Weltspracheverein Nürnberg

von Bernd Krause

Der Nürnberger Weltspracheverein war ein Verein zur Pflege von neutralen, künstlich erschaffenen Weltsprachen. Er existierte von 1885 bis 1934. In seiner Blütezeit trug er maßgeblich zur Verbreitung der Plansprachen Volapük und Ido, vor allem aber Esperanto, bei. Als weltweit erste Esperanto-Ortsgruppe forcierte der Verein die Entwicklung dieser Sprache, wozu auch die Schriften seines Gründers Leopold Einstein (eigtl. Leopold Löb, 1833–1890) beitrugen. Die Herausgabe einer ersten Esperanto-Zeitschrift war ein weiterer Meilenstein. Mit der Hinwendung zu anderen Plansprachen, vor allem Ido, verlor der Weltspracheverein zunehmend an Bedeutung. In den 1920er Jahren waren kaum noch Aktivitäten zu verzeichnen.

Plan- und Weltsprachen

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche sog. Plansprachen, die dazu dienen sollten, nationen- und landesunabhängig Kommunikation auf neutraler Ebene zu führen. Vor dem Hintergrund rasanter technischer Entwicklungen und der sich allmählich vollziehenden Globalisierung bestand zunehmend Bedarf an einer alle Seiten befriedigenden Lösung des Problems der Verständigung. Bis heute wurden rund 1.000 solcher Weltsprachen entwickelt. Die meisten von ihnen verstehen sich als neutrale Zweitsprachen und wollen Nationalsprachen nicht verdrängen. Ältere, zum Teil bereits im 17. Jahrhundert entworfene Plansprachen waren weniger auf die praktische Kommunikation ausgerichtet. Sie sollten vielmehr dazu beitragen, die Welt und ihre Erscheinungen auf eine rationale Weise sprachlich zu systematisieren.

Grundsätzlich zu unterscheiden sind dabei zwei Formen: Die sog. Apriori-Sprachen sind unabhängig von bereits bestehenden Sprachen, die sog. Aposteriori-Sprachen lehnen sich an eine oder mehrere bereits vorhandene Sprachen an. Zu letzteren gehören auch vereinfachte Varianten von Nationalsprachen, mit deren Hilfe die Kommunikation zwischen Europäern und Bewohnern kolonialisierter oder zu missionierender Länder ermöglicht werden sollte.

Der Nürnberger Weltspracheverein kam im Lauf seiner Geschichte mit mehreren Plansprachen in Berührung. Sie alle gehören zur Familie der Aposteriori-Sprachen. Die Plansprachen Volapük, Esperanto und Ido sind weltweit verbreitet und werden noch heute (2021) aktiv gepflegt. Ihre Sprecher sind auf verschiedenen Ebenen - international, national, regional und lokal - jeweils miteinander verbunden. Esperanto ist die bekannteste aller Plansprachen; Träger der Bewegung sind hier vor allem Ortsgruppen. Idiom Neutral erscheint, wie einige weitere Plansprachen auch, in verschiedenen Blogs im Internet.

Johann Martin Schleyer (1831–1912) entwickelte die Plansprache Volapük. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv, port-006699)

Volapük

Die Plansprache Volapük erschien 1879 als "Entwurf einer Weltsprache" von Pfarrer Johann Martin Schleyer (1831–1912). Als erstes ernstzunehmendes und erfolgreiches Projekt dieser Art zeichnet sich Volapük durch eine übersichtliche Grammatik mit festen Regeln ohne Ausnahmen aus. Die Wortbildung orientiert sich vorrangig am Englischen, was aber oft kaum noch erkennbar ist: "world" und "speak" wird zu "Volapük" ("Welt-Sprache"). Wortstämme können durch eine Vielzahl von Wortbildungssilben erweitert und gebeugt werden. Das Motto der Volapük-Bewegung lautete "Menade bal püki bal" ("Einer Menschheit eine Sprache"). Änderungen und Verbesserungen ließ Schleyer nicht zu, was zu Streitigkeiten innerhalb der Volapük-Bewegung und schließlich zu ihrer Spaltung führte.

Textprobe: Beginn des Vaterunsers (Fassung von 1888):

"O Fat obas, kel binol in süls, paisaludomöz nem ola. Kömomöd monargän ola. Jenomöz vil olik, äs in sül, i su tal."

Ludwig Lazarus Zamenhof (1859–1917) entwickelte die Plansprache Esperanto. Das Foto zeigt ihn 1908 mit dem grünen Esperanto-Stern an der Brust. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Esperanto

Esperanto ist eine Schöpfung des polnischen Augenarztes Ludwig Lazarus (Lejzer) Zamenhof (1859–1917). Er veröffentlichte 1887 die anfangs "lingvo internacia" ("internationale Sprache") genannte Plansprache unter dem später namengebenden Pseudonym "Doktoro Esperanto" ("Doktor Hoffender"). Grundlage des Wortschatzes sind vorrangig romanische und germanische Elemente. Wortbildung und Beugung erfolgen ebenfalls durch Verwendung von Wortbildungssilben, deren Anzahl gegenüber Volapük jedoch deutlich geringer ist. Die Grammatik basiert auf insgesamt nur 16 Regeln und lässt keine Ausnahmen zu. Das von Zamenhof selbst formulierte Motto lautet: "Progresado estas vivo, restado estas morto." ("Fortschritt ist Leben, Verharren ist Tod."). Wesentliches Merkmal des Esperanto sind die dem Alphabet zugefügten Buchstaben mit diakritischen Überzeichen: ĉ, ĝ, ĥ, ĵ, ŝ sowie ŭ in Verbindungen aŭ und eŭ. Mit ihrer Hilfe können ansonsten nur durch Kombination mehrerer Buchstaben schreibbare Laute mit einem einzigen Buchstaben notiert werden, etwa ĉ für tsch, ŝ für stimmloses sch. Dafür werden andere Buchstaben ersetzt: x durch ks, q durch kv. Kritik, insbesondere an diesem System, führte zur Entstehung zahlreicher weiterer, auf Esperanto basierender Plansprachen.

Textprobe: Beginn des Vaterunsers:

"Patro nia, kiu estas en la ĉielo, sanktigata estu via nomo. Venu via regno. Fariĝu via volo, kiel en la ĉielo, tiel ankau sur la tero."

Spelin

Spelin ist ein Projekt des kroatischen Mathematik- und Physiklehrers Georg (Juraj) Bauer (1848–1900). Es entstand als "Allsprache" ("S" nach dem Integralzeichen ∫, "pe" ="jeder", "lin" = "Sprache"). Bauers Ziel war es, Esperanto zu verdrängen, was nicht gelang. 1888 erschienen Ausführungen zur Grammatik, ein Wörterbuch fehlte aber; Spelin blieb daher bedeutungslos.

Idiom Neutral

Idiom Neutral ist eine Weiterentwicklung des Volapük, berücksichtigt aber auch Elemente des Esperanto. Der Eisenbahningenieur Waldemar Rosenberger (auch: Vladimir Karlovich Rozenberger, 1849–1918) präsentierte sie 1902 der Öffentlichkeit. Die Wortschatzbildung erfolgt auf Basis mehrerer europäischer Sprachen, darunter auch Russisch und Latein. Die Grammatik ist vereinfacht, verwendet aber ebenfalls angehängte Silben und Buchstaben zur Beugung. Rosenbergers Idiom Neutral war Vorbild für einige weitere Plansprachen (Latino sine flexione 1903, Interlingua 1951), blieb aber vergleichsweise erfolglos.

Textprobe: Beginn des Vaterunsers:

"Nostr Patr, kel es in sieli, ke votr nom es sanktifiked. Ke votr regnia veni. Ke votr volu es fasied kuale in siel tale et su ter."

Ido

Ido basiert auf Esperanto und versteht sich ausdrücklich als dessen Nachfolger (Esperanto: "ido" = "Nachkomme, Nachkömmling"). Es ist eine Schöpfung des französischen Mathematikers und Linguisten Louis Couturat (1868–1914) aus dem Jahr 1907. Die Esperantisten Alfred Michaux (1859–1937), Marquis Louis de Beaufront (1855–1935) sowie der Chemiker Wilhelm Ostwald (1853–1932) beeinflussten Entwicklung und Verbreitung des Ido maßgeblich. Offiziell spaltete sich Ido von Esperanto 1908 ab. Seine Anhänger waren anfangs vor allem ehemalige Esperanto-Sprecher, die dem Esperanto aber kritisch gegenüberstanden. Ihre Kritik betraf sowohl den logischen Aufbau der Sprache als auch den Wortschatz. Kritisiert wurde neben dem als "absurd" bewerteten Mehrzahl-j auch der Buchstabenbestand. Ido steht im Wortschatz den romanischen Sprachen nahe und verwendet ebenfalls ein Wortbildungssystem in Form angehängter Silben.

Textprobe: Beginn des Vaterunsers:

"Patro nia, qua esas en la cielo, tua nomo santigesez. Tua regno advenez. Tua volo facesez, quale en la cielo, tale anke sur la tero."

Medial

Medial ist eine von Josef Weisbart (ca. 1880 – ca. 1930) kreierte Plansprache. Sie entstand um 1923 und war eines von mindestens fünf Projekten Weisbarts. Medial versteht sich als "Mittelsprache" zwischen den Sprachen Europas und bildet seinen Wortschatz aus diesen durch die Übernahme der am häufigsten verwendeten Buchstaben in Wörtern gleicher Bedeutung. Das Projekt blieb bedeutungslos.

Gründungsphase des Weltsprachevereins Nürnberg

Leopold Einstein (eigtl. Leopold Löb, 1833–1890) war erster Vorsitzender des Nürnberger Weltsprachevereins und förderte die Plansprache Esperanto erheblich. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Die Gründung des "Weltsprache-Vereins (Volapüka-Klub) Nürnberg" erfolgte am 18. Februar 1885. Erster Vorsitzender war der Sprachenlehrer und Kaufmann Leopold Einstein (eigtl. Leopold Löb, 1833–1890). Dieser hatte sich bereits einige Jahre zuvor mit diversen früheren Weltsprache-Projekten beschäftigt und dazu 1884 einen Vortrag mit dem Titel "Zur Geschichte der weltsprachlichen Versuche von Leibnitz bis auf die Gegenwart" (gedruckt 1885) vor dem Nürnberger Lehrerverein gehalten. Er war auch Verfasser des Buchs "Der kleine Weltsprachekomptoirist" (Nürnberg 1887), in dem er sich für den Gebrauch des Volapük einsetzt. Der Weltspracheverein Nürnberg wurde ausdrücklich als "nicht politisch" eingestuft und widmete sich in den ersten Jahren ausschließlich der Pflege des Volapük. Als Versammlungsorte dienten verschiedene Lokalitäten im Nürnberger Stadtgebiet, darunter "die vormals Freudenbergische Restauration auf der Insel" (Sommer 1885) und die "Restauration Zirnbauer in der Weintraubengasse" (1887–1892).

Über die Mitgliederzahlen des Weltsprachevereins sind weder für diese noch für andere Phasen seiner Geschichte verlässliche Angaben überliefert. Mitgliederverzeichnisse fehlen und auch über Mitgliedsbeiträge und Finanzierung des Vereins ist nichts bekannt. Einer 1889 erschienenen Jubiläumsschrift von Rupert Kniele (1844-1911) zufolge soll der Verein über 100 Mitglieder und 200 sog. Lernende gehabt haben. Laut Kniele gab es 1889 in Bayern insgesamt 47 Vereine dieser Art, darunter den "Volapükaklub zenodik Bayäna" (Volapük-Zentralverein für Bayern) in München sowie Gruppierungen in nahezu allen größeren Städten.

Als Satzung präsentierte Leopold Einstein 1885 zunächst "ein Exemplar der Statuten des in München bestehenden gleichen Vereins" (gegründet 1884). Man hatte darin einfach die Ortsangabe "München" zu "Nürnberg" geändert. Erste eigene Statuten gab es 1887. In diesem Jahr übernahm der Telegraphen-Assistent Anton Colling den Vorsitz. Unter seiner nur rund ein halbes Jahr währenden Leitung spaltete sich vom Weltspracheverein ein kommerzielles "Übersetzungsbureau" mit dem Namen "Merkur" ab, das auf Anfrage Schriftstücke in 20 Sprachen übersetzte, darunter Volapük. Der ursprüngliche Verein gab sich das Attribut "wissenschaftlich" und widmete sich ausschließlich der Pflege des Volapük und dessen Verbreitung.

Etablierung als Esperanto-Gruppe

Collings Nachfolger als Vorsitzender wurde im Februar 1888 der Nürnberger Lehrer Christian Schmidt. Noch im selben Jahr erfolgte ein einschneidender Schritt: An die Stelle von Volapük trat nun Esperanto. Leopold Einstein kam im August 1888 mit Esperanto in Berührung und war sofort überzeugt von dessen Vorteilen. Im Oktober desselben Jahres erschien sein Lehrbuch "La lingvo internacia als beste Lösung des internationalen Weltspracheproblems". Weitere Schriften folgten und unterstützten die Verbreitung des Esperanto.

Gedenktafel für Leopold Einstein (eigtl. Leopold Löb, 1833–1890), Am Weinmarkt 14 (Nürnberg). (Foto von Aarp65 lizensiert durch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Der Weltspracheverein wechselte im Dezember 1888 zu Esperanto und wurde damit nicht nur zur weltweit ersten Esperanto-Ortsgruppe, sondern auch zur ersten Esperanto-Organisation überhaupt. Nach seinem Vorbild konstituierten sich in der Folgezeit weitere Vereinigungen, sowohl im Deutschen Reich als auch in anderen Ländern. Die Tätigkeit aller Ortsgruppen bestand vor allem in der weiteren Verbreitung des Esperanto mit Hilfe von Kursen und Vorträgen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab es auf allen Kontinenten Esperanto-Ortsgruppen. Zamenhof schätzte den Anteil Leopold Einsteins an dieser Entwicklung sehr hoch ein. Er äußerte, man müsse seinen Namen in goldenen Lettern festhalten. 1990 wurde dieser Gedanke realisiert, und zwar in Form einer Gedenktafel am Haus Am Weinmarkt 14, dem letzten Wohnort Einsteins.

Am 25. März 1890 änderte der Verein seinen Namen in "Klubo Esperanto en Nürnberg". Neu entworfene (handschriftliche) Statuten belegen als Zweck des Vereins "die Förderung u. Verbreitung einer neutralen Sprache, welche für den Verkehr zwischen Personen verschiedener Nationen dienen würde". Dazu am besten geeignet hielt man in diesen Jahren Esperanto. Jedoch ließ die eher allgemein gehaltene Formulierung des Vereinszwecks Veränderungen zu. Vorsitzender blieb Christian Schmidt.

Zwischen 1889 und 1894 erschien in Nürnberg auch das erste Esperanto-Periodikum mit dem Titel "La Esperantisto. Zeitschrift für die Freunde der Esperantosprache (Gazeto por la amikoj de la lingvo Esperanto)". Herausgeber war zunächst Christian Schmidt; später übernahm Zamenhof selbst diese Aufgabe. Die Zeitschrift hatte zahlreiche Leser in Russland, fiel dort jedoch 1895 den Zensurmaßnahmen zum Opfer und musste in der Folge wegen zu geringer Abonnentenzahl eingestellt werden.

Titelseite der Erstausgabe des "La Esperantisto". (Link zum Digitalisat: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek)

Neuorientierungen

Esperanto hatte von Anfang an Gegner. Schärfster Kritiker war zunächst Georg Bauer, der Mitglied sowohl des Nürnberger als auch des Münchner Weltsprachevereins war. Seine eher polemisch formulierte und größtenteils sachlich falsche Kritik am Esperanto gipfelte in der nicht etwa an Zamenhof, sondern an Einstein gerichteten Warnung: "Schriftsteller! Spiele nicht mit dem ... nürnberger Trichter." Als Alternative zum Esperanto präsentierte Bauer sein Projekt Spelin. Einstein reagierte mit seiner Erörterung über "Weltsprachliche Zeit- und Streitfragen" von 1889 und brachte Bauer zum Verstummen. Trotz Einsteins erfolgreicher Verteidigung wandte sich der Verein im Jahr 1900 der Plansprache Idiom Neutral zu und nannte sich nun "Klub de amiki de lingu universal Nürnberg".

Der Verein erhielt 1909 neue Statuten. Erneut änderte man den Namen, diesmal in "Weltspracheverein Nürnberg", später ergänzt durch die Angabe "von 1885". Nach dem Tod des langjährigen Vorsitzenden Schmidt am 8. August 1909 übernahm Rechtsanwalt Dr. Ludwig Esslinger den Vorsitz. In dieser Zeit diente das Café Central (Karolinenstr. 23) als Vereinslokal; dort konnte jedermann kostenlosen Ido-Unterricht nehmen. Im Mai 1912 fand in Nürnberg der II. (Ido-)Kongress des Deutschen Weltsprache-Bundes statt, dessen Gründung 1911 in Berlin erfolgt war und der dort seinen Sitz hatte.

1909 entstand in Nürnberg eine neue Esperanto-Ortsgruppe, die dem Deutschen Esperanto-Bund unterstellt war und mit dem Weltspracheverein nichts zu tun hatte. Die Gründung erfolgte durch den Juristen Heinrich Orthal (geb. 1878) als Reaktion auf den Wechsel des Weltsprachevereins zu Ido. Beide Gruppierungen mussten ihre Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs stark einschränken, da viele ihrer Mitglieder im Felde standen. Nachdem Ludwig Esslinger 1915 oder 1916 gefallen war, blieb der Weltspracheverein bis 1919 führungslos.

Niedergang

1919 nahm der Weltspracheverein seine Tätigkeit in Sachen Ido wieder auf. Vereinslokal war erneut das Café Central; neuer Vorsitzender wurde der Kaufmann Siegfried Oettinger. Es fanden sich aber nur noch wenige Anhänger zusammen. Das Interesse ließ immer mehr nach, so dass man schließlich sogar ganz auf weitere Zusammenkünfte verzichtete. Verlässliche Informationen gab es kaum noch; in den Polizeiakten heißt es sogar, dass es keinen Vorsitzenden mehr gebe (Notiz vom 2. März 1929). Zudem verdrängte der zunehmende Erfolg des Esperanto in den 1920er Jahren – in bürgerlichen Kreisen, vor allem aber in der Arbeiterbewegung – das Ido. Je stärker sich Esperanto durchsetzte, umso mehr geriet der Weltspracheverein ins Abseits.

Bereits gegen Ende 1922 startete Josef Weisbart, Mitglied des Weltsprachevereins und Schöpfer gleich mehrerer (erfolglos gebliebener) alternativer Weltspracheprojekte (z. B. Unial 1909, Europal 1911, Unione 1926), einen Rettungsversuch. Anlass war der bevorstehende, vom Esperanto-Weltbund organisierte und unter der Schirmherrschaft von Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD, 1871–1925, Reichspräsident 1919–1925) stehende Esperanto-Weltkongress in Nürnberg 1923, der einer der erfolgreichsten seiner Art war. Weisbart analysierte die Situation in mehreren Briefen und legte offen, wie sehr der Weltspracheverein "in seinem unrühmlichen Schlaf nach einer rühmlichen Vergangenheit" verharre. Zugleich regte er an, sich entweder wieder Esperanto oder aber seinem eigenen Projekt Medial zu widmen. Aus seiner Sicht war der Nürnberger Weltspracheverein als der älteste noch bestehende Weltsprachverein der Welt der ideale Gastgeber für eine "Welt-Konferenz der Frei-Weltsprachler". Weisbarts Ideen fanden jedoch keine weitere Beachtung.

Auflösung des Vereins

Der erste Schritt zur Auflösung des Weltsprachevereins erfolgte am 27. Februar 1933 mit dem Abschluss eines unbefristeten Verwahrvertrags, der die Lagerung aller Dokumente des Vereins in der Nürnberger Stadtbibliothek regelte. Der Verein selbst existierte zumindest auf dem Papier weiter: Auf Anfrage der Nürnberger Behörden wurde am 6. März 1934 mitgeteilt, dass die Vereinstätigkeit seit 20 Jahren ruhe, der Verein jedoch noch nicht aufgelöst worden sei. Zudem wurde vermerkt, dass der Vorsitzende Siegfried Öttinger bereits "wegen seiner Eigenschaft als Nichtarier aus genanntem Verein ausgetreten" sei. Als letzte noch verfügbare Ansprechperson wird der Industrielle Jakob Sessler genannt. Dokumente zu einer offiziellen Auflösung des Nürnberger Weltsprachevereins sind nicht bekannt.

Eine Neugründung des Weltsprachevereins nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte nicht; offenbar bestand daran kein Interesse. Die Esperanto-Ortsgruppe des Deutschen Esperanto-Bundes hingegen konnte unter der Führung von Max Hönigsberger und Otto Pilhofer 1946 ihre Arbeit wieder aufnehmen. Sie besteht bis heute (Stand: 2021).

Literatur

  • Alessandro Bausani, Geheim- und Universalsprachen. Entwicklung und Typologie, Stuttgart u. a. 1970.
  • Detlev Blanke, Internationale Plansprachen. Eine Einführung, Berlin 1985.
  • Umberto Eco, Die Suche nach der vollkommenen Sprache, München 1994.
  • Sabine Fiedler (Hg.), Die Rolle von Persönlichkeiten in der Geschichte der Plansprachen. Beiträge der 19. Jahrestagung der Gesellschaft für Interlinguistik e. V., 27.–29. November 2009 in Berlin (Interlinguistische Informationen, Beiheft 17), Berlin 2010.
  • Reinhard Haupenthal (Hg.), Plansprachen. Beiträge zur Interlinguistik (Wege der Forschung, Bd. 125), Darmstadt 1976.
  • Bernd Krause, 125 Jahre Esperanto in Nürnberg. Interessantes und Wissenswertes aus den frühen Jahren, in: Esperanto-Gruppe Nürnberg/Deutscher Esperanto-Bund (Hg.), 90a Germana Esperanto-Kongreso, Nürnberg, 1.7-20.05.2013, Kongreslibro, [Nürnberg 2013], 31–51.
  • Bernd Krause, Volapük - Esperanto - Idiom Neutral - Ido. Der "Weltspracheverein Nürnberg von 1885" und seine Geschichte, in: Norica. Berichte und Themen aus dem Stadtarchiv Nürnberg 11 (2015), 4–10.
  • Andrea Pia Kölbl/Heiner Eichner (Hg.), Zwischen Utopie und Wirklichkeit: Konstruierte Sprachen für die globalisierte Welt, Begleitband zur Ausstellung an der Bayerischen Staatsbibliothek 14.6.-9.9.2012 (Ausstellungskataloge 85), München 2012.
  • Arika Okrent, In the Land of Invented Languages. A Celebration of Lingustic Creativity, Madness, and Genius, New York 2010.
  • Paulo Rónai, Der Kampf gegen Babel oder das Abenteuer der Universalsprachen, München 1969.
  • Marcus Sikosek, Dokumente zum "Weltspracheverein Nürnberg", in: Esperantologio = Esperanto Studies 3 (2005), 45–54.
  • Marcus Sikosek, Die neutrale Sprache. Eine politische Geschichte des Esperanto-Welt­bundes, Dissertation Utrecht 2006.

Quellen

  • Georg Bauer, Herr Leopold Einstein, Schriftsteller, und la lingvo internacia des Dr. Esperanto, Agram 1888.
  • Georg Bauer, Spelin. Eine Allsprache auf allgemeinen Grundlagen der sprachwissen-schaftlichen Kombinatorik, Brüssel 1888.
  • Ernest K. Drezen, Historio de la mondlingvo. Tri jarcentoj de serĉado, Leipzig 1931, 4., kommentierte Aufl. Moskau 1991.
  • Leopold Einstein, Zur Geschichte der weltsprachlichen Versuche von Leibnitz bis auf die Gegenwart, Vortrag, gehalten im Nürnberger Lehrerverein am 11. Nov. 1884, Nürnberg 1885; Neuabdruck in: Reinhard Haupenthal (Hg.), Plansprachen. Beiträge zur Interlinguistik, Darmstadt 1976, 12–26.
  • Leopold Einstein, Der kleine Weltsprachekomptoirist. Ein Abriß der internationalen Handelskorrespondenz Volapük, bestehend in einer Vorrede über den gegenwärtigen Stand des Volapük und seine Verwendung im großen Weltverkehre, einer kurzen Grammatik und zwölf Handelsbriefen in Volapük mit deutscher Interlinearübersetzung, Nürnberg 1887.
  • Leopold Einstein, La lingvo internacia als beste Lösung des internationalen Weltsprache­pro­blems: Vorwort, Grammatik und Styl nebst Stammwörter-Verzeichniß nach dem Ent­wurf des Pseudonymen Dr. Esperanto, zum ersten Male methodisch geordnet und ausgear­beitet, Nürnberg 1888.
  • Leopold Einstein, Weltsprachliche Zeit- und Streitfragen in Vorträgen erörtert, 1. Vola­pük und Lingvo internacia nebst einer Beilage enthaltend den neuesten Bericht der Ameri­kan. Philosoph. Gesellschaft von Philadelphia über eine internationale Sprache, Nürnberg 1889 [mehr nicht erschienen)].
  • Rupert Kniele, Das erste Jahrzehnt der Weltsprache Volapük. Entstehung und Entwick­lung von Volapük in den einzelnen Jahren, nebst Uebersicht über den heutigen Stand der Weltsprache, Weltspracheklubs u.s.w., Überlingen am Bodensee 1889.
  • Lajos Kökény/Vilmos Bleier (Red.), Enciklopedio de Esperanto, Budapest 1933.
  • La Esperantisto. Zeitschrift für die Freunde der Esperantosprache (Gazeto por la amikoj de la lingvo Esperanto). Digitalisate bei: ANNO - AustriaN Newspapers Online.
  • Österreichische Nationalbibliothek: Plansprachensammlung [dort auch zahlreiche Digitalisate zu den Weltsprachekongressen]
  • Stadtarchiv Nürnberg:
    • C 7/V, Vereinspolizeiakten, Nr. 1051.
    • E 6/291, Akte Esperantoclub Nürnberg.
    • E 6/484, Akte Arbeiter Esperanto-Gruppe Nürnberg.
    • E 6/1199, Akte Esperantoclub Nürnberg.
    • E 10/7, Nachlass Familie Eisen.
  • Ludwig Zamponi, Die Verbreitung der Weltsprache Volapük, in: Rund um die Welt = Zi vol lölik. Eine Zeitschrift für Volapükisten und solche, die es werden wollen, Jg. 1889, Sp. 337–340, 353–365 u. 371–374 (Reprint Hildesheim 2000).

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Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Bernd Krause, Weltspracheverein Nürnberg, publiziert am 01.03.2021; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Weltspracheverein_Nürnberg> (11.04.2021)





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