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Österreichische Legion

von Hans Schafranek

Aufmarsch von Mitgliedern der Östereichischen Legion auf dem Lechfeld. Abb. aus: Bokisch/Zirbs, Der Österreichische Legionär, 1940.

Bezeichnung für SA-Männer aus Österreich, die nach dem dortigen Verbot der NSDAP am 19. Juni 1933 ins nationalsozialistische Deutschland geflüchtet waren. In verschiedenen, überwiegend in Bayern gelegenen Lagern kaserniert, bereitete sich die Österreichische Legion für einen Einmarsch in Österreich vor. Ein konkreter Einsatz der Legion blieb allerdings aus. Nach dem fehlgeschlagenen Putschversuch österreichischer Nationalsozialisten im Juli 1934 wurde die Legion aus Bayern wegverlegt, im Zuge des sog. Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich 1938 kamen die Legionäre kaum mehr zum Zuge.

Entstehung

Gruppenbild mit den Gründungsmitgliedern der Österreichischen Legion, Lagerlechfeld, September 1933. Abb. aus: Bokisch/Zirbs, Der Österreichische Legionär, 1940.

Die Österreichische Legion entstand im Juni 1933 als paramilitärische Einheit, bestehend aus militanten österreichischen SA-Angehörigen, die besonders nach dem Verbot der NSDAP in Österreich am 19. Juni 1933 zu Tausenden ins benachbarte Bayern flüchteten. Dort wurden sie in sog. Hilfswerklager kaserniert, die von der Obersten SA-Führung beschlagnahmt worden waren. Als erste Sammelunterkunft für die österreichischen Nationalsozialisten diente das Lager Lechfeld (Lkr. Augsburg). Finanziert wurden die Lager mit Reichsmitteln, die Reichswehr versorgte die Legionäre mit Waffen. Als "bewaffneter Arm" der illegalen österreichischen SA unterstand die Legion dem Kommando des österreichischen SA-Obergruppenführers Hermann Reschny (1898-1971), der 1926 von Adolf Hitler (1889-1945) zum Leiter der österreichischen SA bestimmt wurde und im Juni 1933 seinen Sitz nach München verlegte.

Der Terminus "Österreichische Legion" ist etwas ungenau und wurde als offizielle Organisationsbezeichnung (d. h. im amtlichen Verkehr mit anderen Dienststellen im Deutschen Reich) erst ab März 1938, d. h. ab dem sog. Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verwendet. Von Juni 1933 bis März 1934 bildeten die Legionäre einen Teil der SA-Obergruppe VIII (= Österreich), die am 27. März 1934 zur Obergruppe XI umbenannt wurde und bis Oktober 1934 existierte. Diese SA-Formation umfasste unter der Kommandogewalt Reschnys bis zum gescheiterten Juliputsch der österreichischen Nationalsozialisten gegen die Bundesregierung in Wien (25.-30. Juli 1934) zusätzlich die illegalen SA-Angehörigen in Österreich.

Neben SA-Angehörigen waren auch österreichische SS-Flüchtlinge im Lager Lechfeld untergebracht. Sie bildeten zuletzt vier Stürme (insgesamt 445 Mann), während die Zahl der in diesem Lager untergebrachten, in sehr beengten Verhältnissen lebenden österreichischen SA-Männer bis Herbst 1933 etwa 3.000 erreichte. Schwere Konflikte mit der SA-Lagerleitung führten dazu, dass bei der Räumung Lechfelds im Herbst 1933 die österreichischen SA- und SS-Einheiten räumlich strikt getrennt wurden: Die SA-Mitglieder bezogen neue Quartiere in den Lagern Wöllershof (Lkr. Neustadt an der Waldnaab), Egmating (Lkr. Ebersberg), Bad Aibling (Lkr. Rosenheim), Vilshofen (Lkr. Passau), Passau, Freilassing (Lkr. Berchtesgadener Land) sowie in anderen Standorten in Bayern und Württemberg; die SS-Angehörigen hingegen wurden großteils in das SS-Hilfswerklager Dachau verlegt.

Lagerstandorte der Österreichischen Legion 1933/34. (Gestaltung nach Angaben des Autors: Sonja Schweiger)

Österreichische Legionäre in Bayern

In den Lagern wurden die Legionäre gedrillt und von Offizieren der Reichswehr sowie der Bayerischen Landespolizei einer militärischen Ausbildung unterzogen. Ansonsten übten sie aber nur wenig praktische Beschäftigung aus, was bald zu Langeweile und Unmut führte. In den Jahren 1933/34 waren einzelne Legionäre bzw. kleine Gruppen für zahlreiche schwere Grenzverletzungen, die etliche Todesopfer forderten, in den an Bayern angrenzenden österreichischen Bundesländern (Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg) verantwortlich. Die dortigen Behörden empfanden es als besondere Provokation, dass Legionäre entlang der bayerisch-österreichischen Grenze als Hilfspolizei für den "Grenzüberwachungsdienst" herangezogen wurden, da diese mitunter selbst als Fluchthelfer für illegale österreichische Nationalsozialisten wirkten.

Anfangs von der bayerischen Bevölkerung freundlich empfangen, wurden die österreichischen SA-Flüchtlinge bald als enorme Last empfunden. Ab Anfang 1934 häuften sich in den Berichten der Bezirksämter Einträge über Zwischenfälle, die besonders von den in Vilshofen, Egmating, Bad Aibling, Gerlenhofen (Lkr. Neu-Ulm), Redwitz (Lkr. Lichtenfels) und Wöllershof stationierten Österreichern ausgingen. Der Frust der Legionäre über den wiederholt von der Legionsführung angekündigten, aber ausbleibenden Einmarsch nach Österreich führte dazu, dass sich das in den Lagern angestaute Aggressionspotential gegen das hiesige katholische Milieu entlud, das den Legionären verhasst war. Einzelne Legionärs-Gruppen rückten aus, provozierten und schikanierten die ländliche Bevölkerung. Sie waren in zahllose Wirtshausschlägereien verstrickt (gleichfalls mehrere Todesopfer), begingen Diebstähle und waren an lokalen "Strafexpeditionen" gegen katholische Pfarrer beteiligt. In ihre Kasernen zurückgekehrt, blieben sie für die Gendarmerie unantastbar, da diese die Legionslager nicht betreten durfte. Die interne SA-"Disziplinierung" fiel, sofern überhaupt eine stattfand, in derartigen Fällen recht milde aus (zeitweilige Ausgangssperre).

Politischer Stellenwert der Legion

Die Österreichische Legion erfüllte in den Jahren 1933 und 1934 eine Reihe von wichtigen Funktionen und Zielsetzungen:

  • Auch wenn sich ihre Hoffnung auf einen frontalen Vorstoß nach Österreich nicht erfüllen sollte, blieb die Legion gleichwohl ein Machtfaktor, da sie als Waffenlieferant der illegalen SA in Österreich fungierte. Vor allem ist das im Frühsommer 1934 zu konstatieren, als Reschny durch einen ausgedehnten Schmuggel von Waffen und Sprengstoff eine systematische Aufrüstung der österreichischen SA betrieb, die allerdings zum Zeitpunkt des sog. Juliputsches noch nicht abgeschlossen war.
  • Die Legion spielte eine nicht unwesentliche Rolle bei der Einrichtung von Kommunikationslinien zwischen der emigrierten SA-Führung und den illegalen Kadern in Österreich, sei es durch den Schmuggel großer Mengen nationalsozialistischer Propagandaschriften, sei es durch Kurierdienste, Fluchthilfe an der Grenze oder nachrichtendienstliche Aufgaben.
  • Angesichts der zum Teil desolaten Verhältnisse und pessimistischen Stimmungen bei den Nationalsozialisten in Österreich sollte man auch den psychologischen Faktor nicht außer Acht lassen: Die Existenz einer militärisch gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Truppe, deren Einsatzbereitschaft außer Zweifel stand, bestärkte die illegalen Kader der österreichischen NSDAP in ihren Hoffnungen und Erwartungen.
  • Die Legion hatte in der Konfrontation zwischen Nationalsozialismus und österreichischer Regierung einen spezifischen Stellenwert als permanenter Faktor der Bedrohung und Verunsicherung.

Am 25. Juli 1934 stand die Legion in höchster Alarmbereitschaft und traf Vorbereitungen für den Einfall nach Österreich, doch verbot Hitler den Einsatz, als der SS-Putsch in Wien gescheitert war und der italienische Duce Benito Mussolini (1883-1945, italienischer Ministerpräsident 1922-1943), zu diesem Zeitpunkt noch der Schirmherr des "ständestaatlichen" Regimes, mehrere Divisionen in der Nähe des Brenner mobilisierte. Die blutige Liquidierung der deutschen SA-Führung um Ernst Röhm (1887-1934) am 30. Juni 1934, aber mehr noch das Scheitern des sog. Juliputsches in Österreich markierten einen gravierenden Einschnitt für die Österreichische Legion und deren Führung. Die deutsche Österreich-Politik erfuhr eine Umorientierung, indem sie sich von der offenen Unterstützung des seitens der österreichischen NSDAP praktizierten Terrors abwandte und stattdessen auf ökönomischen Druck und die Unterwanderung österreichischer Institutionen setzte. Infolge dessen büßte die Legion einen Großteil ihrer früheren Bedeutung ein. Reschny verlor das Kommando über die illegale österreichische SA, die von der Legion organisatorisch ebenso abgekoppelt wurde wie der im Untergrund wirkende Parteiapparat von den nach Deutschland emigrierten politischen Leitern der NSDAP. Die illegale österreichische SA war fortan auf sich allein gestellt und die Bindungen an die Legion lösten sich vollständig.

1935 zum sog. "Hilfswerk Nordwest" (HWNW) umgebildet und personell reduziert, wurde die Legion weg von der österreichischen Grenze in eine Reihe von Lagern in Hessen, Westfalen, Thüringen und Norddeutschland verlegt. Eine militärische Intervention stand nicht mehr auf der Tagesordnung.

Regionale Herkunft, Alters- und Berufsstruktur

Die Höchstzahl der in Bayern stationierten Legionäre dürfte mit etwa 10.000 Angehörigen im Herbst 1934 erreicht worden sein. Infolge einer starken Fluktuation konnte jedoch eine wesentlich größere Zahl ermittelt werden. Die jüngere Forschung (Schafranek, Söldner) eruierte für über 14.945 Legionäre fast 140.000 biografische Eckdaten, in 12.010 Fällen ist auch der letzte Wohnort vor der Flucht ins Deutsche Reich bekannt. Die größten Kontingente davon stellten (in absoluten Zahlen) die Steirer (2.599 Personen), Kärntner (1.772) und Oberösterreicher (1.734 Personen). Relativ (d. h. im Verhältnis zur Bevölkerungszahl des jeweiligen Bundeslandes 1934) dominierten die Salzburger (1.140), Kärntner und Tiroler (1.341). Die fünf stärksten Geburtsjahrgänge (jeweils über 1.000 nachmalige Legionäre) stellten die Jahre 1910 bis 1914. In sozialer Hinsicht dominierten untergeordnete Berufe mit niedrigem Einkommen: 18 Prozent waren Handwerksgesellen, mit 17 Prozent bildeten Hilfsarbeiter die zweitstärkste Berufsgruppe. Zudem waren die meisten Legions-Angehörigen bei ihrer Flucht aus Österreich unverheiratet. Abgesehen von den individuellen politischen Gründen (Militanz und Verfolgungsdruck) erklären diese sozialen Faktoren die große Mobilität und Motivation zur Flucht nach Deutschland.

Die österreichische Legion und der "Anschluss" 1938

Erst im Vorfeld des "Anschlusses", vor allem nach dem Berchtesgadener Abkommen vom 12. Februar 1938, erwachten beim HWNW wieder die alten Hoffnungen, im Rahmen eines militärischen Einsatzes als "Befreier" nach Österreich zurückzukehren, gepaart mit der Erwartung, bei der bevorstehenden Umwälzung politische Schlüsselpositionen zu erlangen und auch materiell zu profitieren. Indes stellte sich während der "Anschluss"-Tage den ehrgeizigen Ambitionen Reschnys und seiner Truppe eine Vielzahl politischer Widersacher und Konkurrenten entgegen, die entschlossen waren, ein solches Vorhaben zu Fall zu bringen oder zumindest hinauszuzögern. Die SS, vor allem der Organisationsleiter der NSDAP in Österreich Odilo Globocnik (1904-1945), die Wehrmacht, Josef Bürckel (1895-1944, 1938/39-1940 Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich und Gauleiter von Wien) und Wilhelm Keppler (1882-1960), Hermann Görings (1893-1946) wichtigster Emissär in Österreich, wandten sich – teils offen, teils durch Intrigen – gegen eine Rückkehr der NS-Emigranten und der Legionäre im Besonderen.

Durch eine persönliche Intervention bei Hitler (24. März 1938) vermochte Reschny diese Widerstände zwar zu überwinden und Hitlers Einwilligung zu einer Rückkehr der Legion erlangen. Trotzdem verlief nach deren Einmarsch nach Österreich (30. März bis 1. April 1938) die Entwicklung für die meisten Legionäre recht enttäuschend, denn zu diesem Zeitpunkt waren in Wien alle wichtigen politischen Positionen, Ämter und Pfründe entweder bereits vergeben, oder die Anwärter darauf verfügten über einflussreiche Kontakte, die sie als Sprungbrett für entsprechende Karrieren nutzten. Auch in den übrigen Bundesländern blieben die Legions-Rückkehrer politisch erfolglos, lediglich in Salzburg erlangten sie einige höhere Funktionen im Verwaltungsapparat. Diese politische Konstellation wirkte wohl als zusätzliches Motiv, die individuelle Raubgier zahlreicher Legionäre sowohl bei den "wilden Arisierungen" als auch jenen, die etwas später im pseudolegalen Rahmen der sog. Vermögensverkehrsstelle (das war eine eigens dafür eingerichtete Abteilung im Handelsministerium) stattfanden, noch stärker anzustacheln. Und in diesem Bereich kamen den Legionären sowohl staatliche als auch Parteistellen in starkem Maße entgegen, weil der – häufig als "Wiedergutmachung" deklarierte – Raub "jüdischer" Unternehmen ein probates Mittel darstellte, um die frustrierten politischen Ambitionen zu kanalisieren und das pseudo-sozialrevolutionäre Potenzial der zu spät und zu kurz gekommenen Legionäre einzudämmen.

Ende 1938 löste sich die personell bereits stark reduzierte Legion auf, indem ihre Mitglieder in Zivilberufe oder die reguläre SA überführt wurden.

Literatur

  • Michael Holzmann, "und steht die Legion auf dem ihr zugewies´nen Posten". Die Österreichische Legion als Instrument früher NS-Aggressionspolitik, Münster 2018.
  • Hans Schafranek, Söldner für den "Anschluss". Die Österreichische Legion 1933–1938, Wien 2011.
  • Hans Schafranek, Die steirischen Angehörigen der Österreichischen Legion. Regionale und lokale Herkunft, Alters- und Berufstruktur, NSDAP- und SA-Mitgliederentwicklung, Führungspersonal (Biografien), in: Hans Schafranek/Herbert Blatnik (Hg.), Vom NS-Verbot zum "Anschluss". Steirische Nationalsozialisten 1933 – 1938, Wien 2015, 83–124.
  • Hans Schafranek, Militante NS-Aktivisten mit Rückzugsbasis. Salzburger bei der Österreichischen Legion, in: Peter F. Kramml/Ernst Hanisch (Hg.), Hoffnungen und Verzweiflung in der Stadt Salzburg 1938/39. Vorgeschichte. Fakten. Folgen (Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus, Bd.1), Salzburg 2010, 124–161.
  • Adolf Schuster, Österreichische Legionäre in Wöllershof, in: Ders. (Hg.), 850 Jahre Störnstein, Störnstein 1991, 773-779.
  • Horst Thum, Warten auf eine braune Zukunft. Die "Österreichische Legion" in Mönchröden (1934/35), Hannover 2014.
  • Rudolf Vogel, Die österreichische Legion in Lager Lechfeld 1933, in: Heimatverein für den Landkreis Augsburg (Jahresbericht) (1973), 165-176.

Quellen

  • Otto Bokisch/Gustav A. Zirbs, Der Österreichische Legionär. Aus Erinnerungen und Archiv, aus Tagebüchern und Blättern, Dresden 1940.

Weiterführende Recherche

Verwandte Artikel

Hilfswerk Nordwest; HWNW

Empfohlene Zitierweise

Hans Schafranek, Österreichische Legion, publiziert am 05.08.2019; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Österreichische_Legion (22.10.2019)





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