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Wir sind Gefangene (Oskar Maria Graf, 1927)

Titelblatt der 2. Auflage im Drei Masken Verlag, 1928.
Doppelseite aus dem Werbeprospekt des Drei Masken Verlags, 1928. (Oskar-Maria-Graf- Gesellschaft e. V.)
Walter Schulz-Matan, "Bildnis Oskar Maria Graf", 1927, Öl auf Leinwand. (Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg)

von Ulrich Dittmann

Der Roman "Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis aus diesem Jahrzehnt" von Oskar Maria Graf (1894-1967) erschien 1927 im Münchner Drei Masken Verlag. Thomas Mann urteilte über Grafs erfolgreichsten Roman, er sei ein "menschlich-historisches Zeugnis von unvergänglichem Werte", und verhalf ihm früh zur Übersetzung in den USA: "Prisoners All" erschien 1928; Übersetzungen in alle Weltsprachen folgten.

Biographischer Horizont

Oskar Maria Graf (1894-1967) stammte aus Berg am Starnberger See. Seine Herkunft als neuntes von elf Kindern einer bayerisch-bäuerlichen Mutter und eines zugereisten Bäcker-Vaters stellte ihn in die lebensprägende Spannung zwischen Katholizismus und Freigeisterei, zwischen Stadt und Provinz. Er war nie Parteisozialist; zu keiner Partei zu gehören und doch aus "grundmenschlicher Empörung gegen jeden Mißbrauch der Schwächeren durch die Stärkeren" stets "links" zu stehen, war ihm wichtiges Programm.

Autodidaktisch erarbeitete er sich, vom Bäckerlehrling über die Schwabinger Boheme und Anarchistenkreise aufsteigend, mit expressionistischen Gedichten und Kurzgeschichten seine Stellung als literarisch anerkannter Arbeiterdichter und später auch als "Epiker" dank seine Buches "Das Leben meiner Mutter" (1941 in den USA erschienen, 1946 in Deutschland) und anderer Romane. Ab 1933 lebte Graf im Exil in Wien, Brünn und New York, das dem Staatenlosen nach 1945 zur "Diaspora" wurde. Er starb 1967 in New York.

Inhalt

Das Buch umfasst zwei Teile: "Frühzeit", schon 1922 in der "Roten Roman Serie" im Malik Verlag erschienen, erzählt von der dörflichen Kindheit und Lehrzeit in der väterlichen Bäckerei, der Flucht in die Stadt, dem Kontakt zu Anarchisten um Erich Mühsam (1878-1934) und einer mit simuliertem Irresein beendeten Militärzeit während des Ersten Weltkriegs.

Im zweiten Teil "Schritt für Schritt" versucht sich das erzählende Ich als Autor. Politisch für die proletarische Seite aktiv, beteiligt es sich an der Räterepublik, schmarotzt bei einem Mäzen und handelt auf dem Schwarzmarkt. Solidarisch mit den Opfern jener Freikorps und "weißen" Truppen, die 1919 die Räte-Herrschaft brutal beendet hatten, mündet der Erzähler in das "Wir" des Titels und überwindet seine Desorientiertheit.

Verbreitung

Der Münchner Drei Masken Verlag startete 1927 mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren. Vom Erfolg überrascht, musste man die 2. Auflage 1928, 4. bis 10. Tausend, neu setzen, da die Druckstöcke vernichtet worden waren. Ein aufwendiger 16-seitiger Prospekt warb für das Buch. Die gekürzte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg überbrückte 1928 die Nachfrage zwischen den beiden öffentlichen Ausgaben.

1928 erschien das Buch in englischer Übersetzung als "Prisoners All" in der Serie "Distinguished Authors of Post-War Germany" in den USA. Zunächst 1948 und 1961 in der DDR, dann 1965 in der Bundesrepublik kamen Neuauflagen heraus. "Wir sind Gefangene" ist seither in vielfältigen Ausgaben präsent.

Literarische Bedeutung

Mit dem autobiographischen Buch gelang Graf der Durchbruch als Autor. Laut Vorwort von 1965 war es "ein Dokument der höchst bewegten Zeit von 1905 bis [...] 1918", geschrieben von einem, der nicht von außerhalb die Gesellschaft mahnte, sondern "mitten in ihr verblieb" und rücksichtslos sich selbst kritisierte. Das Buch stand als einziges der Werke Grafs auf den Verbrennungslisten für den 10. Mai 1933. Für seine anderen Titel musste Graf den Appell "Verbrennt mich!" schreiben.

Der einflussreichste Leser war Thomas Mann (1875-1955): Bereits 1927 empfahl er das Werk in der Frankfurter Zeitung und im amerikanischen "The Dial" als ein "verjüngendes Buch"; "die Originalität" hatte ihn "gereizt und belustigt".

Als Vorläufer der Anti-Kriegsbücher von Erich Maria Remarque (1898-1970) und anderen brandmarkt Graf falsche Orientierungen, die das Jahr 1914 vorbereitet hatten und zur Zeit der Abfassung schon auf das Jahr 1933 vorausdeuteten. Kritische Generationsgenossen konnten sich damit identifizieren.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Oskar Maria Graf

Empfohlene Zitierweise

Ulrich Dittmann, Graf, Oskar Maria: Wir sind Gefangene, 1927, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Graf, Oskar Maria: Wir sind Gefangene, 1927> (15.11.2018)