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Speyerer Zeitung/Neue Speyerer Zeitung

Georg Friedrich Kolb, Herausgeber der Neuen Speyrer Zeitung 1830-1853. (Historisches Museum der Pfalz)
Ausgabe der Neueren Speyrer Zeitung von 1819 (Bayerische Staatsbiliothek, 4 Eph.pol. 75-1819)

von Hannes Ziegler

Der Speyrer Buchdrucker Jakob Christian Kolb (1766-1827) veröffentlichte ab 1814 die "Speyerer Zeitung". Nachdem die Pfalz 1816 bayerisch geworden war, erschien die Zeitung in erweiterter Form als amtliches Organ der Kreisregierung und führte seitdem den Titel "Neue Speyerer Zeitung". Nach dem Sturz von Montgelas 1817 und den darauf folgenden personellen Veränderungen in der pfälzischen Verwaltung verlor die "Neue Speyerer Zeitung" ihren amtlichen Charakter und war fortan ein von der Zensur misstrauisch beäugtes liberales Blatt. Unter der Herausgeberschaft von Georg Friedrich Kolb (1808-1884) ab 1830 verlor die Zeitung ihre weitgehend konkurrenzlose Stellung als regierungskritisches Organ des gemäßigten pfälzischen Liberalismus. Nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 wurde Kolb, der Abgeordneter im Frankfurter Paulskirchen-Parlament gewesen war, zunächst verhaftet und seine Zeitung verboten. Obwohl die "Neue Speyerer Zeitung" ab 1850 wieder erscheinen konnte, sorgten ein amtlich organisierter Boykott in Verbindung mit restriktiven Zensurvorschriften für den wirtschaftlichen Niedergang des Blatts. 1853 stellte die "Neue Speyerer Zeitung" ihr Erscheinen ein.

Von der "Gazette de Spire" zur "Neuen Speyerer Zeitung", 1802-1817

Im Juni 1802 erhielt der aus Tübingen stammende Buchdrucker Jakob Christian Kolb (1766-1827) von dem Mainzer Präfekten Jeanbon St. André (1749-1813) die Erlaubnis, in Speyer eine Zeitung herauszugeben. Der Erfolg der "Gazette de Spire", die mit Mitteilungen allgemeiner und politischer Art die Bürger der alten Kaiserstadt zu erreichen suchte, hielt sich in Grenzen. 1807 versuchte Kolb, mit einer neuen Zeitung einen größeren Leserkreis zu gewinnen. Doch seine kritische Einstellung zur napoleonischen Politik brachte die "Speyerer Nicht=Politische Zeitung" schon bald in Kalamitäten. Ende Dezember 1809 wurde Jakob Christian Kolb wegen antifranzösischer Tendenzen verhaftet, seine Druckerei versiegelt.

Erst nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft konnte Kolb ein neues Zeitungsprojekt ins Auge fassen: Mitte November 1814 erschien in Speyer zweimal wöchentlich die "Speyerer Zeitung", ein "winziges Blättchen" (G. F. Kolb) im kleinsten Quartformat für den Abonnementpreis von 45 Kreuzern vierteljährlich. Mitte Juli 1816 änderten sich Name und Aufmachung der Zeitung: "Die Neue Speyerer Zeitung" erschien jetzt in größerem Format und besserem Druck dreimal die Woche. Ihr Stil war elitär, und mit ihrer Auflage von 700 Exemplaren erreichte sie vornehmlich die Pfälzer Besitzbürger. Unter ihrem ersten Redakteur, dem Regierungsrat Johann Friedrich Butenschoen (1764-1842), avancierte das kleine Provinzblatt sehr schnell zum offiziellen Organ der Kreisregierung. Der pfälzische Regierungspräsident Franz Xaver von Zwackh-Holzhausen (1756-1843) empfahl den Bürgermeistern des Rheinkreises das Abonnement der "Neuen Speyerer Zeitung"; der vierteljährliche Abonnementpreis (1 Gulden 21 Kreuzer) konnte aus der Gemeindekasse entrichtet werden. Allerdings musste Jakob Christian Kolb der Regierung regelmäßig Exemplare seiner Zeitung zur Zensur vorlegen.

In der Restaurationszeit, 1817-1830

Im Februar 1817 vollzog sich ein politischer Wechsel in Bayern: Minister Maximilian von Montgelas (1759-1838) musste nach innenpolitischen Querelen seinen Abschied nehmen. Regierungspräsident von Zwackh-Holzhausen, der ein alter Parteigänger und Jugendfreund von Montgelas war, wurde nur einen Monat später entlassen. Derweilen verstärkte sich unter Butenschoens Redaktion der oppositionelle Ton der "Neuen Speyerer Zeitung".

Unter dem neuen Regierungspräsidenten Joseph von Stichaner (1769-1856) verschlechterten sich die Bedingungen für die "Neue Speyerer Zeitung", zumal ihr in dem 1818 gegründeten "Intelligenzblatt des Rheinkreises" eine starke Konkurrenz erwuchs. Amtliche Mitteilungen und Bekanntmachungen durften jetzt nurmehr im "Intelligenzblatt" veröffentlicht werden. Schon Anfang 1819 war es den Pfälzer Gemeinden zudem verboten, die "Neue Speyerer Zeitung" zu abonnieren. Nach den reaktionären Karlsbader Beschlüssen vom August 1819 sank die Auflage von Kolbs Blatt auf 200 Exemplare. Anfang 1821 musste der liberale Butenschoen die Redaktion niederlegen. Bis zu seinem Tode (1827) leitete nun Kolb alleine die Redaktion der "Neuen Speyerer Zeitung", die immer stärker unter der Zensur zu leiden hatte. Nach 1827 führte nominell seine Witwe Caroline Christine, geborene Prior (1772-1835), den Zeitungsbetrieb weiter; die redaktionelle Hauptarbeit aber leistete ihr Sohn Georg Friedrich Kolb (1808-1884), unterstützt von einem Verwandten der Familie, dem Speyerer Regierungsrat Anton Kurz (1772-1849). Mitte Juli 1830 übernahm Kolb den Zeitungsbetrieb seines Vaters ganz.

Hambacher Fest und neue Restauration, 1830-1848

Nach dem Ausbruch der Französischen Julirevolution von 1830 forderte die bayerische Regierung den pfälzischen Regierungspräsidenten Stichaner zu erhöhter Wachsamkeit auf. Ausdrücklich wies München in diesem Zusammenhang auf die Gefährlichkeit der "Neuen Speyerer Zeitung" hin. Am 28. Januar 1831 stellte eine Verordnung des bayerischen Königs alle politischen Schriften unter Zensur. Auf Druck der Öffentlichkeit und der liberalen Kammeropposition hin musste König Ludwig I. (1786-1868, reg. 1825-1848) seine Verordnung im Juni 1831 wieder zurücknehmen. Von einem Sieg der Liberalen konnte freilich nur eingeschränkt geredet werden. Die Zensur kam "auf kaltem Wege" zurück: mit Beschlagnahmungen, Postkontrollen und Verhaftungen ging die Regierung nun gegen oppositionelle Zeitungsorgane vor.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die "Neue Speyerer Zeitung" ihre politische Ausnahmestellung verloren. Noch 1831 hatte es neben der "Neuen Speyerer Zeitung" nur etwa ein Dutzend unpolitischer Anzeige- und Wochenblätter gegeben. Ein halbes Jahr später stand die Speyerer Zeitung in Konkurrenz mit anderen politischen Blättern, die wegen ihres radikalen Tones immer wieder in Konflikt mit der Zensur kamen: Johann Heinrich Hochdörfers (1799-1850) "Rheinbayerischer Volksfreund" (ab 1832 "Bürgerfreund", als Beiblatt von Kohlhepps "Rheinbayerischem Anzeiger"), Phillip Jakob Siebenpfeiffers (1789-1845) "Bote aus dem Westen" (ab 1832 "Westbote") und Johann Georg August Wirths (1798-1848) "Deutsche Tribüne", die ab Januar 1832 im Rheinkreis erschien, traten im Vorfeld des Hambacher Festes weit schärfer und radikaler auf als Kolbs Blatt. Bis Mitte Mai 1832 waren alle diese Blätter verboten. Bei der Planung und Durchführung der politischen Großdemonstration auf dem Hambacher Schlossberg blieben Kolb und seine Zeitung im Hintergrund. Als Redner trat Kolb auf dem Hambacher Fest nicht in Erscheinung. Den liberalen Journalisten störten die schwer zu vereinbarende Vielfältigkeit der politischen Forderungen, die nicht erst auf dem Hambacher Fest propagiert wurden, sowie Siebenpfeiffers, Wirths und Schülers Aktivismus.

Nach dem Hambacher Fest festigte die "Neue Speyerer Zeitung" ihre Position als Stimme der Liberalen gegen die nun einsetzende Reaktionspolitik. Regierungsfreundliche Blätter wie "Der Rheinbayer", eine Speyerer Zeitung, waren keine Konkurrenz und konnten sich nur kurze Zeit (1833-1835) halten. Kolb nutzte die Phase der Unterdrückung, die nach dem Hambacher Fest in der Pfalz herrschte, für fiskalische und historische Studien. Auch auf kommunalpolitischer Ebene wurde er aktiv, ließ sich 1838 in den Speyerer Stadtrat wählen, wo er sich für den Eisenbahnbau und das Gewerbewesen Speyers einsetzte.

Die "Neue Speyerer Zeitung" und die Deutsche Revolution von 1848/49

Schon vor dem Ausbruch der Märzrevolution von 1848 gab Kolbs "Neue Speyerer Zeitung" der oppositionellen Kritik ein Forum, das auch über die Grenzen der Pfalz hinaus seine Wirkung entfaltete. Die "Neue Speyerer Zeitung" darf als der publizistische Motor der liberalen Bewegung in der Pfalz bezeichnet werden. In ihr fanden die "Märzforderungen" der Liberalen ebenso Eingang wie ihr überregionales Ziel, die Einheit Deutschlands. Als Landtagsabgeordneter in München und als Parlamentarier in der Frankfurter Paulskirche setzte sich Kolb für eine großdeutsche Lösung ein. Als ab Sommer 1848 die Gegenrevolution erstarkte und sich die verfassungsfeindliche Politik Münchens ganz offen zeigte, kämpfte Kolb mit seiner Zeitung gegen die reaktionäre Wende. Er polemisierte scharf gegen die kleindeutsche Lösung und ein preußisch-deutsches Kaisertum.

Im Frühjahr 1849 lehnte München die Reichsverfassung ab. In Reaktion auf diese antiparlamentarische Politik etablierte sich in Kaiserslautern eine Provisorische Regierung, welche am 17. Mai 1849 die Trennung der linksrheinischen Provinz vom bayerischen Mutterland durchsetzte. Kolb distanzierte sich von diesem Schritt der radikalen Demokraten. Er setzte weiterhin auf die Kraft des parlamentarischen Weges, auch dann noch, als der bayerische Landtag mehrmals vertagt und am 11. Juni 1849 aufgelöst wurde. Zwei Tage später marschierten preußische Truppen in die Pfalz ein und schlugen die Reichsverfassungskampagne nieder. Nachdem am 16. Juni vereinbarungsgemäß bayerische Truppen in die Pfalz nachgekommen waren, verhängte ihr Oberbefehlshaber, Generalleutnant Karl Theodor von Thurn und Taxis (1797-1868), den Kriegszustand über die aufständische Provinz. Eine seiner ersten Maßnahmen war das Verbot der "Neuen Speyerer Zeitung" und die Verhaftung ihres Redakteurs.

Das Ende der "Neuen Speyerer Zeitung" in der Reaktionszeit, 1853

Der Kriegszustand in der Pfalz dauerte ein Jahr. Während dieser Zeit wurde die "Neue Speyerer Zeitung" zweimal verboten und konnte fast vier Monate lang nicht erscheinen. Kolb wurde erst im Januar 1850 aus seiner Haft entlassen. Mit einem scharfen Pressegesetz schränkte München im März 1850 den Aktionsraum von Journalisten merklich ein.

Was Verhaftungen, Verbote und ein Pressegesetz nicht erreichten, bewirkte ein regelrechter Wirtschaftskrieg, den die pfälzische Kreisregierung nun gegen die "Neue Speyerer Zeitung" organisierte. Ende August 1850 wurden die pfälzischen Behörden und Ämter, die Bürgermeister und Physikate angewiesen, "gesinnungslosen" Blättern keine Inserate mehr zukommen zu lassen. Die pfälzischen Friedensrichter und Beamte erhielten die ausdrückliche Anweisug, die Leute durch "mündliche Belehrung" vom Lesen der "Neuen Speyerer Zeitung" abzuhalten. Gleichzeitig forderte Speyer die pfälzischen Beamten dazu auf, an der Verbreitung der konservativen und regierungsfreundlichen "Pfälzer Zeitung" des Arztes und Jounalisten Dr. Lucas Jaeger (1811-1874) mitzuwirken. Schon Ende 1852 hatte sich die Abonnentenzahl der "Neuen Speyerer Zeitung" auf 600 reduziert. Die konservative "Pfälzer Zeitung" dagegen konnte zur gleichen Zeit auf 1.200 Abonnenten verweisen.

Gegen den amtlich gesteuerten Boykott vermochte die "Neue Speyerer Zeitung", die auch immer wieder mit dem Pressegesetz in Konflikt kam, nichts entgegenzusetzen. Am 31. März 1853 erschien sie zum letzten Mal. Als Georg Friedrich Kolb im Sommer 1853 eine weitere Gefängnisstrafe drohte, wich er mit seiner Familie in die Schweiz nach Zürich aus.

Kolbs weiteres Schicksal

1860 siedelte Kolb nach Frankfurt über, wo er als erster politischer Redakteur der "Neuen Frankfurter Zeitung" scharf gegen die Politik Preußens Stellung bezog. Nach dem preußischen Sieg über Österreich musste Kolb im Sommer 1866 Frankfurt verlassen. Er wich mit seiner Familie nach München aus, wo er sich 1863-1872 auf seine parlamentarische Tätigkeit im Landtag konzentrierte. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Kob wissenschaftlichen Studien und der Abfassung seiner Lebensgeschichte. Kolb starb am 15. Mai 1884.

Dokumente

Literatur

  • Elmar Krautkrämer, Georg Friedrich Kolb. Würdigung seines journalistischen und parlamentarischen Wirkens im Vormärz und in der deutschen Revolution. Ein Beitrag zur pfälzischen Geschichte des 19. Jahrhunderts und zur Geschichte deutschen Frühliberalismus, Meisenheim 1959.
  • Friedrich H. Müller, Johann Friedrich Butenschoen und die "Neue Speyerer Zeitung" (1816-1821). Zur deutschen Publizistik zwischen Französischer Revolution und Restauration in Deutschland (Veröffentlichungen der Pfälzischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften 78), Speyer 1986.
  • Hannes Ziegler, Historische Streifzüge. Pfälzer Portraits aus dem 19. Jahrhundert, Landau 1992.
  • Hannes Ziegler, Kolb, Georg Friedrich, in: Helmut Reinalter (Hg.), Biographisches Lexikon zur Geschichte der demokratischen und liberalen Bewegungen in Mitteleuropa. Band 2. Teil 1, Frankfurt am Main 2005, 167f.

Quellen

  • Georg Friedrich Kolb, Lebenserinnerungen eines liberalen Demokraten 1808-1884, hg. von Ludwig Merkle. Vorwort, Lebensbild Kolbs und Nachlassbearbeitung von Elmar Krautkrämer, Freiburg 1976.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Speyerer Zeitung, Neue Speyerer Zeitung, Gazette de Spire, Speyrer Zeitung

Empfohlene Zitierweise

Hannes Ziegler, Speyerer Zeitung/Neue Speyerer Zeitung, publiziert am 20.05.2008; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Speyerer Zeitung/Neue Speyerer Zeitung> (20.11.2018)