Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras, 1951

Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen (1906-1996), München im Mai 1954. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Timpe)
München, Bürgerbräukeller, Rosenheimer Straße 29: Sinnbild früher Versammlungsorte der NSDAP (8./9.11.1938) (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Bavaria-Keller auf der Theresienhöhe 7 in München: einer der zahlreichen Bierhallen, die Koeppen als Merkmale von Münchnens Wirtschaft und Stadtleben beschreibt. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Johannes)
Das zerstörte Nachkriegs-München: Blick in die Maxburgstraße und Löwengrube, Ende 1947. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Fruhstorfer)
Alltag im zerstörten Nachkriegs-München: Aktion "Rama dama" im Rosental zwischen Rindermarkt und Marienplatz, 29.10.1949. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Fruhstorfer)

von Ulrich Dittmann

Wolfgang Koeppens (1906-1996) Roman "Tauben im Gras" erschien 1951 im Scherz & Goverts Verlag Stuttgart und Hamburg. Das Buch bildet den ersten Teil der mit "Das Treibhaus" (1953) und "Tod in Rom" (1954) fortgesetzten, chronologisch der Vorzeit und den frühen BRD-Jahren gewidmeten Roman-Trilogie. Koeppen rechnet darin - zunehmend scharf - mit der unmittelbaren Zeitgeschichte ab: den über 1945 hinaus fortexistierenden NS-Mentalitäten. "Tauben im Gras" spielt in einem München, das als ehemalige "Hauptstadt der Bewegung" repräsentativ für deutsche Nachkriegsstädte unter amerikanischer Besatzung steht.

Biographischer Horizont

Der in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) geborene Wolfgang Koeppen (1906-1996, eigtl. Wolfgang Arthur Köppen) hatte im "Dritten Reich" zwei Romane (1934 und 1935) veröffentlicht und überlebte danach als Drehbuchautor für Filme, die nicht gedreht wurden. Nach Bombardierung seiner Berliner Wohnung lebte er von 1943 bis Kriegsende - Koeppen war kein Soldat - untergetaucht in Feldafing (Lkr. Starnberg) am Starnberger See. Auf München, wohin ihn "der törichte Krieg der Mörder" (Die Vollendung eines Schicksals. Dankrede für die Verleihung des Kulturellen Ehrenpreises 1982 der Stadt München, Ges. Werke 5, 357) gebracht hatte und wo er bis zu seinem Tod lebte, lagen für ihn dunkle Schatten: Er war hier, als "die Gespenster paradierten ... ich brauchte den Totenkopf nicht mitzubringen; die Totenköpfe gingen um." (München oder die bürgerlichen Saturnalien [1959], Ges. Werke 5, 121).

Zunächst wohnte er in Schwabing (bis 1964), später im Münchner Stadtteil Lehel in der Widenmayerstraße (Hausnr. 45) mit Blick auf die Isar. 1982 verlieh ihm die Stadt ihren Kulturellen Ehrenpreis. Sein Geburtshaus (Koeppenhaus) in Greifswald wird seit 2003 als Literatur- und Kulturzentrum genutzt.

Inhalt

Obwohl der Name der Stadt nicht fällt, gilt das Buch als DER moderne München-Roman, der die Situation der Besatzungszeit zwischen Kriegsende und Währungsreform auf den Ablauf eines eher zufälligen Tages konzentriert. Trotz zeitlicher Konzentration eröffnet das Buch ein weltgeschichtliches Panorama, das in über 105 Abschnitten ein schwer überschaubares Personal aus allen Bevölkerungsschichten samt Kindern und Tieren umfasst. Es mündet in ein pessimistisches Resümee: Die als "karg" und "kostbar" erlebte Zeit bildet nur eine "Atempause auf einem verdammten Schlachtfeld" - so lauten die letzten Worte des Romans, nachdem ein Dritter Weltkrieg Gesprächsthema war.

Vor diesem Ende stirbt ein Dienstmann im Handgemenge und ein tödlicher Steinwurf trifft ein Kind, als sich der Rassenwahn gegen einen farbigen Besatzungssoldaten und seine Freundin entlädt. Der ausbrechende Fremdenhass steht für die Tradition der von Münchner Bierhallen einst ausgegangenen NS-Bewegung. Auf dem Produkt und dem "Umsatz der Brauereien" ruhen für Koeppen im "München"-Essay Münchens Wirtschaft und Stadleben (vgl. München oder die bürgerlichen Saturnalien [1959], Ges. Werke 5, 121).

In einem zweiten, der Straße und den Lokalen kontrastierenden Milieu der Gebildeten führt Koeppen mit dem unglücklich verheirateten Schriftsteller Philipp eine Art Spiegelfigur ein, der sich mit einem Drehbuch für einen Kitschfilm überfordert fühlt. Im Auftrag einer Zeitung besucht er den Abendvortrag von Mr. Edwin, einem nach dem Vorbild Thomas Stearns Eliot (1888-1965) modellierten Autor, der abendländisch-wertebewusst über weltpolitische Perspektiven redet. Vor einem geplanten Gespräch mit diesem jedoch versagt er; die Hoffnung auf ein erotisches Abenteuer lenkt ihn ab.

Interpretationen von "Tauben im Gras" pendeln zwischen Zeitkritik: Koeppens Kritik der BRD-Gründerjahre und dem selbstreferentiellen Literatenthema: Ein Autor findet sich hoffnungslos verloren im Pandämonium der Zeitgeschichte.

Zwischen den in die 105 Abschnitte montierten Hauptsträngen ergeben sich unzählige und je nach Lektüre wandelnde Bezüge, die den Versuch geradliniger Nacherzählung scheitern lassen: Koeppen steigert durch bewusste Akausalität ein faszinierendes Themengewebe. Der Leser steht vor einer hoch komplexen, anspielungsreichen Bildmontage des Nachkriegs-München. Historische und mythische Facetten überlagern dabei das Geschehen in der Stadt. Sie weiten die Handlung zu einem Panorama der deutschen Nachkriegs-Restauration.

Verbreitung

Die Trilogie der Restaurationszeit, die mit "Tauben im Gras" Epoche machend einsetzte, bleibt Koeppens Hauptwerk; nach einigen Reisebüchern und vielen Essays beschäftigte ab Beginn der 1960er Jahre vor allem die nie eingelöste Ankündigung neuer Werke - "Koeppens Schweigen" - die literarische Öffentlichkeit. Die Bände der Trilogie erschienen einzeln in diversen Ausgaben, auch als Taschenbücher und im Sammelband, vor allem nachdem der Autor 1962 zum Suhrkamp-Verlag gewechselt hatte. Eine Art Dichter-Mythos umgab Koeppen, von dem man noch weitere große Zeitromane erwartete.

Literarische Bedeutung

Die Aufsplitterung der Handlung dank einer auf zufällige Begegnungen – letztlich: Verfehlungen – reduzierten Handlung geht auf Vorbilder aus der amerikanischen und englischen Literatur, auch auf Alfred Döblin (1878-1957), zurück. Bewusstseinsstrom, innere Monologe und Personenrede wechseln oft im selben Abschnitt; eine explizite Erzählinstanz fehlt ebenso wie eine strukturierte Fabel. Der Titel, einem in Englisch als Motto dem Text vorangestellten Gertrude-Stein-Zitat (Gertrude Stein [1874-1946]; aus: "Four Saints in Three Acts" von 1927, einem Libretto über eine Begegnung von Ignatius von Loyola (1491-1556) und Teresa von Avila [1515-1582]) entlehnt, verweist auf eine Avantgarde-Autorin, intertextuell auch auf deren theologisches Thema. Stein war eine Freundin Ernest Hemingways (1899-1961), des populärsten US-Autors der Zeit.

Koeppen, der schon erfolgreich vor dem von ihm nur beobachteten Krieg zu schreiben begonnen hatte, stand den Kollegen von der "Gruppe 47", einer links-orientierten, formlos sich treffenden, dennoch zum "Gewissen der Nation" stilisierten Schriftsteller-Gruppierung fern. Seine Spiegelfigur Philipp, schwankend zwischen individuell-privaten Schwierigkeiten und dem öffentlichen Anspruch an eine deutsche Schriftsteller-Existenz, demonstriert die Hilflosigkeit gegenüber der Forderung eines expliziten Engagements gegen die Restaurationstendenzen.

Daran, dass der Journalist und Schriftsteller Hans Schwab-Felisch (1918-1989) 1952 an Koeppens Pessimismus "substantielle Größe" vermisste, 1966 aber seinen Irrtum dahingehend korrigierte, dass er in "diesem Roman mittlerweile ein Epos"– und das heißt höchste erzählerische Qualität - erkennt, wird die von den "Tauben" erzeugte Irritation deutlich, die das Buch zunächst bereitete. Zugleich steht die Korrektur für die allgemeine Wendung, den Roman positiv zu deuten und "seine strenge Schönheit und ganze Düsternis" zu erkennen (Hans Schwab-Felisch, Kritik und Widerruf, in: Ulrich Greiner [Hg.], Über Wolfgang Koeppen, Frankfurt am Main 1976, 36-44).

Literatur

  • Hans-Edwin Friedrich, "Kreuzritter an Kreuzungen". Entsemantisierte Metaphorik als artistisches Verfahren in Wolfgang Koeppens Roman Tauben im Gras. Reaktion auf den Wertezerfall nach 1945, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 18 (1993), 86-122.
  • Toni Meissner, Wolfgang Koeppen (23.6.1906-15.3.1996). Epischer Analytiker der Ära Adenauer, in: Alfons Schweiggert/Hannes S. Macher (Hg.), Autoren und Autorinnen in Bayern. 20. Jahrhundert, Dachau 2004, 198-200.
  • Edgar Platen, Ausländer, Deserteure, Touristen und verhinderte Heimkehrer. Wolfgang Koeppens Poetologie des Reisens im Umfeld der frühen Nachkriegszeit, in: Treibhaus 2 (2006), 125-139.
  • Hilda Schauer, Denkformen und Wertesysteme in Wolfgang Koeppens Nachkriegstrilogie, Wien 2004.
  • Anja Schnabel, Die NS-Vergangenheit im Schafspelz westdeutscher Restauration. Wolfgang Koeppens Nachkriegsromane als literarische Verarbeitung, in: Stephan Alexander Glienke/Volker Paulmann/Joachim Perels (Hg.), Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, 241-262.
  • Volker Wehdeking, Erinnerung an Wolfgang Koeppen, in: Literatur in Bayern 58 (1999), 47-51.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Ulrich Dittmann, Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras, 1951, publiziert am 30.10.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras, 1951> (18.12.2017)