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Ihr Kinderlein kommet (Christoph von Schmid)

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von Karl-Georg Pfändtner

Das Weihnachtslied "Ihr Kinderlein kommet" wurde um 1808 von dem katholischen Priester und Pädagogen Christoph von Schmid (1768–1854) in Thannhausen (Lkr. Günzburg) gedichtet. Nach der Erstpublikation des Textes 1811 verbreitete es sich rasch über Landes- und Konfessionsgrenzen hinweg. Heute ist es eines der bekanntesten Weihnachtslieder und wird auf der ganzen Welt gesungen.

Historischer Kontext, biografische Informationen zu Christoph von Schmid

Christoph von Schmid (Theologe, Pädagoge, Schriftsteller, 1768-1854). Kupferstich von Gottlieb Friedrich Butzinger um 1868. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-018639)

Der Text "Ihr Kinderlein kommet" entstand in der Zeit der Spätaufklärung (ca. letztes Drittel des 18. Jh. bis ins erste Drittel des 19. Jh.). Erstmals publiziert wurde es 1811 als "Weihnachtslied für Kinder" in der zweiten Auflage der ganz ohne Noten erschienenen "Christlichen Gesänge zur öffentlichen Gottesverehrung" (Augsburg 1811), die der katholische Priester und Pädagoge Christoph Schmid (seit 1837 Christoph von Schmid, 1768–1854) für seine Gemeinde in Thannhausen (Lkr. Günzburg) herausgegeben hat.

Christoph Schmid wurde am 15. August 1768 in Dinkelsbühl (Lkr. Ansbach) geboren und wuchs dort mit acht Geschwistern auf. Während seines Theologiestudiums an der Universität Dillingen (1783–1791) traf er auf den Theologieprofessor, Priester und späteren Regensburger Bischof Johann Michael Sailer (ab 1826 Johann Michael von Sailer, 1751–1832, Bischof von Regensburg 1829–1832), der ihn maßgeblich prägte. 1791 zum Priester geweiht, erhielt Schmid eine Kaplanstelle in Nassenbeuren (Stadt Mindelheim), wo er bis 1795 blieb. Nach einem Jahr als Kaplan in Seeg (Lkr. Ostallgäu) bei Sailers Freund Johann Michael Feneberg (1751–1812), einem der Hauptvertreter der "Allgäuer Erweckungsbewegung", war er von 1796 bis 1816 Schulbenefiziat, Direktor und Kaplan in Thannhausen. In dieser Zeit begann seine intensive Schreibtätigkeit: Moralische Erzählungen, (Kinder-)Geschichten, Kinderschauspiele, Gedichte und Lieder. Letztere wurden zunächst von seinem Kollegen, dem Lehrer, Organisten und Mesner Anton Höfer (1764–1837), später auch vom gleichfalls in Thannhausen als Kaplan tätigen Alois Singer (1786–1848/49) vertont und mit den Kindern in der Schule gesungen. 1816 bis 1827 lebte Schmid als Pfarrer in Oberstadion (Baden-Württemberg). Anschließend wirkte er bis zu seinem Tod 1854 als Domkapitular in Augsburg. Als begnadeter Pädagoge schrieb er vor allem für Kinder in einer adressorientierten, kindgerechten Sprache – sicher der Schlüssel für seinen baldigen internationalen Erfolg. Den eigentlichen Ruhm erntete Schmid mit seinen weltweit rezipierten Erzählungen "Genovefa" (Augsburg 1810) und "Die Ostereyer" (Landshut 1816). Zeitweise galt Schmid als einer der am meisten gelesenen deutschsprachigen Autoren im Ausland. Zu seinen Bewunderern zählten u. a. König Ludwig I. (1786-1868, König 1825-1848), der ihm 1837 den persönlichen Adel verlieh, und dessen Nachfolger König Maximilian II. (1811-1864, König 1848–1864). Neben vielen Ehrungen erhielt Schmid 1848 zudem die Ehrendoktorwürde der Universität Prag.

Die Genese des Liedes

Für das "Ihr Kinderlein kommet" benutztes Papier mit Babenhauser Wasserzeichen (Archiv Babenhausen)

Zum Ursprungsort und zur Datierung des Textes "Ihr Kinderlein kommet" existieren keinerlei schriftliche Informationen. Weder in den Briefen und Aufzeichnungen Schmids noch in seinen Lebenserinnerungen, ab 1853 herausgegeben, findet sich ein Widerhall des schon zu seinen Lebzeiten weitverbreiteten Weihnachtsliedes. Lange wurde eine Entstehung des Liedes in Nassenbeuren vermutet, doch können diese Angaben nicht belegt werden. Eine heute dort in der Wallfahrtskapelle Maria Schnee hängende Tafel, wohl erst 1957 angebracht, übernimmt diese unsichere Tradition.

Die Untersuchung des in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg aufbewahrten, bislang einzig nachweisbaren Autografs des "Ihr Kinderlein kommet" weist auf eine spätere Entstehung des Weihnachtsliedes. Das Schriftstück findet sich unter der Überschrift "Die Kinder bey der Krippe" auf Blatt 19 in der ungebundenen Sammlung verschiedener Gedichte, die Schmid als "Kleinigkeiten in Reimen, dem blühenden Alter gewidmet" betitelt hat. Die Wasserzeichen dieser Blätter weisen das Papier des gesamten Konvoluts als Produkt des Babenhausener Papiermachers Joseph Hege für die Fürsten Fugger-Babenhausen aus, das frühestens nach der Fürstung am 1. August 1803 entstanden sein kann, also in der Zeit, als Schmid in Thannhausen wirkte (1796–1816). Gedruckt erscheint das Lied erstmals in der von Schmid mit vielen von ihm selbst gedichteten Texten zusammengestellten und herausgegebenen zweiten Auflage des Thannhauser Kirchenliederbuchs "Christliche Gesänge zur öffentlichen Gottesverehrung" aus dem Jahre 1811. Da die erste Auflage von 1807 das Lied noch nicht enthält, muss der Text zwischen 1807 und vor 1811 entstanden sein, am wahrscheinlichsten sind die Jahre 1808/10.

Inhalt

"Ihr Kinderlein kommet" ist ein Liedtext mit ursprünglich acht Strophen, von denen heute oft nur noch drei gesungen werden. Die Kinder werden in diesem eingeladen, mit den im Lukasevangelium (Lk 2,8–20) genannten Hirten zur ärmlichen Krippe in Bethlehems Stall zu eilen und dort das auf Heu und Stroh liegende göttliche Kind zu verehren. Das von seinen Eltern und den Hirten angebetete Kind, über dem ein Engelschor jubelnd schwebt, wird von den Hirtenkindern mit verschiedenen einfachen Geschenken bedacht: Milch, Butter, Honig, Früchte, ein schneeweißes Lämmlein; letzteres verweist auf den Opfertod Jesu am Kreuz, der in der 5. Strophe thematisiert wird. Die ärmlichen Verhältnisse in der Krippe erleidet das "himmlische Kind" wegen der Sünde der Menschen. Die Kinder werden in der 6. Strophe aufgefordert, wie die Hirten das Jesuskind kniend zu verehren, ihm für die Erlösung der Menschheit zu danken und dann freudig in den Jubel der Engel mit einzustimmen. Die Kinder sollen dem Christkind, das keine weltlichen Schätze und Freuden wünscht, ihr "Herz voller Unschuld" darbringen und es bitten, es auf ewig mit dem Herzen Jesu eins werden zu lassen.

Achtstrophige Urfassung von "Ihr Kinderlein kommet"
Strophe Text
1 Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all'!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall,
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.
2 O seht in der Krippe, im nächtlichen Stall,
Seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl,
In reinlichen Windeln das himmlische Kind,
Viel schöner und holder als Engel es sind.
3 Da liegt es – ach Kinder! – auf Heu und auf Stroh;
Maria und Joseph betrachten es froh;
Die redlichen Hirten knien betend davor,
Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.
4 Manch Hirtenkind trägt wohl mit freudigem Sinn
Milch, Butter und Honig nach Betlehem hin;
Ein Körblein voll Früchte, das purpurrot glänzt,
Ein schneeweißes Lämmchen mit Blumen bekränzt.
5 O betet: Du liebes, Du göttliches Kind
Was leidest Du alles für unsere Sünd'!
Ach hier in der Krippe schon Armut und Not,
Am Kreuze dort gar noch den bittren Tod.
6 O beugt wie die Hirten anbetend die Knie
Erhebet die Händlein und danket wie sie!
Stimmt freudig, ihr Kinder, wer wollt sich nicht freun,
Stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!
7 Was geben wir Kinder, was schenken wir dir,
Du bestes und liebstes der Kinder dafür?
Nichts willst du von Schätzen und Freuden der Welt.
Ein Herz nur voll Unschuld allein Dir gefällt.
8 So nimm unsre Herzen zum Opfer denn hin;
Wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn –
Und mache sie heilig und selig wie dein's,
Und mach sie auf ewig mit Deinem nur Ein's.

"Ihr Kinderlein kommet" von Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800) mit Gesang von Felix Pfändtner; Orgel: Mark Ehlert. (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg)

Verbreitung

Bayern und deutschsprachiger Raum

Am Anfang des Welterfolges des Liedes standen die erstmals 1819 von Schmid herausgegebenen, überarbeiteten "Kleinigkeiten in Reimen", die unter dem Titel "Blühten, dem blühenden Alter gewidmet", der Münchner Jugend zugeeignet in Landshut in der Krüll’schen Buchhandlung erschienen. Diese Publikation wurde 1829 in Bernhard Gottlieb Denzels (1773–1838) "Einleitung in die Erziehungs- und Unterrichtslehre für Volksschullehrer" für den Religionsunterricht zum Weihnachtsgeschehen empfohlen. Dadurch wurde Friedrich Hermann Eickhoff (1807–1886), evangelischer Volksschullehrer und Organist in Gütersloh (Nordrhein-Westfalen), auf das Gedicht aufmerksam. Er unterlegte den auch in den "Blühten" ohne Melodie abgedruckten Text für seine Schüler mit einem Satz eines Frühlingsliedes des Johann Abraham Peter Schulz (1747–1800), Hofkapellmeister am dänischen Königshof, und nahm es mit dieser Melodie um 1832 in seine "Sechszig deutsche Lieder für dreiszig Pfennige" auf, die vor Mai 1834 bei Carl Bertelsmann (1791–1850) gedruckt wurden und zahlreiche Neuauflagen erfuhren.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Lied erst im deutschsprachigen Raum, bald aber auch in anderen Sprachen unaufhaltsam weiter und wurde in zahlreichen Zeitungen, Gebets-, Lieder- und Schulbüchern abgedruckt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Lied im deutschsprachigen Raum zum Allgemeingut geworden, teils mit unterschiedlicher Strophenanzahl und mit verschiedenen kleineren Textvarianten. In der NS-Zeit gab es eine völlig entchristlichte Textversion für SS-Familien. Heute nehmen sich immer wieder bekannte deutschsprachige Sänger des "Ihr Kinderlein kommet" auf Weihnachtsalben an, darunter Nena (eigtl. Gabriele Susanne Kerner, geb. 1960) auf dem Album "Weihnachtsreise" (1997) oder Thomas Borchert (geb. 1966) auf dem Album "Beflügelte Weihnachten" (2017). Die Interpretation der deutschen Rockband Unheilig auf ihrem Album "Frohes Fest" (2002, wiederaufgelegt 2009) führte im Internet zur Neuübersetzung ins Englische, Französische und Russische. Das Weihnachtslied Schmids regte auch immer wieder zu Textpersiflagen an, so etwa die deutsche Band Die Toten Hosen auf ihrem Album "Wir warten aufs Christkind" (1998).

Europa

Mitte des 19. Jahrhunderts war das Lied auch in Ländern und Gebieten mit deutschsprachigen Bevölkerungsanteilen bzw. deutschsprachiger Bevölkerung anzutreffen, im Sudetenland (Tschechien), in Budapest (Ungarn), im Banat (Ungarn, Rumänien), in Vojvodina (Serbien) und in der Ukraine sowie im Elsass, in der Schweiz und in Österreich. Im Trentino (Italien) war es in den deutschsprachigen Orten des Fersentals bekannt.

Die in Italien gesungene, relativ freie Übersetzung beginnt mit "Venite bambini, venite a cantar"; eine abweichende Übertragung ("Venite bambini venite a veder") von Guido Percacci (1928–2012) findet sich im zweisprachigen deutsch-italienischen evangelisch-lutherischen Gebetbuch Italiens.

In Frankreich wurde und wird das Lied im Elsass und an der Mosel auch auf Deutsch gesungen. Wann es ins Französische übersetzt wurde und von wem, ist unbekannt. Es sind drei Textversionen mit kleineren Varianten überliefert: "Bambins et Gamines, venez, venez tous" und "Venez mes enfants, accourrez, venez tous" bzw. "Venez, petits enfants, oh venez tous".

Nach England gelangte "Ihr Kinderlein kommet" vermutlich mit anderen deutschen Weihnachtsbräuchen über Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819–1861), ab 1840 Ehemann der britischen Königin Victoria (1819-1901, reg. 1837–1901).

Auf Spanisch findet man das Lied in verschiedenen Übersetzungen. Die älteste davon dürfte die des Federico Fliedner (1845–1901) ("Venid  pequeñuelos, venid sin tardar") von 1914 sein. Weitere Übersetzungen gibt es ins Portugiesische, Tschechische und Polnische. Ebenso lassen sich drei voneinander unabhängige selbständige Übersetzungen ins Russische in russischen evangelisch-lutherischen Gesangbüchern nachweisen.

Global

In den USA verbreitete sich das Lied zunächst durch die deutschen lutherischen und methodistischen Kreise. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ist es im von der Amerikanischen Tractat-Gesellschaft herausgegebenen "Liederbuch für die Jugend" (1840) abgedruckt, es findet sich im Weiteren dann vor allem in Liederbüchern der Sonntagsschulen. Schon 1901 findet man eine anonyme amerikanische Übersetzung des Liedes ("Come hither, ye children, O come one and all") im "Sunday School Hymnal" (1901) des American Lutheran Publication Board.

Die weitgehende Aufgabe der Muttersprache der Deutschen in den USA während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) und danach scheint weitere Übersetzungen ins Englische ("Oh come little children") vorangetrieben zu haben. Die einzigen bisher datierbaren und einer Übersetzerin bzw. einem Übersetzer zuschreibbaren englischen Übertragungen stammen aus dieser Zeit: die von Hermann Heinrich Moritz Brueckner (1866–1942) aus dem Jahre 1916 und die von Schwester Jeanne Marie SND mit der Textvariante "O Dear little Children" aus dem Jahre 1920. Auch die Übersetzung von Melanie Schulte (1885–1922) dürfte in diesen späten Zeitraum fallen. Insgesamt sind bisher sieben ältere englische Übersetzungen nachgewiesen, die meisten davon anonym. Im 21. Jahrhundert findet man das Lied weit verbreitet in den USA, unter anderem in verschiedenen Hymnals, Kindersingbüchern und kirchlichen Gesangbüchern.

Zu einer weiteren Ausbreitung in die Sprachen der Welt haben vor allem die christliche, insbesondere die evangelische und baptistische Mission und Neuevangelisierung sowie der internationale Export des deutschen Weihnachtsfestes über den Umweg der USA beigetragen. Heute ist "Ihr Kinderlein kommet" auf allen Kontinenten bekannt. Selbst auf Indonesisch findet es sich in Gesangsbüchern.

Historisch überlieferte Melodien

Die Urmelodie

Mutmaßliche Urmelodie zum "Ihr Kinderlein kommet". Abschrift von 1825. (Institut für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, L10, 59)

Die mit einiger Sicherheit ursprüngliche, in Thannhausen gesungene Melodie fand sich in einer für oder von Alois Singer für seine Pfarrei in Unterbleichen (Gde. Deisenhausen, Lkr. Günzburg) erstellten Liederhandschrift ("Christliche Gesänge zur öffentlichen Gottesverehrung. Deutsche Kirchenlieder mit und ohne Volksgesang."), die die Notation zum ohne Melodien gedruckten Thannhauser Gebetbuch der "Christlichen Gesänge zur öffentlichen Gottesverehrung" Schmids enthält. Wie noch lange im katholischen Bereich üblich, hatten die Noten zu den Kirchengesängen oft nur die Kantoren, sicherlich einer der Gründe für die Vielfalt an Melodien zu diesem Lied. Die Unterbleichener Liederhandschrift (Institut für Volkskunde der Kommission für Bayerischen Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München unter der Signatur L 10) muss eine Abschrift der verschollenen Urhandschrift aus Thannhausen sein. Die von der ersten Textstrophe unterlegte Melodie auf Seite 59 stammt entweder von Singer selbst oder von dem ebenso in Thannhausen unter Schmid wirkenden und komponierenden Anton Höfer (ab 1793 Lehrer in Thannhausen). Sie zeigt sich als eine eingehende und einfache Melodie. Es existiert bis heute auch eine lebendige Tradition dieser (nur wenig variierten) Vertonung, die ganz in der Nähe des Entstehungsortes Thannhausen an Weihnachten noch gesungen wird: in Waldstetten an der Günz (Lkr. Günzburg), in einem Ort, in dem Singer ebenfalls als Pfarrer (nachweislich 1831/1832 und noch 1841) wirkte, und im nahen Krumbach (Lkr. Günzburg).

Weitere historische Melodien

Bald wurden die sehr erfolgreichen "Christlichen Gesänge zur öffentlichen Gottesverehrung" Schmids und mit ihnen "Ihr Kinderlein kommet" in Augsburg von Domkapellmeister Franz Bühler (1760–1823) vertont und zwischen 1808 und 1824 bei Andreas Boehm in Augsburg ediert. Ebenso in Augsburg vertonte Donat Müller (1804–1879, ab 1839 Chorleiter an St. Ulrich und Afra), ein Schüler Bühlers, die "Christlichen Gesänge", vor 1849 bei Anton Böhm in Augsburg herausgegeben, und somit erneut auch "Ihr Kinderlein kommet", nun in G-Dur, einfach und unkompliziert für den Kindergesang. Bereits 1828 wurde der Text im "Katholischen Gesangbuch für den öffentlichen Gottesdienst im Bißtume Würzburg" von Sebastian Pörtner (1773-1860) mit der Melodie "Erfreue dich Himmel, erfreue dich Erde" unterlegt und die erste Strophe des "Erfreue dich" dem eigentlichen Text des "Ihr Kinderlein kommet", der in der zweiten Strophe beginnt (allerdings mit "Ihr Christen! Ach! Kommet!"), vorangestellt.

Für das Lied wurden immer wieder neue Melodien geschaffen, so 1837 durch Franz Xaver Luft mit der Vertonung von Schmids "Blüthen dem blühendem Alter gewidmet", in Matthias Waldhoers (1796–1833) "Neuem Volks-Lieder-Buch zur Weckung und Belebung der Tugend und des Frohsinns, sowohl in den Schulen als auch im öffentlichen Leben zu gebrauchen" (Kempten 1831), um 1868 in den Melodien für Orgel von Johann Nepomuk Grünn (1822–1893), Hauptschullehrer in Perjámos im Banat, zu seinem herausgegebenen Liederbuch "Kirchengesänge für Katholische Christen". Auch in Österreich fanden sich mehrfache Vertonungen des Liedes, von denen einige in Wilhelm Paillers "Weihnachtslieder aus Oberösterreich" (Innsbruck 1881) vorgestellt werden, weitere im Sammelwerk der österreichischen Volksmusik "Melodiarium zu Wilhelm Paillers Weihnachts- und Krippenliedersammlung", das vom Oberösterreichischen Volksliederwerk herausgegeben wird. Dort sind insgesamt zwölf unterschiedliche Weisen zum "Ihr Kinderlein kommet" aufgezählt, darunter aber auch Varianten der Schulz-Melodie sowie die oben genannte von Franz Xaver Luft.

Eine eigene Melodie von Johann Baptist Braun (1808–1872) wurde für Schramberg im Schwarzwald um 1860 komponiert, die noch heute dort gesungen wird. Aus dem 19. Jahrhundert stammt auch die heute noch gesungene Melodie des Chorregenten Karl Schwaiger aus Großaitingen (Lkr. Augsburg).

Auch Sigmund Rheineck (1826–1916) fand für das "Ihr Kinderlein kommet" in seinen "52 beliebten volksthümlichen Jugend-Liedern für eine oder zwei Singstimmen mit sehr leichter Klavierbegleitung" (Augsburg, Wien 1897) unter Nr. 24 eine eigene Melodie.

Nicht zuletzt dokumentiert ein Blatt aus der Brüxer Zeitung vom Dezember 1954 eine in der Brüxer Kapuzinerkirche (Tschechische Republik) an Weihnachten gesungene eigene einfache, aber sehr melodische Melodie, die heute auch in den Heimatvertriebenenvereinen nicht mehr gesungen wird. Weitere Melodien werden sicherlich noch gefunden werden können.

Denkmal von Christoph von Schmid in seinem Geburtsort Dinkelsbühl. Inschrift: "Dem Erzähler der Jugend Christoph von Schmid. geb. 15. August 1768. gest. 3. September 1854". (Foto: Daniel Rittenauer)

Quellen und Forschung

Im Gegensatz zu anderen Weihnachtsliedern wie "Stille Nacht, heilige Nacht" von Franz Xaver Gruber (1787–1863) und Joseph Mohr (1792–1848) gab es bis in jüngste Zeit keine fundierte Forschung zu "Ihr Kinderlein kommet". Selbst Ursula Creutz (1909–2006), die sich bisher am intensivsten mit Christoph von Schmid auseinandergesetzt hat, widmet dem Lied nur wenige Zeilen. Neben Creutz ist vor allem Hans Pörnbacher (geb. 1929) zu nennen, der sich immer wieder mit Schmid beschäftigt und die Entstehung des Liedes in Nassenbeuren angezweifelt hat.

Infolge der Forschung der Musikethnologin Evi Heigl (geb. 1968) 2002 konnte die älteste Melodie im Institut für Volkskunde der Kommission für bayerische Landesgeschichte ermittelt werden, ebenso weitere Informationen zu anderen Melodien in Bayerisch-Schwaben. Der Bestand an Musikdrucken der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg half weitere historische Melodien zu finden. Schließlich gelang es durch die bisher unbeachteten Wasserzeichen und die Kontextualisierung des einzigen nachgewiesenen Autografs des Textes in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg (Signatur Cim 8), diesen auf die Zeit um 1808/10 zu datieren. Diese neuesten Forschungserkenntnisse wurden 2018 in einem Ausstellungskatalog der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg aufbereitet. Archivalische Quellen zu Christoph von Schmid finden sich vor allem im Diözesanarchiv Rottenburg (Baden-Württemberg), das dessen Nachlass aufbewahrt.

Literatur

Zu Christoph von Schmid

  • Christoph von Schmid, Erinnerungen aus meinem Leben, Augsburg 1853–1857.
  • Ursula Creutz, Christoph von Schmid. 1768–1854. Leben, Werk und Zeitgenossen, Weißenhorn 2004.
  • Hans Pörnbacher (Hg.), Christoph von Schmid und seine Zeit, Weißenhorn 1968.
  • Hans Pörnbacher, Die Kirchen von Nassenbeuren. Gemeinde Mindelheim, Diözese Augsburg, Nassenbeuren 1998.
  • Hans Pörnbacher (Hg.), Christoph von Schmid, Erinnerungen aus meinem Leben (Bibliotheca suevica 26), Konstanz u.a. 2009.
  • Hans Pörnbacher, Christoph von Schmid 15. August 1768 * 15. August 2018. Dem Seelsorger, Lehrer und Erzähler zum 250. Geburtstag, in: Verein für Augsburger Bistumsgeschichte e.V., Jahrbuch 51 (2017), 535–555.
  • Deborah Wüstner, Das Leben und Wirken des Christoph von Schmid, Aachen 2018 [zu "Ihr Kinderlein kommet", 202–212; noch ohne Kenntnis des Augsburger Kataloges mit der Neudatierung].

Zum "Ihr Kinderlein kommet"

  • Anmarie Bendel, Chants de Noël en Alsace, Lille u.a. 2016.
  • Irmgard Benzing-Vogt, Vom Kind in der Krippe zum Kind in der Wiege. Das Weihnachtslied der NS-Zeit, in: Neue Musikzeitung 46 (1997/98),12, 49–51.
  • Arnold Blöchl, Melodiarium zu Wilhelm Paillers Weihnachts- und Krippenliedersammlung (Corpus musicae popularis Austriacae 13,1: Volksmusik in Oberösterreich), Wien 2000.
  • Esther Gajek, Nationalsozialistische Weihnacht. Die Ideologisierung eines Familienfestes durch Volkskundler, in: Dies./Richard Faber (Hg.), Politische Weihnacht in Antike und Moderne. Zur ideologischen Durchdringung des Fests der Feste. Würzburg 1997, 183–217.
  • Richard Glenz, J.B. Braun – Komponist der "Schramberger Nationalhymne", in: D’Kräz. Beiträge zur Geschichte der Stadt und Raumschaft Schramberg 3 (1983), 56–60.
  • Evi Heigl, Ihr Kinderlein kommet … Ein weltberühmtes Weihnachtslied in einer schwäbischen Variante, in: Sänger- und Musikantenzeitung 45 (2002), 345–440.
  • Karl-Georg Pfändtner (Hg.), Ihr Kinderlein kommet! Mythos – Geschichte – Welterfolg des bekannten Weihnachtsliedes. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 14. November bis 21. Dezember 2018 in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Cimeliensaal 4), Lindenberg im Allgäu 2018.

Quellen

Frühe Belege für das Vorkommen des "Ihr Kinderlein kommet" im 19. Jahrhundert

Übersetzungen

  • American Lutheran Publication Board, Sunday-school Hymnal, Pittsburgh, 1901.
  • American Tractat Society (Hg.), Liederbuch für die Jugend. Nebst einem Anhange von Melodien, New York 1850.
  • Archivio Provinciale della Tradizione Orale.
  • Correi pastorinhos.
  • Děťátka milá.
  • El Nuevo Himnario Evangélico. Para el Uso de las Iglesias Evangélicas de Habla Española en Todo el Mundo, New York 1914.
  • Henry Liebhart, Liederlust und Psalter, Cincinnati 1882.

Externe Links

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Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Karl-Georg Pfändtner, Ihr Kinderlein kommet (Christoph von Schmid), publiziert am 03.12.2020; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ihr_Kinderlein_kommet_(Christoph_von_Schmid)> (15.01.2021)






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