historische Kolleg in Räumen, die die Stadt München in der Sonnenstraße, in unmittelbarer Nähe des Stachus', zur Verfügung gestellt hatte, eröffnet.

Als erster Kuratoriumsvorsitzender fungierte Theodor Schieder (bis 1984). Ihm folgten Horst Fuhrmann (1984-1997), Lothar Gall (1997-2011) und seit November 2011 Andreas Wirsching (geb. 1959).

Umzug in die Villa Kaulbach

Eine angemessenere Unterbringung zeichnete sich Mitte der 1980er Jahre ab, als nach dem Auszug des amerikanischen Senders American Forces Network (AFN) die Villa des Malerfürsten Friedrich August von Kaulbach (1850-1920) in der Münchner Kaulbachstraße in unmittelbarer Nähe der Bayerischen Staatsbibliothek und des Englischen Gartens frei wurde. Dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Ministerpräsident 1978-1988) war es zu danken, dass dem Historischen Kolleg unter zahlreichen Mitbewerbern das Anwesen zugeschlagen wurde. Mit staatlichen und privaten Mitteln aufwendig renoviert, dient es der Institution seit November 1988 als Heimstatt.

Finanzierung der Arbeit des Historischen Kollegs

Als der Stiftungsfonds Deutsche Bank im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft nach 20-jähriger ausschließlich privater Förderung mit dem Haushaltsjahr 1999/2000 seine alleinige Finanzierung einstellte, übernahm der Freistaat Bayern im Finanzierungsmodell des Kollegs neue Verantwortung: Während die Finanzierung der einzelnen Stipendien Sache privater Geldgeber blieb, stellte der Freistaat weiterhin die Kaulbach-Villa zur Verfügung und übernahm die Kosten für die gesamte Infrastruktur des Kollegs. In dieser sog. Public-Private-Partnership engagierten sich weiterhin der Stiftungsfonds Deutsche Bank, der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, aber auch die Fritz Thyssen Stiftung sowie die Gerda Henkel Stiftung.

Publikationen, Wirkung, Rezeption

Das Historische Kolleg hat sich in den nunmehr annähernd 35 Jahren seines Bestehens hohes nationales und internationales Ansehen erworben. Die Fellows sind von Lehrverpflichtungen freigestellt, haben in München Residenzpflicht und stellen ihre jeweiligen Projekte in einem Kolloquium sowie in einem öffentlichen Vortrag vor. Dieses Prozedere ist immer wieder, neuerdings von entsprechenden Einrichtungen der universitären Exzellenz-Zentren, zum Vorbild genommen worden.

Die Expertenkolloquien des Historischen Kollegs zeichnen sich grundsätzlich durch internationalen Zuschnitt und Multilingualität aus. Besonders enge Kooperationen einzelner Fellows bestanden und bestehen mit englisch-amerikanischen, französischen, italienischen und russischen Kollegen. Die Tagungsbände werden dank ihrer breit und transnational diskutierten Forschungsthemen in in- und ausländischen Fachzeitschriften sowie in Internetplattformen regelmäßig und ausführlich rezensiert.

Wiederholt und vor allem anlässlich von Preisverleihungen griff das Historische Kolleg aktuelle Themen des öffentlichen Diskurses auf und widmete diesen große und viel beachtete Diskussionsforen: 1992, nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten, veranlasste Rudolf Vierhaus eine Tagung "Über die Offenheit der Geschichte" (Dokumentation Nr. 12, 1996); 2008, angesichts weltweiter religiös motivierter Radikalisierungstendenzen, initiierte und verantwortete Klaus Schreiner (1931-2015) das Kolloquium "Heilige Kriege. Religiöse Begründungen militärischer Gewaltanwendung: Judentum, Christentum und Islam im Vergleich" (Kolloquien Bd. 78, 2008), dem sich 2009 die von Lothar Gall und Dietmar Willoweit (geb. 1936) veranstaltete Nachfolgetagung "Judaism, Christianity, and Islam in the Course of History: Exchange and Conflicts" (Kolloquien Bd. 82, 2011) anschloss.

Insgesamt erschienen seit Bestehen des Historischen Kollegs mehr als 90 Kolloquiumsbände (Stand 2014).

Die öffentlichen Vorträge der Stipendiaten wurden in den Jahren 1982 bis 1995 in der Schriftenreihe "Vorträge" publiziert, von 1995 bis 2007 im "Jahrbuch des Historischen Kollegs". Seit 2007 wählen die Fellows gemäß ihren Interessen zur Publikation wissenschaftliche Fachzeitschriften oder veröffentlichen online.

Die Publikation der geförderten Werke der jeweiligen Stipendiaten erfolgt unabhängig vom Historischen Kolleg in Verlagen des In- und Auslandes. Unter diesen opera magna finden sich zahlreiche Maßstab setzende Werke der heutigen Geschichtswissenschaft.

Fellowships

Mit dem Bezug der Kaulbach-Villa 1988 wurde das ursprüngliche Förderkonzept der Forschungsstipendien, mit dem in der Regel drei "ausgewiesene und wegen ihrer herausragenden Leistung in Forschung und Lehre angesehene Gelehrte aus dem Bereich der historisch arbeitenden Wissenschaft" gefördert werden (so die Kriterienfestlegung im Ausschreibungstext), erweitert um die Einrichtung von sog. Junior-Fellowships, einem Stipendienangebot für jüngere Wissenschaftler, die sich zumeist kurz vor oder nach ihrer Habilitation befinden.

Seit 2009 bietet das Honorary Fellowship Gelehrten, die aus dem Hochschuldienst bereits ausgeschieden sind, oder auch aktiven Professoren, die ihr Sabbatical in München verbringen möchten, die Möglichkeit, für kürzere Zeit (max. 6 Monate) im Historischen Kolleg zu arbeiten.

Preis des Historischen Kollegs

Der Stiftungsfonds Deutsche Bank zur Förderung der Wissenschaft in Forschung und Lehre im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat im Jahr 1982 einen Deutschen Historikerpreis ausgesetzt, der seither als "Preis des Historischen Kollegs" alle drei Jahre vergeben wird.

Die Statuten des Preises legen fest, dass mit der Zuerkennung das wissenschaftliche Gesamtschaffen eines Historikers im Sinne der Zielsetzungen des Historischen Kollegs ausgezeichnet werden soll. Grundlage im Besonderen soll ein herausragendes Werk bilden, das wissenschaftliches Neuland erschließt, über die Fachgrenzen hinaus wirkt und in seiner sprachlichen Gestaltung vorbildhaft ist. Der Preis ist derzeit mit 30.000 Euro dotiert (Stand: 2014).

Preisträger Lebensdaten Jahr
Alfred Heuß 1909-1995 1983
Arno Borst 1925-2007 1986
Reinhart Koselleck 1923-2006 1989
Thomas Nipperdey 1927-1992 1992
Johannes Fried geb. 1942 1995
Jan Assmann geb. 1938 1998
Wolfgang Reinhard geb. 1937 2001
Michael Mitterauer geb. 1937 2004
Gerhard A. Ritter 1929-2015 2007
Christopher Clark geb. 1960 2010
Barbara Stollberg-Rilinger geb. 1955 2013

Freundeskreis des Historischen Kollegs

Der Freundeskreis des Historischen Kollegs besteht seit 1999 und umfasst derzeit rund 170 Mitglieder.

Gemäß Satzung besteht der Vereinszweck in der ideellen und finanziellen Förderung des Historischen Kollegs. Der Freundeskreis erfüllt diese Aufgabe durch die Bereitstellung von Mitteln in zweckgebundener Form für die Vergabe des "Preises des Historischen Kollegs". Darüber hinaus unterstützt er die Aktivitäten des Kollegs in verschiedenster Form.

Literatur

  • Horst Fuhrmann (Hg.), Die Kaulbach-Villa als Haus des Historischen Kollegs. Reden und wissenschaftliche Beiträge zur Eröffnung, München 1989.
  • Lothar Gall (Hg.), 25 Jahre Historisches Kolleg. Rückblick - Bilanz - Perspektiven (Schriften des Historischen Kollegs), München 2006.

Weiterführende Recherche

Externe Links


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Empfohlene Zitierweise

Elisabeth Müller-Luckner, Historisches Kolleg, publiziert am 12.05.2014; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Historisches_Kolleg> (15.11.2018)