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An manchen Orten wurden die Verhaftungsaktionen zu einem regelrechten Spießrutenlaufen inszeniert, bei dem sich die Betroffenen nicht nur der Gewalt der Staats- und Parteiorgane, sondern auch dem Spott der Umstehenden ausgesetzt sahen. | An manchen Orten wurden die Verhaftungsaktionen zu einem regelrechten Spießrutenlaufen inszeniert, bei dem sich die Betroffenen nicht nur der Gewalt der Staats- und Parteiorgane, sondern auch dem Spott der Umstehenden ausgesetzt sahen. | ||
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Datei:Regensburg 10 Nov 1938 StdAR 38-33.jpg|Die Regensburger Juden mussten am 10. November 1938 einen demütigenden Schandmarsch durch die Innenstadt antreten. Im Anschluss daran brannte die SA die Neue Synagoge in der Schäffnerstraße nieder. (Stadt Regensburg, Bilddokumentation) | Datei:Regensburg 10 Nov 1938 StdAR 38-33.jpg|Die Regensburger Juden mussten am 10. November 1938 einen demütigenden Schandmarsch durch die Innenstadt antreten. Im Anschluss daran brannte die SA die Neue Synagoge in der Schäffnerstraße nieder. (Stadt Regensburg, Bilddokumentation) | ||
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Aktuelle Version vom 2. Oktober 2026, 11:29 Uhr
Die auf eine Veranstaltung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Alten Münchner Rathaus initiierten pogromartigen Übergriffe auf Juden im November 1938 bildeten einen Wendepunkt in deren Behandlung durch das NS-Regime, den Übergang zur totalen staatlichen Willkür. Die bereits ab 1933 eingeleitete rechtliche Ausgrenzung mutierte in kollektive Demütigung und Gewalt. Dabei wurden Synagogen und Geschäfte verwüstet, Juden misshandelt und in Schutzhaft genommen.
Begriff(e) und Bedeutung
Für die in der Nacht vom 9./10. November 1938 im gesamten Deutschen Reich kulminierenden und mancherorts an den folgenden Tagen noch fortgesetzten Ausschreitungen gegen Juden haben sich im akademischen Diskurs die Bezeichnungen "Novemberpogrom(e)" (Englisch: "November Pogrom(s)") oder "Pogromnacht" durchgesetzt. Sie heben entweder auf die Terminierung im Kalender oder auf die Nacht als Hauptzeit der Exzesse ab.
Die zeitgenössische NS-Propaganda verwendete den verharmlosenden Begriff "Judenaktion". Der Volksmund kreierte den Ausdruck "Kristallnacht", der noch lange nach 1945 in der wissenschaftlichen Aufarbeitung gebraucht wurde und auch in Fremdsprachen Eingang gefunden hat (Englisch: "Night of the Broken Glass"). Er verharmlost ebenfalls die Vorfälle, da er ausschließlich die materiellen Schäden – das geborstene Glas von Laden- und Synagogenfenstern – in den Blick nimmt. Von der sprachlichen Vollversion "Reichskristallnacht" leitete sich wiederum die Benennung "Reichspogromnacht" ab, die den Propagandabegriff mit Hilfe des aus dem Russischen entlehnten Ausdrucks "Pogrom" (wörtlich: "Verwüstung") konterkarieren soll, allerdings den falschen Anschein erwecken kann, die Gewalt habe sich auf eine einzige Nacht beschränkt.
Situation der jüdischen Bevölkerung nach 1933
Die Entrechtung der Juden im Deutschen Reich setzte bald nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 ein. Sie begann mit dem Boykott von Geschäften jüdischer Eigentümer, gefolgt von weiteren Maßnahmen wie Berufsverboten, der Auflösung jüdischer Vereine mit Beschlagnahme ihres Vermögens, juristischen Restriktionen gemäß den "Nürnberger Gesetzen" vom 15. September 1935 oder "Arisierungen". Symbolhaft für die Stellung des Judentums war der Abriss der im Münchner Stadtbild markanten Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße am 9. Juni 1938. In Nürnberg wurde ebenfalls die Hauptsynagoge am Hans-Sachs-Platz am 10. August 1938 abgebrochen. Unter dem Eindruck der permanenten antisemitischen Propaganda und der sich verschärfenden Bestimmungen beschleunigte sich die Abwanderung aus zahlreichen jüdischen Landgemeinden, insbesondere in Mittelfranken und in Schwaben. Dort beheimatete Juden waren entweder bestrebt, Deutschland zu verlassen, oder in Großstädten wie München, Nürnberg und Augsburg ein vermeintlich sichereres Lebensumfeld zu finden, was den dort ebenfalls gegebenen Abwanderungsverlust weitgehend ausglich. Bis 1938 erlosch das jüdische Leben in mindestens 15 Gemeinden in Bayern vollständig bzw. schrumpfte in annähernd 20 Orten auf weniger als fünf jüdische Einwohner.
Ausschreitungen vor dem 9. November 1938
Der Novemberpogrom war weder in Bayern noch im übrigen Deutschen Reich ein punktuelles Ereignis, sondern die Zuspitzung einer Serie von Gewaltausbrüchen 1938. In Alzenau verzeichnete man etwa in der Nacht vom 1./2. Mai 1938 Tumulte vor Geschäften mit jüdischen Eigentümern und Verhaftungen von Juden sowie Mitte Mai antisemitische Schmierereien. Übergriffe erfolgten auch am 19./20. Oktober 1938 in Uehlfeld. In Rothenburg ob der Tauber entlud sich bereits am 22./23. Oktober 1938 die Gewalttätigkeit der SA gegen die dortigen Juden und führte zu deren vollständiger Abwanderung.
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Schild 'Juden sind hier nicht erwünscht' am Ortseingang von Oberstdorf, Sommer 1938. Fotografie Arthur Lauck. (Stadtarchiv Nürnberg, E39_I_2257_4_1)
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Antisemitische Bekanntmachung der NSDAP-Kreisleitung Schliersee, September 1938. (Stadtarchiv Nürnberg, E39_I-1125_20_1)
Als unmittelbare Vorgeschichte des Novemberpogroms kann die sog. Polenaktion benannt werden: Ende Oktober 1938 wies das Deutsche Reich mindestens 17.000 Juden aus, die die polnische Staatsangehörigkeit besaßen oder von polnischen Juden abstammten. In Bayern waren von dieser Aussiedlung jüdische Bewohner Münchens, Nürnbergs und Fürths besonders betroffen. Da sich Polen weigerte, alle Betroffenen aufzunehmen, mussten etwa 7.000 von ihnen wochenlang unter schwierigsten Bedingungen im 'Niemandsland' an der damaligen deutsch-polnischen Grenze bei Zbąszyn/Bentschen ausharren.
Der Jahrestag des "Hitlerputsches"

Entgegen der Darstellung der zeitgenössischen Propaganda war der Novemberpogrom kein vom "Volkszorn" getragener spontaner Gewaltausbruch, sondern wurde gezielt durch die Spitzen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und ihren Gliederungen orchestriert. Der Exodus der jüdischen Bevölkerung aus dem Reich sollte beschleunigt und der Zugriff auf die zu 'arisierenden' Vermögenswerte weiter verstärkt werden.
Willkommener Anlass für die Aktion war den Nationalsozialisten das Attentat, das am 7. November der aus Hannover stammende und von der "Polenaktion" betroffene Herszel Grynszpan (ca. 1921–1942) an Legationsrat Ernst Eduard vom Rath (1909–1938) in der deutschen Botschaft in Paris verübt hatte. Auf Geheiß und im Einvernehmen des sich im Hintergrund haltenden Adolf Hitler (1889–1945) nutzte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) die Gelegenheit und gab zwei Tage später bei den Feierlichkeiten der NSDAP zum Jahrtag des gescheiterten Hitler-Putsches im Festsaal des Alten Münchner Rathauses der anwesenden Parteielite Zeichen zum Losschlagen gegen alle in Deutschland lebenden Juden, deren Einrichtungen und Unternehmen. Diese Weisung wurde nach der Veranstaltung telefonisch im gesamten Reichsgebiet verbreitet.
Die in den Kommunalverwaltungen praktizierte gesonderte Erfassung von Juden im Sinne der Nürnberger Rassegesetze durch die Einwohnermeldebehörden und Wirtschaftsämter ermöglichte den Tätern einen raschen Zugriff auf die jüdische Bevölkerung; die Konzentrationslager (KZ) erwiesen sich gut vorbereitet, eine große Zahl neuer Häftlinge aufzunehmen. Neben SA-Männern waren SS- und HJ-Angehörige bzw. Vertreter weiterer NSDAP-Gliederungen in die Ausschreitungen involviert.
Zerstörungen jüdischer Gotteshäuser und Friedhöfe
In Bayern wurden im Verlauf der Novemberpogrome nahezu alle der mehr als 200 Synagogen und Bethäuser, die 1933 noch genutzt wurden, im Vorfeld oder während der Novemberpogrome mindestens teilweise zerstört, verwüstet oder geschändet, ferner Gemeindezentren, Bildungseinrichtungen und sakrale Gegenstände.
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Brand der Synagoge in Kitzingen am 10. November 1938, im Vordergrund schaulustige Passanten. Fotografie von Rudolf Wolfarth. (Stadtarchiv Kitzingen, Historische Fotosammlung)
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Die ausgebrannte Synagoge Ohel Jakob an der Herzog-Rudolf-Straße in München am 10. November 1938. Fotografie Heinrich Hoffmann (1885-1957). (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-22046)
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Zerstörter Innenraum der Binswanger Synagoge. (bavarikon: Jüdisches Museum Augsburg, BIN-F-0003); lizenziert durch CC BY-SA 4.0
Mancherorts, etwa in Augsburg, wurden Synagogen und Bethäuser deswegen nicht niedergebrannt, weil Gefahr bestand, dass sich das Feuer auf die umliegende Bausubstanz ausbreiten könnte. Ab 1939 wurden diese zu Lagerhallen, Kinos oder Garagen zweckentfremdet. Auch vor jüdischen Begräbnisstätten machten die Täter während der Novemberpogrome keinen Halt. Sie beschmierten Grabsteine (Hebräisch: Matzevot), zertrümmerten sie oder stießen sie um und zerstörten Friedhofsgebäude.
Verwüstungen von Geschäftslokalen
Die Zerstörung religiöser Orte diente der endgültigen Tilgung der kulturellen Stätten jüdischen Lebens. Demgegenüber bezweckte die Verwüstung von Geschäftslokalen die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenzgrundlage der Juden. Neben ideologischen Motiven spielte auch die Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung eine Rolle. Allein in München wurden mindestens 196 Geschäfte demoliert und anschließend geschlossen.
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Das Textilkaufhaus Uhlfelder in München wurde am 9. November demoliert und geplündert, Foto vom 10. November 1938. (Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NS-00199)
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Plünderung des in der Pogromnacht verwüsteten Textilgeschäfts A. Hamburger in der Domstraße in Würzburg am 10. November 1938. (Staatsarchiv Kitzingen, Textilgeschäft A. Hamburger, StAWü, Gestapostelle Würzburg 814)
Neben der physischen Vernichtung des Inventars und dem Raub von Waren (auch durch Passanten) gehörte zu den Übergriffen auf Geschäfte auch deren äußerliche Stigmatisierung durch das Anbringen antisemitischer Parolen und Zeichen. Infolge der Novemberpogrome waren zahlreiche jüdische Geschäftsinhaber gezwungen, ihre Verkaufsräume und -häuser weit unter Wert an nichtjüdische Geschäftsleute zu veräußern, was den Prozess der sog. Arisierung stark beschleunigte.
Gewalt gegen Privatpersonen

Die Täter drangen vielerorts nachts gewaltsam in Privatwohnungen ein, zerrten deren jüdische Bewohner auf die Straße und/oder misshandelten sie. Wie bei den Überfällen auf Geschäfte kam es auch in Wohnungen zu Plünderungen, bei denen das Mobiliar und Wertgegenstände vernichtet oder entwendet wurden. Manche Männer, die im bayerischen Heer am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, versuchten, die Täter unter Vorzeigen ihrer militärischen Auszeichnungen von ihrer Gewalt abzuhalten. Umstehende Passanten beobachteten häufig das Geschehen und beteiligten sich an Raubaktionen in Geschäften oder Privatwohnungen. Auch wenn manche Zeitgenossen das Ausmaß der Gewalt missbilligten, kam es an keinem Ort zu nennenswerten Protesten.
In Extremfällen kam es zu gezielten Morden. Deren genaue Zahl lässt sich nicht mehr präzise belegen. Für ganz Bayern geht die Forschung von etwa 30 bis 50 Mordopfern aus; alleine in Nürnberg sind elf Opfer dokumentiert. Einer der prominentesten Fälle war der vorsätzliche Mord an dem Münchner Geschäftsmann Chaim Both (1876–1938), der an der Lindwurmstraße ein Kleidergeschäft geführt hatte und am 10. November bei der Heimkehr von einer Kulturveranstaltung in seiner Wohnung erschossen wurde. Aus Furcht vor der Gewalt oder unter dem unmittelbaren Eindruck des Erlebten und der nachfolgenden Repressionen nahmen sich allein in München 13 Juden, in Nürnberg zehn das Leben.
Massenverhaftungen jüdischer Männer
Während der Nacht vom 9./10. November und an den folgenden Tagen wurden auch die Gestapo, der Sicherheitsdienst der SS sowie die reguläre Polizei in die Gewaltmaßnahmen eingebunden.
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Auflauf von SA und Schaulustigen vor dem Haus von Willy Süßer (geb. 1894) in Karlstadt am 10. November 1938. (Stadtarchiv Karlstadt)
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Abführung jüdischer Bürger in Bamberg durch die SA am 10. November 1938. (Stadtarchiv Bamberg, BS 472 - H001 B002)
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Verhaftete Erlanger Juden im Innenhof des Rathauses am 10. November 1938, Foto: Werner Bösel. (Stadtarchiv Erlangen, VI.F.b.559 /3)
Aus dem gesamten süddeutschen Raum wurden etwa 11.000 männliche Juden bis zum Alter von 60 Jahren, im offiziellen Sprachgebrauch "Aktionshäftlinge", in das KZ Dachau verschleppt, aus Franken auch ins KZ Buchenwald. Davon stammten etwa 1.000 aus München, 160 aus Nürnberg und 130 aus Würzburg. Aus dem Regierungsbezirk Niederbayern-Oberpfalz sollen insgesamt 224 Juden ins KZ Dachau deportiert worden sein.
An manchen Orten wurden die Verhaftungsaktionen zu einem regelrechten Spießrutenlaufen inszeniert, bei dem sich die Betroffenen nicht nur der Gewalt der Staats- und Parteiorgane, sondern auch dem Spott der Umstehenden ausgesetzt sahen.
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Die Regensburger Juden mussten am 10. November 1938 einen demütigenden Schandmarsch durch die Innenstadt antreten. Im Anschluss daran brannte die SA die Neue Synagoge in der Schäffnerstraße nieder. (Stadt Regensburg, Bilddokumentation)
Während ihrer Haft starben allein im KZ Dachau 151 Juden an den Folgen von Misshandlung, Entkräftung und mangelhafter medizinischer Versorgung. Die Erlebnisse im Lager zogen nicht nur körperliche Verwundungen und Schäden nach sich, sondern auch Demütigungen und bleibende Traumata. Der endgültige Verlust der sozialen Gleichstellung zerstörte die psychische Konstitution zahlreicher Betroffener.
Die Freilassung aus der KZ-Haft wurde häufig von der Unterzeichnung von Erklärungen zum Eigentumsverzicht oder zur Emigration abhängig gemacht. Die Hoffnung auf Wiedererlangung der Freiheit bewog zahlreiche "Aktionshäftlinge" zu solchen Verpflichtungserklärungen.
Enteignung und Entmietung

Nach der offiziellen Einstellung der Ausschreitungen auf Weisung Goebbels’ am 10. November wurde am 12. November 1938 durch Beschluss einer von Hermann Göring (1893–1946) in seiner Funktion als Beauftragter des Vierjahresplans in Berlin einberufenen Konferenz allen Juden im Deutschen Reich eine "Judenvermögensabgabe" auferlegt. Die NS-Propaganda stellte sie offiziell als "Sühneleistung" für den Mord an Ernst von Rath dar, für die man die jüdische Bevölkerung in ihrer Gesamtheit verantwortlich machte. Die Kosten für das Beseitigen von Trümmern und für den Abbruch ausgebrannter Synagogenruinen wurden den jüdischen Gemeinden, die Behebung von Schäden in den Geschäftsräumen den jüdischen Eigentümern auferlegt. Versicherungsleistungen für die erlittenen Schäden durften die Betroffenen nicht in Anspruch nehmen; diese Mittel fielen der Staatskasse anheim. Damit schwanden die finanziellen Ressourcen und Ersparnisse der Betroffenen drastisch. Eine Form der konkreten Demütigung war die Verpflichtung zu Zwangsarbeit.
Jüdischen Geschäftsinhabern wurde durch die Zwangsenteignung im Zuge der "Arisierung" die Grundlage entzogen. Neue Geschäftszulassungen wurden nicht mehr genehmigt. Die Enteignung jüdischer Wohnungs- und Hausbesitzer sowie das Verbot, an Juden Wohnungen zu vermieten, führten ab dem Frühjahr 1939 vielerorts zur behördlich angeordneten Einweisung in "Judenhäuser" oder "Judenwohnungen", wobei mehrere Familien auf engstem Raum ghettoisiert leben mussten. Die nationalsozialistischen Parteistellen veranlassten die Streichung von Sozialleistungen (etwa Mietbeihilfen) an bedürftige Juden durch die Wohlfahrtsämter. Die Sozialfürsorge oblag damit ausschließlich den jüdischen Gemeinden, die mit dieser Aufgabe organisatorisch und finanziell hoffnungslos überfordert waren. Seitens der Justiz konnten die Juden in Deutschland nicht mit einer Verteidigung gegen die erfahrene Gewalt rechnen; im Gegenteil: die Gerichte deckten das Vorgehen der Täter und überließen die Opfer ihrem Schicksal.
Rechtliche Stellung der Juden nach dem 9. November 1938
Die rechtliche Position nach den Novemberpogromen definierte unter anderem die am 12. November 1938 verkündete Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben. Sie untersagte den Betrieb von Einzelhandels- oder Versandgeschäften oder Bestellkontoren sowie die Ausübung eines handwerklichen Berufs. Auch im öffentlichen Leben wurden Juden vollständig aus leitenden Positionen verdrängt. Ab dem 15. November 1938 war jüdischen Kindern der Besuch staatlicher Schulen endgültig untersagt. Als äußere Zeichen der Ausgrenzung mussten ab dem 1. Januar 1939 jüdische Männer den Namenszusatz "Israel" und Frauen "Sara" führen.
Nach dem November 1938 begann ein Überlebenskampf gegen die wirtschaftliche Vernichtung und die soziale Isolierung. In die Reisepässe von Juden stempelten die Behörden ein großes rotes "J", das sie auch gegenüber ausländischen Behörden brandmarkte. Lebten nach einer Zählung vom 15. Mai 1939 in Bayern 14.292 Juden, so reduzierte sich deren Zahl bis zum 1. August 1941 auf 9.856. Die Auswanderung ins europäische Ausland oder nach Übersee war an finanzielle Ressourcen gebunden, die vielen Familien durch die Zwangsabgaben und Enteignungen entzogen wurden. Sie konnten weder die Kosten für die Reise bestreiten noch das von vielen Einwanderungsländern erforderte Startkapital nachweisen. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs standen Ausreisewilligen ohnehin nur noch sehr wenige Länder als Emigrationsziele offen. Spätestens ab November 1941 gerieten die im Deutschen Reich verbliebenen Juden unausweichlich in den Mechanismus der Deportationen und der Shoah.
Ausblick
Die weitgehend ausbleibenden öffentlichen Missbilligungen der Exzesse zeigten den Verantwortlichen, dass sie fortan bei einer Radikalisierung der Maßnahmen nicht mit erheblichem Widerstand zu rechnen haben würden. Damit waren für das NS-Regime die letzten Schleusen der Zurückhaltung gebrochen. Aus verschiedenen autobiografischen Zeugnissen spricht zwar innere Empörung mancher Zeitgenossen über das Ausmaß der antijüdischen Gewalt. Allerdings äußerte sich diese nicht in effizienten Protesten oder Eingaben. In einigen Fällen versteckten Bauern oder Bürger verfolgte Juden und versorgten sie mit Lebensmitteln. Auch Einsprüche seitens der Kirchen blieben, abgesehen von individuellen Bekundungen weniger Geistlicher, aus. Die Vorfälle in München waren vor den Augen ausländischer konsularischer Vertretungen erfolgt; die Konsulate referierten ihre Eindrücke und die NS-Propaganda in Berichten an ihre Regierungen; die USA rief aus Protest ihren Botschafter aus Deutschland zurück, Großbritannien erleichterte jüdischen Kindern die Einreise.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Straftaten im Kontext des Novemberpogroms sowohl von den Spruchkammern als auch von der regulären Justiz verhandelt. Die einschlägigen Straftatbestände nach dem Strafgesetzbuch lauteten auf Landfriedensbruch, schwere Brandstiftung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Nötigung, aber auch Totschlag und Mord. Im Allgemeinen fiel das Strafmaß relativ mild aus, und die Amnestien von 1949 und 1954 ließen zahlreiche Straftaten ungesühnt.
Von wissenschaftlicher Seite sind die Ereignisse um den 9./10. November 1938 auf der Grundlage vielfältiger schriftlicher und mündlicher Quellen inzwischen in lokalen, regionalen und übergreifenden Studien gut dokumentiert. Mancherorts markieren Denkmäler und Gedenktafeln die Orte jüdischer Einrichtungen, die den Novemberpogromen anheimfielen, und sog. Stolpersteine die Schicksale jüdischer Individuen an ihren früheren Wohnadressen. Der 9. November wird seit den 1960er-Jahren in zahlreichen bayerischen Kommunen als Gedenktag für die Opfer der Verfolgung und der Shoah begangen, um sie auf diese Weise dem Vergessen zu entreißen.
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Im Jahr 2000 errichtete Gedenktafel am Alten Rathaus in München zur Reichspogromnacht 1938. (Foto Daniel Rittenauer)
Literatur
- Wolfgang Benz, Gewalt im November 1938. Die "Reichskristallnacht". Initial zum Holocaust, Berlin 2018.
- Roland Flade, Der Novemberpogrom von 1938 in Unterfranken. Vorgeschichte – Verlauf – Augenzeugenberichte, Würzburg 1988.
- Martin Gilbert, Kristallnacht. Prelude to Destruction, New York 2006.
- Hermann Graml, Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, München 1988.
- Raphael Gross, November 1938. Die Katastrophe vor der Katastrophe, München 2013.
- Andreas Heusler/Tobias Weger, "Kristallnacht". Gewalt gegen die Münchner Juden im November 1938, München 1998.
- Ekkehard Hübschmann/Helmut Paulus/Siegfried Pokorny, Physische und behördliche Gewalt. Die "Reichskristallnacht" und die Verfolgung der Juden in Bayreuth, Bayreuth 2000.
- Herbert Immenkötter, Zur sog. Reichskristallnacht in Augsburg, in: Johannes Burkhardt/Thomas Max Safley/Sabine Ullmann (Hg.), Geschichte in Räumen. Festschrift für Rolf Kießling zum 65. Geburtstag, Konstanz 2006, 13-23.
- Andreas Jakob (Hg.), "In der Nacht, in der die Judenaktion stattfand […]" Der Pogrom vom 9./10. November 1938 in Erlangen und seine juristische Aufarbeitung nach 1945, Erlangen 2011.
- Karol Jonca, "Noc kryształowa" i casus Herszela Grynszpana [= Die "Kristallnacht" und der Fall Herszel Grynszpan], Wrocław 1998.
- Friedrich Kraft, Kristallnacht in Bayern. Judenpogrom am 9. November 1938. Eine Dokumentation, München 1988.
- Johannes Laschinger, Judenpogrome in Weiden und Amberg 1938, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 128 (1988), 185-229.
- Manfred Mümmler, Der Pogrom zu Fürth. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in: Fürther Heimatblätter 38 (1988), 101-113.
- Helmut Paulus, Die "Reichskristallnacht" 1938 in Bayreuth, Bayreuth 1998.
- Alan E. Steinweis, Kristallnacht 1938. Ein deutscher Pogrom, Stuttgart 2011.
- Wolfgang Weiß, Die Reichspogromnacht im Raum Würzburg, in: Dominik Burkard/Erich Garhammer (Hg.), Christlich-jüdisches Gespräch – erneut in der Krise? (Würzburger Theologie 5), Würzburg 2011, 77-103.
Quellen
- Ben Barkos/Raphael Gross/Michael Lenarz (Hg.), Novemberpogrom 1938. Die Augenzeugenberichte der Wiener Library, London, Frankfurt am Main 2008.
- Susanne Heim (Bearb.), Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945/2: Deutsches Reich 1938 – August 1939. Berlin u. a. 2009.
- Herbert Schultheis, Die Reichskristallnacht in Deutschland nach Augenzeugenberichten, Bad Neustadt an der Saale 1985.
Weiterführende Recherche
- Schlagwortsuche im Online-Katalog des Bibliotheksverbundes Bayern
- Stichwortsuche in bavarikon
- Suche in der Bayerischen Bibliographie
Externe Links
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Novemberpogrome, Reichskristallnacht
Empfohlene Zitierweise
Tobias Weger, Reichspogromnacht (9./10. November 1938), publiziert am 02.10.2026; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reichspogromnacht_(9./10._November_1938)> (2.10.2026)