Raubritter

Erwähnung des Wortes Raubritter 1672. (aus: Christian August Pfalz, Abominatio desolationis Turcicae, Prag 1672, S. 252)
Der legendäre Raubritter Eppelein von Gailingen (gest. 1381) entkommt durch einen Sprung von der Nürnberger Burg. Ein angeblich von diesem Sprung rührender Hufabdruck in der Sandsteinmauer der Burggrafenburg wird bis heute gezeigt. (aus: Franz Trautmann, Eppelein von Gailingen, Frankfurt am Main 1852, nach S. 48)
Bekanntester Raubritter Oberbayerns ist der sagenhafte Heinz von Stein, der in der Höhlenburganlage von Stein an der Traun (Stadt Traunreut, Lkr. Traunstein) zahlreiche junge Mädchen, Kaufleute und Bauern gefangen hielt und hinrichten ließ. Die Sage wurde erstmals 1782 durch den Priester und Aufklärer Lorenz Hübner (gest. 1807) in einem Theaterstück "Hainz von Stain, der Wilde" verarbeitet. Hübner verwendet zwar nicht das Wort Raubritter, wohl aber Räuber und Raubschloss. Bis heute spielt der Raubritter, der Zähne wie ein Eber gehabt haben soll, eine zentrale Rolle für den Tourismus und das Marketing der örtlichen Schlossbrauerei. Das Etikett greift auf ein Gemälde des 19. Jahrhunderts zurück. (Schlossbrauerei Stein)

von Kurt Andermann

Unter Raubrittern versteht man Adelige, die angeblich im späten Mittelalter aufgrund des allgemeinen gesellschaftlichen Wandels und der veränderten Kriegstechnik in Not geraten wären und daher versucht hätten, ihre Existenz durch Raub und Plünderung zu sichern. Das Wort "Raubritter" ist in der deutschen Sprache seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert allgemein bekannt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts etablierte es sich dauerhaft, da es sowohl zur bürgerlichen als auch zur sozialistischen Adelskritik passte. Für die wissenschaftliche Erforschung des Mittelalters ist der Begriff unbrauchbar.

Bedeutung des Begriffs

Raubritter waren nach landläufiger Vorstellung Angehörige des niederen, ritterbürtigen Adels, die infolge des zunehmenden Verlusts militärischer Funktionen sowie aufgrund des im späten Mittelalter tiefgreifenden Wandels in Herrschaft, Gesellschaft und Wirtschaft, vor allem durch die Folgen des Übergangs von der Natural- zur Geldwirtschaft, in Not geraten waren. Ihre prekäre Situation versuchten sie - so die populäre Meinung - durch Straßenraub sowie durch Beutemachen in mutwillig angezettelten Fehden und Überfällen insbesondere auf Städte und Kaufmannszüge zu verbessern.

Entstehung und Verbreitung

Der Begriff als solcher lässt sich zwar schon 1672 nachweisen (Christian August Pfalz, Abominatio desolationis Turcicae, Prag 1672, 47 u. ö.), fand aber erst seit dem späteren 18. Jahrhundert eine weitere Verbreitung. Allerdings hatten schon früher viel gelesene Ritterromane und aufklärerische Geschichtswerke die Gestalt des räuberischen Ritters und Plackers unter die Leute gebracht. Die erzählenden, naturgemäß zumeist parteilichen Quellen des späten Mittelalters sprechen in diesbezüglichen Kontexten, in denen es freilich mitnichten allein um Auseinandersetzungen zwischen landgesessenem Adel und städtischem Bürgertum ging, gewöhnlich von "raptores", "predones", "latrones", "spoliatores" oder "räubern" und bezeichnen deren Burgen bisweilen als "raubheußer".

Als die griffige Bezeichnung "Raubritter" einmal in der Welt war, fand sie, wohl nicht zuletzt wegen ihres in der deutschen Sprache so beliebten alliterierenden Charakters, rasch Eingang in die bildungsbürgerliche Literatur. Das "Staats-Lexikon" von Karl von Rotteck (1775-1840) und Karl Theodor Welcker (1790-1869) aus dem Jahr 1835/48, Friedrich Christoph Schlossers (1776-1861) "Weltgeschichte für das deutsche Volk" (1844/56), die weit verbreitete Weltgeschichte von Karl Friedrich Becker (1777-1806) (1867) und Spamers illustrierte Weltgeschichte (1893-1898) sowie viele andere Werke trugen zu seiner Popularisierung bei. Gustav Freytag (1816-1895) fügte noch das Bild von den die städtischen Mauern umschwärmenden Raubvögeln hinzu (1859/67). Die Burgenromantik und die mit ihr verbundenen Sagen taten ein Übriges.

Seine Eignung für die politische Polemik bewährte der "Raubritter" erstmals im Vormärz und in der Revolution von 1848/49, als beispielsweise Gustav Struve (1805-1870) sich beklagte: "Wir leben im 19. Jahrhundert; die Burgen der Raubritter sind gefallen, allein die Lasten, welche sie ihren Grundholden aufgelegt, bestehen noch immer fort" (1847). Zunächst wurde auf solche Weise nur der Adel kritisiert und diffamiert. Inzwischen aber beschimpfen sich längst Kontrahenten aller weltanschaulichen Richtungen wechselseitig als Raubritter, wenn es gilt, die Berechtigung von Steuern, Gebühren, Mieten, Preisen, Löhnen und dergleichen mehr in Zweifel zu ziehen und dabei den politischen Gegner zu diskreditieren.

Theoretische Fundierung durch den Marxismus

Friedrich Engels (1820-1895) verwendete zwar nicht den Begiff, lieferte jedoch im Rahmen seiner Schrift über den deutschen Bauernkrieg (1850) die sozioökonomische Begründung für den Raubritter, die seither nicht allein im sozialistischen, sondern – vielfach unbedacht – auch im bürgerlichen Lager fortwirkt und bis ins spätere 20. Jahrhundert selbst in der wissenschaftlichen Literatur gängiges und nur selten einmal kritisch reflektiertes Klischee war: "Der niedere Adel, die Ritterschaft, ging ihrem Verfall rasch entgegen. Ein großer Teil war schon gänzlich verarmt und lebte bloß von Fürstendienst in militärischen oder bürgerlichen Ämtern; ein anderer stand in der Lehenspflicht und Botmäßigkeit der Fürsten; der kleinere war reichsunmittelbar. Die Entwicklung des Kriegswesens, die steigende Bedeutung der Infanterie, die Ausbildung der Feuerwaffe beseitigte die Wichtigkeit ihrer militärischen Leistungen als schwere Kavallerie und vernichtete zugleich die Uneinnehmbarkeit ihrer Burgen. Gerade wie die Nürnberger Handwerker wurden die Ritter durch den Fortschritt der Industrie überflüssig gemacht. Das Geldbedürfnis der Ritterschaft trug zu ihrem Ruin bedeutend bei. Der Luxus auf den Schlössern, der Wetteifer in der Pracht bei den Turnieren und Festen, der Preis der Waffen und Pferde stieg mit den Fortschritten der gesellschaftlichen Entwicklung, während die Einkommensquellen der Ritter und Barone wenig oder gar nicht zunahmen. Fehden mit obligater Plünderung und Brandschatzung, Wegelagern und ähnliche noble Beschäftigungen wurden mit der Zeit zu gefährlich." (Karl Marx/Friedrich Engels, Werke 7, Berlin-Ost 1960, 333)

Wissenschaftliche Bewertung

Tatsächlich verbinden sich im Raubritter-Begriff sowohl linke als auch bürgerliche Feudalismuskritik einerseits und ein tiefes Unverständnis im Umgang mit der uns fremden Staatlichkeit des späten Mittelalters andererseits. War doch die "rechte Fehde" als ultimatives Rechtsmittel und Instrument der bewaffneten Selbsthilfe ein an sich unumstrittenes Element der mittelalterlichen Verfassung, keineswegs aber Ausdruck von Entartung oder Verfall. Insofern ist es auch nicht gerechtfertigt, das Rechtsempfinden fehdeführender Adliger kurzerhand als vordergründige Verbrämung materieller Interessen abzutun, umso weniger, als durch jüngere Forschungen nachgewiesen ist, dass die wirtschaftlichen und sozialen Prämissen des gängigen Raubritterbildes in ihrer vielzitierten Pauschalität überhaupt nicht zutreffen.

Obgleich das Fehderecht – auch durch Fürsten und Städte – zweifellos sehr oft missbräuchlich angewendet wurde, geht es bei der Beurteilung des sogenannten Raubrittertums letztlich weniger um die immer von neuem erörterte Frage nach rechter oder unrechter Fehde als vielmehr grundsätzlich um die Einschränkung und endliche Ausschaltung der bewaffneten Selbsthilfe, insbesondere der Fehde, im Zuge der Entwicklung und Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols seitens der Landesherren wie auch der großen Städte, denen der Kampf gegen die ritterliche Gewaltanwendung nicht zuletzt als Mittel der Durchsetzung und Selbstbehauptung im allgemeinen Prozess der Territorialisierung diente. Nach dem erfolglosen Bemühen der vielfältigen hoch- und spätmittelalterlichen Landfriedensbestrebungen führten die Reichslandfriedensgesetzgebung seit 1495 (Ewiger Landfriede) und die Reichsexekutionsordnung (1512/55) im Lauf der Frühen Neuzeit zur Kriminalisierung der Ritterfehde und zur Monopolisierung der Gewaltanwendung auf Seiten der fürstlichen Landesstaaten und schufen so letztlich die Voraussetzung für die Entstehung des Begriffs "Raubritter", der freilich für den Gebrauch im wissenschaftlichen Diskurs untauglich ist.

Literatur

  • Gadi Algazi, Herrengewalt und Gewalt der Herren im späten Mittelalter. Herrschaft, Gegenseitigkeit und Sprachgebrauch (Historische Studien 17), Frankfurt am Main 1996.
  • Kurt Andermann, Adelsfehde zwischen Recht und Unrecht. Das Beispiel der Dohna-Fehde, in: Martina Schattkowsky (Hg.), Die Familie von Bünau. Adelsherrschaften in Sachsen und Böhmen vom Mittelalter bis zur Neuzeit (Studien zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 27), Leipzig 2008, 151-166.
  • Kurt Andermann (Hg.), "Raubritter" oder "Rechtschaffene von Adel"? Aspekte von Politik, Friede und Recht im späten Mittelalter (Oberrheinische Studien 14), Sigmaringen 1997.
  • Ulrich Andermann, Ritterliche Gewalt und bürgerliche Selbstbehauptung. Untersuchungen zur Kriminalisierung und Bekämpfung des spätmittelalterlichen Raubrittertums am Beispiel norddeutscher Hansestädte (Rechtshistorische Reihe 91), Frankfurt am Main 1991.
  • Otto Brunner, Land und Herrschaft. Grundfragen der territorialen Verfassungsgeschichte Österreichs im Mittelalter, Darmstadt 5. Auflage 1965.
  • Regina Görner, Raubritter. Untersuchungen zur Lage des spätmittelalterlichen Niederadels, besonders im südlichen Westfalen (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen 22 – Geschichtliche Arbeiten zur westfälischen Landesforschung 18), Münster in Westfalen 1987.
  • Alexander Patschovsky, Fehde im Recht. Eine Problemskizze, in: Christine Roll (Hg.), Recht und Reich im Zeitalter der Reformation. Festschrift für Horst Rabe, Frankfurt am Main u. a. 2. Auflage 1997, 145-178.
  • Christine Reinle, Bauernfehden. Studien zur Fehdeführung Nichtadliger im spätmittelalterlichen römisch-deutschen Reich, besonders in den bayerischen Herzogtümern (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beiheft 170), Wiesbaden 2003.
  • Christine Reinle, Fehden und Fehdenbekämpfung am Ende des Mittelalters. Überlegungen zum Auseinandertreten von "Frieden" und "Recht" in der politischen Praxis zu Beginn des 16. Jahrhunderts am Beispiel der Absberg-Fehde, in: Zeitschrift für historische Forschung 30 (2003), 355-388.
  • Peter Ritzmann, "Plackerey in teutschen Landen". Untersuchungen zur Fehdetätigkeit des fränkischen Adels im frühen 16. Jahrhundert und ihrer Bekämpfung durch den Schwäbischen Bund und die Reichsstadt Nürnberg, insbesondere am Beispiel des Hans Thomas von Absberg und seiner Auseinandersetzung mit den Grafen von Oettingen (1520-1531), Diss. phil. München 1995.
  • Werner Rösener, Zur Problematik des spätmittelalterlichen Raubrittertums, in: Helmut Maurer/Hans Patze (Hg.), Festschrift für Berent Schwineköper, Sigmaringen 1982, 469-488.
  • Matthias Zender, Volkserzählungen als Quelle für Lebensverhältnisse vergangener Zeiten (1970), in: Matthias Zender (Hg.), Gestalt und Wandel. Aufsätze zur rheinisch-westfälischen Volkskunde und Kulturraumforschung, Bonn 1977, 414-454.
  • Hillay Zmora, State and nobility in early modern Germany. The knightly feud in Franconia. 1440 to 1567, Cambridge 1997.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Kurt Andermann, Raubritter, publiziert am 09.05.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Raubritter> (25.02.2018)