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Esoterik (19./20. Jahrhundert)

Ankündigung eines esotorischen Demonstrationsabends 1913. (Miesbacher Anzeiger vom 5. August 1913)

von Sabine Doering-Manteuffel

Esoterik ist eine Sammelbezeichnung für weltanschauliche Strömungen vornehmlich der Industriemoderne, die sich der Erkenntnis höheren Wissens durch spirituelle Verfahren verschreiben.

Ausgangspunkt

Esoterik bezeichnet, abgeleitet aus dem altgriechischen "esoterikos" für "innerlich", Weisheitslehren, die mittels innerer Schau und nicht mittels rationaler Erkenntnis entstehen. Die historischen Wurzeln und philosophischen Referenzen der Esoterik liegen im Neuplatonismus, einer spätantiken philosophischen Schule des dritten nachchristlichen Jahrhunderts und in der Hermetik, einer Geheimlehre aus dem hellenistisch-ägyptischen Raum des ersten bis vierten nachchristlichen Jahrhunderts, welche u. a. die Grundlagen der Alchemie umfasste. Zu diesen Richtungen gesellte sich ein breites Spektrum gnostischer Bewegungen der Frühen Neuzeit, zu denen auch das Freimaurerwesen zählt. Es geht um Transformation und Transmutation des Bewusstseins. Das sind Ideen, die zum Teil direkt aus der Transformation der Materie abgeleitet wurden. Aus einem unwissenden Schüler kann durch Gedankenübung und Weihe schließlich ein Meister hervorgehen, der mit Kosmos und Natur eine Einheit bildet und reine Lehren und Ideale verkörpert.

Idee der Transmutation

Die Idee der Transmutation stammt aus der spätmittelalterlichen Alchemie, die über die arabisch-europäische Kontaktzone auf der Iberischen Halbinsel nach Europa vordrang. Eine sog. materia prima sollte durch Reinigung von ungeläuterten Stoffen in einen Stein der Weisen (engl. philosopher's stone, franz. pierre philosophale) umgewandelt werden. Diesem Stein - ein mystisches Konstrukt - wurden übernatürliche Eigenschaften zugesprochen. Er sollte Krankheiten heilen können und sogar Tote wieder zum Leben erwecken. Die Idee der Transmutation wurde auf die menschliche Seele übertragen. Genauso wie Materie durch Läuterung unter Zufuhr von Energie in höherwertige Stoffe verwandelt wird, soll auch die menschliche Seele in Einheit mit Geist und Körper in einen Prozess eintreten, an dessen Ende die Reinheit steht. Reinheit blieb ein Schlüsselbegriff esoterischer Strömungen bis in die Gegenwart hinein.

Inspiration durch die Naturwissenschaften

Die Esoterik ist im 19. Jahrhundert von einer Vielzahl weiterer Einflüsse geprägt worden, in enger Anlehnung an den Fortschritt in den Naturwissenschaften. Zu ihnen zählen Erfindungen optischer Geräte und Kommunikationstechnologien. Sie trugen zu der Idee bei, dass die Übertragung von Gedanken ohne die direkte Anwesenheit von Personen möglich ist. Esoteriker bezogen diese Vorstellung auf das Jenseits.

Spiritismus

Um 1800 wurde das bis dahin vorherrschende dichotome Weltbild der christlichen Konfessionen, die Einteilung in einen Himmel und eine Hölle, durch Jenseitsvorstellungen esoterisch-philosophischer Richtungen erweitert. Das Jenseits sei kein versperrter Raum, sondern ein zwar durch eine unsichtbare Schranke getrenntes, aber durchlässiges Gefüge, in das die Seelen der Verstorbenen nach dem Tode einträten. Das esoterische Credo der um 1820 aus den USA aufkommenden Strömung des Spiritismus, also der Kommunikation mit den Geistern der Verstorbenen, lautete, Medien seien in der Lage, diese Schranke zu überwinden und durch bestimmte Techniken wie das automatische Schreiben oder die Geisterbuchstabiertafel Kontakt aufzunehmen und Botschaften zu übermitteln.

In Bayern erlangten die Experimente des Münchner Arztes Albert Freiherr von Schrenck-Notzing (1862-1929) Berühmtheit, der gemeinsam mit dem Spiritisten Carl Freiherr du Prel (1839-1899) zu den Gründervätern der Münchner "Psychologischen Gesellschaft" (1886) zählte. Die Fähigkeit zur Telepathie und zum Hellsehen sollten unter naturwissenschaftlich exakten experimentellen Bedingungen nachgewiesen werden. Schrenck-Notzing erforschte ganz unterschiedliche Phänomene, deren Ursachen im Unbewussten verborgen lägen, und die unter Hypnose und Trance an die Oberfläche des Bewusstseins steigen würden.

Parapsychologie und Chanelling

Schrenck-Notzing untersuchte neben der Gedankenübertragung auch sog. Materialisationen, d. h. aus dem Körper austretende Materie und Stoffe einer verwandelten Psyche. Aus dieser Richtung ging die für das 20. Jahrhundert einflussreiche Parapsychologie hervor. Sie prägte aber auch Richtungen innerhalb der wissenschaftlichen Tiefenpsychologie und der Traumdeutung. Die Kommunikation mit den Geistern der Verstorbenen ist für die Esoterik der Neuzeit zentral und mündet im sog. Chanelling - einer Methode, die durch das amerikanische Medium Judy Knight (geb. 1946) in den 1970er Jahren entwickelt wurden. Diese Bewegung hat weltweit viele Tausend Anhänger.

Einbindung buddhistischer Glaubensinhalte

Ein dritter wichtiger Zweig ist die Orientierung esoterischer Zirkel an buddhistischen Glaubensinhalten. Das Thema Seelenwanderung, was dem Christentum weitgehend fremd ist, erfährt im Buddhismus eine besondere Bedeutung, da es mit der Vorstellung von "Karma" einhergeht. Das sind Seelenlasten, die von einem früheren Leben auf ein neues Leben übertragen werden. "Karma" ist eng mit der Wiedergeburt, der Reinkarnation, verbunden. Negative Energien in der feinstofflichen Seele - die Seelengifte Gier, Zorn und Verwirrung - sollen durch Bescheidenheit, Güte und Einsicht neutralisiert werden. Gelingt das nicht während eines Menschenlebens, kommt es zur Wiedergeburt. Das Karma muss dann im nächsten Leben überwunden werden. Die Reinkarnationslehre hat in der modernen Esoterik weit um sich gegriffen. Sie ist inzwischen ein wichtiger Teil der esoterischen Lebensberatung. Buddhistische Elemente wurden vor allem durch Helena Petrovna Blavatsky (1831-1891), einer russischen Esoterikerin, in esoterischen Kreisen in den USA und England verbreitet. Sie gilt als eine der Begründerinnen der Theosophie, die fernöstliche Lehre mit europäischen esoterischen Lehren in Verbindung brachte. 1875 gründete sie in New York gemeinsam mit anderen Esoterikern die "Theosophische Gesellschaft". Ihre Hauptwerke, "Isis Unveiled" (Isis entschleiert, 1877) und "The Secret Doctrine" (Die Geheimlehre, 1888) bilden bis heute die Grundlage für zahlreiche theosophische Richtungen. Auch der Anthroposoph Rudolf Steiner (1861-1925) war von der Theosophie beeinflusst und übernahm 1902 den Vorsitz der deutschen Sektion der "Theosophischen Gesellschaft". 1904 erschien eines seiner Hauptwerke, "Theosophie", in dem er seine Vorstellung von Schicksal, Wiedergeburt, Mikro- und Makrokosmos ausbreitet. Aus diesen Ideen entwickelte er das System der "Anthroposophie", das er bis zu seinem Tod gemeinsam mit seinen Anhängern zu einem einflussreichen esoterischen Weltbild ausbaute.

New-Age-Bewegung

Einflussreich ist die Münchner Schule der Reinkarnationstherapie von Thorwald Dethlefsen (1946-2010), der 1974 das "Institut für außerordentliche Therapie" gründete, das 1993 in die Religionsgemeinschaft "Kawwana-Konvent" umgewandelt wurde. Dethlefsen starb 2010 in Wien. Diese Strömungen sind als Teil der sog. New-Age-Bewegung anzusehen, die sich in den 1960er Jahren in Kalifornien entwickelt hat. Hier ist vor allem das Esalen-Institute in Big Sur/Kalifornien (USA) zu nennen, das 1962 als philosophisch-spiritueller Sammlungsort für Therapeuten und Sinnsuchende gegründet wurde. New Age bedeutet "Neues Zeitalter" und bezieht sich auf ein im Umfeld der Hippiebewegung populäres Denkmuster des Anbrechens einer weltgeschichtlichen Epoche im Zeichen des Wassermanns, in der "peace will guide the planets", wie es in dem erfolgreichen Musical "Hair" (1968) heißt. Die Bewegung ist heterogen und hat viele Wurzeln, von denen einige bis auf philosophische und literarische Strömungen des 18. Jahrhunderts zurückreichen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass esoterische Weltbilder eng mit der Säkularisierung christlicher Weltanschauungen in Europa und den USA verbunden sind. Sie orientieren sich seit dem frühen 19. Jahrhundert an technischem Fortschritt, Lebensreformbewegungen, philosophisch-spiritueller (grauer) Literatur und fernöstlichen Religionen. Auch im 20. Jahrhundert bestand ein enger Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und esoterischen Weltbildern. War es im 19. Jahrhundert die Telegraphie oder auch die Elektrizität (Wellen, Strömungen, unsichtbare Übertragung von Information), so sind es hier etwa die "Energiefelder" oder der "Quantensprung", die einen breiten Niederschlag in der Esoterik fanden.

Esoterische Weltanschauungen werden von verschiedenen Seiten aber auch heftig kritisiert. Da sie in einigen Fällen eine Nähe zu Sekten aufweisen, befassen sich die beiden großen christlichen Konfessionen sowie die politischen Parteien und Landesregierungen mit eigenen Dienststellen mit der Materie. Ein kritisch beobachtender Journalismus wie der des amerikanischen Journalisten Jim Schnabel, der die Kornkreisszene in Südengland analysiert hat, verbindet sich mit der wissenschaftlichen Distanz, wie sie etwa der Anthroposophiehistoriker und -kritiker Helmut Zander (geb. 1957) einnimmt. Kritisch sind vor allem die Beiträge über völkischen Okkultismus der Zwischenkriegszeit und der Zeit des Nationalsozialismus, z. B. des britischen Historikers Nicholas Goodrick-Clarke (geb. 1953).

Esoterik-Forschung

Seit den 1990er Jahren lässt sich europaweit ein gestiegenes Interesse an der wissenschaftlichen Erforschung der Esoterik feststellen. Zahlreiche Einführungen, Handbücher und Monographien erschienen im angelsächsischen Raum, in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland. Die derzeitigen Zentren sind:

  • das Exeter Centre for the Study of Esotericm (University of Exeter, Nicolas Goodrick-Clarke [geb. 1953])
  • die University of Bristol (Department of History, Ronald Hutton [geb. 1953])
  • das Center for History of the Hermetic Philosophy an der Universiteit van Amsterdam (Wouter J. Hanegraaff [geb. 1961])
  • das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung in Halle (Monika Neugebauer-Wölk [geb. 1946])
  • der bis 2001 an der Sorbonne in Paris von Antoine Faivre (geb. 1934) besetzte Lehrstuhl für die esoterischen und mystischen Bewegungen der Neuzeit

Neben diesen Zentren bestehen einzelne Forschungsschwerpunkte vor allem im Umfeld der Literaturwissenschaften, der Ethnologie und der Religionswissenschaften z. B. an der

Literatur

  • Wolfgang Behringer, Hexen: Glaube - Verfolgung - Vermarktung (Beck'sche Reihe 2082), München 5. Auflage 2009.
  • Christoph Daxelmüller, Zauberpraktiken. Die Ideengeschichte der Magie, Düsseldorf 2001.
  • Sabine Doering-Manteuffel, Das Okkulte. Eine Erfolgsgeschichte im Schatten der Aufklärung. Von Gutenberg bis zum World Wide Web, München 2008.
  • Florian Ebeling, Das Geheimnis des Hermes Trismegistos. Geschichte des Hermetismus von der Antike bis zur Neuzeit (Beck'sche Reihe 1642), München 2005.
  • Nicholas Goodrick-Clarke, Black Sun, Aryan Cults, Esoteric Nazism and the Politics of Identity, New York 2002.
  • Wouter J. Hanegraaff, New Age Religion and Western Culture, Leiden 1996.
  • Wouter J. Hanegraaff, Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2006.
  • Ronald Hutton, The Triumph of the Moon. A History of Modern Pagan Witchcraft, Oxford 2001.
  • Georg Luck, Magie und andere Geheimlehren in der Antike mit 112 neu übersetzten und einzeln kommentierten Quellentexten (Kröners Taschenausgabe 489), Stuttgart 1990.
  • Hubert Knoblauch, Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft, Frankfurt am Main u. a. 2009.
  • Monika Neugebauer-Wölk/Holger Zaunstöck u. a. (Hg.), Aufklärung und Esoterik. Rezeption - Integration - Konfrontation (Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 37), Tübingen 2008.
  • Matthias Pöhlmann/Reinhard Hempelmann, Esoterik als Trend. Phänomene - Analysen - Einschätzungen (EZW-Texte 198), Berlin 2008.
  • Matthias Pöhlmann, Sympathie für den Teufel? Satanismus zwischen Religion, Protest und Hass, in: Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht an Gymnasien, hg. von der Gymnasialpädagogischen Materialstelle der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Folge 2008, 47-70.
  • Diethard Sawicki, Magie, Frankfurt am Main 2003.
  • Heinz Schott (Hg.), Franz Anton Mesmer und die Geschichte des Mesmerismus. Beiträge zum internationalen wissenschaftlichen Symposion anläßlich des 250. Geburtstages von Mesmer, 10. bis 13. Mai 1984 in Meersburg, Stuttgart 1985.
  • Rüdiger Sünner, Schwarze Sonne. Entfesselung und Missbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik, Freiburg/Basel/Wien 1999.
  • Kocku von Stuckrad, Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, München 2004.
  • Helmut Zander, Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945, Göttingen 2007.
  • Helmut Zander, Rudolf Steiner. Die Biographie, München 2011.

Quellen

  • Helena Blavatsky, Isis Unveiled, London 1877.
  • Helena Blavatsky, The Secret Doctrine, London 1888.
  • Thorwald Dethlefsen, Das Erlebnis der Wiedergeburt, München 1976.
  • Thorwald Dethlefsen, Schicksal als Chance, München 1979.
  • Carl Kiesewetter, Geschichte des neueren Occultismus. Geheimwissenschaftliche Systeme von Agrippa von Nettesheim bis zu Carl du Prel, Leipzig 1891.
  • Albert von Schrenck-Notzing, Materialisations-Phänomene, München 1914.
  • Rudolf Steiner, Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbild, 1904.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Sabine Doering-Manteuffel, Esoterik (19./20. Jahrhundert), publiziert am 05.09.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Esoterik (19./20. Jahrhundert)> (12.12.2018)