Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung, 1920/21-1924

Max-Erwin von Scheubner-Richter (1884-1923), Foto von 1915. (Bundesarchiv, Bild 119-1930-01 / CC-BY-SA 3.0)
Vasilij Biskupskij (sitzend). (Privatbesitz)

von Johannes Baur

Die deutsch-russische Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung war die wichtigste Verbindungsorganisation zwischen deutschen national-völkischen und germanophilen monarchistischen russischen Emigrationskreisen in Bayern Anfang der 1920er Jahre.

Gründung und Ziele

Offizielles Ziel der 1920/1921 von Max-Erwin von Scheubner-Richter (1884-1923) in München ins Leben gerufenen Vereinigung war die Förderung der Zusammenarbeit nationaler wirtschaftlicher und politischer Kreise zur Wiederherstellung der vorrevolutionären Ordnung in Europa, besonders in Russland.

Die Vereinigung, personell und programmatisch eng mit der Münchner "Neuen Deutsch-Russländischen Gesellschaft Erneuerung" verbunden, in der sich 1921 150 Personen konservativ-reaktionärer Ausrichtung zusammengefunden hatten, gab die Zeitschrift "Wirtschaftliche Aufbau-Korrespondenz" heraus. Sie entwickelte sich zu einem wichtigen Sprachrohr der pro-russischen, antibolschewistischen deutschen Rechten und dem bayerischen Flügel der monarchistischen Emigration. Die finanziellen Mittel zur Herausgabe der Zeitschrift stammten aus bayerischen Quellen und aus russischen Emigrantenkreisen.

Mitglieder und Stellung innerhalb der russischen Emigration

Präsident der Vereinigung war Freiherr Theodor von Cramer Klett (gest. 1938), Vizepräsident der Emigrant und ehemalige Offizier Vasilij Biskupskij (1878-1945), eine der zentralen politischen Gestalten der "bayerischen Russen" in diesen Jahren. Neben Vertretern der bayerischen Monarchisten waren vor allem Deutschbalten und russische sowie ukrainische Emigranten Mitglieder der Gesellschaft. Innerhalb der politisch gespaltenen russischen Emigration unterstützte die Gesellschaft die monarchistische Bewegung um den Großfürsten Kirill (1876-1938), einen Neffen des letzten Zaren, der Ansprüche auf den russischen Thron erhob und damit in Konkurrenz zu dem in Paris residierenden Großfürsten Nikolaj (1856-1929) trat.

Der Kongress von Bad Reichenhall 1921

Die Gesellschaft trat als Mitveranstalter des "Kongress zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Russlands" auf, der vom 29. Mai bis 6. Juni 1921 in Bad Reichenhall stattfand. Unter der Protektion der bayerischen Regierung von Kahr fand hier die wichtigste Versammlung des deutschfreundlichen Teils der monarchistischen Bewegung der russischen Emigration statt. In seiner Schlussresolution sprach sich der Kongress für die Restaurierung der vorrevolutionären Verhältnisse, die Wiederherstellung der Monarchie und der Rechte der orthodoxen Kirche in Russland sowie für die Vereinigung der zersplitterten monarchistischen Bewegung in der Emigration aus. Das Treffen rechter Monarchisten brachte freilich nur wenige konkrete Ergebnisse und konnte den Fall der Emigration in die politische Bedeutungslosigkeit nicht aufhalten.

Initiator Scheubner-Richter

Scheubner-Richter, Mitglied des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes sowie seit November 1920 der NSDAP, war Verbindungsmann zwischen den radikalen monarchistischen russischen Emigranten in München und national-völkischen Kreisen um Adolf Hitler (1889-1945) und Erich Ludendorff (1865-1937) und eigentlicher Motor der Vereinigung. Er war Schriftleiter der Zeitschrift und sorgte dafür, die verschiedenen Interessengruppen der rechten Szene in München zusammenzuhalten. Nicht unwahrscheinlich ist, dass durch seine Vermittlung Finanzmittel aus russischen Emigrantenkreisen an die völkische Bewegung in München flossen. Nach Scheubner-Richters Tod beim Putschversuch der NSDAP am 8./9. November 1923 in München brach die Einheitsfront russischer und deutscher antirevolutionärer Rechte zusammen. Enttäuscht vom anti-großrussischen Kurs des neuen Leiters der Vereinigung, des Deutschbalten Otto von Kursell (1884-1967), zogen sich die Vertreter der russischen Emigranten zurück. Das Erscheinen der Aufbau-Korrespondenz wurde am 30. Juni 1924 aus finanziellen Gründen eingestellt.

Literatur

  • Johannes Baur, Die russische Kolonie in München 1900-1945. Deutsch-russische Beziehungen im 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts München, Reihe Geschichte 65), Wiesbaden 1998.
  • Gerd Koenen, Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945, München 2005, 266 ff.

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Johannes Baur, Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung, 1920/21-1924, publiziert am 26.06.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wirtschaftliche_Aufbau-Vereinigung,_1920/21-1924> (10.12.2018)