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Willi Weismann Verlag

Seit August 1946 erschien im Willi Weismann Verlag das "Münchener Magazin". Es enthielt aktuelle Reportagen, Reise- und Kulturberichte sowie leichte literarische Feuilletons, Glossen und Erzählungen. Titelseite des "Münchener Magazin", Jahrgang 1, Heft 1.
Eyecatcher des Neuen Magazins waren bereits vor der Währungsreform 1948 Abbildungen weiblicher Modelle. Titelseite Neues Magazin, Heft 1, 1948.
Seine Hauptaufgabe sah der Willi Weismann Verlag darin, die Literatur im Nachkriegsdeutschland zu stärken. Die von ihm herausgegebene "Literarische Revue" warb für sich als "maßgebende deutsche Zeitschrift von internationaler Geltung". Werbung für "Literarische Revue" in: Neues Magazin, 1. Februar 1949.
Mit einer für die damalige Zeit äußerst provokanten Zurschaustellung des weiblichen Körpers erregte das "Neue Magazin" das Interesse der Leserschaft. Aufnahmen wie diese brachten den Willi Weismann Verlag immer wieder vor Gericht. Komposition "Angebot und Nachfrage" in: Neues Magazin, 1. Februar 1949.
Nachdem das "Neue Magazin" wegen seiner Komposition "Angebot und Nachfrage" einen Gerichtsprozess durchgestanden hatte, druckte es selbstiroinsch auf seine Novemberausgabe den Hinweis "Nicht für Jugendliche unter 18 Jahren". Titelseite Neues Magazin, 3. November 1949.

von Reinhard Wittmann

Gründer, Verlagsinhaber und Namengeber war Willi Weismann (1909-1983), der am 8. März 1946 von der amerikanischen Militärregierung eine Verlagslizenz erhielt. Der Verlag gab literarische Werke heraus und hatte seinen Sitz in München. Darüber hinaus verlegte Weismann die Literaturzeitschriften "Die Fähre" und das "Münchener Magazin". Die Kontakte Weismanns zur KPD, seine Mitgliedschaft im "Demokratischen Kulturbund" und die von ihm organisierten Ost-West-Autorentreffen brachten ihn in Verdacht, Kommunist zu sein, und folglich in Konflikt mit den westdeutschen Behörden. Seine politische Ausrichtung, eine unglückliche Auswahl der Autoren, Kapitalschwäche und geringe Absatzzahlen führten 1954 zum Scheitern des Verlags. Noch im selben Jahr gründete Weismann den "Parabel Verlag". Dieser publizierte "linke" Kinder- und Bilderbücher, weshalb Weismann wiederum in Konflikt mit den Behörden geriet. 1969 war er Mitbegründer des neuen Weismann Verlags, der u. a. antiautoritäre Jugendbücher herausgab. 1975 verkaufte Weismann den Parabel Verlag an den Loewe Verlag; der Verlag Antje Kunstmann übernahm den neuen Weismann-Verlag.

Willi Weismann (1909-1983) entstammte einer protestantischen Familie; sein Vater besaß eine kleine Buchdruckerei in Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Ab 1928 war er Buchhändler in Berlin und Dortmund, 1932-1941 selbständiger Verlagsvertreter. Früh hat er sich politisch engagiert (SPD, "nationalbolschewistischer" Kreis um Ernst Niekischs [1889-1967] "Widerstandsverlag", nach 1933 Kontakte zu Widerstandszirkeln, 1936 Untersagung jeder verlegerischen Tätigkeit, kurze Inhaftierungen, bspw. 1938 in Essen [Nordrhein-Westfalen]). 1941 zur Wehrmacht einberufen, diente er u. a. an der Ostfront und wurde 1945 als Fernmelder zur Vermittlungsstelle Hochland in München kommandiert. Dort schloss er sich der Widerstandsgruppe "O7" von Peter Göttgens und Franz Schneider an und beteiligte sich an den Aktivitäten der Freiheitsaktion Bayern (FAB). Ein Flugblatt zur kampflosen Übergabe Münchens an die US-Truppen vom 30. April 1945 unterzeichnete er als "Polizeikommissar".

"Die Fähre"

Seine Verlagslizenz erhielt Weismann von der amerikanischen Militärregierung am 8. März 1946. Von April an brachte er monatlich die ambitionierte Literaturzeitschrift "Die Fähre" heraus, in der unter anderem James Joyce (1882-1941) und Franz Kafka (1883-1924), Klaus Mann (1906-1949) und Alexander Mitscherlich (1908-1982), Conrad Aiken (1889-1973) und Hermann Broch (1886-1951), Hans Henny Jahnn (eigtl. Hans Henry Jahn, 1894-1959) und Henry Miller (1891-1980) erstmals seit 1933 in Deutschland vorgestellt wurden. Sie knüpfte an die Wiener Zeitschrift "Das Silberboot" an, deren deutschen Vertrieb Weismann 1935/36 bis zu ihrem Verbot besorgt hatte.

Die Auflage der Zeitschrift "Die Fähre" - ab dem dritten Jahrgang unter dem Titel "Literarische Revue" - sackte nach der Währungsreform 1948 rapide ab (Auflage 1946: ca. 20.000, Sept. 1948: ca. 8.000), weshalb sie schließlich als unrentabel und nicht mehr finanzierbar eingestellt werden musste. "Sie beharrte nach der Währungsreform, entgegen der sich in Deutschland ausbreitenden Tendenz zur Anpassung an den status quo, auf der Klärung grundsätzlicher politischer und kultureller Fragen, was zu ihrem Ende entscheidend beitrug." (Schlüter, Sp. 1549f.). Weismann zog gegenüber Hans Henny Jahnn die Bilanz: "Wir hatten gehofft, mit der 'Literarischen Revue' in diese Barrikaden der Arroganz und Stupidität eine Bresche schlagen zu können. Aber das sind keine Barrikaden aus Stein, sondern aus Sumpf und Morast. Darin versinkt, was man gegen sie wirft, bodenlos" (Meyer, Broch, 61).

Das "Münchener Magazin"

Finanziert wurde die Zeitschrift wesentlich durch das ab August 1946 monatlich erscheinende "Münchener Magazin" (ab 1948 "Neues Magazin"), das aktuelle Reportagen, Reise- und Kulturberichte sowie leichte literarische Feuilletons, Glossen und Erzählungen enthielt. Der dazugehörige Magazin-Verlag konzentrierte sich auf Kriminalromane. An ein breiteres Publikum gerichtet, in der Tradition der Zeitschrift "Uhu" aus den 1920er Jahren, war die illustrierte Zeitschrift sehr erfolgreich: Die Auflage von anfänglich 20.000 Exemplaren verzehnfachte sich bis 1949. Trotz der populären Ausrichtung zählten zu den Beiträgern auch Emigranten wie Johannes R. Becher (1891-1958), Hermann Kesten (1900-1996), Irmgard Keun (1905-1982) und Alfred Polgar (1873-1955) sowie internationale Namen wie Dino Buzzati (1906-1972), Francois Mauriac (1885-1970) und Henry Miller, daneben junge Talente wie Walter Kolbenhoff (1908-1993), Ernst Kreuder (1903-1972), Hans Werner Richter (1908-1993) und Luise Rinser (1911-2002).

Wichtigste Erfolgsgarantie für den Absatz freilich waren einige zaghafte Aktfotos. Dies wurde ihm zum Verhängnis, als es zum Missfallen seiner Konkurrenten das Zeitschriftensterben nach der Währungsreform zu überleben drohte. Dass - durchaus selbstironisch - ein weiblicher Akt mit einer leeren Metzgereiauslage unter dem Titel "Angebot und Nachfrage" kontrastiert wurde, genügte im Februar 1949 für eine Anklage. Am 25. August 1949 wurden der Verleger zu einer Geldstrafe von 6.000 DM und sein Redakteur Karl Gelsner zu 2.000 DM wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften verurteilt. In der darauffolgenden Berufungsverhandlung vom 18. November 1949 wurden diese Summen reduziert. Eine weitere Gerichtsverhandlung am 3. März 1950 über ein im Oktoberheft 1949 des "Neuen Magazins" veröffentlichtes Aktfoto wurde im April 1950 mit einer Amnestie beendet. Zudem kündigte die Münchner Druckerei "AWA-Druck Krüger & Co." wenig später mitten in der Herstellung eines Heftes die Geschäftsbeziehungen auf (um schnell eine Nachahmung unter dem Titel "Corso. Ein neues Magazin" herauszubringen).

Der Buchverlag

Neben den Zeitschriften baute Weismann einen kleinen, anspruchsvollen Buchverlag auf. Sein literarisches Programm wurde insbesondere geprägt von drei damals in Deutschland nahezu unbekannten Autoren, die er hartnäckig durchzusetzen versuchte: Hermann Broch (Literaturpreis der Amerikanischen Academy of Arts and Letters 1942), Elias Canetti (1905-1994, Literaturnobelpreisträger 1981 für den Roman "Die Blendung", 1936) und Hans Henny Jahnn (Kleist-Preis 1920).

Kapitalschwach, geplagt von kaum überwindbaren Problemen des Devisentransfers, unsicheren Papierzuteilungen und misstrauischen Lizenzgebern, verfocht Weismann eine Verlagskonzeption, "die mit dem Enthusiasmus des Neulings und Außenseiters auf die traditionsbildende Kraft der Erzähleravantgarde der ersten Jahrhunderthälfte setzte. Das Experiment muß um so tollkühner erscheinen, als gerade dieser Traditionsstrang der literarischen Moderne durch Hitlerjahre, Krieg und Nachkrieg verschüttet worden war" (Meyer, Broch, 38).

Mit allen drei Autoren erlitt Weismann verlegerischen Schiffbruch, nicht zuletzt weil sich das Erscheinen ihrer eigenwilligen Werke bis nach der Währungsreform verzögerte, als sich das ohnehin kleine Publikum anspruchsvoller moderner Literatur marginalisierte, da es sich jetzt einer Überfülle von Büchern gegenüber sah, die keiner mehr kaufte, weil andere lang entbehrte Bedarfsgüter Vorrang hatten.

Broch, Canetti, Jahnn

Erst während des Drucks eines geplanten Novellenbandes von Hermann Broch schrieb der Autor den Text seines Romans "Die Schuldlosen" um. Das so über Jahre hinweg im steten Dialog von Autor und geduldigem Verleger entstandene Werk, eine hochartifizielle Vergangenheitsbewältigung, brachte es im Erscheinungsjahr 1950 nur auf 644 verkaufte Exemplare. An den im Londoner Exil lebenden Elias Canetti wandte sich Weismann wegen einer Neuausgabe seines vergessenen Romans "Die Blendung". Als dieser Ende 1948 erschien, wurde er von der Buchhandelskrise nach der Währungsreform voll getroffen (und von der Kritik als "zersetzendes und obendrein belangloses Machwerk" gescholten). Hans Henny Jahnns "Perrudja" konnte Anfang 1948 nicht erscheinen, weil Druckerei und Buchbinderei moralische Bedenken hatten. 1949/50 kamen die beiden Bände der "Niederschrift des Gustav Anias Horn" aus Jahnns Romantrilogie "Fluß ohne Ufer" heraus, für die Weismann großzügige Vorschüsse bezahlt hatte. Die Verkaufszahlen waren niederschmetternd: Von den 2.500 gedruckten Exemplaren des ersten Bandes war nach fünf Jahren noch fast die Hälfte unverkauft.

Scheitern und Neubeginn

Eine wesentliche Rolle bei Weismanns Scheitern spielte auch seine politische Ausrichtung. Trotz Vertriebsverboten für Canetti und Jahnn in der Sowjetzone organisierte Weismann Ost-West-Autorentreffen, wirkte beim DDR-gesteuerten "Demokratischen Kulturbund" mit und hatte KPD-Kontakte, was zu Angriffen in der Presse und Misstrauen der Behörden führte. So verweigerte ihm das Münchner Amt für öffentliche Ordnung am 9. Januar 1953 den am 10. März 1952 für Geschäftsreisen in die Schweiz beantragten Reisepass.

Die finanziellen und ideologischen Probleme führten 1954 zum Ende des Weismann Verlags. Im selben Jahr gründete Weismann den "Parabel Verlag" und publizierte dort "linke" Kinder- und Bilderbücher, u. a. von Janosch (eigentlich Horst Eckert, geb. 1931) und Friedrich Karl Waechter (1937-2005). Weiterhin hatte Weismann politische Gerichtsverfahren zu überstehen. So wurde er 1957 wegen des Vertriebs staatsgefährdender kommunistischer Schriften verdächtigt. Am 16. März 1960 wurden bei einer erneuten Haussuchung zwei Kinderbücher aus der DDR beschlagnahmt. Am 23. Dezember 1960 klagte die Bundesrepublik gegen den Verleger auf Zahlung einer vermeintlich noch offenen Forderung, die der 1956 polizeilich geschlossene "Dein Buch Verlag" an Weismann hatte (nach dem KPD-Verbot 1956 wurde das Parteivermögen vom Staat eingezogen). Die Einstellung des Verfahrens erfolgte am 12. Juni 1964.

Am 30. Januar 1961 wurde ein Verfahren gegen Weismann wegen Einführung zweier angeblich staatsgefährdender Schriften aus der DDR eingestellt. Am 30. Oktober 1961 erfolgte ein Freispruch von einer zweiten Anklage, diesmal wegen Einführung und Vertrieb des Buches "Irrweg einer Nation" von Alexander Abusch (1902-1982). 1969 war er Mitbegründer des neuen Weismann Verlags, zu dessen Kollektiv auch Günter Wallraff (geb. 1942) gehörte; dort erschienen u. a. antiautoritäre Jugendbücher.

1975 verkaufte Weismann den Parabel Verlag an den Loewe Verlag; der Verlag Antje Kunstmann (benannt nach der Verlegerin Antje Kunstmann, geb. 1949) übernahm den neuen Weismann Verlag.

Literatur

  • Christina Bylow, Hermann Broch und der Verleger Willi Weismann. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Romans "Die Schuldlosen" (1945–1951), in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 38 (1992), 191-256.
  • Jochen Meyer/Bernhard Zeller (Hg.), Broch, Canetti, Jahnn: Willi Weismann und sein Verlag, 1946-1954 (Marbacher Magazin 33), Marbach am Neckar.
  • Kai Schlüter, Die Fähre/"Literarische Revue". Analyse einer Literaturzeitschrift der ersten Nachkriegsjahre (1945-1949), in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 24 (1983), Sp. 1269-1552.
  • Reinhard Wittmann, Auf geflickten Straßen. Literarischer Neubeginn in München 1945 bis 1949, München 1995.

Weiterführende Recherche

Weismann-Verlag, Willi-Weissmann-Verlag

Empfohlene Zitierweise

Reinhard Wittmann, Willi Weismann Verlag, publiziert am 02.02.2015; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Willi Weismann Verlag > (25.03.2019)