Igelbund, 1403

Die Igelbundurkunde vom 20. Mai 1403 (Archiv der Stadt Salzburg, Städtische Urkundenreihe 1403 Mai 20)
Erneuerung und Erweiterung des Igelbundes vom 1. März 1429 (Salzburger Landesarchiv, OU 1429 III 01)

von Hubert Schopf

Bündnis von Adeligen und Städten des Erzstiftes Salzburg zur Durchsetzung ständischer Forderungen. In Reaktion auf die rigorose Politik der Erzbischöfe Pilgrim II. von Puchheim (reg. 1365-1396) und Gregor Schenk von Osterwitz (reg. 1396-1403) schlossen sich Ritter und Städte unmittelbar nach dem Tod des Erzbischofs Gregor im Mai 1403 zusammen. Die Bezeichnung des Bundes rührt von den an allen Seiten der Bündnisurkunde angebrachten Siegeln her. Ziel war es, die Huldigung des neuen Erzbischofs von der Abstellung der ständischen Beschwerden abhängig zu machen. Der neugewählte Erzbischof Eberhard III. von Neuhaus (reg. 1403-1427) erkannte die Forderung aber nie förmlich an. 1429 erneuerten und erweiterten Adel und Städte das Bündnis - wieder ohne förmlichen Erfolg. Immerhin kam Erzbischof Johann II. von Reisberg (reg. 1429-1441) den Ständen durch eine konziliantere Politik entgegen.

Ursachen und Auslöser des Bundes

Der Igelbund markiert einen wichtigen Einschnitt in der Entwicklung der Landstände im Erzstift Salzburg. Die Salzburger Erzbischöfe Pilgrim II. von Puchheim (reg. 1365-1396) und Gregor Schenk von Osterwitz (reg. 1396-1403) verfolgten ihre politischen Ziele sehr ambitioniert und schreckten auch vor der Anwendung militärischer Mittel nicht zurück. Nicht zuletzt deshalb erreichte das Erzstift Salzburg unter ihnen mit der Erwerbung der Herrschaften Itter-Hopfgarten (1385) und Mattsee mit Straßwalchen (1398) sowie der vorübergehenden Inkorporation der Fürstpropstei Berchtesgaden (1393-1405/1407) seine größte Ausdehnung.

Obwohl Erzbischof Pilgrim seine Freilassung aus der bayerischen Gefangenschaft (1387), in die er bei einer Unterredung mit den Bayernherzögen Stephan III. (reg. 1375-1413) und Friedrich (reg. 1375-1393) geraten war, dem erstmals selbständigen und entschlossenen Auftreten der Salzburger Landstände verdankte, sah er in der Folgezeit keinen Grund, den Forderungen des Adels und der Städte entgegen zu kommen. Die Bürgerschaft der Stadt Salzburg zwang er, ihm bedingungslos Gefolgschaft zu schwören. Die Salzburger Ritterschaft führte zahlreiche, lang andauernde, durchwegs erfolglose Fehden gegen den Erzbischof.

Infolgedessen versuchten die Stände ihre Rechte bei der Bischofswahl des Jahres 1396 zu sichern. Der zum neuen Erzbischof gewählte Dompropst Gregor Schenk von Osterwitz versprach den Ständen noch vor Eintreffen der päpstlichen Bestätigung, ihre Rechte und Freiheiten zu schützen und die als berechtigt angesehenen Beschwerden abzustellen. Nach der päpstlichen Bestätigung seiner Wahl stellte er eine neuerliche Bestätigung dieser Zusagen in Aussicht. Kaum saß Erzbischof Gregor fest auf dem erzbischöflichen Stuhl, waren diese Zugeständnisse jedoch vergessen und die Repressionen gegenüber den Landständen nahmen weiter zu.

Der Zusammenschluss der Ritter, Knechte und Städte im Igelbund

Nur wenige Tage nach dem Tod des Erzbischofs (9. Mai 1403) reagierten die Stände energisch. Ritter, Knechte und Städte des Erzstiftes Salzburg schlossen sich zu einem Bündnis zusammen (20. Mai 1403), das man nach der darüber ausgestellten Urkunde den "Ygl" oder Igelbund nannte. Insgesamt 56 namentlich genannte Vertreter der Salzburger Ritterschaft und die fünf Salzburger Städte Salzburg, Laufen, Tittmoning (beide heute im bayerischen Rupertiwinkel gelegen), Hallein und Radstadt nahmen an dem Bündnis teil. Ziel des Bundes war es, dem neuen Erzbischof nicht zu huldigen, bevor er sich nicht verpflichtete, ihre Beschwerden zu behandeln.

Kritisiert wurden vor allem die großen Zahlungen nach Rom, die die Erzbischöfe Pilgrim II. und Gregor ohne Zustimmung der Stände geleistet hatten, wodurch sich das Erzstift stark verschuldet hatte. Unter der schweren Besteuerung hatten vor allem die aufstrebenden Städte zu leiden. Der Adel prangerte besonders die unbegründete Einziehung von Lehen und deren Vergabe an erzbischöfliche Günstlinge an; dadurch wurde die wirtschaftlich schmale Basis des ohnedies nicht reich begüterten Salzburger Adels geschwächt. Außerdem kritisierten die Stände das rücksichtslose Vorgehen der Erzbischöfe bereits bei kleinen Vergehen, wohingegen die Erzbischöfe sich über ihre eigenen Schuldverschreibungen vielfach hinwegsetzten.

Die zwei Tage vor der nächsten Erzbischofswahl geschlossene Einung wurde für den folgenden Erzbischof Eberhard III. von Neuhaus (reg. 1403-1427) zu einer gewaltigen Hürde. Da sich dieser gegen den vom Papst als Salzburger Erzbischof nominierten Freisinger Bischof Berthold von Wehingen (reg. 1381-1404 und 1406-1410; Erzbischof von Salzburg 1404-1406) durchsetzen musste, stellte er bereits am Tag nach seiner Wahl (23. Mai 1403) den Ständen die Erfüllung ihrer Forderungen in Aussicht. Die Zusage sollte erneuert werden, sobald Eberhard III. vom Papst als rechtmäßiger Salzburger Erzbischof anerkannt würde. Als Eberhard nach dreijährigem zähen Ringen die päpstliche Bestätigung erlangt hatte, agierte er aber wie seine Vorgänger und es kam nie zu einer förmlichen Anerkennung der ständischen Forderungen aus der Igelbundurkunde. Hingegen nahmen die Fehdeaktivitäten einzelner Adeliger zu, sodass die Rechtssicherheit spürbar abnahm und das Erzstift Salzburg in eine schwere Krise geriet.

Herkunft der Bezeichnung "Igelbund" von der Bündnisurkunde

Die an allen vier Seiten der Bündnisurkunde angebrachten Siegel erschienen bereits den Zeitgenossen wie die Stacheln eines wehrhaften Igels, weshalb sich diese Bezeichnung ("der Ygl") bereits im ältesten Privilegienbuch der Stadt Salzburg (entstanden um 1500) durchgesetzt hatte. Der Begriff wurde auf das Bündnis übertragen. Von den ursprünglich 56 Siegeln sind heute noch 35 erhalten (Archiv der Stadt Salzburg, Städtische Urkundenreihe 1403 Mai 20). Die zweite Ausfertigung der Igelbundurkunde für die Salzburger Landschaft ist ganz gleich aufgebaut, jedoch sind dort nur 20 Siegel erhalten geblieben (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Salzburg Landschaft 1403 05 20). Neben den großen Stadtsiegeln der fünf vertretenen Salzburger Städte reihen sich die Siegel der führenden Adelsgeschlechter Salzburgs an, so waren mit Konrad Wispeck (genannt seit 1374, gest. 1405), dem Salzburger Erbkämmerer und Jakob von Thurn (genannt seit 1392, gest. 1411), dem Salzburger Erbschenk, zwei aktive Landherrengeschlechter an führender Stelle beteiligt.

Erneuerung des Igelbundes 1429

Besondere Aktualität erlangte der Igelbund nach dem Tod von Erzbischof Eberhard IV. (reg. 1427-1429). Die Salzburger Stände besannen sich darauf, dass eine Bestätigung der ständischen Freiheiten und Rechte und die Abstellung ihrer Beschwerden vor der Neuwahl eines Erzbischofs die größten Aussichten auf Erfolg hatten. Ritter, Knechte und Städte des Erzstiftes bevollmächtigten den Salzburger Erbkämmerer Achaz Wispeck und einige weitere Vertreter, dass diese die Herausgabe der Igelbundurkunde von Albrecht von Puchheim (gest. ca. 1430), Landmarschall im Land ob der Enns und Neffe des früheren Erzbischofs Pilgrim II., verlangen sollten. Zugleich traten der oberste geistliche Würdenträger in Salzburg, der Chiemseer Bischof Friedrich Deys (reg. 1423-1429), der Salzburger Erbmarschall Hans Kuchler zu Friedburg (gest. 1436) und weitere 23 Ritter und Edelknechte der alten Einung bei. Die Vereinbarung wurde um den Zusatz erweitert, dass die Stände jährlich zu Ruperti (24. September) selbständig eine Zusammenkunft in Salzburg halten und die anstehenden Probleme behandeln sollten.

Die Wirkung des erneuerten Bündnisses

Die erneuerte Bündnisurkunde (1. März 1429) entfaltete kaum Wirkung, da die Wahl des Dompropstes Johann von Reisberg zum Erzbischof (Johann II. von Reisberg, reg. 1429-1441) am 22. März 1429 sowie deren päpstliche Bestätigung rasch und reibungslos erfolgten. Der ständischen Opposition war kaum Zeit zum Handeln geblieben. Überdies starb auch Bischof Friedrich Deys von Chiemsee wenige Wochen später, wodurch der angesehenste Exponent des erneuerten Ständebündnisses abhanden gekommen war.

Erzbischof Johann II. von Reisberg verstand es, durch konzilianteres Vorgehen als seine Vorgänger bei der Lehensvergabe und durch erfolgreiche Schiedsspruchverfahren die Adelsopposition zu beruhigen, ohne die ständischen Forderungen definitiv anzuerkennen. Auch die im Zug der Hussitenkriege verkündeten Landfrieden trugen zur Beruhigung der inneren Lage bei. Die 1429 festgeschriebene Bestimmung über die jährlich stattfindende Versammlung der Stände wurde wegen der geringen Ständemacht und der uneinigen Adelsgeschlechter nie konsequent umgesetzt, vielmehr wurden Ständeversammlungen nur fallweise von den jeweiligen Erzbischöfen einberufen.

Grundstrukturen als Ursachen für das Scheitern der Bündnisse

Entscheidend für die geringe Wirkung des Igelbundes war der Umstand, dass das Salzburger Domkapitel als Wahlgremium für die Erzbischofswahl immer eigene Ziele verfolgte und sich nie mit den ständischen Forderungen solidarisierte. In den damals üblich gewordenen Wahlkapitulationen hatte das Domkapitel ein probates Instrument zur Durchsetzung seiner Interessen geschaffen. Selbst innerhalb des Salzburger Adels war selten eine einheitliche Interessenslage gegeben. Vielmehr versuchte jeder seine Forderungen – fallweise auch im Weg der Fehde gegen den Erzbischof – durchzusetzen, was die Macht der Salzburger Stände weiter schwächte.

Forschungs- und Quellenlage

Richard Mell (1881-1950) stellte die von nachfolgenden Historikern übernommene und bislang vorherrschende These auf, der Igelbund habe keine Nachwirkungen entfaltet. Dies beruhte jedoch auf einer falschen Datierung des erweiterten Bündnisses bei Judas Thaddäus Zauner (1750-1813; Chronik von Salzburg) auf das Jahr 1403. Dass Bischof Friedrich Deys von Chiemsee erst 1423 zu diesem Bistum gelangte und das Original der Urkunde mit richtiger Datierung im Salzburger Landesarchiv überliefert ist (SLA, OU 1429 III 01) wurde nicht beachtet, wenngleich Mell selbst bereits auf ein erneutes Aufleben des Bündnisses um 1429/30 hingewiesen hatte.

Literatur

  • Heinz Dopsch, Salzburg im 15. Jahrhundert, in: Heinz Dopsch (Hg.), Geschichte Salzburgs. Stadt und Land. 1. Band, 1. Teil, Salzburg 3. Auflage 1999, 487-512.
  • Richard Mell, Abhandlungen zur Geschichte der Landstände im Erzbistume Salzburg, Salzburg 1905, 1-240 (Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 43 (1903) 93-178 und 349-363, 44 (1904) 139-255, 45 (1905) 81-104).
  • Hans Wagner, Vom Interregnum bis Pilgrim von Puchheim, in: Heinz Dopsch (Hg.), Geschichte Salzburgs. Stadt und Land. 1. Band, 1. Teil, Salzburg 3. Auflage 1999, 479-486.

Quellen

  • Archiv der Stadt Salzburg, Städtische Urkundenreihe 1403 V 20 (Igelbundurkunde: Ausfertigung für die Stadt Salzburg)
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Salzburg Landschaft 1403 05 20 (Igelbundurkunde: Ausfertigung für die Salzburger Landschaft)
  • Salzburger Landesarchiv, Originalurkundenreihe 1429 III 01 (Erneuerung und Erweiterung des Bündnisses der Salzburger Stände)

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Hubert Schopf, Igelbund, 1403, publiziert am 22.03.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Igelbund, 1403> (17.12.2017)