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Ethnogenese/ethnische Identität

Sogenannte Steirische Völkertafel ("Kurze Beschreibung der In Europa Befintlichen Völckern Und Ihren Aigenschafften"), entstanden 1. Drittel 18. Jh. in der Steiermark, Österreich. (Volkskundemuseum Wien / Foto: Birgit&Peter Kainz, faksimile digital, lizensiert durch CC BY-NC-SA 4.0)

von Roland Steinacher

Ethnische Identität ist nicht - wie lange angenommen - eine anthropologische Konstante, sondern ein dynamisches, historisches und soziales Phänomen. Sie fußt auf Abgrenzung und Konkurrenz sozialer Gruppen untereinander und wird aus Faktoren wie Abstammung, Sprache, Religion oder gemeinsamen kulturellen Elementen konstruiert. Sie dient der sozialen Sinngebung sowie der Schaffung unterscheidbarer sozialer Gruppen. So wurden in der Antike zunächst außerhalb der griechischen oder römischen Gemeinschaft lebende barbarische Gruppen ethnisch benannt. Später spielten ethnische Bezeichnungen in den barbarischen Nachfolgereichen auf römischem Reichsboden eine bedeutende Rolle. Da aus christlicher Sicht die Vielheit der Völker dem göttlichen Heilsplan entsprach, kam es bereits während des frühen Mittelalters zu einer positiven Transformation heidnisch-gentiler Begrifflichkeit, die bis zur Entstehung der modernen Nationen im 18./19. Jahrhundert weiterwirkte und noch im 20. Jahrhundert die Vorstellung von der Völkerwanderung prägte.

Der Begriff der Ethnogenese ("Volkswerdung") steht ab den 1960er Jahren für die Einsicht, dass spätantik-frühmittelalterliche "Stämme" nicht Teile von Altvölkern (z. B. Indogermanen) waren, sondern sich ständig wandelnde und neu definierende Gruppen. Der Begriff ist nicht unproblematisch, weil er weiterhin eine naturgegebene, historisch-prozesshafte Entstehung von Ethnien suggeriert, die die aktive Wirkung äußerer identitätsstiftender Faktoren ausblendet. In der modernen Forschung wird er kritisch gesehen, da er vielfach ohne Auseinandersetzung mit der Bedeutung, die er seit dem 19. Jahrhundert im marxistischen und sowjetischen Diskurs besaß, weiterverwendet wird.

Allgemeine Problematik

Seit der frühen Neuzeit standen geschichtsmächtige Gruppen im Zentrum historischer Meistererzählungen. Vor allem die Umgestaltung der römischen Welt zwischen Antike und Mittelalter erklärte man durch die Wanderungen von Völkern, mit Dekadenzmodellen und konstruierten nationalen Charakteren. Meist wurde eine klare ethnische, kulturelle oder gar rassische Abgrenzung betont, etwa scharf zwischen einer historischen Rolle von Romanen, Germanen und Slawen unterschieden. Generell überschätzte die ältere Forschung die Bedeutung ethnischer Identität. Seit den 1970er Jahren entwickelte sich schrittweise eine differenziertere Zugangsweise.

Historische Forschung kann nun keine allgemeinen Modelle bieten. Gleichzeitig tangieren die einschlägigen Ansätze jedoch weitreichende und grundlegende Fragestellungen, die weit über die Geschichtswissenschaft und Archäologie hinausreichen. Allgemeinere Überlegungen müssten zumindest die Sozialanthropologie, Soziologie, Ethnologie und Philosophie in den verschiedenen europäischen Wissenschaftstraditionen berücksichtigen (Brather, Ethnische Interpretationen, 11-157).

Ältere Ansätze der Forschung

Franz Boas (1858-1942), ein Begründer der Sozialanthropologie, betonte in seinen Arbeiten die bewusste politische, literarische oder mythische Konstruktion sozialer Gemeinschaften. Max Weber (1864-1920) dachte ähnlich und sprach vom "subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft", der ein "Volk" ausmache (Weber, WuG, 216-226; Barth, Ethnic Groups, 13). Solche Alternativen zu strengen Dichotomien und biologistischen Erklärungsmodellen wurden in Geschichtswissenschaft und Archäologie bis in die 1970er Jahre nicht weiter verfolgt (Shipman, Evolution of Racism, 12-30). Pionierarbeit leistete in den USA Robert Ezra Park (1864-1944). Park arbeitete zur Situation der Schwarzen in den Südstaaten und nannte unter anderem Hautfarbe, religiöses Bekenntnis, Sprache, Kleidung, Nationalität und politische Haltung als Faktoren, die Ethnizität als soziale Kategorie bestimmen (Omi/Winant, Racial Formation, 15).

Definition in der modernen Forschung

Die ethnische Identität einer Gemeinschaft ist zunächst ein soziales Phänomen. Ethnizität ist lediglich ein mögliches Organisationsprinzip, das eine Gesellschaft bewusst wählt und aufrechterhält. Sie ist weder universell, noch eine anthropologische Konstante, sondern beruht auf ganz bestimmten Strategien, angewandt von menschlichen Gruppen in bestimmten kulturellen und historischen Kontexten (Anderson, Communities, 9-38; Gellner, Nations and Nationalism; Wolf, Europe, 381; Omi/Winant, Racial Formation, 14-23; Barth, Ethnic Groups, 18-32). Ethnizität bestimmt und gestaltet dabei die soziale Welt. Erich Gruen (geb. 1935) und Jonathan M. Hall haben das an der Antike gezeigt, Walter Pohl (geb. 1953) an der frühmittelalterlichen Welt.

Verwandtschaft und Genetik, Sprache, Religion oder gemeinsame kulturelle Elemente reichen nicht aus, um ethnische Identität zu definieren. Diese Faktoren sind lediglich einige Bausteine, die zur Konstruktion von Ethnizität immer wieder gezielt eingesetzt wurden. Eine soziale Gruppe muss sich erst von einer anderen – umgebenden oder konkurrierenden – abgrenzen und vor allem von außen als solche wahrgenommen werden. Die Opposition und Konkurrenz zu anderen macht dann eine Landschaft ethnischer Gruppen erst möglich. Die ethnische Identität einer sozialen Gemeinschaft ist nicht statisch oder monolithisch, sie bleibt dynamisch und fließend, wird ständig neu definiert, erweitert oder eingeschränkt. Ethnizität muss als eine Kategorie neben anderen sozialen Identitäten und Formen menschlicher Gemeinschaften untersucht werden (Hall, Ethnic Identity, 17-33; Pohl, Strategies, 14-27, 50). Häufig bildeten sich starke ethnische Identitäten etwa in einem militärischen Umfeld.

Ethnische Identität

Zweck und Ziel ethnischer Identität

Der antike Historiker Herodot (5. Jh. v. Chr.) und der frühmittelalterliche Universalgelehrte Isidor von Sevilla (gest. 636) boten Definitionen, die etwa die gemeinsame Abstammung (ὅμαιμον – gleichen Bluts), Sprache (ὁμόγλωσσον), Heiligtümer, Opferriten und Gebräuche (ἤθεα ὁμότροπα: Hdt. 8, 144, 2-3; Gruen, Rethinking), Waffen und Kampfesweise, Kleidung und Haartracht (Isid. Etym. 9) beinhalteten. Die ältere Forschung versuchte solche Kriterien detailliert anzuwenden (Wood, Modern origins, 94-112). Besser jedoch ist, nicht zu sehr auf solche Kataloge zu achten, sondern auf die Bedeutung, die ethnische Identifikatoren in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld strategisch zugewiesen bekommen (Pohl, Strategies, 26). Ethnizität ist kein Naturphänomen, sondern das Ergebnis historischer Prozesse. Sie ist eine Kulturleistung, getragen von intellektuellen und sozialen Bemühungen. Zweck und Ziel ethnischer Identität ist soziale Sinngebung und die Schaffung voneinander unterscheidbarer Gruppen (Pohl, Strategies, 49–50). Unter bestimmten historischen Bedingungen kann ethnische Identität mehr oder weniger bedeutend sein.

Ethnische Identität in der Antike

Erich Gruen hat betont, dass Ethnizität keineswegs immer mit der Konstruktion kollektiver Identität verbunden sein muss. So kannte das griechische, römische und jüdische Altertum zwar Herkunftssagen und Genealogien, diese spielten aber keine zentrale Rolle. Vielmehr dominierte eine komplexe Selbstwahrnehmung, die Wanderungssagen, unterschiedlichste Identitäten und Herkunftsorte, Abstammungen und Verwandtschaften beinhaltete. Häufig konstruierte eine antike politische Gemeinschaft gemeinsame - oft heroische oder mythische - Vorfahren und Gründerfiguren. Beispiele dafür sind Abraham, Moses, Herakles, Kadmos, Aeneas und Romulus. Für ein jüdisches und christliches Sprechen über Geschichte und Herkommen war dann der biblische Jakob wichtig, dessen Linie über David zu Jesus führte. Insgesamt hatte die Antike demnach eine sehr spezifische Vorstellung von ethnischer Identität (Gruen, Rethinking, 308-341). Wie auch in der islamischen Welt stand Ethnizität allerdings in der Antike nicht im Vordergrund.

Ethnische Identität im europäischen Frümittelalter

Die Antike hatte meist außerhalb der eigenen Gemeinschaft lebende Barbaren mit starken ethnischen Zuordnungen beschrieben (Steinacher, Rom und die Barbaren, 18-22). Franken, Goten, Langobarden und Vandalen setzten ethnische Identität gezielt als politischen Mechanismus ein, als sie ins Römische Reich kamen. Ihre poströmischen Königreiche wurden mit Völkernamen bezeichnet. Einerseits garantierte diese ethnische Terminologie innerhalb wie außerhalb die Benennbarkeit, vor allem aber gab sie der eigenen Militärelite eine politische und soziale Identifikationsmöglichkeit (Steinacher, Rom und die Barbaren, 31-39).

Ein großer Teil der Bevölkerung in den nun von barbarischen Militärs beherrschten Provinzen begriff sich jedoch als christlicher, römischer populus und nicht als spezifische ethnische Gemeinschaft, als gens (Geary, Myths, 47). Ohne die Kirche und das Christentum war die mittelalterliche Gesellschaft schlicht nicht denkbar. Warum konnte nun aber trotzdem ethnische Identität im christlichen Europa so bedeutend werden?

Walter Pohl hat dies mit einer Transformation ethnischer Begrifflichkeit im mittelalterlichen Christentum erklärt. Einerseits war diese mit Gentilen, also 'Heiden', und damit negativ konnotiert, andererseits behielt sie eine positive Identifikationsfunktion. Aus christlicher Sicht entsprach die Vielheit der Völker dem göttlichen Heilsplan, solange sie letztlich in Christus aufgehoben werden konnte. Diese Dynamik kann bis zum Entstehen moderner Nationen im 18. und 19. Jahrhundert den Erfolg ethnischer Identität erklären (Pohl, Strategies, 32-38).

Fallbeispiel Baiern

Die ältere Forschung

Nach der römischen Okkupation soll es zu einer "Romanisierung" der einheimischen Bevölkerung gekommen sein. Germanische Markomannen seien dann an die Donau gestoßen. So hatte Johann Kaspar Zeuß (1806-1856) Mitte des 19. Jahrhunderts argumentiert. Germanische "Wanderung", anschließende "Landnahme" und Verdrängung der nunmehrigen Romanen in Rückzugsgebiete bestimmten bis in die 1970er Jahre die gültigen Geschichtsbilder. Vorstellungen von ethnischer und sprachlicher Einheitlichkeit gehören jedoch in die Zeit nach der Französischen Revolution und in das nationale 19. und 20. Jahrhundert (Fehr, Anfang, 211-232).

Die Baiern als "Findelkinder der Völkerwanderung"

Herwig Wolfram hat die Baiern als "Findelkinder der Völkerwanderung" bezeichnet. Im Gegensatz zu anderen ethnischen Bezeichnungen erscheint der Baiernname erst im 6. Jahrhundert in den Quellen. Germanische und nichtgermanische Gruppen, Zuwanderer nach Rätien, Provinzialen, naristische, skirische, herulische, donausuebische und alamannische Elemente sowie Thüringer und Langobarden haben sich zu den Baiern formiert (Wolfram, Goten, 319). Diese ethnischen, politischen und militärischen Prozesse fasste man viele Jahrzehnte lang unter dem Begriff "Ethnogenese" zusammen. Sie folgten einer politischen und militärischen Notwendigkeit, nachdem die Zentralmacht in Italien nicht mehr im notwendigen Ausmaß präsent sein konnte oder wollte.

Das frühe bairische Herzogtum

Im Auftrag der fränkischen Könige organisierte die Dynastie der Agilolfinger einen bairischen Dukat, der im Wesentlichen die spätantike Militärorganisation der Provinz Rätien fortsetzte und weiterentwickelte. Im Wechselspiel überregionaler und lokaler Interessen formierten sich die Baiern. Sie entwickelten schnell ein machtpolitisches Eigenleben (Jarnut, Agilolfingerstudien).

Das bairische Herzogtum bildete die südöstliche Grenzprovinz des Frankenreichs und im 6. Jahrhundert richtete sich das bairische Militärpotenzial schließlich vor allem gegen Slawen und Awaren. Diese militärische Basis bedingte stark identitätsstiftende Faktoren, die eine neue, gemeinsame ethnische Identität der verschiedenen Bevölkerungsgruppen als Baiovarii begünstigten. Solche Faktoren wären die militärischen Aufgaben, das gemeinsame Recht, das Bekenntnis zum römischen Christentum und die Verbindung zur herzoglichen Dynastie (Esders, Dukate, 425-462).

"Ethnogenese"

Ursprung des Begriffs "Ethnogenese"

Der Begriff ist an sich problematisch. Ethnogenese (ethnos/ἔθνος und genesis/γένεσις) bedeutet eigentlich "Volkswerdung" und ist zu unscharf für die moderne Wissenschaft. Der Terminus erscheint bereits im Frankreich des 19. Jahrhunderts etwa bei Dominique François Louis Belloguet (1796-1872), der einen keltischen Ursprung der Gallier beweisen wollte (ethnogénie gauloise) und diese scharf von jeder Verwandtschaft zu den 'Germanen' abgrenzte. Allerdings ging Belloguet von einem kulturellen und nicht etwa einem biologischen, identitätsbildenden Kern für jede ethnische Identität aus. Zur selben Zeit entwickelte Joseph Arthur Comte de Gobineau (1816-1882) seine folgenschweren Rassentheorien. Der Ethnogenesebegriff stand von Anfang an in gewisser Opposition zu diesen Konstruktionen (Shipman, Evolution of Racism, 53-71).

Der Begriff "Ethnogenese": Ältere Marxistische Theorie

Wesentlich für das Verständnis der Geschichte des Ethnogenesebegriffs ist seine Rolle in der marxistischen Theorie und im Folgenden in der sowjetischen Forschung. Über diesen 'Umweg', fand er erst nach dem zweiten Weltkrieg Eingang in die deutschsprachige Debatte.

Vor dem Zweiten Weltkrieg folgte die marxistische Theorie mit leichten Zweifeln der etablierten historischen Forschung. Friedrich Engels (1820-1895) übernahm weitgehend unkritisch die Interpretationen der Germania des Tacitus (gest. ca. 120), die etwa Caspar Zeuss (1806-1856) vertrat. Otto Bauer (1881-1938) wiederum sah im Sinne des historischen Materialismus im Laufe des Mittelalters eine Fortentwicklung von einer "Abstammungsgemeinschaft" zu einer "Kulturgemeinschaft". Die modernen Nationen seien Mischformen, prinzipiell spiele die Abstammung aber in der Neuzeit und dem industriellen Zeitalter eine geringe Rolle (Steinacher, Identitätsbildung, 95-96 mit den Literaturangaben).

Der Begriff "Ethnogenese": Stalin und die sowjetischen Nationen

Josef Stalin (1878-1953) hatte vor dem Ersten Weltkrieg im Exil in Wien eine kurze Abhandlung unter dem Titel "Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage" verfasst und dabei auf Bauers Arbeiten zurückgegriffen. In der Sowjetunion wurde seine kleine Schrift Programm. Er stellte fest, dass die Nation "keine Rassen- und keine Stammesgemeinschaft, sondern eine historisch entstandene Gemeinschaft von Menschen" sei (Stalin, Marxismus und die nationale und koloniale Frage, 2). Eine gemeinsame Sprache, Geschichte und Kultur lag ihnen zugrunde. Nationen wurden im Sowjetstaat den Doktrinen Lenins und Stalins folgend staatlich gefördert und teilweise gar definiert. Nichtrussische Ethnien genossen gewisse Privilegien. Man könnte so weit gehen, eine ethnische Klassifizierung als eine der grundlegenden Ordnungskategorien der Union der vereinigten Sowjetrepubliken (CCCP) zu sehen (Steinacher, Identitätsbildung, 96-97 mit Literatur).

Etablierung des Begriffs in der sowjetischen Forschung

In den 1930er Jahren entstand in der Sowjetunion eine rege ethnologische Forschung, die sich an Stalins Dogmen zu orientieren hatte. Der Begriff "Ethnogenese" war nun geeignet, um die prozesshafte Entstehung ethnischer Gemeinschaften zu verdeutlichen. Ebenso bemühte sich die sowjetische Geschichtswissenschaft, die Formierung slawischer Identitäten im frühen Mittelalter mit einschlägigen Modellen zu erklären. Dabei grenzte man sich auch deutlich von deutschen Ansätzen mit rassischen Erklärungsmodellen ab (Steinacher, Identitätsbildung, 95-96 mit Literatur). Der Begriff "Ethnogenese" war etabliert. Durch den Zweiten Weltkrieg und den folgenden Kalten Krieg erfolgte jedoch eine Rezeption sowjetischer Literatur im Westen nur sehr eingeschränkt. Deshalb kam es nie zu einer ausreichenden Debatte um seine Verwendung, was die Unschärfe des Begriffs "Ethnogenese" bis zum heutigen Tag zum Teil erklärt.

Der Begriff "Ethnogenese" in der deutschsprachigen Forschung nach 1945

Diskussionen um "Volkstums- und Volkswerdungskonzepte" der deutschen Forschung nahmen Einflüsse aus der Ethnologie auf. Ein nach 1945 stark rezipierter Fachvertreter war der Ethnologe Wilhelm Emil Mühlmann (1904-1988). Einerseits verwendete er den Ethnogenesebegriff, der eigentlich ein gegensätzliches Konzept implizierte, um Ansätze der deutschen ethnologischen Forschung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterzutragen. Andererseits implizierte sein Begriff der "Volkswerdung" ein durchaus offenes und dynamisches System unter ständigem Wandel. Völker waren keine Abspaltungen größerer Einheiten mehr, wie etwa noch in den Thesen von einer "indogermanischen Wanderung" (Fehr, Germanen und Romanen, 149-161).

Reinhard Wenskus (1916-2002) setzte seit den 1960er Jahren neue Akzente. Völker wurden von ihm grob gesagt als soziale Kategorien unter ständigem Wandel definiert. Dabei wurden Bezüge zu sozialdarwinistischen Ansätzen der älteren deutschen Ethnologie und andere Probleme aber meist nicht problematisiert, sondern blieben unerwähnt. Wenskus äußerte sich zu gentilen Verbänden zwischen der römischen Kaiserzeit und dem frühen Mittelalter im mitteleuropäischen Barbaricum und teilweise auf Reichsboden. Er verwies dabei auf sogenannte Traditionskerne, die seiner Ansicht nach gentile Identität trügen und immer wieder Zentrum einer neuen "Stammesbildung" werden könnten. Vorgestellt hat er sich dabei aristokratische Gruppen oder Sänger und Dichter, die sozusagen ein ideelles Potenzial für einen größeren sozialen Zusammenschluss kriegerischer Verbände anbieten konnten (Fehr, Germanen und Romanen, 149-161 mit Literaturangaben).

Geschichte der Goten

Herwig Wolfram (geb. 1934) legte erstmals 1979 eine Geschichte der Goten vor, die letztlich eine alte und Jahrhunderte schon bestehende gotische ethnische Identität vor dem Eindringen der Goten ins Reich nach der Schlacht von Adrianopel in Frage stellte. Die Goten erscheinen in Abhängigkeit und Interaktion mit dem Römischen Reich. Wolfram betonte, dass römisches Heer, exercitus, und ethnische Identität nicht voneinander zu trennen seien. Er ging dabei einen wesentlichen Schritt weiter als Wenskus. Seine Arbeiten bleiben Grundlage für die meisten zeitgenössischen und innovativen Ansätze bezüglich einer neuen Sichtweise agierender barbarischer Gruppen auf Reichsboden. Wolfram hat barbarische Geschichte in die römische zurückgeordnet.

Neueste Ansätze

Walter Pohl erweiterte die Konzepte von Reinhard Wenskus und die Arbeit seines Lehrers Herwig Wolfram unter kritischer Prüfung der Modelle um sozialwissenschaftliche und dekonstruktivistische Fragestellungen. Spätantike und frühmittelalterliche Ethnizität sieht Pohl zusehends als nur noch einen möglichen konstitutiven Faktor in sozialen und politischen Prozessen. Begreift man eine ethnische Identität als mehr oder weniger bewusst eingesetzte Strategie, bricht man die Überlastung solcher Kategorien seit der Frühen Neuzeit auf. Durch die Analyse kodikologischer Zusammenhänge konnte Pohl etwa die Konstruktion fränkischer und langobardischer Identität im frühen Mittelalter zeigen. Die Verwendung des Begriffs "Ethnogenese" fand in der Wiener Schule der historischen Identitätsforschung ein Ende.

Amerikanische Ansätze, und hier namentlich Walter A. Goffart (geb. 1934), etablierten einen ähnlichen Zugang. Goffart konnte mit seinem wegweisenden Buch "The Narrators of Barbarian History" von 1988 die literarische Konstruktion der Herkunftsgeschichten für die neuen Militäreliten auf Reichsboden zeigen. Die Debatten der letzten beiden Jahrzehnte drehten sich letztlich meist um textkritische Aspekte der Getica des Jordanes und kritisierten die Ideen 'gentiler' Überlieferung oder Traditionsbildung (Gillett, Barbarian Identity; Coumert, Origines, 125-145).

Umgestaltung der römischen Welt

Ethnische Identität wird heute meist im Zusammenhang mit der Umgestaltung der römischen Welt und der Rolle barbarischer Verbände dabei diskutiert. Anstelle der Begriffe "Völkerwanderung", "Konflikt", "Invasion" oder "Untergang des Römischen Reiches" ist die Tendenz der neueren Forschung "Integration" oder "Transformation/Umgestaltung" (vgl. die von der European Science Foundation finanzierte Reihe "Transformation of the Roman World", das wissenschaftliche Programm TRW dauerte von 1993-1997) zu gebrauchen. In den archäologischen Wissenschaften setzte die Diskussion um ethnische Identität als Kategorie später ein und bleibt ein wichtiges Thema (Brather, Ethnische Interpretationen; v. Rummel, Habitus).

Insgesamt bleibt festzustellen, dass die jüngere Forschung im Wesentlichen zwei Tendenzen zeigt. Die eine Seite betont beim Wandel der römischen Westprovinzen die politische Natur von Ethnizität und die Bezogenheit barbarischer Gesellschaften auf römische Strukturen (Wickham, Inheritance; Kulikowski, Rome's Gothic Wars; Halsall, Barbarian migrations; Goffart, Barbarian Tides; Wolfram, Römerreich). Andererseits vertraten vor allem britische Forscher in den letzten Jahren eine kritische Haltung in Bezug auf die Konzepte einer Umgestaltung der römischen Welt und in der Folge auch auf die Sichtweise einer 'römischen' Identität barbarischer Gruppen. Der "Fall Roms" erscheint erneut als tiefer Kulturbruch, die Fremdheit der Barbaren steht im Vordergrund (Heather, The Fall).


Literatur

  • Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, New York 2. Auflage 2006; Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Berlin 2. Auflage 1998.
  • Fredrik Barth, Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organization of Culture Difference, Oslo 1969.
  • Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Erg. Bd. 42), Berlin/New York 2004.
  • Magali Coumert, Origines des peuples. Les récits du Haut Moyen Âge occidental 550-850 (Collection des Études Augustiniennes, Série Moyen Âge et Temps modernes), Paris 2007.
  • Stefan Esders, Spätantike und frühmittelalterliche Dukate. Überlegungen zum Problem historischer Kontinuität und Diskontinuität, in: Hubert Fehr/Irmtraut Heitmeier (Hg.), Die Anfänge Bayerns. Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria (Bayerische Landesgeschichte und europäische Regionalgeschichte 1), Sankt Ottilien 2. Auflage 2014, 425-462.
  • Hubert Fehr, Am Anfang war das Volk? Die Entstehung der bajuwarischen Identität als archäologisches und interdisziplinäres Problem, in: Walter Pohl/Matthias Mehofer (Hg.), Archaeology of Identity. Archäologie der Identität (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Denkschriften der phil.-hist. Klasse 406, Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 17), Wien 2010, 211-232.
  • Hubert Fehr, Germanen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wissenschaft und Zeitgeschehen (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Erg. Bd. 68), Berlin/New York 2010.
  • Patrick J. Geary, The Myth of Nations. The Medieval Origins of Europe, Princeton 2001; Europäische Völker im frühen Mittelalter. Zur Legende vom Werden der Nationen, Frankfurt am Main 2002.
  • Ernest Gellner, Nations and Nationalism, New York 2. Auflage 2006.
  • Andrew Gillett (Hg.), On Barbarian Identity. Critical approaches to ethnicity in the early Middle Ages (Studies in the early Middle Ages 4), Turnhout 2002.
  • Walter A. Goffart, Barbarian Tides. The Migration Age and the Later Roman Empire (The Middle Ages series), Philadelphia 2006.
  • Walter A. Goffart, The Narrators of Barbarian History (A.D. 550-800). Jordanes, Gregory of Tours, Bede, and Paul the Deacon, Princeton 2. Auflage 2005.
  • Erich Gruen, Rethinking the Other in Antiquity (Martin Classical Lectures), Princeton 2011.
  • Guy Halsall, Barbarian migrations and the Roman West. 376-568 (Cambridge medieval textbooks), Cambridge 2007.
  • Jonathan M. Hall, Ethnic Identity in Greek Antiquity, Cambridge 1997.
  • Peter J. Heather, The fall of the Roman Empire. A New History of Rome and the Barbarians, Oxford/New York 2005; Der Untergang des römischen Weltreichs, Stuttgart 2005.
  • Jörg Jarnut, Agilolfingerstudien. Untersuchungen zur Geschichte einer adligen Familie im 6. und 7. Jahrhundert, Stuttgart 1986.
  • Michael Kulikowski, Rome's Gothic Wars. From the third century to Alaric. Key conflicts of classical antiquity, Cambridge 2007.
  • Michael Omi/Howard Winant, Racial Formation in the United States from the 1960s to the 1980s, New York 2. Auflage 1994.
  • Walter Pohl, Introduction - Strategies of Identification. A Methodological Profile, in: Walter Pohl/Gerda Heydemann (Hg.), Strategies of Identification. Ethnicity and Religion in Early Medieval Europe (Cultural Encounters in Late Antiquity and the Middle Ages 13), Turnhout 2013, 1-64.
  • Philipp von Rummel, Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Erg. Bd. 55), Berlin/New York 2007.
  • Patrick Shipman, The Evolution of Racism. Human Differences and the Use and Abuse of Science, Harvard 1994.
  • Josef W. Stalin, Gesammelte Werke J. W. Stalin in 15 Bänden. 2. Band: 290-367. Der Marxismus und die nationale und koloniale Frage, 1913, dt. 1976.
  • Roland Steinacher, A Never Ending Story? Römische Antike und die Prophezeiung des Untergangs, in: Die politische Meinung 547 (2017), 89-95.
  • Roland Steinacher, Rom und die Barbaren. Völker im Alpen- und Donauraum (300-600), Stuttgart 2017.
  • Roland Steinacher, Wanderung der Barbaren? Zur Entstehung und Bedeutung des Epochenbegriffs "Völkerwanderung" bis ins 19. Jahrhundert, in: hg. von Hans-Joachim Gehrke/Kerstin P. Hoffmann/Felix Wiedemann, Vom Wandern der Völker. Zur Verknüpfung von Raum und Identität in Migrationserzählungen (Berlin Studies of the Ancient World 41), Berlin 2017, 65-93.
  • Roland Steinacher, Zur Identitätsbildung frühmittelalterlicher Gemeinschaften. Überblick über den historischen Forschungsstand, in: Hubert Fehr/Irmtraut Heitmeier (Hg.), Die Anfänge Bayerns. Von Raetien und Noricum zur frühmittelalterlichen Baiovaria (Bayerische Landesgeschichte und europäische Regionalgeschichte 1), Sankt Ottilien 2. Auflage 2014, 73-124.
  • Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Studienausgabe, Tübingen/Mohr 5. Auflage 1972.
  • Reinhard Wenskus, Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, Köln 1961, 2. Auflage 1977.
  • Chris Wickham, The Inheritance of Rome. A History of Europe from 400 to 1000 (The Penguin History of Europe 2), London 2009.
  • Eric R. Wolf, Europe and the People Without History, Oakland 2. Auflage 2000.
  • Herwig Wolfram, Das Römerreich und seine Germanen. Eine Erzählung von Herkunft und Ankunft, Wien/Köln/Weimar 2018.
  • Herwig Wolfram, Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie, München 5. Auflage 2009.
  • Ian N. Wood, The modern origins of the early Middle Ages, Oxford 2013.

Quellen

  • Herodot, Historien, hg. und ins Deutsche übersetzt von Josef Feix, Herodot Historien, Sammlung Tusculum, Düsseldorf 6. Auflage 2004.
  • Isidor von Sevilla/Isidorus Hispalensis, origines (etymologiae), ed. Wallace Martin Lindsay, Isidori Hispalensis Episcopi Etymologiarum sive Originum libri XX, 1–2, Oxford 1911; dt. Übers. Lenelotte Möller, Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, Wiesbaden 2008; engl. Übers. Stephen A. Barney u. a., The Etymologies of Isidore of Seville, Cambridge 2006.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Roland Steinacher, Ethnogenese/ethnische Identität, publiziert am 26.11.2018; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ethnogenese/ethnische_Identität> (12.12.2018)