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Fremdsprachenunterricht (19./20. Jahrhundert)

Englische Übersetzungsübungen des 19. Jahrhunderts. Der Autor war Professor für englische Sprache am königlichen Kadetten-Korps in München. (aus: J.S.S. Rothwell, Englisches Uebersetzungs-Buch, München 1845, S. 65)
Englischunterricht um 1930: Das Lehrbuch zweier Münchner Dozenten enthält auch Bilder zu Alltag und Landeskultur der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. (aus: Alfred Bernhard/Wilfrid H. Wells, Englisches Lehrbuch. Kurzausgabe der fünften und sechsten Stufe, München 1930)

von Friederike Klippel

Anfang des 19. Jahrhunderts wurden vorwiegend die alten Sprachen Griechisch und Latein unterrichtet und diese ausschließlich an höheren Schulen. Wichtigste lebende Fremdsprache war anfangs Französisch (Pflichtfach ab 1854), das 1923 durch Englisch als erste Fremdsprache abgelöst wurde. Rasch entwickelte sich Englisch zur dominierenden Fremdsprache vor Latein und Französisch. Fremdsprachenunterricht war lange Zeit Privileg der höheren Schulen. Erst 1964/65 wurde Englisch als Pflichtfach in Haupt- und Realschulen eingeführt, 2004 auch an Grundschulen.

Grundsätzliches

Im schulischen Fremdsprachenunterricht werden alte und moderne Sprachen gelehrt; Fremdsprachenunterricht gibt es an Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen. Die Entwicklung des schulischen Fremdsprachenunterrichts ist eng mit folgenden Faktoren verknüpft.

  1. Ausformung des Schulwesens in klar konturierte Schultypen mit spezifischen Bildungszielen.
  2. Wechselnden Wertschätzungen für bestimmte Sprachen aufgrund politischer Ereignisse und Prozesse.
  3. Wandel von Bildungs- und Erziehungszielen innerhalb der Gesellschaft.

Für die Entwicklung des schulischen Fremdsprachenunterrichts in Bayern lassen sich für die vergangenen 200 Jahre vier Phasen unterscheiden:

  • Das 19. Jahrhundert mit einer Dominanz der alten Sprachen
  • Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts mit dem Aufschwung der modernen Fremdsprachen unter kulturkundlicher Perspektive
  • Die politische Indienstnahme der Sprachvermittlung durch die Nationalsozialisten
  • Die Zeit nach 1945

Im allgemeinen gilt die Entwicklung in Preußen als die "prototypische". Allerdings war der Englischunterricht insbesondere in den Handelsstädten an der Küste früher verbreitet als im preußischen Hinterland. Die süddeutschen Staaten nahmen die modernen Fremdsprachen mit etwas Verzögerung in ihre Schulen auf.

19. Jahrhundert

Im gesamten 19. Jahrhundert wurden an den höheren Knabenschulen neben den alten Sprachen Latein und Griechisch auch die lebenden Fremdsprachen, vor allem Französisch, unterrichtet, wenn auch in wesentlich geringerem Umfang und meist erst an dritter Position nach Latein. Während Latein und Griechisch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch mehr als zwei Drittel der gesamten Unterrichtszeit am humanistischen Gymnasium beanspruchten, wuchs mit dem Ausbau der Realanstalten (Gewerbeschulen, Realgymnasien, Oberrealschulen) nicht nur die Bedeutung der naturwissenschaftlich-technischen Fächer, sondern auch die der neueren Fremdsprachen: 1854 wurde Französisch Pflichtfach an bayerischen Gymnasien. Der Französischunterricht umfasste jedoch lediglich zwei Wochenstunden in den letzten vier Schuljahren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Englisch und Italienisch als fakultative Fächer zugelassen.

Mit zeitlicher Verzögerung erfolgte die Ausbildung der Lehrer für diese Sprachen (Klippel, Englischlernen). Zwar wurde schon 1838 im Zuge der Verwissenschaftlichung der Lehrerbildung das Lehramt für neuere Sprachen geschaffen und ab 1854 auch als gymnasiales Lehramt anerkannt (Neuerer, Das höhere Lehramt, 100ff., 154). Doch erst im letzten Drittel des Jahrhunderts entstanden neuphilologische Professuren und Seminare an den Universitäten (z. B. München: Berufung von Hermann Breymann [1843-1910] 1875, Seminargründung 1876; vgl. Riedl, Aspekte; Finkenstaedt, Kleine Geschichte), womit Lehrerbildung und Forschung etabliert wurden. Die steigende Bedeutung des Unterrichts in den lebenden Sprachen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte, spiegelt sich in der Zunahme und stärkeren Differenzierung der Lehrmaterialien (Schröder, Lehrwerke) sowie der wachsenden Regulierung des Unterrichts durch immer umfangreichere Lehrpläne (Christ/Rang, Fremdsprachenunterricht 1985).

In der Mädchenbildung hatten die Klassischen Sprachen keinen Platz, weil das damalige Frauenbild Mädchen als nicht geeignet bzw. berechtigt erachtete, sich formale und humanistische Bildung durch die Beschäftigung mit lateinischer und griechischer Sprache sowie mit den Literaturen und Kulturen des klassischen Altertums anzueignen (Doff, Englischlernen). Mädchen lernten in erster Linie Französisch, und zwar anders als die Knaben mit dem kommunikativen Ziel der praktischen Sprachbeherrschung.

Erstes Drittel 20. Jahrhundert

Am Beginn des 20. Jahrhunderts waren die neueren Fremdsprachen mit eigenen Bildungszielen im Schulwesen verankert, wenngleich die alten Sprachen am Gymnasium auch 1914 weiter dominierten (Latein 63 Std.; Griechisch 36 Std., Französisch 13 Std.; Englisch fakultativ 6 Std.; vgl. Christ/Rang, Fremdsprachenunterricht, VII: 57). Allerdings war es nun möglich, auf der Oberrealschule ohne Latein- und Griechischunterricht das Abitur zu erlangen. Eine Angleichung von Knaben- und Mädchenbildung erfolgte insofern, als Latein und Griechisch im Rahmen humanistischer Gymnasialkurse ab 1911 auch an Mädchenschulen angeboten wurden (Christ/Rang, Fremdsprachenunterricht, V: 142f.).

Ab 1923 löste Englisch das Französische als erste moderne Fremdsprache ab. Damit begann im bayerischen Schulwesen die führende Rolle dieser Sprache, die sich bis in die Gegenwart festigte. Lehrpläne und Lehrbücher legten im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunehmend Wert auf das Üben praktischen Sprachkönnens, wodurch das Übersetzen zurückgedrängt wurde. Unterrichtsinhalte waren Vorgänge des Alltagslebens für Anfänger und literarische sowie landes-/kulturkundliche Texte für die Lektüre, deren Ziel es war, "Verständnis für das Geistes- und Kulturleben des fremden Volkes anzubahnen" (Lehrprogramm 1901 in Christ/Rang, Fremdsprachenunterricht, II: 87).

Fremdsprachen 1933-1945

Zwischen 1933 und 1945 war der Unterricht in den modernen Sprachen den Bestrebungen nationalsozialistischer Bildungspolitik untergeordnet. Englisch erhielt den Status der ersten Fremdsprache (neben Latein an humanistischen Gymnasien) und wurde inhaltlich durch Lektüreauswahl und Lehrbuchgestaltung ab Ende der 1930er Jahre politisiert. Da die 1938/39 getroffenen Festlegungen für das ganze Reich verbindlich waren, gab es keinen Spielraum für regionale Sonderwege (Lehberger, Englischunterricht).

Fremdsprachenunterricht nach 1945

Nach 1945 knüpfte die Schulsprachenpolitik in gewisser Weise an den Gegebenheiten vor 1933 an; im dreigliedrigen Schulwesen war Unterricht in den alten Sprachen nur am Gymnasium, in den lebenden Sprachen an Gymnasien und Mittelschulen (ab 1965 Realschulen) verankert. Im Vollzug des Hamburger Abkommens (1964) etablierte sich Englisch auch an den Hauptschulen (Seibert, Geschichte). Damit erhielt das Fach Englisch Hauptfachstatus in den weiterführenden Schulen. Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde dieser durch die Einführung des Fremdsprachenunterrichts in der Grundschule (zunächst als Schulversuch überwiegend mit Englisch-, aber auch Französisch- und Italienischunterricht), 2004 durch den verpflichtenden Englischunterricht ab Klasse 3 bekräftigt. Im Gymnasium stiegen zwischen 1963 und 2004 die Schülerzahlen auf das Fünffache, und die Statistiken belegen einen stetigen Rückgang des Interesses an den alten Sprachen sowie eine Zunahme beim Englischunterricht und - gegen Ende des Jahrhunderts - auch bei Italienisch und vor allem Spanisch.

Tabelle: Entwicklung der Teilnahme am fremdsprachlichen Unterricht in bayerischen Gymnasien

Jahr Schülerzahl insgesamt Latein Griechisch Englisch Französisch Italienisch Spanisch Russisch andere Fremdsprachen
1963/64 141.125 59,4% 10,6% 79,7% 31,3% 0,6% 0,5% 0,6% 0,1%
1971/72 283.426 54,8% 3,5% 86,6% 29,8% 0,5% 0,4% 0,5% 0,0%
1979/80 311.785 50,3% 2,3% 87,3% 33,7% 1,0% 0,5% 0,4% 0,4%
1997/98 532.141 41,3% 1,3% 91,6% 34,4% 2,0% 1,7% 0,4% 1,4%
2005/06 641.912 46,4% 1,0% 94,4% 36,7% 1,6% 3,6% 0,1% 0,1%

Dem Unterricht in den modernen Fremdsprachen kommt nach zwei Weltkriegen die Aufgabe zu, durch Hinführung zu den fremden Kulturen, durch Förderung von Sprachkompetenz und Kenntnis der Landeskunde friedensstiftend zu wirken. Neben der funktionalen Sprachbeherrschung, die mit der so genannten kommunikativen Wende Mitte der 1970er Jahre ins Zentrum der Lehrpläne rückt, spielt durchgängig auch das interkulturelle Lernen eine wesentliche Rolle bei der Unterrichts- und Lehrmaterialgestaltung. Insbesondere die modernen Sprachen profitieren von den technischen Entwicklungen nach 1945, indem auditive, visuelle, audiovisuelle und digitale Medien die Begegnung mit authentischer Sprache und Kultur sowie den direkten Austausch ermöglichen.

Die Lehrerbildung in den modernen Sprachen ist nach erfolgter Eingliederung der Pädagogischen Hochschulen in die Universitäten in den 1980er Jahren für alle Lehrämter rein universitär. Zwar werden Auslandsstudien (z. B. Erasmus-Programm, Lehrassistentenjahr) zunehmend erleichtert, doch bleibt ein für alle zukünftigen Fremdsprachenlehrer verpflichtender Auslandsaufenthalt im Land der studierten Sprache seit Ende des 19. Jahrhunderts ein Desiderat.

Literatur

  • Herbert Christ/Hans-Joachim Rang (Hg.) Fremdsprachenunterricht unter staatlicher Verwaltung 1700-1945, Tübingen 1985.
  • Sabine Doff, Englischlernen zwischen Tradition und Innovation. Fremdsprachenunterricht für Mädchen im 19. Jahrhundert, München 2002.
  • Thomas Finkenstaedt, Kleine Geschichte der Anglistik in Deutschland, Darmstadt 1983.
  • Friederike Klippel, Englischlernen im 18. und 19. Jahrhundert. Die Geschichte der Lehrbücher und Unterrichtsmethoden, Münster 1994.
  • Reiner Lehberger, Englischunterricht im Nationalsozialismus, Tübingen 1986.
  • Max Liedtke (Hg.), Handbuch der Geschichte des bayerischen Bildungswesens. Bände 2/3/4, Bad Heilbrunn 1993-1997.
  • Karl Neuerer, Das höhere Lehramt in Bayern im 19. Jahrhundert, Berlin 1978.
  • Michael Riedl, Hermann Breymann. Aspekte eines Gelehrtenlebens im Kontext der neusprachlichen Reformdiskussion, München 2004.
  • Konrad Schröder, Lehrwerke für den Englischunterricht im deutschsprachigen Raum 1665-1900, Darmstadt 1975.
  • Norbert Seibert, Die Geschichte des bayerischen Bildungswesens von 1964 bis 1990, in: Max Liedtke (Hg.), Handbuch der Geschichte des bayerischen Bildungswesens. 3. Band: Geschichte der Schule in Bayern. Von 1918 bis 1990, Bad Heilbrunn 1997, 747-840.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Englischunterricht, Französischunterricht, Lateinunterricht, Griechischunterricht

Empfohlene Zitierweise

Friederike Klippel, Fremdsprachenunterricht (19./20. Jahrhundert), publiziert am 23.07.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fremdsprachenunterricht (19./20. Jahrhundert)> (21.09.2018)