Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) befindet sich im sog. Haus der Kulturinstitute an der Katharina-von-Bora-Straße 10 in München. Hier haben neben dem ZI weitere Kulturinstitute ihren Sitz, darunter die Staatliche Antikensammlung und Glyptothek (Direktion), die Staatliche Graphische Sammlung, das Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke, das Institut für Ägyptologie der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie das Institut für Klassische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. (Fotografie: Daniel Schvarcz)
Das Logo des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. (Zentralinstitut für Kunstgeschichte)
Der große Lesesaal in der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte. (Zentralinstitut für Kunstgeschichte)

von Iris Lauterbach

Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) in München ist das einzige außeruniversitäre kunsthistorische Forschungsinstitut in der Bundesrepublik Deutschland. Es wurde 1946 aus dem Central Collecting Point (CCP) heraus gegründet und hat seinen Sitz im ehemaligen „Verwaltungsbau der NSDAP“ am Königsplatz in München. Als national wie international ausgerichtete und vernetzte Forschungseinrichtung und mit einem Programm wissenschaftlicher Veranstaltungen ist das ZI ein Ort der kunsthistorischen Forschung und des wissenschaftlichen Austausches. Mit einer der weltweit bedeutendsten und größten kunsthistorischen Fachbibliotheken (Stand 2022: etwa 700.000 Bände, 1.230 laufend gehaltene Zeitschriften, 75.000 Auktionskataloge), den Bildbeständen seiner Photothek (ca. 900.000 Medieneinheiten) sowie mit zahlreichen international genutzten Online-Angeboten und Datenbanken ist das ZI auch eine zentrale Service-Institution für die kunsthistorische Recherche. Seit 1979 steht das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in alleiniger Trägerschaft des Freistaats Bayern und ist demBayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst nachgeordnet.

Gründung

Die Gründung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte (ZI) in München geht auf eine spezifische institutionelle Konstellation der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Im ehemaligen Verwaltungsbau der NSDAP am Königsplatz in München war Anfang Juni 1945 durch die US-Militärregierung der Central Collecting Point (CCP) eingerichtet worden. Schon im Herbst 1945 beabsichtigte Craig Hugh Smyth (1915-2006), der erste Direktor des CCP, am Königsplatz ein internationales kunsthistorisches Forschungszentrum einzurichten, das die Bibliothek und Fotodokumentation des CCP übernehmen sollte. An den Gesprächen zur Konzeption des neuen Instituts nahmen außer den amerikanischen Kunstschutzoffizieren Smyth und Edwin C. Rae (1911-2002) einige der deutschen Kunsthistoriker am CCP teil: Hans Konrad Röthel (1909–1982), auf den wesentliche Überlegungen zu den Aufgaben und der Struktur des Instituts zurückgehen, sowie Erika Hanfstaengl (1912-2003), Ordenberg Bock von Wülfingen (1914-1960) und Karl Theodor Müller (1905-1996). Neben den beiden deutschen kunstgeschichtlichen Forschungsinstituten in Italien, dem 1897 gegründeten Kunsthistorischen Institut in Florenz und der 1913 gegründeten Bibliotheca Hertziana in Rom, entstand damit in München das einzige außeruniversitäre kunsthistorische Forschungsinstitut Deutschlands. Seine Errichtung wurde im November 1946 durch das bayerische Kultusministerium bekanntgegeben; im März 1947 nahm es seine Tätigkeit auf. Die Gründung stand im Zeichen der durch die US-Militärregierung betriebenen "Re-Education".

Leitung

Wolfgang Lotz (1912–1981) leitete das Institut von März 1947 an kommissarisch. Ludwig Heinrich Heydenreich (1903–1978) amtierte 1947-1970 als Gründungsdirektor des ZI. 1970-1989 folgte auf ihn Willibald Sauerländer (1924-2018). 1991-2017 war Wolf Tegethoff (*1953) Direktor des ZI (1989-1991 geschäftsführender Institutsdirektor, 2015-2017 gemeinsam mit Ulrich Pfisterer). Seit 2018 leitet Ulrich Pfisterer (*1968) das ZI.

Forschung

Das ZI ist dezidiert nicht einem nationalen Rahmen oder einer nationalen Aufgabenstellung verpflichtet. Die kunsthistorische Forschung am ZI ist thematisch gebündelt in die übergreifenden Gebiete "Objekt und Materialität", "Kunstgeschichte als Wissen und Wissenschaft", "Kunst im historisch-politischen Raum und globalen Kontext". Das "Studienzentrum zur Moderne - Bibliothek Herzog Franz" bietet darüber hinaus eine Forschungsplattform für Studien zur Kunst und Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die Forschung wird am ZI in verschiedenen Arbeitsbereichen, durch Projektgruppen und Einzelpersonen sowie Stipendiaten des Instituts geleistet. Sie besteht in Grundlagenforschung, Publikationstätigkeit und Veranstaltungen.

Seit 1948 gibt das Institut in Zusammenarbeit mit dem Nürnberger Fachverlag Hans Carl (geb. 1880) die Zeitschrift "Kunstchronik. Monatsschrift für Kunstwissenschaft, Museumswesen und Denkmalpflege" heraus. Zugleich ist sie das Nachrichtenorgan des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker. Seit 1951 war die Redaktion des "Reallexikons zur Deutschen Kunstgeschichte" (RDK), der umfassendsten realienkundlichen Enzyklopädie auf dem Gebiet der Kunstgeschichte, im Zentralinstitut für Kunstgeschichte angesiedelt. Seit 1970 ist sie eine der Abteilungen des Instituts und wurde 2011 in die "Forschungsstelle Realienkunde" umgewandelt.

2009 stiftete Herzog Franz von Bayern (geb. 1933) seine umfangreiche Bibliothek zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts dem ZI. Sie ist der Kern des "Studienzentrums zur Moderne - Bibliothek Herzog Franz von Bayern am Zentralinstitut für Kunstgeschichte".

Ein Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit des ZI in Kooperation mit nationalen und internationalen Partnerinstitutionen liegt heute auf dem Bereich "Provenienzforschung / Wert von Kulturgütern". Zu den Forschungsdatenbanken des ZI zählen "Farbdiaarchiv – Mitteleuropäische Wand- und Deckenmalerei, Stuckdekorationen und Raumausstattungen" (40.000 digitalisierte Farbdiapositive aus dem "Führerauftrag Monumentalmalerei" der Jahre 1943-1945); "GDK Research" (Bildbasierte Forschungsplattform zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen 1937-1944 in München), "RDK Labor" (Online-Plattform der Forschungsstelle Realienkunde).

Auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene arbeitet das ZI mit einer Vielzahl von Institutionen, Netzwerken, einzelnen Wissenschaftlern und zahlreichen Förderern eng zusammen. Es handelt sich um Partner in anderen Forschungsinstituten, an den Universitäten und Hochschulen, Akademien und Museen, in den Landesämtern für Denkmalpflege und Schlösserverwaltungen. Wissenschaftliche Mitarbeiter des ZI sind regelmäßig in der universitären Lehre an verschiedenen Hochschulen tätig.

Das ZI vergibt verschiedene Stipendien und bietet einer Anzahl von Stipendiaten, die durch in- und ausländische Institutionen gefördert werden, einen privilegierten Arbeitsplatz.

Bibliothek

Mit ihrem Bestand von etwa 700.000 Bänden, darunter die Bibliothek Herzog Franz von Bayern zur Kunst der Moderne, 12.300 laufend abonnierten Zeitschriften und 75.000 Auktionskatalogen zählt die Bibliothek des ZI zu den weltweit größten kunsthistorischen Fachbibliotheken. Sie ist überwiegend im Freihandsystem zugänglich. Das Sammelprofil deckt die gesamte Kunstgeschichte der westlichen Hemisphäre vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart ab. Mit gezielt geförderten Schwerpunkten im Sammlungsbestand wie der Kunst Frankreichs und der ost- und südosteuropäischen Länder, Kunsttheorie und Wissenschaftsgeschichte, Ikonographie, Kunst und Architektur des 20./21. Jahrhunderts und architekturtheoretischen Quellenschriften verfügt die Bibliothek über zum Teil unikale Bestände (etwa die Sammlung von Vitruv-Ausgaben aus der Sammlung Bodo Ebhardt [1865-1945]). Durch Akquisition und dank Schenkungen entstanden im Bereich der Moderne bedeutende Bestandszuwächse: etwa durch die Bibliothek von Herzog Franz von Bayern oder eine Sammlung von Künstlerbüchern und -zeitschriften der französischen 'Underground'-Graphikszene. Die über 1.500 Medieneinheiten dieser "Graphzines" im Bestand des ZI dürften die bedeutendste Sammlung in öffentlichem Besitz darstellen.

Der vom ZI im Verbund mit den deutschen universitätsunabhängigen kunsthistorischen Forschungsinstituten in Florenz (Kunsthistorisches Institut Florenz, Max-Planck-Institut), Paris (Deutsches Forum für Kunstgeschichte, Max-Weber-Stiftung) und Rom (Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte) sowie dem Bibliotheks-Verbund Bayern geführte Bibliothekskatalog "kubikat" ist die größte kunsthistorische Bibliotheksdatenbank weltweit.

Photothek

Die Photothek ist international eine der größten photographischen Studiensammlungen zur europäischen Kunstgeschichte vom frühen Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert. Sie entstand durch gezielte Ankäufe, durch Schenkungen und Nachlässe. Die Sammlung ist im Freihandsystem aufgestellt: Topographie (Architektur und Städtebau, alphabetisch nach Ländern und Orten), Künstler (bildende Kunst, alphabetisch nach Namen), Museumstopographie (anonyme Werke in Sammlungen, alphabetisch nach Orten), Buchmalerei (nach Orten), Kunstgewerbe (nach Material und Aufbewahrungsorten).

Die Photothek verfügt über circa 900.000 Medieneinheiten. Neben circa 770.000 Schwarzweiß-Abzügen, darunter viele historisch wertvolle Aufnahmen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, besitzt die Sammlung eine große Anzahl von Farbdiapositiven und Negativen, die weitgehend auch in digitaler Form vorliegen. Schwerpunkte sind die Topographie Deutschlands, Kathedralbaukunst Deutschlands und Frankreichs, Mitteleuropäische Wand- und Deckenmalerei, Tafelmalerei der Vor-Dürer-Zeit, Mittelalterliches Kunstgewerbe, Buchmalerei, Werke der NS-Kunst.

Publikationen

Die Publikationen des ZI, die es alleine oder zusammen mit anderen Institutionen herausgibt, umfassen sowohl Einzelpublikationen als auch laufende Publikationen (Kunstchronik, Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst, RIHA Journal,Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte) und mehrere Schriftenreihen: Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München; Schriftenreihe des Studienzentrums zur Moderne – Bibliothek Herzog Franz von Bayern am Zentralinstitut für Kunstgeschichte; Studien zur Architektur der Moderne und industriellen Gestaltung; Schriften der Forschungsstelle Realienkunde. Die Forschungsstelle Realienkunde publiziert auf der Online-Plattform "RDK Labor".

Literatur

  • Wolfgang Augustyn/Iris Lauterbach u.a. (Hg.), ZI 75 - Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Zum 75-jährigen Bestehen (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München 62), München 2022.
  • Rüdiger Hoyer, Die Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, in: Bibliotheksforum Bayern, hg. von der Bayerischen Staatsbibliothek, 31/1 (2003), 26–70.
  • Iris Lauterbach (Konzeption und Redaktion), Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München 11), München 1997.
  • Iris Lauterbach, Der Central Collecting Point in München. Kunstschutz, Restitution, Neubeginn, Berlin/München 2015, 175-183. [mit ausführlichen Literatur- und Quellenangaben]
  • Iris Lauterbach, Die Gründung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, 2003, in: Christian Drude/Hubertus Kohle (Hg.), 200 Jahre Kunstgeschichte in München (Münchener Universitätsschriften des Instituts für Kunstgeschichte 2), München/Berlin 2003, 168-181.
  • Craig Hugh Smyth, A new Institute for Art History in Munich, in: College Art Journal 6 (1946/47), 298–300.

Quellen

  • Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Jahresberichte, München 1949/50ff.

Externe Links

ZI

Empfohlene Zitierweise

Iris Lauterbach, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, publiziert am 4.10.2016; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Zentralinstitut_für_Kunstgeschichte> (30.01.2023)






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