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Friede von Schärding, 29. September 1369

Margaretha Maultasch (1318-1369) übergibt Herzog Rudolf IV. (reg. 1358-1365) das Land Tirol. Litohgraphie aus: Alfons Huber, Geschichte der Margaretha Maultasch, Innsbruck 1863, Frontispiz. (Bayerische Staatsbibliothek, Austr. 2183)
Stammbaum der Grafen von Tirol und Görz. Abbildung aus: Josef Riedmann (Hg.), Eines Fürsten Traum, Meinhard II. - das Werden Tirols, Dorf Tirol 1995, 37. (Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol)
Siegel der Margarethe Maultasch (1318-1369) mit den Wappen von Tirol und Bayern, Januar 1363. (Tiroler Landesarchiv, Urkunde P 2084a)
Das Testament der Margarethe Maultasch (1318-1369), mit dem sie die Habsburger 1363 zu ihren Erben bestimmte. Die Urkunde ist in drei Ausfertigungen überliefert. Die hier abgebildete befand sich bis 1963 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und wurde dann nach Tirol verschenkt. Zwei weitere Ausfertigungen besitzt das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. (Tiroler Landesarchiv, Urkunde I/9789)

von Josef Riedmann

Nach dem Tod des jungen wittelsbachischen Herzogs Meinhard III. von Oberbayern-Tirol (1344-1363, reg. ab 1361) erhoben zwei Dynastien gleichermaßen Ansprüche auf die Grafschaft Tirol: Wittelsbacher und Habsburger. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Im Herbst 1369 handelten die Parteien in Schärding (heute Oberösterreich) einen Friedensschluss aus. Die bayerischen Herzöge verzichteten gegen Ausgleich auf Tirol. Damit wurde der Übergang des Landes in den habsburgischen Länderkomplex besiegelt.

Vorgeschichte

Die Wittelsbacher beanspruchten das Erbe des kinderlosen Meinhard III. von Oberbayern-Tirol (reg. 1361-1363), da er aus einer Verbindung der Tiroler Erbgräfin Margarethe Maultasch (1318-1369) mit dem bayerischen Herzog Ludwig V. dem Brandenburger (reg. in Tirol 1342-1361, reg. in Bayern ab 1347) stammte. Allerdings hatte Margarethe ihre Herrschaftsrechte über das Gebiet gleich nach dem Tod ihres Sohnes 1363 den Habsburgern als ihren nächsten Blutsverwandten übertragen.

Herzog Rudolf IV. von Österreich (reg. 1358-1365) erlangte 1363 in einem raschen Zugriff die Kontrolle über Tirol und gewann die Anerkennung der habsburgischen Herrschaft durch die neuen Untertanen mit Hilfe von weitreichenden Zugeständnissen, vor allem an die Städte. Die Position der Wittelsbacher in dieser Auseinandersetzung war durch familiäre Zwistigkeiten geschwächt.

Entgegen der mit seinen brandenburgischen Verwandten getroffenen Regelungen beanspruchte Herzog Stephan II. von Niederbayern (reg. 1347-1375) das oberbayerisch-tirolische Erbe Meinhards III. Da der österreichische Herzog sehr entschlossen auf Tirol zugriff, nahm Herzog Stephan zügig Oberbayern in Besitz und kam damit auch der Haltung der dortigen Stände entgegen. Gemeinsam mit seinem Bruder Herzog Albrecht I. von Niederbayern-Straubing (reg. 1353-1404) unternahm Herzog Stephan in den Jahren 1363 und 1364 militärische Vorstöße in das Tiroler Inntal. Sie waren zwar von großen Verwüstungen und hohen Kosten, aber von keinem nachhaltigen Erfolg begleitet. Vor allem die Städte Hall und Innsbruck erwiesen sich als feste Bollwerke der Habsburger. Die kriegerischen Auseinandersetzungen griffen dann auch auf das bayerisch-österreichische Grenzgebiet am unteren Inn über. Zudem war der wittelsbachisch-habsburgische Konflikt um Tirol aufgrund der geographischen Position dieses Landes eingebunden in ein System von Bündnissen fast aller führenden Mächte im mitteleuropäischen und norditalienischen Bereich. Dabei erwies sich vor allem Kaiser Karl IV. (reg. als deutscher König ab 1346/49, ab 1355 als Kaiser) als feste Stütze der mit ihm verwandtschaftlich eng verbundenen Habsburger. Das Reichsoberhaupt belehnte im Februar 1364 die österreichischen Herzöge mit der Grafschaft Tirol.

Im September dieses Jahres einigte man sich auf einen Waffenstillstand, und in den folgenden Verhandlungen gewann der Plan einer finanziellen Abfindung der wittelsbachischen Ansprüche durch die Habsburger immer konkretere Gestalt. Doch im Herbst 1368 unternahmen die Bayern noch einmal einen Vorstoß nach Tirol. Sie konnten diesmal sogar über den Brenner in den Süden bis an die Talenge vor Brixen im Eisacktal vorstoßen. In diesem Zusammenhang ist die Beteiligung von bäuerlichen Aufgeboten zur Abwehr des vom Norden eingedrungenen Feindes bezeugt, der auch diesmal keinen vollen Erfolg erzielen konnte.

Die Friedensverhandlungen

Am 29. September 1369 einigten sich die Herzöge Stephan II. von Bayern und Albrecht III. von Österreich (reg. 1365-1395) in der zu Bayern gehörenden, aber an die Habsburger verpfändeten Stadt Schärding (heute Oberösterreich) auf einen friedlichen Ausgleich. In diesen wurden auch weitere Mitglieder der beiden rivalisierenden Häuser mit eingeschlossen: die Wittelsbacher Albrecht I., Stephan III. (reg. 1375-1413), Friedrich (1339-1393, reg. ab 1375) und Johann II. (1341-1397, reg. ab 1375) sowie der Habsburger Leopold III. (reg. 1365-1386).

Die bayerischen Herzöge verzichteten für alle Zeit auf alle Ansprüche auf die Grafschaft Tirol. Beide Seiten räumten besetzte Befestigungen im Gebiet der Vertragspartner. Die Habsburger gaben das ihnen verpfändete Schärding an Bayern zurück und verpflichteten sich, Margarethe zum Verzicht auf die Herrschaften Kufstein und Kitzbühel sowie auf andere Güter in Bayern zu bewegen, die ihr als Witwengut übergeben worden waren. Schließlich versprachen die Habsburger die Zahlung von 116.000 Gulden an die Wittelsbacher. Eine Reihe weiterer, in den nächsten Tagen in Schärding ausgestellter Urkunden sollten die einzelnen Bestimmungen weiter absichern.

Bedeutung

Mit dem Frieden von Schärding war die Einverleibung der Grafschaft Tirol in den habsburgischen Länderkomplex besiegelt, wobei die Neuerwerbung die entscheidende Landbrücke zwischen den alten Machtzentren des Hauses am Oberrhein und den unter König Rudolf I. (reg. 1273-1291) im ausgehenden 13. Jahrhundert an der Donau gewonnenen Gebieten darstellte. Für die Wittelsbacher hätte die Kontrolle über Tirol nicht nur generell eine Ausweitung der materiellen Machtbasis bedeutet: Die Gebirgsregion bildete stets auch den Schlüssel für eine weiter nach dem Süden ausgerichtete Politik und die Einflussnahme in Oberitalien, wohin im ausgehenden Mittelalter von Bayern aus über die wirtschaftlichen Verflechtungen hinweg auch zahlreiche familiäre Verbindungen bestanden. Die bayerisch-tirolischen Beziehungen waren in den folgenden Jahrhunderten von Rückgewinnungsversuchen Bayerns gekennzeichnet.

Quellensituation und Forschungsstand

Die Erforschung der Thematik stand lange im Kontext des jeweiligen politischen Zeitgeschehens. Nachdem noch der Schweizer Historiograph Johannes von Müller (1752-1809) dem Chronisten Veit Arnpeck (1435/40-1495) folgte und Herzog Stephan II. Desinteresse und Untätigkeit bezüglich der Erwerbung Tirols attestierte (Müller, Geschichten schweizerischer Eidgenossenschaft 2, 358f.), lieferte der bayerische Ministerialbeamte Johann Georg von Feßmaier (1775-1828) eine quellenbasierte Untersuchung der Vorgänge (Stephan der Aeltere Herzog von Baiern). Sie entstand noch unter dem Eindruck der Zugehörigkeit Tirols zu Bayern von 1806 bis 1814 und des Tiroler Aufstands von 1809. Alfons Huber (1834-1898) schrieb sene Untersuchung 1864 vor dem Hintergrund zunehmender nationalstaatlicher Entwicklungen. Franz Huter (1899-1987) bereitete mit seinen Forschungen die modernen Handbuchdarstellungen (Straub; Riedmann) vor, die inzwischen durch neuere Detailuntersuchungen ergänzt werden (Lackner, Hörmann-Thurn und Taxis).

Einen quellenkritischen Überblick über die von Seiten der österreichischen Herzöge ausgestellten Urkunden im Umfeld des Friedensschlusses und deren archivalische Überlieferung bietet der 2007 erschienene Band der Regesta Habsburgica. Die Haupturkunden der habsburgischen Herzöge liegen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, die Gegenstücke der Wittelsbacher sind im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv überliefert.

Dokumente

Literatur

  • Julia Hörmann-Thurn und Taxis (Hg.), Margarete "Maultasch". Zur Lebenswelt einer Landesfürstin und anderer Tiroler Frauen des Mittelalters, Innsbruck 2007.
  • Franz Huter, Der Eintritt Tirols in die "Herrschaft zu Österreich" (1363), in: Tiroler Heimat 26 (1962), 13-63.
  • Franz Huter, Herzog Rudolf der Stifter und die Tiroler Städte. Festgabe der gewerblichen Wirtschaft Tirols zum 600-Jahr-Jubiläum der Vereinigung Tirols mit Österreich (Tiroler Wirtschaftsstudien 25), Innsbruck/München 1971.
  • Christian Lackner, Hof und Herrschaft. Rat, Kanzlei und Regierung der österreichischen Herzoge (1365-1406) (Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung Ergänzungsband 41), Wien/München 2002.
  • Josef Riedmann (Hg.), Eines Fürsten Traum, Meinhard II. - das Werden Tirols, Dorf Tirol 1995.
  • Josef Riedmann, Mittelalter, in: Josef Fontana u. a. (Hg.), Geschichte des Landes Tirol. 1. Band, Bozen/Innsbruck/Wien 2. Auflage 1990, 291-698, bes. 452-458.
  • Theodor Straub, Bayern im Zeichen der Teilungen und der Teilherzogtümer (1347-1450), in: Max Spindler/Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 2. Band: Das Alte Bayern. Der Territorialstaat vom Ausgang des 12. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 2., überarbeitete Auflage 1988, 199-287, bes. 202 und 215.

Quellen

  • Regesta Habsburgica. Regesten der Grafen von Habsburg und der Herzoge von Österreich aus dem Hause Habsburg. 5. Abt.: Die Regesten der Herzoge von Österreich (1365-1395). 1. Teilband (1365-1370), bearb. von Christian Lackner unter Mitarbeit von Claudia Feller (Publikationen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung), Wien/München 2007, 207, Nr. 478 und 209-211, Nr. 481-485.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Josef Riedmann, Friede von Schärding, 29. September 1369, publiziert am 09.09.2009; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Friede von Schärding, 29. September 1369> (12.12.2018)