Tiroler Aufstand (1809)

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von Brigitte Mazohl

Himmelfahrt des Andreas Hofer und der Schützen von Leo Putz (1869-1940), Bleistift, Kreide, Gouache auf Papier, 75 x 92 cm, Privatbesitz. Abb. aus: Sybille Moser-Ernst, Die Bild-Legende Anno Neun, in: Brigitte Mazohl/Bernhard Mertelseder (Hrsg.): Abschied vom Freiheitskampf? Tirol und „1809“ zwischen politischer Realität und Verklärung (Schlern-Schriften 346), Innsbruck 2009, 389. (Repro Ravanelli)

Der Tiroler Aufstand von 1809, bei dem „Insurgenten“ mehrfach zu den Waffen griffen, um sich gegen eine vertraglich legitimierte, aber als nicht legitim empfundene Herrschaft zur Wehr zu setzen, war ein militärischer Nebenschauplatz des fünften Koalitionskrieges zwischen Österreich und Frankreich. Die Reformen der bayerischen Verwaltung und die Planungen der österreichischen Regierung für einen erneuten Waffengang gegen Napoleon (1769-1821, franz. Kaiser 1804-1814), die die Tiroler Milizen einbezog, führten zum Aufstand. Zwischen April und November 1809 kam es zu mehreren Schlachten zwischen der Tiroler Miliz und den Verbänden der österreichischen Armee gegen die bayerischen und französischen in Tirol stationierten Truppen. Mehrmals mussten Bayern und Franzosen aus Tirol abziehen. Zeitweise konnte unter dem Führer der Aufständischen Andreas Hofer (1767-1810) eine eigene Regierung Tirols etabliert werden, bevor die französischen Truppen das Land zurückerobern konnten. Die Führer der Aufständischen mussten ins Exil gehen oder wurden verhaftet. Andreas Hofer wurde 1810 hingerichtet. Bayern erhielt die Herrschaft über Tirol bis 1814 zurück, musste aber die südlichen Teile an Italien abtreten. Der im späten 19. Jahrhundert zum Freiheitskampf verklärte Aufstand ist im kollektiven Gedächtnis des Landes präsent.

Vorgeschichte

Im Frieden von Pressburg vom 26. Dezember 1805 musste der Kaiser von Österreich, Franz I. (1768-1835, röm.-dt. Kaiser 1792-1806, Kaiser von Österreich 1804-1835), die Grafschaft Tirol, einschließlich der 1803 aufgehobenen Fürstbistümer Brixen und Trient, an das Kurfürstentum Bayern abtreten. Dessen Rangerhöhung zum erblichen Königtum war im Pressburger Friedensvertrag ebenfalls garantiert worden. Mit Patent vom 22. Januar 1806 übernahm Bayern die Herrschaft über die gefürstete Grafschaft Tirol, womit es über 618.000 Einwohner und etwa 25.000 Quadratkilometer Boden hinzugewann. Ein französischer Kommissar übergab – sichtbares Zeichen der napoleonischen Kontrolle über die Rheinbundstaaten – am 11. Februar die Zivilverwaltung an den bayerischen Hofkommissar Karl Graf von Arco-Valley (1769-1856). Zunächst gab es in Tirol gegen die neue Herrschaft keinen Widerstand. König Maximilian I. Joseph (1752-1825, Kurfürst von Pfalzbayern 1799-1806,  König von Bayern 1806-1825) und Kronprinz Ludwig (1786-1868, reg. 1825-1848) wurden bei ihrem ersten Besuch im November 1807 feierlich begrüßt, dem neuen König wurden sogar Willkommens-Lieder zugeignet. Vor allem die Bozener Kaufleute erwarteten sich von Bayern eine modernere Wirtschaftspolitik und die Förderung des Transithandels.

Allerdings gingen die tirolischen Stände davon aus, dass die bisherige Verfassung des Landes auch von Bayern respektiert werden würde: Bei dieser „Verfassung“ handelte es sich um die seit dem Spätmittelalter immer wieder von den Landesfürsten in den Landesordnungen verbrieften „Rechte und Freiheiten“. Diese beinhalteten insbesondere das Steuerbewilligungsrecht der Stände, aber auch die seit dem „Landlibell von 1511“ garantierte Wehrverfassung, worin den Ständen das Recht bestätigt wurde, eine Art stehendes Heer zu halten, sich im Kriegsfall selbst zu verteidigen und außerhalb Tirols keine Kriegsdienste leisten zu müssen. Durch Art. VIII. des Pressburger Friedens war Tirol zugesichert worden, dass es von Bayern „mit den Titeln, Rechten und Prärogativen“ in Besitz genommen werde, mit denen es „der Kaiser von Deutschland und Österreich oder die Prinzen seines Hauses besessen haben, und anders nicht.“

Die bayerische Reformpolitik in Tirol

Dennoch verlief die Integration der neu gewonnenen Gebiete schwieriger als erwartet, zumal in Bayern mit Maximilian Graf von Montgelas (1759-1838) seit 1799 ein Reformminister an der Spitze der Regierung stand, der mit den von Frankreich ausgehenden Ideen sympathisierte und zielstrebig daran ging, Bayern in einen modernen Staat zu verwandeln. Mit der Einrichtung des bayerischen Generallandeskommissariats (unter der Leitung von Graf Arco) als hierarchisch organisierter oberster Behörde im Juni 1806 wurde zwar noch die traditionelle tirolische Kreiseinteilung beibehalten, dem bisherigen kollegial organisierten Gubernium (landesfürstliche Verwaltungsbehörde in den österreichischen Kronländern) wurden jedoch mehr und mehr Kompetenzen entzogen. Der November desselben Jahres brachte mit der neuen bayerischen Landgerichtsverfassung das Ende der bisherigen adeligen Patrimonialgerichtsbarkeit und die Unterordnung der Gemeinden unter die staatliche Verwaltung. Obwohl in Bayern seit 1805 die allgemeine Wehrpflicht galt, hütete man sich zunächst davor, diese durch tatsächliche Rekrutierungen auch auf Tirol auszudehnen, sondern behalf sich mit „freien Werbungen“, die allerdings wenig Erfolg brachten. Erst im Februar 1809 wurde nicht zuletzt unter dem Druck Kaiser Napoleons (1769-1821, franz. Kaiser 1804-1814) die Aushebung von Soldaten auch in den neu gewonnenen Gebieten angeordnet, was aus der Sicht Tirols einen Vertragsbruch in Bezug auf Art. VIII des Pressburger Friedens bedeutete. Mittels Verordnung vom 8. Juni 1807 wurden überdies die ständischen Landschaftskassen aufgelöst, ein Schritt, der bei den Tiroler Ständen größte Irritationen auslöste. Tirol hatte sich unter der österreichischen Herrschaft immer als „armes“ Land positioniert, das bezüglich Steuern möglichst schonend behandelt worden war. Nun wurde die bisherige Grundsteuer erhöht, darüber hinaus eine Schuldentilgungssteuer eingehoben und eine neue Zugviehsteuer eingeführt. Auch die Währungsreform des Jahres 1806 brachte, insbesondere für bäuerliche Kreditnehmer, große Verluste mit sich.

Der entscheidende Reformschritt erfolgte im Jahr 1808, als in Bayern eine auf Volksrepräsentation basierende Verfassung erlassen wurde (1. Mai 1808), in deren Folge dann auch die Landstände aufgehoben wurden. Dass diese Maßnahmen nicht gegen Tirol gerichtet, sondern einer gesamtstaatlichen bayerischen Modernisierungspolitik geschuldet waren, konnte man in Tirol nicht erkennen. Infolge dieser ohne Einbeziehung der Landstände ­durchgeführten Reformen verschlechterte sich zusehends die Stimmung im Lande gegen die neue Herrschaft. Dazu kamen noch weitere unpopuläre Anordnungen, wie das Verbot von Prozessionen und Wallfahrten oder auch die gesetzlich verordnete Pockenimpfung.

Der Tiroler Aufstand im Kontext des fünften Koalitionskrieges

Die Unzufriedenheit der Tiroler allein hätte allerdings für einen Aufstand von jener Tragweite, die wohl alle Beteiligten überrascht hat, nicht ausgereicht. Die Erhebungen in Tirol (und Vorarlberg) müssen im größeren Zusammenhang mit dem von Österreich neuerlich geplanten Krieg gegen Frankreich und gegen die mit ihm verbündeten Rheinbundstaaten gesehen werden. Man hoffte auf einen gesamtdeutschen „Nationalkrieg“, in dem das „Volk“ auch in den vormals zum Alten Reich gehörenden Staaten zu den Waffen greifen würde. Nach französischem Vorbild wurde daher auch in Österreich 1808 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, wobei in Tirol nach wie vor (dank der nach wie vor gültigen traditionellen Wehrverfassung) ohnehin bewaffnete Kontingente in einer Stärke von 20.000 Mann zur Verfügung standen.

Erzherzog Johann (1782-1859), der jüngere Bruder des Kaisers, designierter Oberbefehlshaber der Südarmee, sollte in Innerösterreich und in Tirol die Landesverteidigung organisieren, um von dort aus den erhofften „Volkskrieg“ vorzubereiten. Dabei diente ihm als wichtigster Verbindungsmann zu Tirol der Innsbrucker Jurist und Historiker Joseph Freiherr von Hormayr (1781-1848). Im Auftrag von Erzherzog Johann reiste bereits im Januar 1809 eine von Hormayr zusammengesetzte Tiroler Delegation, angeführt vom Sandwirt aus dem Passeiertal Andreas Hofer (1767-1810) und vom Hauptmann der Tiroler Landmiliz Martin Teimer (1778-1838), die sich beide bereits im Krieg von 1796/97 an der Tiroler Grenze gegen die heranrückenden Franzosen bewährt hatten, nach Wien, um den bewaffneten Widerstand im Land mit den militärischen Plänen Erzherzog Johanns abzustimmen. Im Land selbst wandten sich Erzherzog Johann und Hormayr mit gedruckten Aufrufen an die Bevölkerung, um zum bewaffneten Widerstand gegen das vertragsbrüchige Bayern aufzurufen. Am 9. April 1809 erfolgte die offizielle österreichische Kriegserklärung an Frankreich und am gleichen Tag rückte General Johann Gabriel Marquis de Chasteler (1763-1825) von Kärnten aus Richtung Tirol, d.h. gegen Bayern vor. Die Tiroler Aufgebote, die drei Mannschaftskontingente umfassten (Milizmannschaften, Schützen und Landsturm), sollten sich ihnen bei Brixen anschließen.

Einen Tag später überquerte die österreichische Hauptarmee den Inn und marschierte Richtung München, womit der fünfte Koalitionskrieg zwischen Frankreich und Österreich begann. England unterstützte die Aufständischen in Tirol mit Subsidienzahlungen.

Trotz einiger tatsächlich erfolgter Scharmützel auch in anderen österreichischen Kronländern und in verschiedenen deutschen Staaten kam ein tatsächlicher „Volkskrieg“ nur in Tirol (und Vorarlberg) zustande – dies wohl auch deshalb, weil die Aufständischen hier gleich zu Beginn sehr erfolgreich agierten und weil durch Erzherzog Johann eine sehr viel unmittelbarere Nähe zum österreichischen Kaiserhaus als anderswo gegeben war.

Die vier Phasen des Aufstands des Jahres 1809

April

Die in Tirol stationierten bayerischen Truppen von 3400 Mann konnten den aus dem Pustertal anrückenden österreichischen Truppen und den aufständischen Tirolern wenig entgegensetzen. Bereits in der Nacht vom 12. April wurde Innsbruck besetzt. Die anrückenden französischen Unterstützungstruppen mussten am Folgetag kapitulieren.

Für den weiteren Verlauf der Geschehnisse war es von Bedeutung, dass Chastelers österreichische Truppen trotz beschleunigten Marsches (zuletzt 65 km pro Tag) zu den Erfolgen der Tiroler, abgesehen von der Hoffnung auf ihr baldiges Eintreffen, nichts beigetragen hatten. Dies stärkte bei den Aufständischen das Bewusstsein dafür, auch allein für ihre „Befreiung“ kämpfen zu können. Chasteler traf am 16. April in Innsbruck ein und übernahm im Namen Österreichs die oberste Regierungsgewalt.

Abgesehen vom Süden Tirols und der Festung Kufstein war ganz Tirol von den Aufständischen in kurzer Zeit zurückerobert worden. Der Kaiser wandte sich mit einem offiziellen Schreiben, dem sogenannten Schärdinger Manifest vom 18. April 1809, in welchem er seinen Tiroler Untertanen versprach, alles für ihren Verbleib bei Österreich zu tun. Erzherzog Johann ernannte seinen Vertrauten Joseph von Hormayr zum Zivilintendanten, der sich darum bemühte, den Aufstand durch ein „Besitzergreifungspatent“ rechtlich zu legitimieren. Auch die alte Landesverfassung und alle Regelungen der vorbayerischen Landesdefension sollten auf legaler Grundlage wiederhergestellt werden, um deutlich auf den „Vertragsbruch“ durch Bayern hinzuweisen.

Die Kämpfe hingegen gingen weiter, bis Ende April im Süden auch Trient eingenommen werden konnte und im Westen Vorarlberg.

Chronik der Ereignisse
Datum Ereignisse
9. April Vorrücken der österreichischen Truppen durch das Pustertal
Die bayerischen Truppen (c. 3400 Mann) unter dem Befehl Vorrücken der österreichischen Truppen durch das Pustertal von General Georg August Freiherr von Kinkel (1741-1827) konnten dem Anrücken der Österreicher wenig entgegensetzen. Die Versuche, durch die Zerstörung von Brücken ihr Vordringen zu verhindern, wurde durch aufständische Bauern verhindert, die diese verteidigten.
11. April Gefecht bei Sterzing
Andreas Hofer zwang mit dem Passeirer Landsturm und wiederum mit Hilfe der Zivilbevölkerung, die dort stationierten Bayern zum Rückzug.
12. April Einmarsch der Aufständischen in Innsbruck
In den Morgenstunden rückten die zahlenmäßig überlegenen Tiroler (c. 6000 Mann) von verschiedenen Seiten völlig unkoordiniert in Innsbruck ein, wobei es auch zu Plünderungen von Geschäften und gewaltsamen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung kam. Kinkel wurde gefangen genommen, der bayerische Generalkreiskommissär Maximilian Graf Lodron (1757-1823) musste die Hofburg den Tirolern übergeben.
13. April Kapitulation der französischen Truppen
Am Morgen des 13. April kapitulierte der französische General Baptiste Pierre Bisson (1767-1811), der mit 2400 Franzosen und einem bayerischen Kontingent vom Brenner kommend zur Unterstützung der Bayern bis nahe an Innsbruck angerückt war.
16. April Einzug der österreichischen Truppen in Innsbruck
18. April Schärdinger Manifest
Franz I. wandte sich darin an seine „lieben und getreuen Tyroler“ und stellte – verfrüht, wie sich bald zeigen würde – in Aussicht, alles dafür zu tun, „damit Euch das harte Loos, Meinem Herzen wieder entrissen zu werden, nie wieder treffe.“
23. April Einnahme von Trient und Vertreibung der Bayern aus Vorarlberg
Die österreichischen Truppen konnten, unterstützt von den Tiroler Aufgeboten, das besetzte Trient am 23. April wieder einzunehmen. In Vorarlberg war es unter der Führung einiger Milizoffiziere zu Aufständen gekommen, so dass auch hier die österreichische Herrschaft wiedererrichtet werden konnte.

Mai

Während Napoleon bisher die Ereignisse in Tirol wenig ernst genommen hatte, fasste er Anfang Mai den Entschluss, im Vorfeld der zu erwartenden Entscheidungskämpfe gegen die österreichische Hauptarmee im Donauraum die Lage in Tirol zu bereinigen. Marschall François-Joseph Lefebvre (1755-1820), erhielt den Befehl, von Salzburg aus mit zwei bayerischen Divisionen Richtung Tirol zu marschieren. Chasteler hatte zwar in aller Eile seine Mannschaft und den Tiroler Landsturm aufgeboten, doch war die Kampfbereitschaft bei den Tirolern dieses Mal weniger groß als im April.  Der Angriff erfolgte von zwei Seiten, weshalb sich die Truppe nicht koordinieren und den Vormarsch aufhalten konnten.

Auch Chasteler, der mit seinen Truppen gegen die Divison von Bernhard von Deroy (1742-1818) Richtung Kufstein aufgebrochen war, erlitt einen Tag später, am 13. Mai, in der Ebene von Wörgl, etwa 14 km vor Kufstein eine schwere Niederlage. Nun traten erstmals Konflikte zwischen dem regulären österreichischen Militär und den Tirolern, aber auch zwischen den kampfbereiten „Falken“ und den aufgabewilligen „Tauben“ unter diesen selbst auf. Angesichts der großen Verluste auf beiden Seiten, der immer gewaltsameren Übergriffe auch gegen die Zivilbevölkerung und nicht zuletzt unter dem Eindruck des Brandes der Stadt Schwaz als Folge eines heftigen und außer Kontrolle geratenen Häuserkampfs am 15. Mai – in Tirol als bewusste Brandlegung durch Bayern interpretiert – einigten sich die Kampfparteien auf einen Waffenstillstand. Chasteler zog sich gemäß dem Befehl von Erzherzog Johann mit seinen verbleibenden Truppen durch das Pustertal zurück, nur ein schwaches Kontingent der Österreicher unter Generalmajor Ignaz von Buol-Bernberg (1749-1817) blieb – am Brenner stationiert – in Tirol zurück. Wenige Tage später, am 19. Mai, zog Marschall Lefebvre kampflos in Innsbruck ein. Napoleon hatte eine Woche zuvor mit seinen Truppen Wien erobert.

Wolkersdorfer Handbillet von 29. Mai 1809. Kaiser Franz I. erließ es im Ort Wolkersdorf (Österreich), das ihm während des Feldzuges gegen Napoleon als Hauptquartier diente. (Bayerische Staatsbibliothek, 2 Eur. 51 r-2#Beibd.22)

Während Wrede und Lefebvre in Innsbruck die bayerische Herrschaft durch bayerische Beamte wieder herstellzustellen versuchten, waren die Aufständischen nicht zur Kapitulation bereit. Besonders Andreas Hofer und Josef Eisenstecken (1779-1827), Wirt aus Bozen, organisierten mittels Laufzettel im ganzen Land den neuerlichen Widerstand. Dabei kam ihnen zugute, dass Lefebvre und Wrede mit ihren Truppen ebenfalls von Tirol abgezogen waren, um den französischen Truppen am Hauptkriegsschauplatz zu Hilfe zu kommen. Die Zusammenarbeit mit den, wenn auch bescheidenen, österreichischen Mannschaften Buols und den Tiroler Schützenkompanien war diesmal erfolgreicher. Nach zwei Gefechten am Bergisel (25. und 29. Mai) südlich von Innsbruck setzte sich Deroy Richtung Bayern ab: Die zweite Phase des bewaffneten Widerstands, bei der Andreas Hofer als „moralische Stütze“ zwar eine wichtige Rolle gespielt hatte, der eigentliche militärische Sieg aber dem österreichischen Oberkommandanten Buol zu verdanken war, brachte die österreichische Herrschaft ein zweites Mal zurück. 

Auch diesmal ließ eine Proklamation des österreichischen Kaisers nicht auf sich warten: Am Tag des Sieges am Bergisel verkündete das sogenannte „Wolkersdorfer Handbillet“ erneut die Zusage, dass Tirol (einschließlich Vorarlbergs) bei Österreich bleiben solle. Hormayr, der sich in der Zwischenzeit zurückgezogen hatte, kehrte am 2. Juni als kaiserlicher Intendant nach Innsbruck zurück.

Chronik der Ereignisse
Datum Ereignisse
11./ 12. Mai Einmarsch der bayerischen Divisionen in Tirol
Eine Division unter Carl Philipp von Wrede (1767-1838) rückte über den Pass Strub an der tirolisch-salzburgischen Grenze in Tirol ein, eine weitere Division unter dem Befehl von Bernhard von Deroy (1743-1812) marschierte weiter westlich Richtung Kufstein; Chasteler mobilisierte seine Mannschaft und den Tiroler Landsturm; da die Bayern von zwei Seiten angriffen, sahen sich die Schützenkontingente am Pass Strub von den Österreichern allein gelassen, während die österreichischen Truppen weiter westlich nur unzureichende Unterstützung durch den Tiroler Landsturm fanden. Trotz erbitterter Gegenwehr der Schützen drangen Lefebvre und Wrede am 11. Mai über den Pass Strub nach Tirol vor; eine neuerliche Gegenwehr durch die Schützenkompanien unter der Führung von Rupert Wintersteller (1773-1832), Großgrundbesitzer aus Kirchdorf in Tirol, blieb, angesichts der ausbleibenden Unterstützung durch die Österreicher, erfolglos. Wintersteller sah sich zur Flucht gezwungen – im Zuge der ausufernden Auseinandersetzungen ging sein Heimatdorf in Flammen auf.
13. Mai Gefecht von Wörgl
In der Ebene von Wörgl, etwa 14 km vor Kufstein, erlitten die österreichischen Truppen durch die bayerischen Verbände Wredes eine schwere Niederlage.
15. Mai Brand der Stadt Schwaz
Als Folge eines heftigen und außer Kontrolle geratenen Häuserkampfs am 15. Mai kam es zu Großbränden der Stadt. Dies nährte den Hass gegenüber Bayern.
19. Mai Einzug der französischen Truppen in Innsbruck
21./22. Mai Schlacht bei Aspern
Niederlage der französischen Armee unter Napoleons Oberbefehl gegen die österreichischen Kontingente unter Befehl Erzherzog Karl bei Apsern (heute Stadteil von Wien).
23. Mai Abzug der bayerischen und französischen Truppen
Lefebvre und Wrede zogen mit ihren Truppen von Tirol ab, um den französischen Armee am Hauptkriegsschauplatz zu Hilfe zu kommen.
25./29. Mai Erstes und Zweites Gefecht am Bergisel
Nach zwei Gefechten am Bergisel südlich von Innsbruck setzte sich Deroy Richtung Bayern ab.
29. Mai Wolkersdorfer Handbillet
Am Tag des Sieges am Bergisel verkündete das sogenannte „Wolkersdorfer Handbillet“ erneut die Zusage, dass Tirol (einschließlich Vorarlbergs) „nie mehr von dem Körper des österreichischen Kaiserstaates soll getrennt werden“. Der Kaiser versprach in keinen Frieden einzuwilligen, „als den, der dieses Land an Meine Monarchie unauflöslich knüpft“.
2. Juni Rückkehr von Hormayr
Hormayr wird erneut als kaiserlicher Intendant eingesetzt.

Juli/August

Eine entscheidende Wende trat mit dem Sieg der Franzosen über die österreichische Hauptarmee am 5. und 6. Juli in der Schlacht bei Wagram nordöstlich von Wien ein. Kaiser Franz sah sich gezwungen, den Krieg zu beenden. Es kam am 12. Juli bei Znaim/Znojmo (heute in Tschechien) zu einem Waffenstillstand, der bereits die Räumung Tirols (und Vorarlbergs) durch die Österreicher vorsah. General Buol erhielt Ende Juli den Befehl, das Land zu verlassen. Die Bekanntmachung des Waffenstillstands erfolgte von bayerischer Seite bereits eine Woche später, doch eine österreichische offizielle Bestätigung für dieses „Gerücht“, wofür man es in Tirol hielt, wurde bewusst hintangehalten.

Erst als französische, bayerische und italienische Truppen von mehreren Seiten erneut gegen Tirol vorrückten und die Österreicher abzogen, wurde klar, dass Napoleon nun in einem raschen Angriff Tirol in die Knie zwingen wollte. Angesichts dieser mehrfachen Bedrohung durch die aus verschiedenen Richtungen einrückenden Franzosen und Bayern setzten sich zunächst die „Tauben“ unter den Aufständischen durch: Marschall Lefebvre konnte ohne größeren Widerstand am 30. Juli in Innsbruck einziehen. Obwohl es auch an den anderen Kriegsschauplätzen noch keineswegs zur Befriedung der Lage gekommen war, hoffte Marschall Lefebvre dennoch vom Brenner aus Richtung Süden aufbrechen zu können, um sich mit den vom Pustertal einrückenden verbündeten Truppen vereinigen zu können. Hier jedoch hatten in der Zwischenzeit die „Falken“ den Widerstand neu organisiert und so wurde die von Lefebvre vorausgesandte thüringische Vorhut in der Eisacktalschlucht südlich von Sterzing (heute: Italien), in der – später verharmlosend „Sachsenklemme“ genannt –  am 4. August von Steingeschossen überrascht. Lefebvre und seine Truppen mussten sich am 11. August, verfolgt und bedrängt von den von den Bergen herabschießenden Tirolern, nach Innsbruck zurückziehen. Da zugleich auch an anderen Kampforten im Tiroler Oberland Erfolge verbucht wurden, sah Andreas Hofer nun den Zeitpunkt für gekommen, einen entscheidenden Gegenschlag zu wagen. Innerhalb kurzer Zeit wurde erneut der Landsturm aufgeboten und am 13. August, einem Sonntag, kam es zum dritten Mal zu schweren Kämpfen bei Innsbruck, am Bergisel, in der weiter östlich gelegenen Sillschlucht sowie nördlich des Inns. Die Kämpfe dauerten zwölf Stunden und blieben – militärisch gesehen – unentschieden. Dennoch entschied sich Lefebvre am nächsten Tag zum Abmarsch aus Innsbruck, weil er die Rückzugslinien durch das Unterinntal durch die Aufständischen als gefährdet ansah. Damit geriet die „dritte Bergiselschlacht“ zum großen Sieg der Tiroler.

Am 15. August 1809 zog Andreas Hofer feierlich in Innsbruck ein und übernahm im Namen des Kaisers das Oberkommando in Tirol. Dass diese Regentschaft im Grunde kein legales Mandat besaß, wurde in der älteren Historiografie kaum thematisiert, im Gegenteil, die zweieinhalb Monate von Hofers Herrschaft galten stets als Höhepunkt des Aufstandsjahres. Bayern und Franzosen schoben sich gegenseitig die Schuld an der Niederlage zu, während auch im Süden der Vormarsch der italienisch-französischen Truppen durch Trentiner Aufgebote gestoppt werden konnte. Am 18. August war Tirol mit Ausnahme der Festung Kufstein wieder vollständig in Tiroler Hand.

Die zwei Monate von Hofers Regentschaft sind von dem Versuch gekennzeichnet, die politische Verwaltung im Sinne der vorbayerischen österreichischen Administration, d.h. auch die autonome Gemeinde- und Kirchenverwaltung wiederherzustellen. Auch die ständische Landesverfassung sollte wieder eingeführt werden, zu einer tatsächlichen Neuorganisation eines Landtags kam es jedoch nicht. Insbesondere ging es dem streng gläubigen Hofer darum, im „Heiligen Land Tirol“, als das es sich gern stilisierte, für Sitte und Ordnung zu sorgen, indem er die geistlichen und weltlichen Obrigkeiten zu „wachsamer Sittenpolizei“ aufrief und u.a. in einem auch von den Zeitgenossen als problematisch empfundenen Erlass einen „frommen Lebenswandel“ mit züchtiger Kleidung für Frauen anordnete.

Chronik der Ereignisse
Datum Ereignisse
12. Juli Waffenstillstand von Znaim
Am 12. Juli wurde in der südmährischen Stadt Znaim/Znojmo (Tschechien) ein Waffenstillstand zwischen Napoleon und Kaiser Franz geschlossen, der bereits die Räumung Tirols (und Vorarlbergs) durch die Österreicher vorsah.
26. Juli - 4. August Abzug der österreichischen Truppen
Buol zog nach Bestätigung seiner Befehle mit seiner Mannschaft durch das Pustertal ab – einige „Insurgenten“, darunter Teimer und Hormayr schlossen sich ihm an.
ab 27. Juli Vorrücken der Franzosen
Marschall Lefebvre marschierte mit einer Armee von 20.000 Soldaten (darunter zwei bayerische Divisionen unter Kronprinz Ludwig und General Deroy und einer thüringischen Rheinbunddivision) von Nordosten kommend über den Pass Strub Richtung Tirol, wobei zusätzliche Kontingente weiter westlich – über Scharnitz und über das Außerfern – diesen Hauptangriff flankieren sollten. Zugleich war ein Vormarsch im Süden geplant: durch das Pustertal Richtung Lienz, durch das Etschtal nach Trient und durch das Piavetal nach Cortina d’Ampezzo (Italien). Der Vorstoß der italienisch-französischen Truppen in Osttirol – zeitgleich mit dem Abzug von Buols Mannschaft – gestaltete sich wegen des Widerstands der Aufständischen sehr viel schwieriger. Auch im Süden konnte nur die Stadt Trient zurückerobert werden.
30. Juli Besetzung von Innsbruck durch die Franzosen
4. August Gefecht in der „Sachsenklemme“
In der Eisacktalschlucht südlich von Sterzing hatten die „Falken“, darunter Andreas Hofer, Joseph Speckbacher (1767-1820) und der Kapuzinerpater Joachim Haspinger (1776-1858), den Widerstand neu organisiert und die von Lefebvre vorausgesandte thüringische Vorhut wurden dort– später verharmlosend „Sachsenklemme“ genannt – am 4. August von Steingeschossen überrascht, die von oben, begleitet von Scharfschützenfeuer, auf sie niedergingen.
11. August Rückzug Lefebvres nach Innsbruck
13. August Drittes Gefecht am Bergisel
17.000 Tiroler, unter dem formellen Oberkommando von Andreas Hofer standen etwa 10.600 Mann Infanterie und 1200 Reitern unter Lefebvres Kommando gegenüber. Die Schlacht ging unentschieden aus.
14. August Rückzug der Franzosen aus Innsbruck
Lefebvre entschied sich zum Abmarsch aus Innsbruck, weil er die Rückzugslinien durch das Unterinntal durch die Aufständischen als gefährdet ansah.
15. August Einzug Hofers in Innsbruck und Übernahme der Regierung
Andreas Hofer zog feierlich in Innsbruck ein und übernahm – auf die Bitte einiger vormaliger Ständevertreter und seiner Kampfgefährten hin – widerstrebend im Namen des Kaisers das Oberkommando in Tirol. Dass diese Regentschaft („Bauernregiment“) im Grunde kein legales Mandat besaß, wurde in der älteren Historiografie kaum thematisiert, im Gegenteil, die zweieinhalb Monate von Hofers Herrschaft galten stets als Höhepunkt des Aufstandsjahres. Aber angesichts des rechtlosen Zustands, den Österreicher und Bayern durch ihren Rückzug hinterlassen hatten, war auf diese Weise wenigstens für ein einigermaßen geordnetes Zusammenleben ohne weitere Gewalttaten gesorgt, zumal es an den Grenzen im Süden und Norden immer noch zu militärischen Scharmützeln kam.
bis 18. August Rückeroberung fast aller Landesteile durch die Tiroler
Am 18. August war Tirol – bis auf die von den Bayern gehaltene Festung Kufstein – wieder vollständig in Tiroler Hand.

Oktober/November

Auch in dieser letzten Phase verhielt sich die österreichische Regierung äußerst ambivalent. Noch am 4. Oktober erhielt Andreas Hofer in Anerkennung seiner Verdienste von Kaiser Franz I. eine goldene Ehrenkette überreicht, ergänzt durch 3000 Dukaten zur finanziellen Unterstützung der Landesverteidigung. Zehn Tage später, am 14. Oktober, musste Franz I. jedoch im Frieden von Schönbrunn einem neuerlichen Verzicht auf Tirol zustimmen. Napoleon hatte in der Zwischenzeit seine Truppen neu positioniert und gab nun auf der Grundlage der Friedenbestimmungen seinem Stiefsohn Eugène Beauharnais (1781-1824), Vizekönig von Italien und Schwiegersohn des bayerischen Königs Maximilian I. Joseph, den Befehl zur Rückeroberung Tirols.

Ab dem 17. Oktober rückten die Truppen vor und bereits am 19. Oktober wurde mittels Proklamation von Bayern und Franzosen die Nachricht über den Frieden samt Amnestieangebot im Norden und Süden Tirols bekannt gemacht. Da aber österreichischerseits diese Nachricht zunächst nicht bestätigt wurde, kam es in Tirol erneut zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen „Tauben“ und „Falken“.  Es setzten sich schließlich die „Falken“ durch, die, angeführt vom Kapuzinerpater Joachim Haspinger, den zaudernden Hofer von der Notwendigkeit eines neuerlichen bewaffneten Widerstands überzeugten. Und dies, obwohl am 21. Oktober auch ein Bote Erzherzog Johanns mit der Friedensnachricht nach Tirol kam und im Namen des Kaisers zur Ruhe mahnte. Als die bayerischen Truppen und Kronprinz Ludwig am 25. Oktober in Innsbruck einzogen, riefen die Aufständischen erneut zum Kampf auf. Am 1. November 1809 kam es wiederum am Bergisel zu einem sehr kurzen Gefecht, das für die zahlenmäßig unterlegenen Tiroler mit einem Desaster endete.

Hofer sandte einen Tag später ein Unterwerfungsschreiben an den italienischen Vizekönig, um es wenige Tage später zu widerrufen und nochmals zum Widerstand aufzufordern. So kam es bis in den Dezember hinein immer wieder zu lokalen, z.T. sogar erfolgreichen Scharmützeln, die jedoch an der Tatsache nichts änderten, dass der Tiroler Widerstand durch die vereinten Kräfte von Bayern, Franzosen und Italienern gebrochen und der Aufstand niedergeschlagen war.

Chronik der Ereignisse
Datum Ereignisse
14. Oktober Friede von Schönbrunn
Im Friedensvertrag verzichtete Kaiser Franz I. erneut auf Tirol.
17. Oktober Erneuter Einmarsch der Bayern und Franzosen
Drei bayerische Divisionen, angeführt von Wrede, Deroy und dem Kronprinzen Ludwig rückten am 17. Oktober von Nordosten nach Tirol ein, General Honoré Vial (1766-1813) hatte den Auftrag, wenige Tage später durch das Etschtal von Süden vorzustoßen und General Louis Baraguay d´Hilliers (1764-1813) sollte ebenfalls mit einer französisch-italienischen Armee von Osten her durch das Pustertal ins Land eindringen. Insgesamt standen dem vizeköniglichen Oberbefehlshaber diesmal etwa 50.000 Mann zur Verfügung.
19. Oktober VProklamation des Friedens in Tirol
Mittels einer Proklamation von Bayern und Franzosen wurde die Nachricht über den Frieden samt Amnestieangebot im Norden und Süden Tirols bekannt gemacht.
21. Oktober Österreichische Bestätigung des Friedens
Ein Bote Erzherzog Johanns kam mit der Friedensnachricht nach Tirol und rief im Namen des Kaisers zur Ruhe auf.
25. Oktober Einzug der bay. Truppen unter Kronprinz Ludwig in Innsbruck
1. November Viertes Gefecht am Bergisel
Am Bergisel provozierten die zahlenmäßig unterlegenen Tiroler (8.500 gegen 20.000 Bayern) ein sehr kurzes Gefecht, das für sie mit klaren Niederlage endete.
2. November Kapitulationsschrieben Hofers
Hofer sandte ein Unterwerfungsschreiben an den italienischen Vizekönig, das er aber wenige Tage später widerrief und nochmals zum Widerstand aufforderte.
Mitte November-Anf. Dezember Weitere kleine Gefechte
Es kam immer wieder zu lokalen, z.T. sogar erfolgreichen Scharmützeln (u.a. bei Meran [heute in Italien] am 16. Nov.), die jedoch an der Tatsache nichts änderten, dass der Tiroler Widerstand durch die vereinten Kräfte von Bayern, Franzosen und Italienern gebrochen und der Aufstand niedergeschlagen war.

Folgen und Bewertung des Aufstands

Abschiedsbrief Andreas Hofers vom Tag seiner Hinrichtung am 20. Feburar 1820 aus Mantua, in welchem er Anweisungen für seine Totenfeier und seine Erbschaft mitteilte. (design.buero/Museum Passeier) Eine Transkription des Briefes finden Sie hier.

Während manche der „Freiheitskämpfer“, so der „Heldenpriester“ Pater Haspinger, an den bis heute in Schloss Mirabell in Salzburg eine Marmortafel erinnert, sich durch Flucht einer Bestrafung entziehen konnten, gerieten andere, wie Rupert Wintersteller, in bayerische Gefangenschaft und verloren neben ihrer Gesundheit auch ihre bisherige Lebensgrundlage. Joseph Speckbacher wurde vom Kaiser beauftragt, einen kleinen Trupp von geflüchteten Tirolern in Südungarn anzusiedeln: Das kleine Dorf Tirol im heutigen Rumänien legt von dieser – glücklosen – Aktion bis heute Zeugnis ab. Andreas Hofer wurde von französischen Soldaten infolge Verrats in seinem Versteck auf einer Alm im Passeirertal aufgespürt, nach Mantua (Italien) gebracht und am 20. Februar 1810 auf Befehl Napoleons erschossen.

Die Folgen des vergeblichen Aufstandes von 1809 waren dramatisch, was in den späteren Jubelfeiern um den „Freiheitskampf“ stets ausgeblendet wurde. Die materiellen Kriegsschäden in Tirol waren enorm: Zeitgenössische Erhebungen sprachen von über vier Millionen Gulden, spätere realistischere Einschätzungen bewegten sich naturgemäß um einiges darunter, die materiellen Einbußen allein für das abgebrannte Schwaz wurden 1817 auf 1,6 Millionen Gulden geschätzt. In Aussicht gestellte Entschädigungszahlungen durch Österreich erfolgten spät, manchmal gar nicht. Aber auch für Bayern hatte der Aufstand fatale Konsequenzen. Napoleon war mit der bayerischen Kriegsführung und der mangelnden Behauptung gegenüber den Aufständischen äußerst unzufrieden und es mehrten sich die Gerüchte, dass Tirol nicht an Bayern zurückfallen, sondern mit dem italienischen Königreich vereint werden sollte. Die Entscheidung fiel in Paris im Kompromisswege: Im Pariser Abkommen vom 28. Februar 1810 wurde der südliche Teil Tirols, einschließlich Bozens, mit etwa 500.000 Einwohnern an das italienische Königreich angegliedert, der nördliche Teil verblieb bei Bayern. Mit dieser Teilung, die in Bayern als „Bestrafung“ erlebt wurde, obwohl sie durch Territorialgewinne in Salzburg und Franken kompensiert wurde, hoffte Napoleon vor allem die mehrfach bewiesene Kampfbereitschaft der Tiroler endgültig zu brechen. Der Norden Tirols verblieb bis 1814 bei Bayern. Nach der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht von Leipzig (16.-19. Oktober 1813) und dem Vertrag von Ried (Österreich) (8. Oktober 1813), in dem Bayern sich der antinapoleonischen Allianz angeschlossen hatte, fiel Gesamttirol wieder an den österreichischen Kaiserstaat zurück.

... und danach? Zur Rezeptionsgeschichte des Tiroler Aufstands

Kaiser Franz I. und seine Gemahlin Karoline von Bayern (1792-1873) besichtigen das Atelier des Bildhauers Nepomuk Schaller (1777-1848) mit dessen Standfigur des Andreas Hofer im Dezember 1833. (Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung Pk 25, 32)

Zur Identitätsbildung der „Tirolischen Nation“, die sich zuvor weitgehend ideologiefrei als ständische Landesvertretung verstanden hatte, trugen die Erfahrungen des Jahres 1809 entscheidend bei: Der Mythos vom unerschrockenen Tiroler wurde sehr bald geboren, Andreas Hofer bereits im Vormärz zum Märtyrer stilisiert. Es waren vor allem Engländer, die dem frühen Tiroler Heldentourismus huldigten. In Wien war man in der Ära Metternich freilich von diesem Kult um den „Bauernführer“, dessen Gebeine 1823 von Kaiserjägern exhumiert wurden und dem man notgedrungen in Innsbruck ein Grabmal errichten musste, wenig angetan. Endgültig vereinnahmt wurde „1809“ dann von den nationalen Auseinandersetzungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als die – drei Generationen zurückliegenden – Auseinandersetzungen zunehmend zu einem deutsch-italienischen Konflikt umgedeutet wurden, mit dem man nun die sehr viel später erfolgte Trennung und Abtretung Südtirols an Italien verband.

Aus bayerischer Sicht stellte sich die Geschichte freilich von Anfang an anders dar. Hier wurden die Aufständischen als „heimatlose Herumtreiber“ verunglimpft, deren „heimtückische Kampfweise“ angeblich ihrem „Volkscharakter“ entsprach (Heydenreuter, Tiroler Aufstand aus bayerischer Sicht, S. 6). Auch seitens der französischen Militärs waren ja die Tiroler sehr früh bereits als wildgewordene Bauernhorden charakterisiert worden, was die eigenen Niederlagen entschuldbar machen sollte. Besonders negativ wurde die Rolle von Erzherzog Johann als Agitator gesehen. In der späteren bayerischen Historiografie wurde dann, wie insgesamt in der deutschen Geschichtsschreibung, der Aufstand in den steigenden gesamteuropäischen Widerstand gegen Napoleon eingebunden und damit, wenn überhaupt eigens erwähnt, auf einen von vielen Kampfschauplätzen im Rahmen der Napoleonischen Kriege reduziert.

Im kollektiven Gedächtnis Tirols hingegen ist der Aufstand von 1809 nach wie vor als „Freiheitskampf“ präsent: Zu den jeweiligen Jubiläen, die, beginnend mit 1909 alle 25 Jahre begangen wurden, besonders aufwendig mit dem traditionellen Festumzug zuletzt im Jahr 2009, ehrte das Land Tirol, angepasst an die verschiedenen historischen Kontexte von 1934, 1959 und 1984, die unerschrockenen Tiroler, vor allem natürlich den inzwischen als „Marke“ auch außerhalb Tirols bekannten Oberkommandanten des Jahres 1809, Andreas Hofer. Hofer wurde und wird bis heute in Tirol und in Südtirol als Märtyrer und Nationalheld gefeiert, auch wenn das Helden-Gedenken in Südtirol angesichts der zu diesem Zeitpunkt bereits 90-jährigen Zugehörigkeit zu Italien im Jahr 2009 deutlich verhaltener ausgefallen ist.

Erst 1984 erhoben sich gegen diese politische Gedenkkultur erstmals auch kritische Stimmen, die einen differenzierten Blick auf den Aufstand und ihren prominentesten Helden einforderten. Dessen Todestag wird aber nach wie vor alljährlich am 20. Februar als Landesgedenktag (von Tirol und Südtirol) feierlich begangen.

Von der Geschichtswissenschaft wurden allerdings rund um das Jubiläumsjahr vielfache neue Einsichten erarbeitet: Es erfolgte eine stärkere Einbindung in den größeren europäischen Kontext, welche die angebliche Einmaligkeit des Aufstands relativierte, der „Freiheitskampf“ wurde in die längere Tradition frühneuzeitlicher Revolten hinein gestellt, das soziale Spektrum der Aufständischen über die „Bauern“ hinaus erweitert (Gastwirte, Händler, Studenten, Adelige, Frauen) und die vielbeschworene „Einheit“ konnte angesichts der vielfältigen Konflikte zwischen den Aufständischen selbst zurecht gerückt werden.

Auch über die Tatsache, dass der Aufstand genau genommen wenig Anlass zum Feiern bietet – endete er doch mit einer schweren Niederlage, die viel Leid über das Land gebracht hat ­– herrscht in der Historiografie weitgehende Einigkeit. In den bis heute politisch inszenierten Jubelfeiern spielt diese Stimme der Wissenschaft jedoch kaum eine Rolle.

Dokumente

Literatur

  • Roland Bacher/Richard Schober (Hg.), 1809. Neue Forschungen und Perspektiven. Tagungsbeiträge Tiroler Landesarchiv und Universität Innsbruck (Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs 19), Innsbruck 2010.
  • Michael Forcher, „Anno Neun“ – Der Freiheitskampf von 1809 unter Andreas Hofer. Ereignisse, Hintergründe, Nachwirkungen, Innsbruck 2008 (E-Book 2013).
  • Grüne Bildungswerkstatt Tirol (Hg.), Mythos Andreas Hofer, Wien 2008.
  • Margot Hamm, Die bayerische Integrationspolitik in Tirol 1806–1814 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 105), München 1996.
  • Hans Heiss/Mauro Nequirito (Hg.), 1809 europäisch/europeo, Geschichte und Region 16 (2007).
  • Reinhard Heydenreuter, Der Tiroler Aufstand aus bayerischer Sicht. Eingestellt am 8. Oktober 2009 unter www.hss.de/download/Berichte/ 091001_RM_Heydenreuter. (eingesehen am 17.August 2022)
  • Reinhard Heydenreuter, Tirol unter dem bayerischen Löwen, Regensburg 2008.
  • Hannes Holzner/Brigitte Mazohl/Markus Neuwirth (Hg.), Triumph der Provinz, Innsbruck 2012.
  • Josef Hirn: Tirols Erhebung im Jahre 1809, Innsbruck 2. Auflage 1909.
  • Hans Kramer, Die Gefallenen Tirols 1796–1813 (Schlernschriften 47), Innsbruck 1940.
  • Brigitte Mazohl/Bernhard Mertelseder, Abschied vom Freiheitskampf? Tirol und `1809´ zwischen politischer Realität und Verklärung (Schlernschriften 346), Innsbruck 2009.
  • Bernhard Mertelseder/Brigitte Mazohl/Johannes Weber, Tirol 1809 – und danach? Über die Allgegenwart der Vergangenheit in Tirol, Bozen/Innsbruck/Wien 2009.
  • Andreas Oberhofer, Der Andere Hofer. Der Mensch hinter dem Mythos (Schlernschriften 347), Innsbruck 2009.
  • Meinrad Pizzinini, Andreas Hofer: Seine Zeit – Sein Leben – Sein Mythos, Wien 3. Auflage 2009.
  • Raffaela Sarti/Margareth Lanzinger, Eine Löwin im Kampf gegen Napoleon? Die Konstruktion der Heldin Katharina Lanz, Wien 2022.
  • Roberto Sarzi, Andreas Hofer. A Mantova in catene… La simpatia popolare per la vittima del dispotismo napoleonico. Il processo e la condanna dell´eroe del Tirolo, Mantova 1999.
  • Viktor Schemfil, Der Tiroler Freiheitskrieg 1809. Eine militärhistorische Darstellung, für den Druck bearbeitet und herausgegeben von Bernhard Mertelseder (Schlernschriften 335), Innsbruck 2007.
  • Martin Schennach, Revolte in der Region. Zur Tiroler Erhebung von 1809 (Veröffentlichungen des Tiroler Landesarchivs 16), Innsbruck 2009.
  • Eberhard Weis, Montgelas und Tirol, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 78 (1998), 209–228.

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Brigitte Mazohl, Tiroler Aufstand (1809), publiziert am 20.9.2022; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Tiroler_Aufstand_(1809)> (30.11.2022)






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