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Ifo Institut

(Weitergeleitet von Artikel 46095)
Logo des ifo Instituts. (Grafik: CESifo)
Die Gartenseite des ifo Instituts in der Münchner Poschingerstr. 5, dem Hauptsitz des Instituts. (Foto: CESifo)
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Werner Sinn (geb. 1948) war von 1999 bis 2016 Präsident des Münchner ifo Instituts. Der Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München veröffentlichte zahlreiche, zum Teil umstrittene Bücher. (Foto: CESifo)

von Alexander Nützenadel

Das "Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V." (ifo) entstand 1949 aus der Fusion des "Süddeutschen Instituts für Wirtschaftsforschung" und der "Informations- und Forschungsstelle". Es ist auf dem Gebiet der angewandten Wirtschaftsforschung tätig, wobei es eng mit der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem dort ansässigen Center for Economic Studies (CES) zusammenarbeitet. Zu seinen Aufgaben zählen u. a. die allgemeine Wirtschaftsbeobachtung, die Gutachtertätigkeit für private und öffentliche Einrichtungen, die Erhebung und Bereitstellung von Wirtschaftsdaten für die Öffentlichkeit (z. B. Wachstums- und Strukturprognosen sowie Konjunkturvorhersagen) und die Politikberatung. 1950 entwickelte das Institut ein eigenes Konjunkturtestverfahren, das auf monatlichen Befragungen von Unternehmen verschiedener Branchen und Regionen beruht. Darauf basiert der monatlich vom Institut erstellte "ifo Geschäftsklimaindex".

Gründung und Aufbau

Das "ifo Institut für Wirtschaftsforschung" wurde im Januar 1949 in München als eingetragener Verein mit finanzieller Unterstützung des Bayerischen Innenministeriums gegründet. Es ging aus der Fusion zweier Einrichtungen hervor:

Zum einen aus dem von Ludwig Erhard (1897-1977) 1947 gegründeten "Süddeutschen Institut für Wirtschaftsforschung", das in der regionalen Industrie- und Wirtschaftsbeobachtung tätig war, zum anderen aus der "Informations- und Forschungsstelle", die 1947 vom Präsidenten des Bayerischen Statistischen Landesamts, Karl E. F. Wagner (1893-1963), ins Leben gerufen worden war, um auf der Grundlage der amtlichen Statistik Wirtschaftsdaten aufzubereiten. Nachdem Erhard zum Leiter der Wirtschaftsabteilung der britisch-amerikanischen Zonenverwaltung in Minden (Nordrhein-Westfalen) ernannt worden war, wurden beide Einrichtungen 1949 miteinander vereinigt und der Leitung Wagners unterstellt. Damit wurden zwei unterschiedliche Traditionen der empirischen Wirtschaftsforschung in einer Institution zusammengeführt: die volkswirtschaftliche Statistik und die stärker praxisbezogene Markt- und Konsumforschung.

Konjunktur- und Investitionstest

Diese Verbindung verschaffte dem ifo Institut eine herausragende Stellung in der angewandten Wirtschaftsforschung. Neben der allgemeinen Wirtschaftsbeobachtung und der Gutachtertätigkeit für private und öffentliche Einrichtungen entwickelte das Institut 1950 ein eigenes Konjunkturtestverfahren, das auf monatlichen Befragungen von Unternehmen verschiedener Branchen und Regionen beruhte. Dabei griff man auf neue Methoden der Meinungsforschung zurück, die in den USA in den 1930er Jahren vom Sozialwissenschaftler George Gallup (1901-1984) entwickelt worden waren und die durch das 1947 gegründete "Allensbacher Institut für Demoskopie in der Bundesrepublik" Verbreitung fanden. Schon kurz nach der Währungsreform von 1948 hatte die "Informations- und Forschungsstelle" beim Bayerischen Statistischen Landesamt Interviews mit Unternehmern durchgeführt, um die Wirkung der Geldumstellung auf Produktion und Investitionsverhalten zu bestimmen. Unter der Leitung von Hans Langelütke (1892-1972), der 1955 die Institutsleitung übernahm, entwickelte das ifo ein formalisiertes Testverfahren, bei dem zunächst einige hundert, Anfang der 1960er Jahre schon ca. 10.000 Unternehmen aus verschiedenen Branchen über ihre Einschätzung der wirtschaftlichen Lage und ihre Erwartungen für die Zukunft befragt wurden. Dabei wurde bewusst auf quantitative Erhebungen verzichtet. Durch individuelle Befragung sollte kurzfristigen psychologischen Einflüssen und Stimmungen von Verbrauchern und Unternehmern stärker Rechnung getragen werden als dies die allgemeine Statistik ermöglichte.

Politikberatung

Das Prinzip des "Zählens ohne Zahlen", welches der Tendenzbefragung zugrunde lag, trug auch einer verbreiteten Skepsis gegenüber der Aussagekraft makroökonomischer Statistik Rechnung. Das Urteil einer repräsentativen Zahl von Unternehmerpersönlichkeiten sollte die volkswirtschaftliche Statistik und Prognose ergänzen, die allerdings auch am ifo Institut etabliert wurde. Seit 1954 verband das Institut seine Konjunkturdiagnose mit vierteljährlichen Schätzungen des Sozialproduktes; 1964 erstellte das Institut eine Input-Output-Matrix. Das ifo Institut verstand sich nicht nur als Informationsstelle für private Unternehmen, sondern auch als Forschungseinrichtung zur Politikberatung. Mit Unterstützung der "Fritz Thyssen-Stiftung", der "Deutschen Forschungsgemeinschaft" und der "Stiftung Volkswagenwerk" wurden die Forschungskapazitäten im volkswirtschaftlichen Bereich stark ausgebaut. Unter anderem wurden Abteilungen für "Allgemeine Wirtschaftsbeobachtung und Konjunkturpolitik" sowie für "Finanzpolitik" eingerichtet. 1961 verfügte das Institut, das sich als eingetragener Verein überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen, öffentlichen Zuschüssen und Erträgen aus Veröffentlichungen und Gutachten finanzierte, über zehn Abteilungen mit rund 160 Mitarbeitern.

Prognosen

In der Tat konzentrierte sich das Forschungsinteresse in den 1960er Jahren verstärkt auf langfristige Wachstums- und Strukturprognosen, während Konjunkturvorhersagen immer weniger Beachtung fanden. Dies war auch eine Reaktion auf die stabile Wirtschaftslage der 1950er Jahre, in der starke zyklische Schwankungen ausblieben, was viele zu der optimistischen Annahme veranlasste, der Konjunkturkreislauf gehöre der Vergangenheit an. Angesichts der hohen Auslastung der Produktionskapazitäten traten die langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten von Arbeitsangebot, Kapitalstock und technologischem Wandel in den Vordergrund. Dieser veränderte Blickwinkel zeichnete sich bereits Mitte der 1950er Jahre ab, und erneut spielten die Wirtschaftsforschungsinstitute eine Vorreiterrolle.

So führte das Münchner ifo Institut ergänzend zur Konjunkturbefragung 1955 einen "Investitionstest" ein, der die langfristigen Dispositionen in Industrie und Handel erfasste. Im Herbst 1956 wurde vom Institut ein Arbeitskreis "Langfristige Projektionen" eingerichtet, der mit Hilfe finanzieller Unterstützung der "Rockefeller Foundation" und mehrerer Industrieverbände – darunter "Bundesverband der Deutschen Industrie" (BDI) und "Verband chemischer Industrie" – an einem ökonometrischen Modell arbeitete, das sowohl Aufschluss über das gesamtwirtschaftliche Wachstum geben sollte als auch über die Entwicklung einzelner Branchen.

Kooperationen

Wegweisend war die Kooperation mit anderen Forschungsinstituten. Bereits 1949 war das ifo Institut an der Gründung der "Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute" mit Sitz in Bonn (Nordrhein-Westfalen) beteiligt. Die Arbeitsgemeinschaft wirkte als Interessenvertretung der Forschungsinstitute und als Ansprechpartner für Ministerien, Behörden und Parteien. Gegen eine Pauschalvergütung von zunächst 750.000 DM hat die Arbeitsgemeinschaft die Verpflichtung übernommen, alle obersten Bundesbehörden wissenschaftlich zu beraten. Seit 1950 legte die Arbeitsgemeinschaft halbjährlich ein gemeinschaftliches Gutachten zur westdeutschen und internationalen Konjunkturentwicklung vor. Zugleich wurden Sondergutachten für die Bundesregierung angefertigt, so etwa 1950 zum wirtschaftlichen Wiederaufbau der Bundesrepublik oder 1956 über den Zusammenhang von Arbeitszeit und Produktivität.

Wandel des Forschungsprofils

Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre veränderte sich die Struktur des Instituts nur unwesentlich. Allerdings traten, dem Zeittrend folgend, neue Forschungsschwerpunkte hinzu, so etwa die Entwicklungsländerforschung (1961), die Umweltökonomie (1974), die Innovations- und Patentforschung (1979) oder die Kulturökonomie (1987). Vielfach spielte das Institut dabei eine wissenschaftliche Pionierrolle.

Wiedervereinigung

Einen tiefgreifenden Einschnitt stellte die deutsche Wiedervereinigung von 1990 dar, die dem Institut die Chance eröffnete, frühzeitig Wirtschaftsdaten über die ostdeutschen Verhältnisse zu liefern. Schon im September 1990 veröffentlichte das Institut den "ifo Konjunkturtest für die DDR" – zu einem Zeitpunkt, als die amtliche Statistik noch keine belastbaren Daten vorlegen konnte. 1993 erfolgte die Gründung einer Niederlassung in Dresden, um den wirtschaftlichen Transformationsprozess vor Ort zu erforschen.

Die Ära "Sinn" und das CESifo

Das ifo Institut hat seit jeher enge Beziehung zur Ludwig-Maximilians-Universität in München gepflegt. Diese Verbindung wurde durch Hans-Werner Sinn (geb. 1948) intensiviert, der das Institut von1999 bis 2016 leitete. Durch die Umwandlung in ein An-Institut der LMU München und die Verbindung mit dem dortigen Center for Economic Studies (CES) wurde die CESifo-Gruppe zu einem leistungsstarken wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsverbund, der die theoretisch ausgerichtete volkswirtschaftliche Forschung der Universität mit den empirischen Arbeiten eines Wirtschaftsforschungsinstituts verknüpft.

Literatur

  • Fünfzig Jahre ifo-Institut, in: Jahresbericht des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung 1999 (2000), 9-12.
  • Wilhelm Marquardt (Hg.), Dreißig Jahre Wirtschaftsforschung im Ifo-Institut 1949-1979, München 1979.
  • Alexander Nützenadel, Die Vermessung der Zukunft. Ökonometrische Prognostik und empirische Wirtschaftsforschung in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Heinrich Hartmann/Jakob Vogel (Hg.), Zukunftswissen. Prognosen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seit 1900, Frankfurt am Main 2010, 55-75.
  • Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, Aufbau und Aufgaben, München 1961.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Münchener Gesellschaft zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften - CESifo GmbH, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.

Empfohlene Zitierweise

Alexander Nützenadel, ifo Institut, publiziert am 03.03.2014; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/ifo_Institut> (17.10.2019)





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