Mittelalterliche Kaisergewänder in Bayern

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von Tanja Kohwagner-Nikolai

Als mittelalterliche Kaisergewänder in Bayern gelten insbesondere sechs goldbestickte Gewänder aus dem 1. Viertel des 11. Jahrhunderts, die Kaiser Heinrich II. (reg. 1002-1024, ab 1014 Kaiser) und seiner Gemahlin Kunigunde (975/89-1033) zugeschrieben werden. Sie gehören zum Domschatz des Bistums Bamberg, dessen Stifter die beiden sind. Als älteste Textilien im Kontext europäischer Herrscher stellen sie ein Kulturgut höchsten Ranges dar und beinflussen nachhaltig den Blick auf die erste Jahrtausendwende. Ihre Erhaltung verdanken sie ihrer früh einsetzenden Verehrung als Reliquien des heiligen Kaiserpaares, eine Wahrnehmung, die im 19. Jahrhundert zugunsten einer Instrumentalisierung für die Legitimation des jungen Deutschen Kaiserreichs zurückgedrängt wurde. Nach starken Eingriffen in den originalen Textilbestand bereits im 15. und 18. Jahrhundert ist das heutige Erscheinungsbild geprägt von der erneut sehr invasiven Restaurierung im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre mit dem ästhetischen Ziel, die kaiserlichen Zimelien als Erinnerungsstücke an eine "goldene Vergangenheit" zu inszenieren.

Kaisergewänder in Bayern - was ist das?

Obwohl es im Mittelalter nicht nur einen aus Bayern stammenden Kaiser gab, werden als mittelalterliche Kaisergewänder in Bayern insbesondere Textilien verstanden, die tatsächlich oder aufgrund traditioneller Zuschreibung auf Kaiser Heinrich II. (reg. 1002-1024, ab 1014 Kaiser) und seine Gemahlin Kunigunde (975/89-1033) zurückgehen. Heinrich war als Heinrich IV. ab 995 bayerischer Herzog, als Heinrich II. ab 1002 deutscher König und Kaiser von 1014-1024. Die als Erinnerungsstücke an das Kaiserpaar geltenden Gewänder werden im Domschatz von Bamberg (DMB) und im Schatz der Alten Kapelle in Regensburg aufbewahrt. Dabei handelt es sich nur zum Teil um tatsächliche Garderobe des Kaiserpaares. Dieser können die Besätze der Bamberger Tunika, der Reiter- und der Sternenmantel sowie im weitesten Sinn wohl das Ursprungstextil des weißen Kunigundenmantels zugeordnet werden. Alle übrigen hier vorgestellten Objekte waren explizit liturgische Gewänder, die mit dem bald als heilig verehrten Kaiserpaar in Verbindung gebracht wurden.

Als Stifter eines liturgischen Gewands gilt auch Ludwig der Bayer aus dem Hause Wittelsbach (reg 1314-1347, Kaiser ab 1328). Es handelt sich um das Regensburger Rationale für den dortigen Bischof Nikolaus von Ybbs (reg. 1313-1340), das jedoch in der Überlieferung nicht mit dem Kaisernamen verbunden wird und entsprechend nicht als Kaisergewand gilt.

Ebenfalls nicht unter den Begriff 'Kaisergewänder in Bayern' fällt der Krönungsornat der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reichs als Bestandteil der Reichskleinodien. Die Textilien, die zum größten Teil im 12. Jahrhundert entstanden sind, wurden von 1424 bis 1796 in Nürnberg aufbewahrt und sind heute Teil der weltlichen Schatzkammer Wien.

Die mittelalterlichen Kaisergewänder

Die Bamberger Kaisergewänder im Steinsaal des Diözesanmuseums Bamberg (v.l.n.r. Weißer Kunigundenmantel, Tunika, blauer Kunigundenmantel, Sternenmantel, Rationale und der Reitermantel). Pressestelle Erzbistum Bamberg, Foto: Hendrik Steffens)

Im Bamberger Domschatz

Aus dem Bamberger Domschatz haben sich sechs goldgestickte Gewänder aus dem 1. Viertel des 11. Jahrhunderts erhalten: der Reitermantel, die Bamberger Tunika, der blaue und der weiße Kunigundenmantel, der Sternenmantel Heinrichs II. und das Bamberger Rationale. Sie sind die ältesten erhaltenen Textilien im Kontext europäischer Herrscher und schließen sich als Kulturgut ersten Ranges eng an den Status Bambergs als UNESCO-Weltkulturerbe an.

Neben dem Bezug zum Kaiserpaar ist die Technik das verbindende Element der sechs Bamberger Gewänder. Alle sind mit Goldstickereien in Anlegetechnik geschmückt. Dabei bestehen die Goldfäden aus dünnen Lahnstreifen mit über 90% Goldanteil, die um eine Seidenseele, einen Seidenfaden gewickelt sind. Die Goldfäden werden ausschließlich an der Oberfläche des Trägerstoffes geführt und dort nebeneinander mit einer Fadendichte zwischen etwa 30 und 70 Fäden pro Zentimeter angelegt. Mit den sog. Überfang- oder Haltefäden aus Seide sind sie auf dem Trägerstoff befestigt. Der originale Trägerstoff ist stets ein byzantinisches Seidengewebe (Samit).

Die Bamberger Tunika. (Diözesanmuseum Bamberg, Inv.Nr. 3.3.0004, Foto: Uwe Gaasch)

Die Bamberger Tunika

Der blaue Kunigundenmantel. (Diözesanmuseum Bamberg, Inv.Nr. 3.1.0001, Foto: Uwe Gaasch)

Die Bamberger Tunika (DMB Inv.Nr. 3.3.0004) hat im Laufe ihrer Geschichte zahlreiche Veränderungen und Bedeutungstransformationen erfahren. Vom ursprünglichen Bestand sind nur mehr die mit Gold und Perlen gestickten Besätze erhalten. Sie zeigen Greifen in Medaillons und dürften aufgrund ihrer Form auf die 1127 im Domschatzverzeichnis erwähnte "tunica imperatoris" zurückgehen. Spätestens seit der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts waren diese Besätze jedoch mit einem Gewand verbunden, das als Reliquie der Heiligen Kunigunde verehrt wurde. Dieses Gewand konnten schwangere Frauen anlegen, um Beistand für eine gute Geburt zu erbitten. Von diesem sog. Kunigundenrock, der heute separat im Depot des DMB verwahrt wird, wurden die Besätze bei der letzten Restaurierung in den 1950er Jahren abgetrennt und auf ein neues Gewand montiert, das als Heinrichstunika interpretiert wurde.

Der blaue Kunigundenmantel

Der blaue Kunigundenmantel (DMB Inv.Nr. 3.1.0001) ist das älteste erhaltene liturgische Gewand mit einem die gesamte Fläche füllenden Bildprogramm. Er dürfte Kaiserin Irmingard (gest. 851) folgend, die im 9. Jahrhundert einen Mantel mit einem Petruszyklus der Vatikanischen Basilika gestiftet hat, als Donation Kaiserin Kunigundes zu interpretieren sein. Das Pluviale zeigt Szenen zur Wiederkunft Christi sowie einen Petruszyklus. Die Umschriften greifen Antiphonen der entsprechenden Festtage auf. Vor allem durch die Szenen "Mose vor dem brennenden Dornbusch" und "Nero", dessen Leichnam von Wölfen zerrissen wird, ordnet sich das Programm in die Bildsprache Heinrichs II. ein. Die Ornamentik findet Parallelen in anderen Stiftungen des Kaiserpaares. Die Übertragung 1437-1441 wurde annähernd bestandserhaltend ausgeführt. Allerdings wurde der Mantel durch diese Übertragung und seine Restaurierung 1951-1953 um etwa 14 cm länger.

Der Reitermantel. (Diözesanmuseum Bamberg, Inv.Nr. 3.3.0003, Foto: Uwe Gaasch)

Der Reitermantel

Bis ins 18. Jahrhundert galt der Reitermantel (DMB Inv.Nr. 3.3.0003) als der einzige Mantel Kaiser Heinrichs II. im Domschatz. Das Bildprogramm basiert auf byzantinischen Kaiser- und sassanidischen Jagddarstellungen, kombiniert die Elemente jedoch im Widerspruch zu diesen Kulturkreisen: ein Falke wurde beispielsweise nicht zur Löwenjagd eingesetzt. Die Verbindung mit abendländischen Elementen wie der Bügelkrone mit Lilienschmuck legt eine Werkstatt im Herrschaftsgebiet Heinrichs II. nahe. Die Datierung ist durch ein Gewebe mit kufischer Inschrift gesichert, das mit großer Wahrscheinlichkeit das originale Futter des Reitermantels ist. Deshalb dürfte in diesem Gewand wohl ein Mantel Heinrichs II. zu sehen sein. Allerdings hatte er ursprünglich keine Halbkreisform, sondern war entweder rechteckig oder ein unten abgerundetes Rechteck. In dieser Form konnte er als weltlicher Mantel eines Herrschers über der linken Schulter getragen und auf der rechten Schulter durch eine Fibel geschlossen werden. Im Bamberger Domschatz wurde er zu einer Glockenkasel umgearbeitet und konnte so für liturgische Zwecke genutzt werden. Diese Veränderung wurde bei seiner Restaurierung 1952-1955 rückgängig gemacht.

Der weiße Kunigundenmantel. (Diözesanmuseum Bamberg, Inv.Nr. 3.3.0002, Foto: Uwe Gaasch)

Der weiße Kunigundenmantel

Auch die Stickereien des weißen Kunigundenmantels (DMB Inv.Nr. 3.3.0002) zierten ursprünglich keinen halbkreisförmigen Mantel, sondern ein rechteckiges Textil aus weißem Seidengewebe mit Spitzovalmuster. Die 72 Kaisermotive, die ebenfalls byzantinische und abendländische Elemente kombinieren, und die sehr schlecht erhaltenen Inschriften stammen zeitgleich aus einer westlichen Herstellung und waren ursprünglich in horizontalen Reihen angebracht. Das eingestickte "HEINRICI" bestätigt die Verbindung zu Heinrich II. Ob es sich ursprünglich um einen rechteckigen Mantel oder ein Tuch für das Grab des Kaisers handelte, lässt sich nicht mehr verifizieren. Denn im Verlauf des Mittelalters wurden die Stickereien aus dem originalen Trägergewebe ausgeschnitten und in radialer Anordnung auf ein rotes Gewand übertragen. In dieser Form wird er als "Sant kungunden (...) Roter mantel" in den Heiltumsverzeichnissen erwähnt. Bei einer Reparatur 1478/1479 ergänzte der Bamberger Sticker Jörg Spiß noch ein Rückenschild mit einem Bild der Heiligen Kunigunde und der perlengestickten Aufschrift "S. Cunegundis Pallium" sowie einen Verschlussriegel mit "Hortus conclusus", was die mariengleiche Verehrung Kunigundes in Bamberg unterstreicht. Bei der letzten Restaurierung 1956-1962 wurde dieser Verbund aufgelöst und ein Pluviale gestaltet, auf dem alle prägnanten Komponenten angebracht wurden.

Das Bamberger Rationale

Die Rückenansicht des blauen Bamberger Rationale. (Diözesanmuseum Bamberg, Inv.Nr. 3.1.0002, Foto: Uwe Gaasch)
Die Vorderseite des blauen Bamberger Rationale. (Diözesanmuseum Bamberg, Inv.Nr. 3.1.0002, Foto: Uwe Gaasch)

Ein Rationale ist üblicherweise ein liturgischer, meist bischöflicher Schulterschmuck, verliehen durch päpstliches Privileg. Das blaue Bamberger Rationale (DMB Inv.Nr. 3.1.0002) ist das weltweit älteste erhaltene Rationale und war bereits ursprünglich auf einer Glockenkasel angebracht, wodurch der Beginn der Entwicklungsgeschichte dieses Ornatbestandteils ersichtlich wird. Das Bamberger Rationale gehört zu den Kaisergewändern, da es aufgrund von Materialbefunden und Vergleichsbeispielen als Stiftung des Kaiserpaares für den ersten Bamberger Bischof Eberhard I. (reg. 1007-1040) anzusehen ist. Ein päpstliches Privileg ist hier nicht nachzuweisen. Die Vorderseite greift das Hohelied auf und zeigt Christus als Frieden bringenden König. Drei Wege führen zu ihm: der Märtyrertod, die Nächstenliebe und das bekennende Zeugnis. Die Rückseite thematisiert mit der Darstellung des apokalyptischen Lamms die Endzeitvorstellung nach der Offenbarung des Johannes. Diese Zusammenstellung ist die bildliche Umsetzung von zwei Buchstiftungen Heinrichs II. an den Bamberger Dom: der Bamberger Apokalypse (SBB Msc.Bibl.140) sowie dem Kommentar zum Hohen Lied (SBB Msc.Bibl.22). Da dem Bamberger Bischof bereits 1053 von Papst Leo IX. (reg. 1049-1054) das ranghöhere Pallium verliehen worden war, konnte das Rationale in Bamberg vom diensttuenden Priester getragen werden. Durch diese Nutzung wurden zahlreiche Reparaturen notwendig. Im Spätmittelalter übertrug der Bamberger Sticker Andreas Spiß die Goldstickereien auf ein neues Gewand aus italienischem Seidendamast. Die liturgische Nutzung des Bamberger Rationale ist bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts belegt. Auch in seinem Futter von 1722 zeigen sich nicht weiter belegbare Gebrauchsspuren.

Der Sternenmantel Heinrichs II.

Der Sternenmantel Kaiser Heinrichs II. (Diözesanmuseum Bamberg, Inv.Nr. 3.3.0001, Foto: Uwe Gaasch)

Erst seit dem 18. Jahrhundert wird der Sternenmantel (DMB Inv.Nr. 3.3.0001) als Kaisermantel interpretiert, obwohl zwei Inschriften auf den Kaiser zu beziehen sind. Die Saumumschrift preist Heinrich II. als Zierde Europas: O DECVS EUROPAE CESAR HEINRICE BEARE (wohl Translitteration für beate) ANGEAT (für AUGEAT) IMPREIU[M] (für IMPERIUM) IBTI (für TIBI) REX QVI (I in V in Q eingestellt) REN VV NE. Die letzten beiden Buchstabengruppen, die beiden verschränkten V mit Kürzungsstrich durch den Kreuzungspunkt und NE, wurden wohl bei der spätmittelalterlichen Übertragung vertauscht. Die ursprüngliche Lesung dürfte RE(G)N(AT) (I)NEVV(M) lauten (Übersetzung: O Zierde Europas, glücklicher Kaiser Heinrich, dir vermehre dein Reich der König, der in Ewigkeit herrscht). Eine andere Inschrift bezeichnet den Mantel als kaiserliches Geschenk (CESARIS DONVM) an Gott. Vor dem 18. Jahrhundert wurde der Mantel ausschließlich mit Ismael in Verbindung gebracht, da eine weitere Inschrift Ismael als den Auftraggeber nennt. Deshalb gilt der Sternenmantel als Auftrag Ismaels von Bari (gest. 1020), der in Süditalien den Aufstand gegen die Byzantiner anführte. Nach einer Niederlage 1018 bei Cannae wandte er sich auf Rat Papst Benedikts VIII. (reg. 1012-1024) hilfesuchend an Heinrich II. Die drei Protagonisten trafen 1020 an Ostern in Bamberg zusammen, wobei der Sternenmantel als diplomatisches Geschenk gedient haben soll. In den mittelalterlichen Quellen wird der Mantel also stets als "pallium Ysmahelis" bezeichnet. Er wurde nachweislich nicht bei den Heiltumsweisungen gezeigt und galt somit nicht als Reliquie. Alle drei genannten Inschriften sind mit demselben Material gearbeitet, doch gerade die Auftraggeberinschrift erfuhr vielfache Veränderungen und stand ursprünglich nicht in dieser Form auf dem Objekt. Aber auch die beiden eingangs erwähnten Inschriften mit Kaiserbezug haben unterschiedliche Autoren- und Adressatenperspektiven. Deshalb ist von tiefgreifenden Veränderungen bzw. großen Verlusten im Programm des Mantels auszugehen. Vermutlich griff die spätmittelalterliche Übertragung der Goldstickereien auf ein neues Trägergewand 1452-1454 massiv in das äußere Erscheinungsbild des Mantels ein, indem beispielsweise Sternbilder mithilfe von neu zusammengestellten Beischriften zu christlichen Darstellungen umgedeutet wurden. Bei der Restaurierung 1950-1951 wurden Spuren früherer Reparaturen entfernt. Daher lassen sich die Widersprüche nicht mehr klären.

Die Regensburger Heinrichsgewänder

Aus dem Schatz des Kollegiatstifts Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle in Regensburg haben sich im Domschatzmuseum Regensburg zwei liturgische Ornate erhalten, die der spätmittelalterlichen Tradition zufolge ebenfalls als Geschenke Kaiser Heinrichs II. und seiner Gemahlin Kunigunde und damit als Reliquien des heiliggesprochenen Kaiserpaares gelten, das im Jahr 1002 das Kollegiatstift gründete. Das erste erhaltene Inventar der Alten Kapelle von 1469 erwähnt die "II ornat kayser Haintrich". 1491 werden die beiden Ornate dann auf das Kaiserpaar aufgeteilt, was im Kontext eines 1485 durch Dekan Johann Hayden errichteten Heinrichs- und Kunigundenaltars und den zwischen 1487 und 1524 in Regensburg veranstalteten Heiltumsweisungen zu sehen ist. Jeder Ornat besteht aus Kasel, Dalmatika und Tunicella. Verloren ist das Zubehör, das zuletzt in einem Inventar von 1621 genannt ist und aus je drei Stolen und drei Manipeln bestanden haben dürfte. Die Gewänder wurden allerdings aus Seidengeweben gefertigt, die aufgrund ihrer technischen und stilistischen Merkmale, ihrer kufischen Inschriften und einer C14-Analyse erst aus dem 14. Jahrhundert stammen. Damit können sie – im Gegensatz zu den Bamberger Kaisergewändern – keine Stiftungen des Kaiserpaares sein.

Die Rezeptionsgeschichte der Bamberger Kaisergewänder vom 12. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts

Die Verbindung der Bamberger Gewänder zu einer Objektgruppe ist zunächst Folge der schriftlichen Überlieferung, die erst 1127 mit der Erwähnung einer "tunica imperatoris" im ältesten Schatzverzeichnis des Bamberger Doms, also  ein Jahrhundert nach der angenommenen Schenkung, einsetzt. Während man damit zu diesem Zeitpunkt – vermutlich aufgrund seiner (im Gegensatz zu den anderen) nicht liturgischen Nutzbarkeit – nur ein Textil explizit als Erinnerungsstück an den kaiserlichen Bistumsgründer betrachtete, wuchs seit der Heiligsprechung Heinrichs II. 1147 und der Kunigundes 1200 die Zahl der in den Kontext des heiligen Stifterpaares gestellten Textilien bis zum 16. Jahrhundert stetig auf etwa zehn Gewänder, wobei damals weder der Sternenmantel noch das Rationale zu dieser Gruppe gerechnet wurden. Mit Ausnahme dieser beiden wurden die Kaisergewänder seit dem späten 14. Jahrhundert als hochverehrte Reliquien des heiligen Stifterpaares bei den Heiltumsweisungen in Bamberg im ersten Umgang gezeigt und sind so in den Heiltumsverzeichnissen offenkundig aufgeführt.

Im Kontext dieser Nutzung wurden zahlreiche Reparaturen an den Gewändern notwendig. Zwischen 1427 und 1479 wurden alle Goldstickereien aus den originalen Gewändern ausgeschnitten und auf neue Seidengewebe übertragen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Hauptzeugnisse ottonischer Textilkunst erhalten blieben. Auch der Sternenmantel und das Rationale wurden in diese spätmittelalterliche Übertragungskampagne einbezogen, was ihre Wertschätzung belegt. Diese beruht beim Rationale zweifelsfrei auf seiner liturgischen Nutzung, aber auch seiner politischen Legitimationskraft, da mit Hilfe dieses bischöflichen Schulterschmucks die Gründung durch einen heiliggesprochenen Kaiser visualisiert werden konnte. Beim Sternenmantel lässt sich seine Funktion nicht nachweisen. In den Quellen finden sich keinerlei Belege für eine Nutzung innerhalb der Liturgie oder des Reliquienkontexts. Erst im 18. Jahrhundert wurden dann auch das Rationale und der Sternenmantel zu den sog. Röcken Heinrichs II. gezählt und der Terminus "Kaisergewänder" auf die sechs erhaltenen Gewänder festgelegt. 1722 erhielten nochmals alle Gewänder neue Futterstoffe, die heute Gebrauchsspuren aufweisen. Schriftliche Quellen zu ihrer Nutzung finden sich nicht. Durch die Bollandisten, eine jesuitisch geprägte Arbeitsgruppe, die in der mehrbändigen Reihe der Acta Sanctorum die Lebensgeschichten der Heiligen der römisch-katholischen Kirche mit einem historisch-kritischen Kommentar veröffentlichte, rückte der Sternenmantel ab 1723 als "der" Heinrichsmantel ins Zentrum des Interesses und stellte die anderen Gewänder in den Schatten.

Im Zuge der Säkularisation wurden die Gewänder 1803 vom zuständigen Vertreter der bayerischen Regierung in Franken als Erinnerungsstücke an einen bayerischen Herzog, der zum Kaiser aufgestiegen ist, nach München transferiert. Während ihr Fehlen von Seiten der Bamberger Bevölkerung als schmerzhafter Verlust wahrgenommen wurde, fanden sie in München zunächst offensichtlich wenig Beachtung. Erst 1807 werden zwei Gewänder, darunter der Sternenmantel als Mantel der hl. Kunigunde, vom Münzamt in den Bestand der Reichen Kapelle der Münchner Residenz überführt. 1820 folgten die restlichen Gewänder. Doch erst in Vorbereitung ihrer Rückführung, ermöglicht durch die persönlichen Beziehungen des Bamberger Erzbischofs Bonifaz Kaspar von Urban (reg. 1842-1858) zu König Maximilian II. (reg. 1848-1864), wurden die Gewänder genauer untersucht und ihr Wert als kaiserliche Textilien festgestellt. So kehrten unter Vorbehalt des zivilistischen Staatseigentums im März 1851 fünf der Gewänder – von kirchlicher Seite bewusst als Reliquien verstanden – zurück nach Bamberg. Die Tunika verblieb (bald als Heinrichsgewand interpretiert) noch bis 1923 in München. Durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Sternenmantel und der Tunika wurde der Reliquiencharakter der Kaisergewänder zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Dafür wurden sie nun zur Legitimation des jungen Deutschen Kaiserreiches instrumentalisiert, das sich in die Tradition der mittelalterlichen Kaiser stellen wollte. Als der königlich bayerische Hofglaser Carl von Bouché (1845-1920) den Stifter eines Bildfensters für die Lüneburger St. Johanniskirche, den preußisch-protestantischen Kaiser Wilhelm II. (reg. 1888-1918) in der Sockelzone des Fensters dem kaiserlichen "Wunsche entsprechend in jenem prächtigen Mantel Heinrichs II.", dem Sternenmantel, darstellte, führte dies in Bamberg zu größten Irritationen. Diese belegen die Diskrepanz zwischen der Bamberger und der überregionalen Wahrnehmung der Gewänder, die auch im Zögern des Bamberger Domkapitels deutlich wird, die Gewänder für notwendige Konservierungsarbeiten erneut nach München zu entsenden.

Erst nach den Ausstellungen zur Kunst des frühen Mittelalters 1949 in Bern und 1950 in München stimmte man einer Restaurierung der Gewänder, durchgeführt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in den Werkstätten des Bayerischen Nationalmuseums Münchens unter Leitung von Sigrid Müller-Christensen (1904-1994), zu. Dabei wurde zum Teil massiv in die Objekte eingegriffen und Spuren der Reliquiennutzung größtenteils eliminiert. Diese Restaurierung gilt als Beginn der modernen Textilrestaurierung und beeinflusste so die restauratorischen Maßnahmen an vergleichbaren Objekten bis in die 1980er Jahre. Doch stand sie zeitbedingt unter völlig andersartigen Zielsetzungen. In erster Linie galt es, ästhetisch ansprechende Objekte zu gestalten, die dem Anspruch "kaiserlicher Textilien" gerecht werden und zu einer Identitätsbildung im Nachkriegsdeutschland beitragen sollten, da mit ihrer Hilfe auf einer "goldenen Vergangenheit" aufgebaut werden konnte. Das so fixierte Erscheinungsbild prägt als angebliche Ursprungskonzeption dieser jeweils unikalen Zimelien der Textilkunst seither den Blick auf die erste Jahrtausendwende. Die verschiedenen Bedeutungstransformationen als Medien zur Inszenierung des Kaiser- oder Heiligenkults, aber auch die mehrfachen Veränderungen ihres äußeren Erscheinungsbildes konnten durch das DFG-Projekt "Kaisergewänder im Wandel – Goldgestickte Vergangenheitsinszenierung" (2015-2020) aufgezeigt werden.

Literatur

  • Renate Baumgärtel-Fleischmann, Der Sternenmantel Kaiser Heinrichs II. und seine Inschriften, in: Walter Koch (Hg.), Epigraphik 1988. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik in Graz vom 10. bis 14. Mai 1988. Referate und Round-Table-Gespräche (Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse 213; Veröffentlichungen der Kommission für die Herausgabe der Inschriften des deutschen Mittelalters 2) Wien 1990, 105-125.
  • Renate Baumgärtel-Fleischmann, Die Kaisermäntel im Bamberger Domschatz, in: Berichte des Historischen Vereins Bamberg 133 (1997), 93-126.
  • Renate Baumgärtel-Fleischmann, Das Bamberger Rationale, in: Sabine Martius (Hg.), Historische Textilien. Beiträge zu ihrer Erhaltung und Erforschung (Veröffentlichung des Instituts für Kunsttechnik und Konservierung im Germanischen Nationalmuseum 6) Nürnberg 2002, 207-222.
  • Renate Baumgärtel-Fleischmann, Die Regensburger Heinrichsgewänder, in: Werner Schiedermair (Hg.), Die Alte Kapelle in Regensburg, Regensburg 2002, 257-265.
  • Juliane von Fircks, Islamic Striped Brocades in Europe: The ‘Heinrichsgewänder’ in Regensburg from a Transcultural Perspective, in: Juliane von Fircks/Regula Schorta (Hg.), Oriental Silks in Medieval Europe (Riggisberger Berichte 21) Riggisberg 2016, 267-287.
  • Tanja Kohwagner-Nikolai, ISMAHEL ORDINAVIT versus HOC CESARIS DONVM. Goldgestickte Vergangenheitsinszenierung mit widersprüchlichen Inschriften?, in: Ulrike Ehmig (Hg.), Vergesellschaftete Schriften. Beiträge zum internationalen Workshop der Arbeitsgruppe 11 am SFB 933 (Philippika 128) Wiesbaden 2019, 197-218.
  • Tanja Kohwagner-Nikolai, Der Einfluss des Fremden. Die textilen Inschriften der Bamberger Kaisergewänder – ein Zwischenbericht, in: Helga Giersiepen/Andrea Stieldorf (Hg.), Über Grenzen hinweg – Inschriften als Zeugnisse kulturellen Austauschs. Beiträge zur 14. Fachtagung für mittelalterliche und frühneuzeitliche Epigraphik in Düsseldorf 2016, Paderborn 2020, 105-135.
  • Tanja Kohwagner-Nikolai, Kaisergewänder im Wandel - Goldgestickte Vergangenheitsinszenierung. Rekonstruktion der tausendjährigen Veränderungsgeschichte, Regensburg 2020.
  • Corinne Mühlemann, Inscribed Horizontal Bands on Two Cloth­of-Gold Panels and Their Function as Part of an Īlkḫānid Dress, in: Ars Orientalis 47 (2017).
  • Joseph Schmid, Die Urkunden-Regesten des Kollegiatstiftes U. L. Frau zur Alten Kapelle in Regensburg. 1. Band, Regensburg 1911.

Quellen

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Tanja Kohwagner-Nikolai, Mittelalterliche Kaisergewänder in Bayern, publiziert am 17.03.2021; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Mittelalterliche_Kaisergewänder_in_Bayern> (20.10.2021)





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