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Königspfalz Salz

Aus Historisches Lexikon Bayerns

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Lage der Pfalz Salz im fränkischen Reich unter Karl dem Großen. (Basiskarte: Esri, Garmin, GEBCO, NOAA NGDC, and other contributors; Kartierung: Petra Wolters)

von Petra Wolters

Die Königspfalz Salz bei Neustadt an der Saale (Lkr. Rhön-Grabfeld), gelegen an der östlichen Peripherie des Karolingerreiches und verkehrstechnisch günstig positioniert zu den Krisenherden des späten 8. wie frühen 9. Jahrhunderts in Bayern, Thüringen und Sachsen, war bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts die einzige Königspfalz in ganz Nordbayern mit überregionaler Bedeutung. Unter Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen sind längere Herrscheraufenthalte und der Empfang hochrangiger Gesandtschaften belegt, wobei das repräsentative Zentrum auf dem Veitsberg lag. Schriftliche Überlieferung und archäologische Befunde erlauben es, die weiträumige Ausdehnung und zugehörigen Elemente (Höfe, Kirchen, (Gewerbe-)Siedlungen, Forste) des Pfalzkomplexes zu beschreiben, und nachzuvollziehen, wie sich dieser im 8. Jahrhundert aus dem Königsgut (fiscus) Salz entwickelte. Die veränderte politische Situation führte noch im 9. Jahrhundert zu einem Bedeutungsverlust der Pfalz, deren Bestandteile um die Jahrtausendwende sukzessive in Kirchenbesitz übergingen.

Zum Begriff Pfalz

Die Herrschaftspraxis mittelalterlicher Könige und Kaiser war von einer hohen Mobilität geprägt, weshalb in diesem Zusammenhang auch von „Reisekönigtum“ gesprochen wird. Eine feste Residenz für Repräsentations- und Regierungsaufgaben gab es nicht. Als temporäre Aufenthaltsorte dienten den Herrschern mit ihrem Gefolge sowie etwaigen Gästen Pfalzen.

Über ihre Qualität als Wohn- und Regierungsstätte hinaus waren Pfalzen Mittelpunkte der Verwaltung und wirtschaftlichen Nutzung des Königsgutes (fiscus). Die Benennung dieser Orte in den Schriftquellen als palatium (> Pfalz) oder villa regia hebt sie aus der Masse der Königshöfe hervor.

Ein karolingisch-ottonisches Zentrum im Neustädter Becken

Das Pfalzgebiet Salz nach historischen Quellen. Kartierung frühmittelalterlicher Besitzverhältnisse im Bereich des Pfalzgebietes. (Basiskarte: Esri, DigitalGlobe, GeoEye, Earthstar Geographics, CNES/Airbus DS, USDA, USGS, AeroGRID, IGN, and the GIS User Community; Kartierung: Petra Wolters)

Das Gebiet um die heutige Stadt Bad Neustadt a.d.Saale mit der Königspfalz Salz spielte vom mittleren 8. bis frühen 10. Jahrhundert für die reisenden Herrscher eine wichtige Rolle. Es lag strategisch günstig zwischen den fränkischen Zentren im Westen, dem Herzogtum Bayern und der slawisch geprägten östlichen Peripherie des karolingischen Einflussraums. Über die Saale war das Gebiet zudem direkt an das Flusssystem des Rhein-Main-Gebietes angebunden. Wirtschaftlich waren die Vorkommen solehaltiger Quellen höchst bedeutsam, was sich in der Benennung der Pfalz wie des Ortes Salz (Lkr. Rhön-Grabfeld) spiegelt. Für die Salzgewinnung wurden enorme Holzmengen benötigt, die in den ausgedehnten Wäldern um die Pfalz („Salzforst“) zur Verfügung standen. Darüber hinaus boten die königlichen Bannwälder (Forste/Wildbannbezirke) Ressourcen für Jagd, Waldweide, Bauholz, aber auch für andere Versorgungsgüter wie Pech oder Honig.

Für die Entwicklung des Königsguts zur Pfalz am Ende des 8. Jahrhunderts dürfte aber vor allem die politische Lage entscheidend gewesen sein: 785/86 war der Aufstand des Hardrat in Thüringen niedergeschlagen worden, im Jahr 787 fand ein Feldzug gegen den bayerischen Herzog Tassilo III. (ca. 741-nach 794, reg. 748-788) statt und parallel dazu dauerten die Sachsenkriege Karls des Großen (747/48-814, fränk. König ab 768, ab 800 Kaiser) bis 804 an. Von Salz aus waren alle Krisengebiete wie auch der nordöstliche Expansionsraum des Frankenreichs schnell zu erreichen.

Schriftquellen zu fiscus und palatium Salz

Vor allem in der Entstehungsphase im 8. und dann wieder während der schrittweisen Aufgabe der Pfalz Salz ab dem letzten Drittel des 10. Jahrhunderts fließen die Quellen zu Güterübertragungen zwischen König, Adligen und Kirche recht zahlreich und lassen Umfang und Ausgestaltung des Pfalzkomplexes gut erkennen. Als Teil des fiscus tritt zuerst die villa Branda mit der St. Martinskirche (heute St. Johannes d. Täufer in Brendlorenzen, Lkr. Rhön-Grabfeld) ins Licht, die 741-747 im Rahmen der Erstausstattung an das Bistum Würzburg gegeben wird, wenig später auch der Zehnt des fiscus dominicus Salz. Das deutet darauf hin, dass bereits im frühen 8. Jahrhundert entwickelte Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen im Neustädter Becken bestanden. Mit dem ersten schriftlich überlieferten Aufenthalt Karls des Großen im Jahr 790 gehen entscheidende Umwälzungen im strukturellen Gefüge des Raumes einher. Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich der fiscus zur Pfalz Salz und wird für rund 100 Jahre zu einem wichtigen Herrschaftszentrum des Karolingerreiches.

Königsaufenthalte in der Pfalz Salz

Von 790 bis 948 wissen wir aus den Schriftquellen von rund einem Dutzend Aufenthalten karolingischer und fünf Besuchen ottonischer Herrscher (s. Tabelle). Dabei wird das Pfalzgebiet immer wieder, wenn auch nur für kurze Zeit, zu einem Zentralraum von europäischer Bedeutung. Einer der Höhepunkte dürfte das Jahr 803 gewesen sein, als sich Karl der Große über einen Monat in Salz aufhielt und Gesandte des Patriarchen von Jerusalem sowie eine Gesandtschaft aus Konstantinopel mit dem Botschafter Michael und dem Patriarchen Fortunatus von Grado (Patr. 803/10-820, gest. 825/26) empfing. 804 fand eine Kirchenversammlung statt, 826 traf Ludwig der Fromme (778-840, gesamtfränk. König ab 814, Kaiser ab 813) eine Gesandtschaft aus Neapel in Salz und hielt in den Wäldern des Königsguts die Herbstjagd ab.

Nachdem 842 ein letzter Hoftag unter Ludwig dem Deutschen (ca. 805-876, Unterkönig von Bayern ab 817/26, ostfränk. König ab 843) in Salz stattgefunden hatte, setzte ein sukzessiver Bedeutungsverlust der Pfalz Salz ein, der im 10. Jahrhundert, möglicherweise auch im Zusammenhang mit der Babenberger Fehde, fortschritt. Unter den Ottonen sank die Pfalz zu einer reinen Zwischenstation auf den königlichen Reiserouten herab, da sich nun das nördlichere Mitteldeutschland zur Kernregion des Reiches entwickelte. Längere Aufenthalte, Versammlungen oder gar der Empfang von Gesandtschaften sind für diese Zeit nicht mehr überliefert.

Zerschlagung des Pfalzkomplexes

Ab 974 werden die einzelnen Bestandteile der Pfalz in fünf Teilschenkungen dem Stift St. Peter in Aschaffenburg und vor allem dem Bistum Würzburg übereignet. Diese schrittweise Übertragung der Güter bringt es mit sich, dass nun zumindest einige der Einzelelemente des Pfalzgebietes deutlicher hervortreten. Archäologisch und historisch greifbar sind nach momentanem Forschungsstand (2024) mehrere Haupt- und Nebenhöfe (Salz und villa Houstrowe/Heustreu), zwei Talsiedlungen (villa Salza/Flur der Siedlungswüstung Mühlstatt–Binsenhausen und villa branda/Brend=heute Brendlorenzen), mindestens eine Kirche in Brend (uilla branda basilicam In honore Sti. Martini), möglicherweise jedoch noch eine weitere, bislang nicht lokalisierte Pfalzkirche, dann der ausgedehnte Königsforst (silvae innumerabiles/Salzforst) und eine Befestigung, bei der es sich nicht nur um das fortifikatorische, sondern vermutlich auch um das repräsentative Zentrum des Pfalzgebietes handelt (castellum Saltce/Saltz palatium/Veitsberg).

Problematisch beim Umgang mit den frühmittelalterlichen Quellen ist die Beurteilung der Ortsbezeichnungen. Fast sämtliche Lokalitäten fallen unter den Sammelbegriff „Salz“, eine Differenzierung erfolgt lediglich durch Zusätze wie fiscus dominicus, palatium, curtis, locus, villa oder villa regia. Daher fällt eine konkrete Verortung der einzelnen Nennungen schwer und lässt sich mit dem archäologischen Befund nur bedingt korrelieren.

Ausdehnung des Pfalzgebietes

Im Neustädter Becken, zwischen Niederlauer und Heustreu (beide Lkr. Rhön-Grabfeld) befand sich das Kerngebiet des frühmittelalterlichen Pfalzkomplexes Salz. Insgesamt dürfte das Königsgut jedoch ein wesentlich größeres Gebiet umfasst haben. Die Kartierung der Pertinenzen Fuldas und Würzburgs, frühmittelalterlicher Besitzverschiebungen im Bereich des Amtes Kissingen und des fiscus Mellrichstadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) sowie der Wildbannbeschreibungen von Fulda (1059) und Mellrichstadt (1031) zeigen gleichsam im Negativ die Ausdehnung des gesamten königlichen Besitzes.

Im Nordwesten, Westen und Südwesten wird das Gebiet durch die Grenze des 1059 von König Heinrich IV. (1050-1106, röm.-dt. König ab 1056, Kaiser 1084-1105) an das Kloster Fulda geschenkten Wildbanns recht scharf umrissen. Durch den Mellrichstädter Wildbann von 1031 wird der weitere Verlauf mit der Streu als Grenzfluss aufgezeigt. Weitaus unklarer ist die Ausdehnung des Pfalzgebietes im Osten, in Richtung Grabfeld. Hier könnten Streu und Saale die Grenze markiert haben, obgleich die sicherlich zum Königsgut gehörenden Siedlungen Heustreu und Salz links der Flüsse liegen und somit eine gewisse Ausdehnung auch in östliche Richtung durchaus möglich erscheint.

Anhand des Luftbildes wird deutlich, welch großer Teil noch heute aus Waldgebieten besteht, die vermutlich nur ein kleiner Teil der von Otto III. (980-1002, röm.-dt. König ab 983, Kaiser ab 996) im Jahr 1000 verschenkten silvae innumerabiles waren.

Archäologische Befunde zur Raumentwicklung

Nur andeutungsweise finden sich in der Schriftüberlieferung Hinweise auf die Siedlungsstruktur des Neustädter Beckens im Frühmittelalter. Ihre Entwicklung wird durch archäologische Befunde wesentlich erhellt.

Fränkische Erschließung des Raumes in der Merowingerzeit

Digitales Geländemodell (1m-Raster) mit frühmittelalterlicher Siedlungstopographie im Neustädter Becken. (Geobasisdaten: Bayerische Vermessungsverwaltung lizenziert durch CC BY 4.0; Kartographie nach Lukas Werther, ergänzt Petra Wolters)
Modell des Königsgutes mit den Siedlungskernen Brend und Salz im späten 7. und frühen 8. Jahrhundert. (Lukas Werther, Basisdaten DGM ASTER (USGS), Gewässernetz umgezeichnet nach TK 25 der Bayerischen Vermessungsverwaltung)

Mitte des 6. Jahrhunderts tritt im Neustädter Becken eine erste Siedlungskammer in Erscheinung. Davon zeugen ein Reihengräberfeld südlich des Altortes Salz und Siedlungsfunde, vor allem im Umfeld der heutigen Kirche. Im westlich der Saale gelegenen Altort Brend(lorenzen) ist die Situation ganz ähnlich: im Umfeld der Kirche St. Martin (heute St. Johannes) konnten Grubenhäuser des 7./8. Jahrhunderts ergraben werden. Etwa 500 m östlich der Kirche wurden bereits 1926 ein Teil eines Gräberfeldes bei Bauarbeiten entdeckt. Die Funde datieren in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts.

Eine dritte Siedlungskammer entstand spätestens im 7. Jahrhundert wenig flussabwärts von Salz direkt an der Saale in der Flur Mühlstatt-Binsenhausen. Diese Talsiedlung hatte nach Ausweis der archäologischen Funde einen Nutzungsschwerpunkt im handwerklichen Bereich. Nach den Luftbildbefunden und zahlreichen systematischen Begehungen erstreckte sich die später wüst gefallene Siedlung auf über 500 Metern entlang des östlichen Saaleufers und umfasste mindestens 60 Grubenhäuser. Aus den Verfüllungen der archäologisch untersuchten Grubenhäuser liegen Hinweise zu Geweih-, Textil-, Buntmetall-, Blei- und Eisenverarbeitung sowie zur Textilproduktion vor. Ganz am nördlichen Rand des Pfalzgebietes liegt mit dem Fundplatz Mönchshof und einem frühmittelalterlichen Gräberfeld in Oberstreu ein weiterer Siedlungsbereich in unmittelbarer Nähe des Zusammenflusses von Bahra und Streu. Alle frühen Siedlungen weisen damit einen unmittelbaren Lagebezug zu Saale und Streu auf.

Diese räumlich getrennten Siedlungsbereiche im Tal (Salz, Brend, Mühlstatt, Möchshof) werden flankiert von Höhenstationen, die möglicherweise bereits in merowingischer Zeit genutzt wurden. Vom Ort der erstmals um 1160 schriftlich erwähnten Salzburg stammen die Einzelscherben eines Knickwandgefäßes aus dem 7. Jahrhundert sowie eines karolingerzeitlichen Topfes. Siedlungshorizonte oder Befunde, die eine funktionale Ansprache ermöglichen würden, fehlen bislang. Gleiches gilt für die Luitpoldhöhe, deren Abschnittsbefestigungen nur topographisch erfasst wurden und die heutzutage fast komplett durch einen Sportplatz überbaut ist. Die dritte frühmittelalterliche Befestigung im Neustädter Becken liegt auf dem Veitsberg, einem Bergsporn rechts der Saale und direkt oberhalb der Talsiedlung in der Flur Mühlstatt.

Weiterentwicklung/Transformation zum Pfalzkomplex

Modell der Struktur der Pfalz Salz Mitte des 9. Jahrhunderts mit rekonstruierter Waldbedeckung. Die Linien repräsentieren vermutete grundherrschaftliche Organisationszusammenhänge. (Lukas Werther, Basisdaten DGM ASTER (USGS), Gewässernetz umgezeichnet nach TK 25 der Bayerischen Vermessungsverwaltung)

Mit der Entwicklung des Königsgutes zu einer Pfalz entstand im ausgehenden 8. Jahrhundert im Neustädter Becken ein weit komplexeres Siedlungsgefüge als zuvor. Die Siedlung im Bereich der Flur Mühlstatt-Binsenhausen wurde vergrößert und spezialisierte Handwerker ließen sich dort nieder. Um den Haupthof in Salz gruppierte sich nun eine ganze Reihe weiterer Haupt- und Nebenhöfe, die auch außerhalb der zuvor bestehenden Siedlungskerne angelegt wurden. Im Umfeld der neuen Siedlungen wurde der Wald zunehmend für Ackerflächen gerodet. Auch im Hinterland des Neustädter Beckens gab es nun Getreidefelder und die Wälder und Wiesen wurden zum Weiden des Viehs genutzt. Auf dem Veitsberg entstand eine mächtige steinerne Anlage.

Hochmittelalterlicher Strukturwandel

Modell des Neustädter Beckens nach Auflösung der Pfalzorganisation im 13. Jahrhundert mit rekonstruierter Waldbedeckung. (Lukas Werther, Basisdaten DGM ASTER (USGS), Gewässernetz umgezeichnet nach TK 25 der Bayerischen Vermessungsverwaltung)

Die Auflösung der Pfalz und die schrittweise Vergabe ihrer Bestandteile führten zu einem erneuten Strukturwandel im Neustädter Becken. Wie sich dieser Umbau zwischen dem 10. und dem ausgehenden 12. Jahrhundert, d.h. dem Auftreten eines ersten bischöflichen Beamten auf der Salzburg als neuem Verwaltungsmittelpunkt, im Detail gestaltete, ist mangels fehlender Schriftquellen jedoch nur schwer nachvollziehbar. Kleinere Anhaltspunkte liegen für Salz, Mühlstatt und den Veitsberg vor. In Salz wird im Altort über älteren Kulturschichten eine Kirche errichtet. Die handwerklich spezialisierte Siedlung in der Flur Mühlstatt-Binsenhausen wird mindestens in den gewässernahen Siedlungsbereichen um 1000 aufgegeben. Zugleich wird die große Befestigung auf dem Veitsberg nicht mehr genutzt. Nach neuesten archäologischen Erkenntnissen wird allerdings im Zentrum der Anlage eine wesentlich kleinere Turmburg errichtet – möglicherweise eine Interimslösung der Würzburger Bischöfe bis zur Fertigstellung der Salzburg. Zunächst mit der 1160 ersterwähnten Salzburg und dann ab dem 13. Jahrhundert mit der nova civitas/Neustadt entstehen in der Folge bischöfliche Herrschafts- und Verwaltungszentren. Gleichzeitig bilden sich lokale Machtstrukturen durch Klöster, Adel und Ministerialität aus.

Der Veitsberg – das Zentrum des Pfalzgebietes

Wo das repräsentative Zentrum des gesamten Pfalzgebietes lag, war lange Zeit Gegenstand der Diskussion. Hier erlaubten erst die jüngsten archäologischen Untersuchungen auf dem Veitsberg, die von 2010 bis 2013 und wieder 2021 und 2022 stattfanden, eine Annäherung. Der Veitsberg liegt auf einem Bergsporn westlich der Saale zwischen den Ortschaften Salz, Bad Neustadt und Hohenroth (Lkr. Rhön-Grabfeld) und genau oberhalb der Siedlungswüstung Mühlstatt. Das Plateau erhebt sich rund 50 m über dem Flusstal und ist weithin sichtbar. Nach momentanem Forschungsstand (2024) könnte es sich bei der Anlage auf dem Veitsberg um das im Jahr 790 von Karl dem Großen erstmals besuchte palatium handeln. Das Fundspektrum und die Befunde verweisen eindeutig auf eine repräsentative Ausstattung und die Anwesenheit einer Elite. Allerdings ist die Lage der für eine Pfalz konstitutiven und von anderen karolingischen Pfalzen wie Frankfurt, Ingelheim oder Aachen bekannten Bauten wie Kirche, Aula und Wohngebäude nach wie vor unbekannt, da die Innenbebauung der Befestigung auf dem Veitsberg bislang weitestgehend von den archäologischen Grabungen ausgenommen war und auch im Zentrum der Altsiedlung Salz nur kleinste Flächen untersucht werden konnten, die keine Aussage zu einer möglichen Pfalzbebauung zulassen.

Historische Überlieferung und Forschung zum Veitsberg

Dass der Veitsberg als Landmarke schon früh wahrgenommen wurde, manifestiert sich in der Kartenbeschriftung sämtlicher erhaltener Pläne der Gegend um Neustadt ab dem 16. Jahrhundert, in denen der markante Bergsporn stets namentlich erwähnt wird. Trotz dieses Befundes und der Tatsache, dass der Veitsberg in zahlreichen hoch- bis spätmittelalterlichen Urkunden durch eine Veitskapelle und Weinberge Erwähnung findet und einen reichhaltigen regionalen Sagenschatz hervorgebracht hat, blieb er bis zu seiner archäologischen (Wieder-)Entdeckung im Jahr 1983 hinsichtlich der Überlegungen zur Pfalz Salz gänzlich unbeachtet.

Denn schon 1904 fanden Ausgrabungen statt, von denen allerdings bis auf eine kurze Zeitungsnotiz keine weiteren Informationen zu finden sind. Auffällige Bewuchsmerkmale auf dem Bergsporn führten 1983 – 1985 zu ersten Grabungskampagnen durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, bei denen früh- bis hochmittelalterliche Siedlungsbefunde, eine Steinrotunde im Zentrum und Befestigungselemente in Form von Wall und Graben dokumentiert werden konnten. Eine weitere Grabung fand erst wieder 2006 statt, die den Nachweis eines Spitzgrabens um die Vorburg lieferte. Die Informationen aus diesen Altgrabungen zusammen mit der Auswertung von Luftbildern, digitalem Geländemodell und Magnetikplänen waren der Ausgangspunkt für die neuen Untersuchungen, die sich zunächst vor allem der Frage nach Kubatur, Größe und zeitlicher Einordnung der Anlage und ihrer Befestigungselemente widmeten.

Besiedlungsgeschichte und Bauentwicklung des Veitsbergs

Veitsberg: Umfassungsmauer und Rundturm in der Nordwestecke am Ende der Grabungskampagne 2012. Im Vordergrund das rechteckige Fundament, auf dem der Rundbau aufsitzt. (Foto: Petra Wolters)

Insgesamt konnten bislang vier Bauphasen von etwa 700 bis um 1200 festgestellt werden, deren bedeutendste sicherlich die karolingisch-ottonische Steinbauphase darstellt. Die durch zahlreiche Funde und 14C-Datierungen abgesicherte karolingerzeitliche Kernanlage hat einen annähernd rechteckigen Grundriss, der von einer etwa zwei Meter breiten Mörtelmauer mit Seitenlängen bis zu 130 m und begleitendem Graben gebildet wird. Zu dieser Steinbauphase gehören mehrphasige Siedlungsbefunde in Form von Pfostenhäusern und Gebäuden in kombinierter Holz-Stein-Bauweise in der Vor- und Hauptburg sowie verschiedene Öfen. Im Norden und im Westen wird die Anlage von einer halbrunden, etwa 2,5 ha großen Vorburg umschlossen. Gegen Ende des 10. Jahrhunderts wird nach dem archäologischen Befund die Vorburg aufgegeben. Am Beginn dieser baulichen Veränderungen des 10. Jahrhunderts entsteht in der westlichen Ecke der Steinbefestigung ein Rundbau mit über 15 m Durchmesser. Aufgrund deutlich erkennbarer Erhebungen im digitalen Geländemodell sowie verschiedenen Hinweisen im Gelände muss davon ausgegangen werden, dass auch in den anderen Ecken turmartige Einbauten standen. Hier wird vermutlich bereits ottonischer Gestaltungswille sichtbar.

Das Fundmaterial des Veitsbergs als Sozialindikator

Die bisherigen Grabungen erbrachten einige Funde, die auf den sozialen Status der einstigen Bewohner hinweisen: neben Einzelfunden von sogenannten Barometerobjekten wie z. B. frühen Hufeisen oder Ofenkacheln, zeigt insbesondere das archäozoologische Material, welch hervorgehobene Stellung die Anlage innerhalb des Pfalzgebietes, aber auch überregional einnimmt. Der Nachweis von knapp 50 Wildtierarten und der enorm hohe Anteil von 13 % am gesamten Knochengewicht, zeugt von der großen Bedeutung der Jagd und des Forstes für das frühmittelalterliche Königtum. Die äußerst geringen Anteile von Rothirsch, Reh und Feldhase in den nahegelegenen und zum Güterkomplex gehörenden Siedlungen Brend(lorenzen) und Mühlstatt-Binsenhausen verweisen dagegen auf den eingeschränkten Zugriff der dortigen Bewohner auf Wildtiere.

Welche Rolle Handwerk und Gewerbe für die herrschaftliche Repräsentation spielten, beleuchten Hinweise auf Buntmetall-, Glas-, Bein- und Textilverarbeitung sowie Töpfereihandwerk auf dem Veitsberg. Einzelne Funde von Fensterglas, Putzfragmenten, frühen Ofenkacheln oder einer Säulenbasis zeigen, dass innerhalb der kastellförmigen Mauer eine repräsentative Architektur vorhanden gewesen sein muss.

Die bis 2013 geborgenen Funde sind chronologisch fast ausschließlich dem ausgehenden 8. Jahrhundert bis in die Zeit um 1000 zuzuordnen und auch die zahlreichen Radiokarbondatierungen machen ein Nutzungsende der kastellförmigen Anlage um 1000 wahrscheinlich. So fügen sich die gewonnenen Datierungsansätze hervorragend in die schriftliche Überlieferung, die 790 mit der Ersterwähnung des palatium beginnt und mit der Schenkung eines castellum im Jahr 1000 endet.

Historische und archäologische Forschungsgeschichte

Die recht zahlreichen frühmittelalterlichen Quellen zur Pfalz Salz und deren überregionale Bedeutung waren schon früh Gegenstand historischer Betrachtungen. Schon Lorenz Fries (ca. 1490–1550), bedeutendster fränkischer Geschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts, widmete sich in seiner Würzburger Bischofschronik dem Thema „Pfalz Salz“. Fries war es auch, der den Ort „Obersalz“ erfand, der in keiner einzigen historischen Quelle nachzuweisen ist, aber dennoch bis ins 20. Jahrhundert tradiert wird. Im Laufe der Jahrhunderte kam es zu teils sehr fantasievollen Ortszuweisungen: eine Insel in der Saale, der Stadthügel Neustadts, der Altort Salz und schließlich die Salzburg, werden von den verschiedenen Autoren als Standorte des palatium genannt.

Viele, für die Erforschung der Pfalz Salz so wichtige Plätze wie beispielsweise der Veitsberg oder die Flur Mühlstatt-Binsenhausen, verdanken ihre Auffindung den zahlreichen Begehungen, Baustellenbeobachtungen oder auch Luftbildentdeckungen der Archäologischen Arbeitsgruppe Rhön-Grabfeld. Daneben gab es bereits ab den 1970er Jahren vereinzelt baubedingte Grabungen in den für das Pfalzgebiet relevanten Ortschaften Salz, Neustadt und Brendlorenzen.

Seit 2009 finden im Pfalzgebiet Salz systematische Untersuchungen durch die Universität Jena in Kooperation mit der Stadt Bad Neustadt, den Gemeinden Hohenroth und Salz und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege statt. Als besonders fruchtbar erwies sich die Zusammenarbeit mit verschiedenen Nachbardisziplinen der Archäologie wie Archäozoologie, Archäobotanik, Geoarchäologie, Geophysik oder auch Palynologie, wodurch insbesondere auch Fragestellungen der (Kultur-)Landschaftsentwicklung vorangebracht werden konnten. Dank all dieser Einzeluntersuchungen und deren Zusammenführung gehört die Pfalz Salz mittlerweile zu einem der besser erforschten früh- bis hochmittelalterlichen Königsgüter und erhellt in einigen Bereichen die Funktionsweise solch vielteiliger Güterkomplexe.

Literatur

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  • Peter Ettel/Petra Wolters, Die Burg(en) im frühmittelalterlichen karolingisch-ottonischen Pfalzgebiet Salz – neue Forschungen auf dem Veitsberg, in: Peter Ettel, Anne-Marie Flambard Héricher, Kieran O‘Conor (Hg.), Château et commerce. Actes du colloque international de Bad Neustadt an der Saale (Allemagne, 23-31 août 2014), Caen 2016, 147-152.
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  • Petra Wolters, Das castellum auf dem Veitsberg, in: Michael Belitz/Stephan Freund u.a. (Hg.), Eine vergessene Pfalz. Helfta und der Süden Sachsen-Anhalts im Früh- und Hochmittelalter (Palatium. Studien zur Pfalzenforschung in Sachsen-Anhalt 6), Regensburg 2020, 229-251.
  • Petra Wolters, Der Veitsberg – Mittelpunkt der Pfalz Salz? Das Neustädter Becken als frühmittelalterlicher Zentralraum, in: Die Rhön. Geschichte einer Landschaft, Fulda 2015, 217-232.
  • Petra Wolters, Der Veitsberg - Mittelpunkt eines Zentralraumes? Neue Forschungen im Karolingisch-Ottonischen Pfalzkomplex Salz, in: Peter Ettel (Hg.), Zentrale Orte und Zentrale Räume des Frühmittelalters in Süddeutschland (RGZM-Tagungen 18), Mainz 2013, 59-73.
  • Petra Wolters, Der Veitsberg – Zentrum des Pfalzgebietes Salz. In: Als Franken fränkisch wurde. Archäologische Funde der Merowingerzeit, Iphofen 2021, 190-221.
  • Petra Wolters, Die Befestigung auf dem Veitsberg. Archäologische Untersuchungen zu palatium und castellum im karolingisch-ottonischen Pfalzgebiet Salz, Unpubl. Diss. Jena (2018).
  • Petra Wolters, Die karolingisch-ottonische Königspfalz Salz, in: Als Franken fränkisch wurde. Archäologische Funde der Merowingerzeit, Iphofen 2021, 179-189.
  • Petra Wolters, Pfalz oder Burg? - Die Befestigung auf dem Veitsberg. Ein Forschungsprojekt im karolingisch-ottonischen Pfalzkomplex Salz, in: Denkmalpflege Informationen Nr. 154 (März 2013), 11-12.
  • Andreas Wunschel, Von Karlburg nach Salz. Interdisziplinäre Studien zu den Wasserwegen Mittelmain und Fränkische Saale im Früh‐ und Hochmittelalter (Jenaer Schriften zur Vor- und Frühgeschichte 12), Jena, Langenweißbach 2021.
  • Thomas Zotz, Pfalzen zur Karolingerzeit. Neue Aspekte aus historischer Sicht, in: Lutz Fenske/Jörg Jarnut/Matthias Wemhoff u. a. (Hg.), Splendor palatii, neue Forschungen zu Paderborn und anderen Pfalzen der Karolingerzeit. Deutsche Königspfalzen. Beiträge zu ihrer historischen und archäologischen Erforschung (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 11,5), Göttingen 2001, 13–23.

Quellen

Empfohlene Zitierweise

Petra Wolters, Königspfalz Salz, publiziert am 19.04.2023, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Königspfalz_Salz> (28.05.2024)