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Pfälzischer Wirtschaftsausschuss, 1919

(Weitergeleitet von Artikel 44962)
Albert Zapf (aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 2. Band, Berlin 1931, S. 2082)

von Helmut Gembries

Von General Gérard, dem Kommandeur der 8. französischen Armee, am 31. März 1919 einberufenes Gremium mit Sitz in Landau, das ihn in allen Fragen des öffentlichen Lebens der Pfalz während der Besatzung beraten sollte. Mitglieder waren neun Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, die jedoch mehrheitlich keine separatistischen Ziele verfolgten. Damit scheiterte das Ziel Frankreichs, mit diesem Gremium die Vorstufe einer pfälzischen Regierung einzurichten.

Gründung 1919

Mit Verordnung vom 31. März 1919 berief der Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen in der Pfalz General Augustin Grégoire Arthur Gérard (1857-1926) einen "Notabelnrat". Der Verordnung zufolge sollte er Gérard Auskunft in allen Fragen geben, die das Wohl der Bevölkerung betrafen.

Mitglieder und Arbeitsgebiete

Die Mitglieder hatte Gérard persönlich ausgewählt. Zu ihnen zählten neben einzelnen Kollaborateuren Vertreter aller wichtigen wirtschaftlichen Gruppierungen und politischen Parteien der Pfalz. Das Gremium wurde deshalb auch als "Wirtschaftsausschuss" bezeichnet.

Auf seiner ersten Sitzung am 23. April 1919 in Landau wählte der Wirtschaftsausschuss den Rechtsanwalt Dr. Albert Zapf (1870-1940) aus Zweibrücken zu seinem Vorsitzenden. Zapf war Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP) und Vorsitzender des Hauptvorstands der Gemeinschaft süddeutscher Zuckerfabriken.

Zu ihrem Sekretär bestellte die Versammlung den Oberzollamtmann Johann Sophian Richter (1875-1951). Der Abgeordnete der Bayerischen Volkspartei (BVP) in der Verfassunggebenden Nationalversammlung, der dem Reichstag von 1912 bis 1918 als erster evangelischer Zentrumsabgeordneter der Pfalz angehört hatte, galt schon bald als Separatist.

Die weiteren Mitglieder des Wirtschaftsausschusses waren:

  • der wenig bekannte Landauer Chemiker Dr. Barth,
  • der Ökonomierat Karl Gebhart (1859-1921), hospitierendes Mitglied der Fraktion der Deutsch-nationalen Volkpartei (DNVP) in der Verfassunggebenden Nationalversammlung,
  • der Landauer Rechtsanwalt Dr. Julius Goldberg (1881-1942, 1938 emigriert nach New York),
  • der Landtagsabgeordnete und Weimarer Fraktionskollege Richters, Hermann Hofmann (1880-1941), Oberlehrer in Ludwigshafen,
  • der Erste Direktor der Pfälzischen Landwirtschaftlichen Zentralgenossenschaft Philipp Katholy (1865-1940),
  • der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Frankenthal Philipp Keidel (1857-1932), gelernter Schuhmacher und Inhaber einer kleinen Fabrik in Pirmasens,
  • der Bezirkssekretär der pfälzischen SPD Friedrich Profit (1874-1951), ebenfalls Mitglied des bayerischen Landtags.

Jeweils zwei bis drei Mitglieder des Wirtschaftsausschusses waren für eines oder mehrere von acht Arbeitsgebieten als Referenten zuständig. Für Finanzen waren dies Katholy und Richter, für Handel Goldberg und Hofmann, für Industrie Keidel und Zapf, für Landwirtschaft Gebhart, Katholy und Richter, für öffentliche Arbeiten und Verkehrsanstalten Goldberg, Profit und Zapf, für Arbeit und Soziales Hofmann und Keidel, für Unterricht Barth, Hofmann und Profit und für Justiz und Polizei Gebhart, Richter und Zapf.

Keine Unterstützung separatistischer Pläne

Gérard betrachtete den Wirtschaftsausschuss als Vorstufe einer Regierung einer von Bayern und vom Deutschen Reich getrennten Pfalz. Dieses Ziel der französischen Politik schien ihm greifbar nahe angesichts der öffentlichen Diskussion über eine territoriale Neugliederung des Reichs und einer wachsenden Kritik der Pfälzer an den Vorgängen im revolutionären Bayern.

Zapf und die Mehrzahl der Mitglieder des Wirtschaftsausschusses zeigten sich aber nicht bereit, auf die Vorstellungen Gérards einzugehen. Unmittelbar nach der Landauer Sitzung informierten sie Regierungspräsident Theodor von Winterstein (1861-1945) über ihre Verhandlungen. Er hatte schon im Februar 1919 auf die Gründung des "Verbandes pfälzischer Industrieller" hingewirkt und dessen Mitglieder ein eindeutiges Bekenntnis zum Verbleib der Pfalz beim Reich ablegen lassen. In diesem Sinn veranlassten die sozialdemokratischen und liberalen Mitglieder des Wirtschaftsausschusses eine Presserklärung, in der die Beschränkung des Wirtschaftsausschusses auf rein wirtschaftliche Fragen und das Festhalten aller Ausschussmitglieder am Deutschtum betont wurde. Damit erlosch das Interesse Gérards an dem Wirtschaftsausschuss. Weitere Sitzungen seiner Mitglieder haben offenbar nicht stattgefunden.

Literatur

  • Helmut Gembries, Verwaltung und Politik in der besetzten Pfalz zur Zeit der Weimarer Republik (Beiträge zur pfälzischen Geschichte 4), Kaiserslautern 1992.

Quellen

  • Bayerischer Staatskommissar für die Pfalz (Hg.), Die Pfalz unter französischer Besatzung von 1918-1930. Kalendarische Darstellung der Ereignisse vom Einmarsch im November 1918 bis zur Räumung am 1. Juli 1930 mit einer topographischen Karte der Pfalz, München 1930.

Weiterführende Recherche

Notablenrat

Empfohlene Zitierweise

Helmut Gembries, Pfälzischer Wirtschaftsausschuss, 1919, publiziert am 04.06.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Pfälzischer Wirtschaftsausschuss, 1919> (22.09.2019)






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