Deutsche Gewerbeschau, München, 1922

Plakat der Gewerbeschau. (Bayerisches Wirtschaftsarchiv)
"Dombauhütte", Abteilung für kirchliche Kunst, mit dem Gekreuzigten von Ludwig Gies. (Stadtmuseum München, Sammlung Graphik)
Statistiken: Besucherzahl und Tageseinnahmen, Eintrittskartenverkauf nach Monaten, Eintrittskarteneinnahme nach Monaten.
Plan des gesamten Ausstellungsgeländes

von Eva Moser

1922 in München veranstaltete Ausstellung, die vier Jahre nach Kriegsende qualitätvolle Arbeiten aus Handwerk und Industrie präsentierte. Die Gewerbeschau, bei der auch Österreich mit einbezogen war, knüpfte an die vor 1914 in München veranstalteten Kunstgewerbeausstellungen an und wurde ein großer Publikumserfolg.

Politische Zielsetzung

Nach der großen Bayerischen Gewerbeschau von 1912 war München zehn Jahre später erneut Veranstaltungsort für eine große Ausstellung. Allerdings fand die Deutsche Gewerbeschau unter ganz anderen politischen Vorzeichen statt. Ähnlich wie die Pariser Weltausstellung von 1878, mit der das besiegte Frankreich sein wirtschaftliches Selbstverständnis wiederherstellen wollte, sollte diese Schau vor allem Kulturarbeit leisten. Vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sollte sie zeigen, "dass in Deutschland umfangreiche industrielle, handwerkliche und künstlerische Arbeit geleistet wird, die höheren und höchsten Ansprüche zu genügen vermag", so der Amtliche Führer zur Ausstellung. In Ablehnung der Grenzziehung der Pariser Vorortverträge von 1919 verstanden die Organisatoren unter "Deutschland" den gesamten deutschsprachigen Raum und bezogen Österreich mit in die Ausstellung ein.

Vorläufer

Zu den Vorläufern der Gewerbeschau gehörte die Ausstellung "München 1908", die zur 750. Wiederkehr der Stadtgründung stattfand. Schauplatz für diese Großveranstaltung war der weitläufige Ausstellungspark hinter der Ruhmeshalle auf der Theresienhöhe, der am 16. Mai 1908 erstmals seine Pforten öffnete. Das Konzept für das Freigelände und die sechs festen Hallen stammte von dem Münchner Architekten Gabriel von Seidl (1848-1913). Mit rund drei Mio. Besuchern erwies sich diese Ausstellung als großer Publikumserfolg. Zusätzliche Attraktionen für die Besucher bot der Vergnügungspark im Süden des Geländes.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs fand das florierende Ausstellungswesen in München ein Ende. Die Hallen nutzte die "Kriegsverwaltung" für Lagerzwecke. Nach Kriegsende befanden sich die Gebäude daher in einem denkbar schlechten Zustand. In Halle I waren etwa Flugzeuge gestapelt, die wegen des Mangels an geeigneten Eisenbahnwaggons zunächst nicht abtransportiert werden konnten.

Initiative und Vorbereitung

Dennoch bildete sich vor allem auf Betreiben des Münchner Bundes e.V., Vereinigung für angewandte Kunst, bereits 1919 in München eine erste Initiative, eine "Deutsche Gewerbeschau" im Ausstellungspark zu veranstalten. Auch die Stadt München, der Deutsche Werkbund und der Verband Deutscher Kunstgewerbevereine beteiligten sich an den Planungen. Am 21. Januar 1921 fand im Sitzungssaal der Handelskammer die Gründungsversammlung des "Vereins zur Abhaltung der Deutschen Gewerbeschau in München" als Träger statt. Präsident der Gewerbeschau wurde Jakob Julius Scharvogel (1854–1938), der zu den bedeutendsten Keramikern des frühen 20. Jahrhunderts zählte.

Das Ausstellungsprogramm

Bewusst präsentierte sich die Deutschen Gewerbeschau weder als Kunstgewerbeausstellung noch als allgemeine Verkaufsmesse, sondern vielmehr als geschmackserzieherische Qualitätsschau. Nach den Ausstellungsbestimmungen wurden "deutsche Arbeiten des Handwerks und der Industrie, an denen Formensinn und Gestaltungskraft gut zur Geltung kommen", zugelassen. Die Liste der Ausstellungsgegenstände umfasste Autos ebenso wie Goldschmiedearbeiten, Herde und Öfen, Holzschnitzereien, Ledermöbel, Sportartikel, Solinger Stahlwaren oder Ziergegenstände aus Stein. Inhaltlich war die Ausstellung nach Rohstoffgruppen wie Stein, Holz und Metall etc. geordnet. Ein Künstlerausschuss unter dem Vorsitz von Richard Riemerschmid (1868-1957) überwachte die bauliche und künstlerische Ausgestaltung. Besonderes Lob erhielt unter anderem der "Österreichische Edelraum" des Architekten Oskar Strnad (1879-1935) und der Wiener Werkstätten für seine "Anmut und Grazie". Für die Staatliche Porzellan-Manufaktur Nymphenburg hatte der Bildhauer Josef Wackerle (1880-1959) einen Majolika-Tempel geschaffen, dessen Hauptschmuck lebensgroße Figuren der vier Erdteile waren.

Zu den modernen Bauten gehörte die von Peter Behrens (1868-1940) entworfene Dombauhütte. Der dort ausgestellte 2 m hohe und aus Eiche geschnitzte "Lübecker Kruzifixus" des Bildhauers Ludwig Gies (1887-1966) stieß mit seiner stark expressionistischen Formensprache jedoch bei der Münchner Presse ebenso wie bei einem Teil des Publikums auf heftige Ablehnung und musste schließlich entfernt werden. 1937 eröffnete die nationalsozialistische Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ mit dieser Holzskulptur ihre Schau.

Die Werbung

Ein wichtiges Erkennungszeichen der Gewerbeschau war das expressionistisch angehauchte Hauptplakat mit drei hintereinander gestaffelten und nach rechts gewandten kantigen Köpfen, das der Werbekünstler Max Eschle (1890-1979) entworfen hatte. Die "3 Köpfe" warben auch auf den Streckenplakaten entlang der deutschen Schnellzuglinien und auf Siegelmarken wie auch auf Zündholzschachteln für die Münchner Ausstellung. Die Reichspost gab zum ersten Mal eigene Ausstellungsbriefmarken heraus. Die Münchner Zigarrettenfabrik Zuban brachte eine eigene Zigarettenmarke "Deutsche Gewerbeschau" in den Handel.

Die Ausstellung als Publikumserfolg

Um möglichst viel Publikum für die Ausstellung zu gewinnen, hatten die Organisatoren schon im Vorfeld die Abhaltung von Kongressen und Großveranstaltungen in München angeregt. Mit Blick auf amerikanische Gäste sorgten sie für die Durchführung der 1920 abgesagten Passionsspiele von Oberammergau während der Gewerbeschau. Zwischen der Eröffnung am 13. Mai 1922 und der Schlussfeier am 8. Oktober besichtigten mehr als drei Mio. Besucher die Gewerbeschau. Die Schlussabrechnung schließlich wies mit Ausgaben von etwa 70 Mio. Mark und Einnahmen von mehr als 88 Mio. Mark einen deutlichen Überschuss aus.

Literatur

  • Michael Braesel, Rokoko-Tendenzen in der angewandten Kunst Münchens der zwanziger Jahre, in: Felix Billeter/Antje Günther/Steffen Krämer (Hg.), Münchner Malerei, Kunst und Architektur der Zwanziger Jahre, München/Berlin 2002, 182-195.
  • Norbert Götz, "Leichtigkeit in schwerer Zeit - Kunstgewerbe der Zwanziger Jahre", in: Andreas Ley (Hg.), Die 20er Jahre. Mode, Graphik, Druckgewerbe aus den Sammlungen des Münchner Stadtmuseums, München 2005, 86-113.
  • Ludwig Hollweck, München in den Zwanziger Jahren, München 1982, 27-28.
  • Winfried Nerdinger, Deutsche Gewerbeschau München 1922, in: Christoph Stölzl (Hg.), Die Zwanziger Jahre in München, München 1979, 480.
  • Wolfgang Urbanczik, "Die Drei" - Das Plakat zur "Deutschen Gewerbeschau München 1922", in: Felix Billeter/Antje Günther/Steffen Krämer (Hg.), Münchner Malerei, Kunst und Architektur der Zwanziger Jahre, München/Berlin 2002, 196-207.

Quellen

  • Amtlicher Katalog der Deutschen Gewerbeschau München 1922.
  • Amtlicher Bericht mit einer Abhandlung des Reichskunstwarts Edwin Redslobs, München 1922.
  • Amtlicher Führer der Deutschen Gewerbeschau München 1922.
  • Deutsche Gewerbeschau München 1922, Sondernummer der Bayerischen Staatszeitung vom 20. Mai 1922.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Eva Moser, Deutsche Gewerbeschau, München, 1922, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutsche Gewerbeschau, München, 1922> (25.02.2018)