Engelhardt, Elisabeth: Ein deutsches Dorf in Bayern, 1974 (1985)

Portrait von Elisabeth Engelhardt (1925-1978) aus den 1960er Jahren. (Foto: privat)

von Ingeborg Höverkamp

Der erstmals 1974 erschienene Roman beschreibt aus dem Blickwinkel einer Betroffenen die Veränderung eines Dorfes durch den Bauboom der 1960er und 1970er Jahre. Elisabeth Engelhardt (1925-1978) beschreibt auch den gleichzeitig stattfindenden Wandel der Dorfbewohner, die aus ihren Traditionen und sozialen Strukturen herausgerissen ihren Halt und ihre Identität verlieren.

Die Autorin

Elisabeth Engelhardt (1925-1978) wurde als Tochter eines Kleinbauern 1925 in Leerstetten (Gde. Schwanstetten, Lkr. Roth) bei Nürnberg geboren und lebte dort bis zu ihrem Tode im Jahre 1978. 1964 publizierte die Autodidaktin den historischen Rahmenroman "Feuer heilt" und 1974 den Roman "Ein deutsches Dorf in Bayern". Ihre zweite Begabung, das Malen, mündete in ihren Brotberuf als Kulissenmalerin an den Städtischen Bühnen in Nürnberg. 1967 erhielt sie für ihren Romanerstling "Feuer heilt" den Förderpreis für Literatur der Stadt Nürnberg.

Der Hintergrund zu "Ein deutsches Dorf in Bayern"

In den 1960er Jahren setzte in der Folge des deutschen Wirtschaftswunders eine massenhafte Bautätigkeit ein. Viele Städter zog es aufs Land. Verkehrsbelastung, Bodenspekulationen, Zersiedelung der Landschaft und städtische Bauweise folgten. Das alte Dorfbild wurde zerstört; die Landwirte überlebten nur um den Preis ihrer verkauften Äcker. Engelhardt schrieb von "Landwirten ohne Land".

Situation im Romandorf Meisenlach vor dem Bauboom

Im Walddorf Meisenach, das im Roman beschrieben wird, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Jahrhunderte lang waren die Bauern nur vom Wechsel der Jahreszeiten abhängig, und die Ernte auf diesem sandigen Boden war nie üppig, so dass "die Not auf dem Fensterbrett hüpfte, jahrein, jahraus" (S. 9). Die Makler versprachen schnellen Gewinn durch den Verkauf von Äckern und Wiesen und prophezeiten den Landwirten, dass sie mit einem Schlag viel mehr verdienen könnten, als sie je mit der Bewirtschaftung ihres Landes oder dem Holzverkauf aus den Wäldern erwirtschaften könnten. Nur einer - der Bauernvogel - ist skeptisch und meint, dass das Land nicht nachwächst.

Handlung und Hauptpersonen

Eine Baugesellschaft wittert in diesem Dorf Meisenlach ein großes Geschäft. Man hofft, hier Bauland billiger kaufen zu können als in Dörfern, in denen die Bauern bereits über den Wert ihrer Äcker, die als Bauland genutzt werden sollen, aufgeklärt sind. Den Vertretern der Baugesellschaft steht der Chor der Dörfler gegenüber, einer verschworenen Gemeinschaft. Kein Bauer samt Familie wird von der Autorin individuell geschildert, was sich bereits in der Namensgebung zeigt: Alle sind "Vögel", wie der Feuerwehrvogel, der Bauernvogel, der Schmiedvogel und der Stieglitz. Die Namen sind austauschbar. Das Symbol der Vögel ist bewusst gewählt, denn die "Vogelfänger" sperren die "Vögel" sozusagen in goldene Käfige und nehmen ihnen so die Freiheit. Bisher waren die "Bauernvögel" freie Landwirte, jetzt sind sie gezwungen, sich in der Fabrik Arbeit zu suchen.

Die Bauern sind leicht zu beeinflussende "Opfer" der Baugesellschaft. Geblendet von den Versprechungen der Baugesellschaft, schnell an Geld zu kommen ohne auch nur einen Finger krumm machen zu müssen, erliegen sie den Verlockungen einer neuen Zeit. In ihrem Dorf werden nun Wohnkasernen aus dem Boden gestampft. Sie selbst werden zu Totengräbern ihres alten Dorfes, was sich symbolisch im Fällen einer alten Linde vor dem Wirtshaus manifestiert. Die Linde soll blinkenden Reklamelichtern und einem Parkplatz weichen. Gleichzeitig mit dem Untergang des alten Dorfes schwinden auch die althergebrachten Sozialstrukturen: Das Zusammenleben von drei oder vier Generationen unter einem Dach, das auf vertraglichen Vereinbarungen bei der Heirat dessen, der den Hof übernimmt, beruhte und gegenseitige Verpflichtungen enthielt, ist nicht mehr selbstverständlich.

Bald merken die Bauern, dass die Härten des Lebens nur die Farbe gewechselt haben. Anstatt, wie früher, auf dem Acker und im Wald schuften zu müssen, sind die Landwirte ohne Land jetzt gezwungen, am Fließband in der Fabrik oder am Bau zu arbeiten. Bei dieser Arbeit sind sie nicht mehr ihr eigener Herr, sondern abhängige Arbeitnehmer. Die alteingesessenen Bauern sind eine Schicksalsgemeinschaft, bei der der einzelne nicht individuell handelt, sondern der Verkauf der Äcker und die einsetzende rege Bautätigkeit sind Zeichen einer neuen Zeit, die alle betrifft. Neben dieser zahlenmäßig großen Gemeinschaft lebt eine kleine Schar von Zugezogenen im Dorf, Flüchtlinge und Außenseiter. Dazu zählt die Figur des Harald, der eines Tages im Dorf auftaucht und sich mit der reichen Bauerntochter Luise verlobt. Er macht ihr weis, dass er beim militärischen Abschirmdienst arbeitet. Die beiden heiraten, und kurz darauf verschwindet Harald, mit ihrem gesamten Erbteil.

Zu den Außenseitern gehört die zugezogene Familie Abendroth, der Vater, einarmig, arbeitslos und die geistig behinderte Mutter. Sie haben zwei Söhne. Einer ist ein Kleinkrimineller, den die Mutter vergöttert. Der andere ist geistig behindert. Er lässt die gefährlichen Hunde seines Vaters aus dem Zwinger, die sich, völlig ausgehungert, auf die Schweine eines Bauern stürzen. Der Feuerwehrvogel will die Hunde vertreiben, doch nun fallen sie über ihn her. Er überlebt schwer verletzt. Einer erschießt schließlich drei der Hunde, der vierte entkommt.

Eine Sonderrolle bei den Landwirten nimmt die Großmutter ein, deren Enkelin Luise ist. Altersweise warnt sie, mahnt und sieht voraus, was mit diesem Dorf geschehen wird, doch keiner schenkt ihr Gehör. Als Luise sich vor Verzweiflung im Stall aufhängen will, ahnt die Großmutter das Unglück und kommt gerade noch rechtzeitig. Aus dem Kreis der Dorfbewohner stammt auch Hanne, ein kleinwüchsiges, geistig zurückgebliebenes Mädchen. Ab und zu verschwindet sie, keiner weiß, wo sie ist, nach ein paar Tagen taucht sie wieder auf und hört nicht mehr auf zu lachen. Eines Tages findet man Hanne tot im Wald. Alle sind überzeugt, dass sie ermordet wurde, aber es stellt sich heraus, dass ihr kleines Vogelherz nur aufgehört hat zu schlagen.

In einem Interview umriss die Autorin die Handlung ihres Dorfromans mit einem einzigen Satz: "Es geht um die Wandlung eines Dorfes und natürlich der Dorfbewohner im Sog der Industriestadt."

Authentische Elemente

Dass der Autorin ihr eigenes Dorf Leerstetten Modell stand, ist unschwer zu erkennen. So findet sich beispielsweise der Wasserturm mit seinem Neptunmotiv im Dorfroman, die aus dem Boden gestampfte Reihenhaussiedlung ist Teil des neuen Dorfbildes, der Dorfname Meisenlach geht auf einen Flurnamen in der Nähe von Leerstetten zurück und die Topographie des Romandorfes Meisenlach ist im Roman ein Zusammenschnitt der Dörfer Leerstetten und Furth (Gde. Schwanstetten, Lkr. Roth). Auch die im Buch genannte rasant angestiegene Einwohnerzahl ist identisch.

Reaktionen auf den Roman

Mitte der 1970er Jahre lag der Schwerpunkt der Besprechungen auf der sozialkritischen Komponente des Romans, während bei den Rezensionen nach der Neuauflage 1985 das Problem der Landschaftszersiedelung mit seinen ökologischen Folgen in den Vordergrund rückte. Diese Thematik wurde als Teil ökologischer Gesamtbedrohung erkannt. So schrieb die Kollegin Ingeborg Drewitz (1923-1986) in ihrem Nachwort zur Neuauflage des Dorfromans 1985, dass Elisabeth Engelhardt "zeitgemäßer als die Zeitgemäßen" gewesen sei (S. 166).

Bei der Erstauflage 1974 erfuhr der Dorfroman nicht die Resonanz, die er aufgrund seiner literarischen Qualität verdient gehabt hätte. Das Bewusstsein der Leser für die Problematik wie Zersiedelung der Landschaft und Versiegelung von Naturflächen war noch nicht geschärft. Bei der Neuauflage 1985 waren die Leser inzwischen hellhörig geworden, wenn es um Bauern- und Höfesterben ging. So traf der Roman zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung auf einen Trend.

Literarische Einordnung

1984 erschienen Anna Wimschneiders (1919-1993) Aufzeichnungen einer Bäuerin unter dem Titel "Herbstmilch". Das Buch verdankt seinen Erfolg vor allem der anschließenden Verfilmung. Auch Elisabeth Engelhardts Dorfroman sollte in einem Film umgesetzt werden, aber das Projekt scheiterte schließlich.

Ludwig Fels (geb. 1946) beschrieb mit seinem Roman "Die Sünden der Armut" ein bäuerliches Milieubild. Engelhardt und Fels sind beide Autodidakten, erstere hat jedoch ein hohes sprachliches und künstlerisches Niveau erreicht, während Fels auf die Einfachheit der Sprache setzte.

Insgesamt gesehen sperrt sich der Roman "Ein deutsches Dorf in Bayern" allerdings einem Vergleich mit anderen Werken. Elisabeth Engelhardts düstere Realistik bleibt einzigartig. Ihr Romandorf ist eine Anti-Idylle.

Historische Einordnung

Elisabeth Engelhardts Dorfroman zeigt die historische Entwicklung des Dorfes im Strukturwandel. Während zur Zeit Elisabeth Engelhardts eine Zusatzbeschäftigung zum Bauerndasein die große Ausnahme war, aber viele noch in der Landwirtschaft tätig waren, gibt es heute in ihrem realen Dorf nur noch einen Vollerwerbslandwirt. Das Dorf als abgeschlossene, zum Teil auch romantisierte Gemeinschaft ist verschwunden. Die Autorin beschrieb eine verschwindende bäuerliche Kultur in einer Umbruchphase, wobei sie die hergebrachten Werte gegen die moderne Entwicklung setzte.

Seit den 1980er Jahren achtet man bundesweit auf eine behutsamere Siedlungspolitik, die Altes bewahren oder integrieren und Neues angliedern will. Im Heimatort von Elisabeth Engelhardt, der heute ein Ortsteil von Schwanstetten ist, wurden nach diesem Gewaltakt, bei dem uniforme Reihenhaussiedlungen entstanden sind, nur noch einzeln stehende Häuser, meist im Landhausstil, gebaut.

Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis

Im Jahr 1997 lobte der Landkreis Roth zum ersten Mal den Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreis aus, der alle drei Jahre verliehen wird. Er erinnert an die bescheidene, hochbegabte Autorin und fördert gleichzeitig Autorinnen und Autoren aus dem Landkreis.

Literatur

  • Gerhard Armanski, Fränkische Literaturlese. Essays über Poeten zwischen Main und Donau, Würzburg 1998.
  • Ingeborg Höverkamp, Elisabeth Engelhardt. Eine Monographie, Gerabronn/Crailsheim 1994.

Quellen

  • Elisabeth Engelhardt, Ein deutsches Dorf in Bayern. Ein Krimi aus der Landwirtschaft, Wuppertal 1974.
  • Elisabeth Engelhardt, Ein deutsches Dorf in Bayern, Wuppertal 2. Auflage 1985.
  • Elisabeth Engelhardt, Ein deutsches Dorf in Bayern (Serie Piper 812), München 1989.
  • Elisabeth Engelhardt, Ein deutsches Dorf in Bayern, Cadolzburg 2000.
  • Nachlass von Elisabeth Engelhardt (Briefe, Tagebücher, Dokumente, Notizen, Manuskripte usw.) in der Stadtbibliothek Nürnberg (Egidienberg).

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Ingeborg Höverkamp, Engelhardt, Elisabeth: Ein deutsches Dorf in Bayern, 1974 (1985), publiziert am 12.09.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Engelhardt, Elisabeth: Ein deutsches Dorf in Bayern, 1974 (1985)> (25.02.2018)