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Deutscher Tag, Bayreuth, 30. September 1923

Deutscher Tag in Bayreuth, 30. September 1923, SA-Angehörige auf einem LKW, mit Schild: "Stosstrupp-Hitler München" und Reichskriegsflagge. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Marsch der vaterländischen Verbände, vorbei am Neuen Schloß. (Archiv Bernd Mayer, Bayreuth)
Während des Deutschen Tages in der Bayreuther Innenstadt. (Archiv Bernd Mayer, Bayreuth)
Gedenktafel, die 1938 anläßlich des 15. Jahrestages der ersten Rede Hitlers in Bayreuth von der hiesigen Ortsgruppe in der Stadthalle angebracht wurde. (Archiv Bernd Mayer, Bayreuth)
Porträt Houston Stewart Chamberlain, o.J. (Bayerische Staatsbibliothek)
Gruppenaufnahme der Bayreuther SA während des Deutschen Tages 1923. (Archiv Bernd Mayer, Bayreuth)

von Martin Schramm

Völkisch-nationalistische Veranstaltung mit rund 5.000 Teilnehmern am 30. September 1923. Dort kam es zu einem ausführlichen Treffen zwischen Adolf Hitler (1889-1945), der Familie Richard Wagners und dessen Schwiegersohn, Houston Stewart Chamberlain (1855-1927).

Hintergrund und Ablauf

Als Veranstaltungen völkisch-nationalistischer Kreise fanden seit Herbst 1922 in Franken mehrere "Deutsche Tage" statt. Nach Coburg (14./15.10.1922), Nürnberg (1./2.9.1923) und Hof (16.9.1923) folgte am 30. September 1923 auch Bayreuth als Austragungsort. Wie das lokale Bayreuther Tagblatt am 28. September betonte, wollten die Veranstalter "allen undeutschen Elementen […] zeigen, daß die Zeit vorüber ist, wo man nicht bekennen durfte, daß man deutschen Sinn im Herzen und deutsches Blut in deutschen Adern trägt." Nach dem Eintreffen der gut 5.000 Teilnehmer fand am Morgen des 30. September vor zahlreichen Zuschauern ein protestantischer Feldgottesdienst mit anschließender Standartenweihe statt. Nachmittags wurde bei einem Umzug der Gefallenen des Weltkrieges gedacht. Nach den abschließenden Paraden vor dem Neuen Schloss hielt neben mehreren Vertretern völkischer Gruppierungen auch Adolf Hitler (1889-1945) in der ehemaligen markgräflichen Reithalle eine seiner nationalistischen Reden, die laut Tagblatt vom 1. Oktober 1923 mit "[n]icht endenwollende[n] Heilrufe[n] und Beifall" belohnt worden sei.

Hitler und die Familie Wagner

Im Anschluss an diese Rede besuchte Hitler den Schwiegersohn Richard Wagners (1813-1883), den völkischen Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain (1855-1927). Begeistert feierte die NS-Presse das Treffen mit einem der Wegbereiter des völkischen Gedankenguts.

Schon am Rande des Umzuges hatte die Familie Wagner "die innige Verbindung Wagnerschen Geistes mit deutschem Wesen" (Hofer Anzeiger, 1.10.1923) gezeigt. An das folgende ausführlichere Treffen in der Villa Wahnfried erinnerte sich Hitler noch 1942: "[I]ch war so bewegt!" (Adolf Hitler. Monologe im Führerhauptquartier 1941-1944. Aufgezeichnet von Heinrich Heim, hg. von Werner Jochmann, München 2000, 108). Nicht erstaunlich ist deshalb, dass Hitler bereits vor 1933 versicherte, sich für die Festspiele einzusetzen, sollte er jemals in die entsprechende Position kommen – ein Versprechen, das er später tatsächlich einlöste.

Bewertung

Trotz der Beteiligung zahlreicher regionaler und überregionaler Organisationen, wie akademischen Gesangvereinen, Studentenverbindungen, Turn- und Schützenvereinen sowie – natürlich – der SA als Parteiarmee der NSDAP, war die Veranstaltung kein überwältigender Erfolg. So bedauerten verschiedene deutschnational eingestellte Zeitungen, dass einige Verbände ferngeblieben seien. Die Opposition habe fälschlicherweise die Absage der Veranstaltung verbreitet. Trotzdem sei der Tag "eine machtvolle Kundgebung deutschen Geistes nach jeder Richtung hin [gewesen], ein stolzes Bekenntnis zum vaterländischen Gedanken" (Bayreuther Tagblatt, 1.10.1923). Die SPD-nahe Oberfränkische Volkszeitung hob dagegen hervor, dass Hitler und die anderen völkischen Redner "mit ihren Reden scheinbar nicht recht befriedigt [haben]" (2.10.1923).

Dennoch macht der "Deutsche Tag" deutlich, wie sehr republikfeindliches, aber auch bereits nationalsozialistisches Gedankengut schon 1923 in der Wagnerstadt Wurzeln geschlagen hatte. So beteiligte sich entgegen dem Befehl des Reichswehrministers Otto Geßler (1875-1955) auch das Bayreuther Reichswehrbataillon an der Veranstaltung. Wie von den Nationalisten erhofft, flaggte darüber hinaus neben dem Rathaus sogar die Bayerische Staatsbank anstelle der offiziellen schwarz-rot-goldenen Flagge das republikfeindliche Schwarz-Weiß-Rot des Kaiserreichs. Der bürgerlich-konservative Bayreuther Oberbürgermeister Albert Preu (1868-1944) machte in einer Ansprache keinen Hehl aus seinen Sympathien für die völkische Bewegung.

Bei einer historischen Bewertung ist aber darauf zu achten, dass der "Deutsche Tag" in Bayreuth für die NS-Bewegung keine herausragende Rolle spielte, ist doch nicht nachweisbar – wie Brigitte Hamann annimmt –, dass Hitlers Putschpläne hier entstanden oder verändert wurden. Für Bayreuth selbst hatte die Veranstaltung jedoch eine viel größere Bedeutung, wurde an diesem Tage doch das Fundament für das innige Verhältnis des NS-Führers mit der Festspielstadt und der Familie Wagner gelegt.

Literatur

  • Brigitte Hamann, Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, München 2002.
  • Rainer Trübsbach, Geschichte der Stadt Bayreuth 1194-1994, Bayreuth 1993.

Quellen

  • Bayreuther Tagblatt
  • Fränkische Volkstribüne
  • Oberfränkische Volkszeitung
  • Oberfränkische Zeitung und Bayreuth Anzeiger

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Martin Schramm, Deutscher Tag, Bayreuth, 30. September 1923, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutscher Tag, Bayreuth, 30._September_1923> (18.10.2018)